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Ich möchte mich bei den Nonnen und Anagarikas der Nonneninsel von
Parappuduwa bedanken, dass sie diesen Dhamma-Vorträgen geduldig zugehört
und damit ihre Veröffentlichung möglich gemacht haben.
Mein besonderer Dank gilt meiner lieben Freundin Helen Wilder aus
Kandy in Sri Lanka, ohne deren Hilfe und Ermutigung diese
Vortragssammlung nicht zustande gekommen wäre.
Schwester Sanghamitta, Treelight Green und Marianna Yaeger gilt mein
Dank, weil sie ihre Zeit und Arbeitskraft zur Verfügung gestellt und das
Manuskript angefertigt haben.
Möge dieses gute
Kamma ihnen Glück und Segen bringen.
Ayya Khema
April 1986
Dieser kleine Band enthält eine Auswahl von Dhamma-Vorträgen, wie ich
sie allabendlich auf unserer Nonneninsel von Parappuduwa halte.
Die Nonneninsel von Parappuduwa ist ein ganz besonderer, ja
einzigartiger Ort, weil sich hier erstmals in den 2500 Jahren
buddhistischer Lehrverkündung Frauen aller Nationalitäten zu einer
Nonnengemeinschaft zusammengeschlossen haben, die ausschließlich von
Frauen geleitet wird.
Wer sich für das heilige Leben entschieden hat, findet einen sicheren
Hafen. Hier können Frauen in einer friedvollen Atmosphäre sich ganz der
Emanzipierung des Geistes widmen und Nibbana ansteuern. Alle sind
willkommen, wenn sie ihre Meditation vertiefen und mehr über den Dhamma
(die buddhistische Lehre) erfahren möchten. Einzige Voraussetzung: man
muss sich für einen Mindestaufenthalt von drei Monaten verpflichten.
Meditation ist zwar ein wichtiger Bestandteil unserer täglichen
Aktivitäten, aber wir studieren gemeinsam auch die Suttas (die Lehrreden
des Buddha) und den Vinaya (die Ordensregeln für Mönche und Nonnen). Wie
in alter Zeit suchen die Nonnen auf ihrer täglichen Almosenrunde die
umliegenden Dörfer auf und predigen den Dorfbewohnern den Dhamma.
Aus den Vorträgen ist leicht herauszuhören, dass wir dem Leben in der
Gemeinschaft große Aufmerksamkeit widmen. Es hat einen hohen Stellenwert
bei uns, weil dieses Zusammenleben zum Prozess unserer Läuterung und
Veredelung wichtige Lernerfahrungen beisteuert.
Wir alle hier auf der Nonneninsel von Parappuduwa werden sehr
glücklich sein, wenn auch nur ein Mensch von der Lektüre dieses Buches
einen Gewinn haben sollte.
Die Zufluchtnahme zum Erleuchteten (Buddha), der Lehre (Dhamma)
und der Gemeinschaft der erleuchteten Schüler (Sangha) hat tiefe
Bedeutung. Eine Zuflucht ist ein Schutzraum, ein sicherer Ort, und davon
gibt es auf dieser Welt nur wenige. Ja, eigentlich ist es sogar
unmöglich, im weltlichen Leben irgendwo ein vollkommen sicheres Refugium
zu finden. Äußere, materielle Zufluchtsorte brennen nieder, fallen der
Verwüstung anheim, verschwinden vom Erdboden. Bei Buddha-Dhamma-Sangha
hingegen handelt es sich nicht um eine äußere, materielle Zuflucht. Sie
sind eine spirituelle Zuflucht und deswegen können und sollten sie uns
das Gefühl geben, dass wir schließlich doch noch einen Hafen gefunden
haben, in dem der Sturm sich gelegt hat. Auf dem offenen Meer erschweren
Sturm, Windböen und Wellen das Segeln. Erst wenn das Schiff den Hafen
erreicht, sind die Wasser ruhig. Der Hafen ist eine Zuflucht. Dort sind
alle Wellen und alle Stürme zur Ruhe gekommen. Wir können Anker werfen.
Und das ist mit der Zuflucht zu Buddha-Dhamma-Sangha gemeint. Wer etwas
anderes darunter versteht, hat vergebens Zuflucht genommen.
Zuflucht bedeutet, dass wir schließlich den Ort gefunden haben, an
dem wir zur Ruhe kommen können, und zwar in einer Lehre, die uns nicht
im geringsten darüber im Zweifel lässt, dass das Leiden ein Ende hat,
dass alle Übel ein Ende haben, von denen die Menschheit befallen ist.
Der große Lehrer hat den Dhamma, die Lehre, dargelegt, sein
Sangha sie weitergegeben. So ist uns der Weg gewiesen. Sangha
bezeichnet hier all jene, die über Buddhas Lehre Erleuchtung erlangt
haben. Damit ist also nicht irgendwer gemeint, der irgendwelche Roben,
irgendein besonderes Gewand trägt. Nur wer Glauben gefasst und der
Wirkkraft des Dhammas vertrauen gelernt hat, begreift auch die
Bedeutung der Zufluchtnahme, und zwar sogar dann, wenn er die Befreiung
vom Leiden noch nicht an sich erfahren konnte. Wer diese Verheißung
nicht unmittelbar erschauen kann, ihre Möglichkeit noch nicht erkannt
hat, weiß eigentlich nicht, was er tut, wenn er Zuflucht nimmt.
Buddham Saranam Gacchámi. Ich nehme Zuflucht zum Buddha.
Dhammam Saranam Gacchámi. Ich nehme Zuflucht zum Dhamma.
Sangham Saranam Gacchámi. Ich nehme Zuflucht zum Sangha.
Wir wiederholen dies drei Mal, und wir sollten verstehen, was es
heißt. Sonst sprechen wir einfach nur Worte in einer fremden Sprache
nach, wie ein Papagei, der auch nicht weiß, was er nachplappert.
Fühlen wir, dass die Zufluchtnahme Realität wird, dann öffnet sich
unser Herz in Hingabe, Dankbarkeit und Hochachtung für Buddha-Dhamma-Sangha,
für den Lehrer, die Lehre und die Erleuchteten, die dem Lehrer folgten
und die Lehre am Leben erhalten und weitergegeben haben. Wir müssen
dankbar dafür sein, dass das Leiden tatsächlich ein Ende haben kann, uns
dem hingeben, das uns eine vollständig andere, überweltliche
Wirklichkeit verheißt; und wir müssen jene würdigen, die es sich zur
Lebensaufgabe gemacht haben, diese Lehre zu verbreiten.
Die Zufluchtnahme kann zum wichtigsten Ereignis des ganzen Lebens
werden. Was Ihr auch tut, Ihr könnt es für Buddha-Dhamma-Sangha tun. Ich
zum Beispiel kann Steine schleppen für Buddha-Dhamma-Sangha. Sie sind
keine Last. Sie haben kein Gewicht. Aber wenn ich Steine schleppe, weil
jemand mir sagt, ich soll Steine schleppen, werden sie ziemlich schwer
werden. Sie werden mich müde machen. Aufgaben im Dienste des Höchsten,
das eine andere Wirklichkeit verheißt, sind nicht beschwerlich, ja sind
eine Kleinigkeit, wenn wir einmal erkannt haben, wie unbefriedigend die
Wirklichkeit ist, in der die Menschheit jetzt lebt. Wir sind dann gern
bereit und auch in der Lage, diese Wirklichkeit loszulassen.
Die Zufluchtnahme zu Buddha-Dhamma-Sangha geschieht häufig ohne jedes
Verständnis. Viele beten sie herunter wie eine Formel. Aber viele nehmen
auch hingebungsvoll Zuflucht, dankbar und voller Respekt. Sie haben
Respekt vor dem Menschen, der die Kraft hatte, die höchste Seinsweise zu
verwirklichen, die einem Menschen offen steht, und der darüber hinaus
willens war, diese Seinsweise darzulegen, so dass andere ihm nachfolgen
konnten - ja, der sie auf eine Weise dargelegt hat, dass gewöhnliche
Wesen wie wir sie tatsächlich begreifen können. Das ist eine der großen
Taten der Menschheitsgeschichte. Sie verdient den Respekt, den wir einer
solchen Leistung zollen dürfen.
Mit Dankbarkeit, Hingabe und Respekt haben wir gleichzeitig die Liebe
gewonnen. Diese Drei haben sehr viel mit Liebe zu tun. Einem Menschen,
den wir nicht lieben, können wir nicht wirklich dankbar sein; wir können
uns ihm nicht hingeben, ihn nicht respektieren. Liebe und Respekt gehen
auf dem geistigen Weg Hand in Hand. Sie sind allen Beziehungen im Leben
förderlich, besonders jedoch für den geistigen Weg, weil dieser Weg eine
sehr innige Beziehung ist, die innigste, die wir haben können - die
Beziehung zu uns selbst. Herz und Geist müssen beteiligt sein. Der Geist
versteht. Das Herz liebt. Solange dies nicht geschieht, stehen wir nur
auf einem Bein. Wir hüpfen unsicher herum, anstatt stetig und fest
auszuschreiten.
Unstetigkeit beim Üben macht uns unzufrieden, sät Zweifel ins Herz:
"Tue ich überhaupt das richtige?" Oder: "Was mache ich denn hier? Wie um
alles in der Welt bin ich hierher gekommen? Was bringt mir das? Warum
gehe ich nicht dorthin zurück, wo ich herkomme und tue, was alle anderen
auch tun?" Zweifel brauen sich zusammen, weil wir unsicher sind,
wankelmütig. Aber das ist auch kein Wunder. Auf einem Bein zu gehen, ist
nun einmal eine sehr wacklige Angelegenheit. Wir brauchen festen Boden
unter den Füßen. Zu diesem Zweck müssen wir Geist und Herz ernst und
aufrichtig in all unser Tun einfließen lassen. Und dieser Ernst kann
sich nur entfalten, wenn das Herz geöffnet wurde.
Was für eine seltene und kostbare Gelegenheit, in dieser Menschenwelt,
heimgesucht von Sorgen, Schwierigkeiten und Ängsten um das eigene und um
das Leben derer, die uns nahe stehen, in diesem kummervollen und höchst
unruhigen Dasein eine Zuflucht zu finden, einen sicheren Ort in uns!
Diese Gelegenheit ist tatsächlich so selten und so wertvoll, dass die
meisten Menschen nicht einmal ihren Wert erkennen.
Wir sprechen von den Drei Juwelen oder Kostbarkeiten (Tiratana),
weil diese drei Buddha-Dhamma-Sangha der höchste Wert des gesamten
Kosmos sind. Wir meinen damit nicht den physischen Körper, in dem der
Buddha in Erscheinung trat, und auch nicht die physische Erscheinung des
Sanghas der Vergangenheit und Gegenwart, sondern vielmehr das, was sie
repräsentieren: Transzendenz, die absolute Wirklichkeit, die
Verbundenheit mit einem Bewusstsein, das alles andere außer Kraft setzt.
Die Zufluchtnahme stellt aber nicht nur eine seltene Gelegenheit dar,
sie ist überdies ein Zeichen für hervorragendes Kamma. Wir haben
ganz ausgezeichnetes Kamma angesammelt, dass wir Zuflucht nehmen können.
Andererseits wird unser Zufluchtnehmen nur dann Früchte tragen, wenn wir
es mit dem Herzen tun und nicht bloß mit dem Mund.
Ich bin sicher, Ihr alle seid mindestens einmal in Eurem Leben
verliebt gewesen; vielleicht sogar mehr als einmal. Aber nehmen wir an,
dass Ihr einmal verliebt wart. Ihr werdet Euch an dieses Gefühl erinnern,
besonders wenn Eure Liebe erwidert wurde. Das war doch herrlich, oder?
Und dasselbe könnt Ihr fühlen, wenn Ihr Buddha-Dhamma-Sangha liebt, weil
Ihr den ganzen Tag in Eurem Herzen mit Buddha-Dhamma-Sangha
zusammentrefft. Es ist eine fortwährende Liebesbeziehung. Was könnte
schöner sein?! Was Ihr auch tut, Ihr tut es für die, die Ihr liebt. Und
deswegen fällt Euch alles ganz leicht.
Energie ist dann ganz natürlich. Ihr braucht sie nicht zum Leben zu
erwecken. Sobald Gewissheit und Führung da sind, ist auch Energie da.
Ihr braucht nicht danach zu suchen. Die Energie ist da, weil Ihr mit dem
Herzen bei dem seid, was Ihr tut.
Wir haben Zuflucht gefunden, etwas das uns das Ende selbst des
winzigsten Leidens verspricht, das unser Herz belastet hat oder jetzt
noch belastet, das Ende aller Unsicherheit, aller Angst, aller Sorgen,
ja auch der unbedeutendsten Nörgelei, mit der wir uns weismachen, dass
irgend etwas nicht ganz so ist, wie es sein sollte. Das hat der Buddha
uns verheißen! Sobald wir uns dieser Verheißung öffnen, bekommt unsere
Zufluchtnahme eine viel tiefere Bedeutung, denn wir haben uns mit ihr
auf eine Beziehung eingelassen, die uns vollständig läutert und uns
schließlich am erleuchteten Sangha teilhaben lässt. Nur wenn wir sie in
diesem Licht sehen, haben wir den vollen Nutzen von unserer
Zufluchtnahme.
Wir rezitieren jeden Tag bestimmte Schriften, nicht weil wir uns die
Zeit vertreiben, ein paar Pali-Worte daherplappern oder unsere Lungen
üben wollen. Nichts dergleichen. Vielmehr bringen wir mit den ersten
drei Verehrungen Dankbarkeit, Hingabe und Respekt zum Ausdruck: (1)
Iti'pi so bhagavá; (2) Svakkháto bhagavatá dhammo; und (3)
Supatipanno bhagavato sávaka-sangho.
Der erste Gesang ist dem Buddha gewidmet, der zweite dem
Dhamma und der dritte dem Sangha. Aber wir bekunden mit dem
Singen und Rezitieren nicht nur unsere Dankbarkeit, wir lernen damit
auch die Worte der Lehre auswendig: Indem wir sie frei sprechen, können
wir sie im Herzen besser verstehen. Wir können im Herzen verstehen, was
der Buddha in der Lehrrede von der Güte (Karanlya-Mettá-Sutta)
über diese Güte und Liebe gesagt hat oder was die Worte "möge alle
Feindseligkeit von mir abfallen" (aham avero homi) wirklich
bedeuten. Und wir können im Herzen besser begreifen, was der Buddha über
Körper, Gefühle, Wahrnehmung, psychische Formkräfte und Bewusstsein
gesagt hat:
Sankkhitena páncupadánakkhandhá dukkhá
Kurz gesagt sind alle Fünf Anhäufungen leidhaft, an denen wir haften.
Seyyathidam:
Und diese Fünf sind:
Rúpúpadánakkhando:
die Anhäufung des Anhaftens des Körpers:
Vedanupadánakkhando;
die Anhäufung des Anhaftens der Gefühle;
Sannupadánakkhando;
die Anhäufung des Anhaftens der Wahrnehmung;
Sankhárupadánakkhando;
die Anhäufung des Anhaftens der psychischen Formkräfte;
Vinnánupadánakkhando.
die Anhäufung des Anhaftens des Bewusstseins.
Zuerst geht es nur darum, dies alles im Gedächtnis zu behalten. Das
heißt nicht unbedingt, dass wir sofort erfahren, was wir nachsprechen.
Aber zumindest lernen wir es kennen. Weisheit entsteht über drei
Entwicklungsschritte. Der erste Schritt ist Wissen. Dieses Wissen müssen
wir uns in tieferem Sinne aneignen, indem wir es uns zu Herzen nehmen
und versuchen, es zu verwirklichen. Damit geht es uns in Fleisch und
Blut über. Wenn wir dann rezitieren, sprechen wir nicht einfach nur die
Worte Buddhas oder eines Andachtsrituals nach. Vielmehr benutzen wir nun
Worte, die wir uns vollkommen zu eigen gemacht haben. Und daraus
erwächst Weisheit.
Das Rezitieren hilft uns sehr, die Lehre im Gedächtnis zu behalten
und Hingabe und Dankbarkeit zu erwecken. Darüber hinaus beruhigt es und
stellt natürlich eine gemeinsame Bemühung dar. Wir sollten uns mit
ganzem Herzen hineingeben. Ob wir eine gute oder eine scheußliche Stimme
haben, spielt dabei weiter keine Rolle. Es ist egal. Einzig und allein
das Herz zählt. Wir können eine Menge darüber lernen, wie wir uns in
Fühlen und Denken nach Buddha-Dhamma-Sangha richten können. Dazu müssen
wir nur genau auf die Worte achten, die wir rezitieren, was uns um so
leichter fällt, je klarer wir sie in unserem Gedächtnis präsent haben.
Ihr alle habt schon einmal Buddhabilder oder -statuen gesehen. Man
findet sie überall. Vielleicht habt Ihr selbst auch eines oder mehrere
Bilder vom Buddha. Dabei weiß niemand, wie der Buddha wirklich
ausgesehen hat. Zu seiner Zeit gab es noch keine Kameras, und so viel
ich weiß hat auch niemand den Buddha in einem Bild oder einer Zeichnung
porträtiert. Die Statuen und Bilder vermitteln also den
Schönheitsbegriff des jeweiligen Künstlers. Jedes Land, jede Kultur hat
in dieser Hinsicht eine andere Idealvorstellung. Jeder Künstler versucht
die Vollkommenheit Buddhas auf seine Weise darzustellen, und diese
Vorstellung bekommt Ihr in den Bildnissen zu Gesicht. Ihr selbst habt
Euch vielleicht wiederum ein anderes Bild von dieser Vollkommenheit
gemacht.
Nun gut, dann stellt Euch in Eurem Geist Eure eigene Buddhastatue
vor, so wie Ihr sie für vollkommen haltet. Macht sie so schön wie
möglich. Lasst sie goldene Lichtstrahlen aussenden. Seht, fühlt, was
immer Ihr für besonders schön haltet. Macht dieses Bild zu der schönsten
Sache, die Ihr visualisieren oder Euch vorstellen könnt, und tragt es
dann stets im Herzen. Es ist viel sinnvoller und hilfreicher, dieses
Bild als irgend etwas anderes in Eurem Herzen zu tragen. Es wird Euch
befähigen, andere Menschen zu lieben. Dazu braucht Ihr nur zu bedenken,
dass auch die anderen ein ähnlich schönes Bild in ihrem Herzen tragen.
Sie reden vielleicht anders als wir oder sagen nicht die Dinge, die wir
gern von ihnen hören möchten. Aber sie tragen dasselbe Bild im Herzen.
Wir verschließen uns den freudigsten Seiten unseres Lebens, solange
wir nicht Liebe für alle Menschen fühlen können, denen wir Tag für Tag
begegnen. Können wir uns jedoch wirklich öffnen, wird es uns nicht mehr
schwer fallen, glücklich zu sein. Verliebte laufen im allgemeinen mit
einem seligen Lächeln durch die Welt. So einfach ist das.
Aber wir sind sogar noch in einer besseren Lage als gewöhnliche
Verliebte, denn wir sind eine Liebesbeziehung eingegangen, die niemanden
jemals enttäuschen wird. Unser Geliebter wird nicht mit einer anderen
davonlaufen. Unsere Liebe wird uns nicht enttäuschen, weil wir die Tiefe
dieses Geliebten noch gar nicht ermessen können. Die Tiefe von
Buddha-Dhamma-Sangha hat sich uns noch nicht aufgetan. Sie wird sich uns
erst mit der Erleuchtung vollkommen eröffnen. Es wird keine Enttäuschung
geben, etwa weil wir auf den Falschen gesetzt hätten oder weil er sich
nicht als so makellos erweist, wie wir vorher geglaubt hatten.
Wir sind eine transzendente, eine überweltliche Beziehung
eingegangen. Diese Beziehung baut nicht auf einen Menschen, der mit
Sicherheit sterben, der zweifellos unvollkommen sein wird. Nein, unsere
Beziehung ist auf etwas ausgerichtet, das vollkommen ist. Etwas
Vergleichbares ist im menschlichen oder in irgendeinem anderen Bereich
nur sehr schwer zu finden. Dass wir es gefunden haben, stellt ein
außergewöhnliches Privileg dar.
Einige von uns verfügen nicht über eine ererbte Beziehung zu
Buddha-Dhamma-Sangha, weil sie nicht in einem buddhistischen Land
geboren und aufgewachsen sind. Das ist kein großer Nachteil, weil wir
diese Beziehung leicht für gegeben hinnehmen, wenn sie zu unserem
kulturellen Erbe gehört und wir von Kindheit an dran gewöhnt sind. Was
wir für gegeben hinnehmen, hinterlässt zumeist keinen großen Eindruck in
uns. Andererseits haben wir hier jetzt die Gelegenheit, diese Beziehung
als das zu erkennen, was sie eigentlich ist. Darum müssen wir uns
bemühen. Mit Bemühen meine ich allerdings nicht, dass wir mit aller
Gewalt versuchen müssten zu lieben. Bemühen heißt, dass wir sehen, dass
wir versuchen sollen, unsere gesamte Wahrnehmung dem zu öffnen, was in
unserem Leben gerade geschieht. Sobald wir es fertig bringen, unsere
Wahrnehmung dafür zu öffnen und klar zu sehen, was geschieht, wird
daraus liebevolle Hingabe erwachsen. Wir müssen uns nicht künstlich
darum bemühen, hingegeben, dankbar oder respektvoll zu sein. Wir werden
uns ganz natürlich so verhalten, wenn wir einmal klar erkennen, welche
Gelegenheit die Drei Juwelen uns bieten.
Wer Schönheit, Reinheit und Weisheit in ihrer höchsten Form sieht,
wer sie tatsächlich vor Augen hat, der hat keine andere Wahl: er muss
sie einfach lieben. Ein Narr, wer dies nicht tut. Wir können keinen
solchen Narren aus uns machen. Wenn wir dies getan hätten, wären wir gar
nicht hier.
Wir müssen für vieles dankbar sein. Unser eigenes gutes Kamma hat uns
die Möglichkeit gegeben, hier zu sein. Das ist aber kein Grund, uns
anerkennend auf die Schultern zu klopfen, denn wir wissen ja nicht
einmal, ob wir dieses positive Kamma im jetzigen Leben geschaffen haben.
Es mag viele Leben zurückliegen. Der- oder diejenige, die dieses Kamma
angesammelt haben, sind mit Sicherheit nicht identisch mit dem, der
jetzt die positiven Ergebnisse davon erntet. Allerdings sind es auch
nicht zwei ganz voneinander gesonderte Wesen, die überhaupt nichts
miteinander zu tun haben. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen: in der
Mitte. So hat der Buddha es gesagt. Aber wir können immerhin dem Kamma
dankbar sein, den nicht an irgendeinen Wesenskern gebundenen Ergebnissen
positiver Handlungen. Und wir können unser Herz der Zuflucht öffnen, die
wir genommen haben. Wir können uns dem Refugium anvertrauen, in dem wir
in Ruhe vor Anker liegen und in geschützter Umgebung mit uns und an uns
arbeiten können.
Der Dhamma beschützt jeden, der den Dhamma praktiziert. Wer den
Dhamma wirklich übt, genießt vollkommenen Schutz. Der Schutz besteht
nicht darin, dass andere uns nicht länger zu nahe kommen. Unser eigenes
Verhalten, unsere Reaktionen sind unser Schutz, weil sie keinen Schaden
mehr anrichten. Eine andere Sicherheit gibt es nicht.
Wann immer Ihr Buddham Saranam Gacchámi singt oder rezitiert,
stellt Euch in Eurem Herzen einen wunderschönen Buddha vor. Ihr werdet
dann von einer Verbundenheit wie zu einem geliebten Menschen
durchdrungen sein. Ihr werdet das Gefühl haben, dass Ihr kommuniziert
wie mit einem geliebten Menschen. Das wird Euch sehr helfen.
Wir haben gerade zusammen unsere Texte gesungen. Das geht nur mit
einem gewissen Feingefühl für die Gemeinschaft. Es gehört Harmonie dazu.
Wir müssen auf das Tempo der anderen achten. Tun wir das nicht, klingt
unsere Rezitation falsch, irgendwie verstimmt. Dasselbe gilt auch für
unser Zusammenleben. Wir müssen den Lebensrhythmus der anderen
berücksichtigen. Wir brauchen Harmonie, ein bestimmtes
Zusammengehörigkeitsgefühl. Ohne dies ist kein menschliches
Zusammenleben möglich.
Aber dieses Zusammengehörigkeitsgefühl bricht häufig schon im ersten
Moment in sich zusammen, weil der einzelne nicht mit sich in Einklang
lebt, mit sich selbst nicht im reinen ist, nicht bei seinem eigenen
Lebensrhythmus. Wir sehen in der Welt nur, was wir in uns und an uns
sehen. Die Welt und wir sind ein und dasselbe. Es gibt da absolut keinen
Unterschied.
Der erste Schritt zum Leben in Einklang liegt also in uns selbst. Ihn
zu tun, ist für jeden von uns die dringlichste Aufgabe. Ja, es gibt
eigentlich keine andere Aufgabe, als innere Harmonie zu erzeugen. Dazu
sind keine besonderen Umstände nötig. Es ist gleich, ob wir in der
Meditationshalle sitzen, in einem Boot paddeln, das Mittagessen kochen,
ein Buch lesen, im Garten arbeiten oder irgend etwas anderes tun.
Allerdings werden wir nur dann zu innerer Harmonie gelangen, wenn wir
zufrieden sind. Unzufriedenheit erzeugt Missklänge. Daran ist nichts zu
ändern. Das ist nur folgerichtig.
Innere Zufriedenheit wiederum kann nicht von äußeren Faktoren
abhängen. Diese sind niemals fehlerlos. Und das wäre auch völlig
unmöglich. Zwei Monate lang war es hier viel zu heiß. Also hat sich jede
darüber beklagt, dass sie zu viele Pflanzen zu bewässern hatte.
Jetzt hat sich die Trockenheit in ihr Gegenteil verkehrt: es regnet
zuviel. Alles ist schmutzig, schlammig, matschig. Wo nur, wo, könnten
wir die Idealsituation finden, den vollkommenen Augenblick? Es gibt ihn
nicht.
Wir werden vergeblich nach den äußeren Voraussetzungen suchen, die
uns vollkommen zufrieden stellen. Wir suchen am falschen Ort. Wir müssen
die innere Voraussetzung entdecken, die uns zufrieden macht, und diese
innere Voraussetzung benötigt zu ihrer Erfüllung mehrere Faktoren, zum
Beispiel Unabhängigkeit. Ich meine hier nicht finanzielle
Unabhängigkeit, die vielleicht andere Unabwägbarkeiten mit sich bringt.
Nein, ich spreche von emotionaler Unabhängigkeit, die wir nur gewinnen,
wenn wir nicht mehr auf äußere Zustimmung angewiesen sind.
Wir wissen einfach, dass wir immer unser Bestes zu geben versuchen,
und wenn uns dann irgendwer seine Zustimmung oder Anerkennung verweigert
und uns kritisiert, lässt sich daran auch nichts ändern. Schade zwar,
aber so ist es nun einmal. Der Buddha ist auch nicht überall nur auf
Zustimmung gestoßen. Aber er hat gesagt: "Ich hadere nicht mit der Welt,
die Welt hadert mit mir." Er hat es akzeptiert, wenn Menschen mit ihm
oder mit seiner Lehre uneins waren. Er hat gewusst, dass nicht jeder
einverstanden sein kann.
Zufriedenheit ist eine innere Qualität, die uns in einer Weise
unabhängig macht, dass wir nun nicht mehr nach Unterstützung von außen
Ausschau halten. Wir tun unser Bestes. Manchmal ist das Beste mehr als
genug, manchmal nicht genug. Manchmal will es einfach nicht klappen.
Auch damit müssen wir uns abfinden, ganz gleich ob die anderen dies
gutheißen oder nicht.
Wir können nicht darauf warten. Im übrigen: wie sollten wir darauf
auch warten können? Sie werden niemals alle beisammen sein. Und im
allgemeinen sind die Menschen auch niemals alle einer Meinung. Wenn wir
also gelegentlich nicht so viel zustande bringen, wie wir gedacht
hatten, ist dies nicht weiter schlimm; kein Grund, unzufrieden zu sein.
Wahrscheinlich ist es nur eine gute Lernerfahrung: "Dieses Mal habe ich
nicht so viel geschafft wie ich dachte, schaffen zu können"
Ohne Liebe gibt es keine innere Zufriedenheit. Wer sich nach Liebe
sehnt, ist emotional abhängig und unzufrieden, denn er hat nicht, was er
gern haben möchte. Und wenn er dann bekommt, was er sich ersehnt, ist er
wahrscheinlich immer noch unzufrieden, weil es ja eigentlich mehr sein
sollte oder weniger. Aber selbst wenn es denn endlich genau die richtige
Menge Liebe ist, ist sie doch immer noch nicht dauerhaft genug, sondern
eben wechselhaft. Sich nach Liebe zu sehnen, ist eine schrecklich
unbefriedigende Sache und wird niemals das Gefühl letztlicher
Befriedigung schenken. Manchmal gelingt der Versuch, manchmal aber auch
nicht. Was allerdings immer gelingt, ist Lieben. Lieben führt immer zu
emotionaler Unabhängigkeit und Zufriedenheit. Wir können einen anderen
Menschen lieben, ganz gleich, ob er diese Liebe annimmt oder nicht. Wenn
wir andere Menschen lieben, hat das noch nicht einmal unbedingt etwas
mit ihnen zu tun: es ist eine Eigenschaft unseres Herzens.
Zufriedenheit beruht also auf Liebe, darauf, dass wir in unserem
Herzen ein Feld der Harmonie hervorbringen. Dieses Feld der Harmonie
sollte viele verschiedene Blumen tragen: Liebe, emotionale
Unabhängigkeit, Zufriedenheit mit uns selbst, mit dem Menschen also, der
wir nun einmal sind. Die Harmonie beruht nicht darauf, dass wir uns nach
Liebe und Anerkennung verzehren. Im Gegenteil: wir schenken Anerkennung
und Liebe. Das ist so simpel. Und es funktioniert, weil es einfach
funktionieren muss. Was könnte funktionieren, wenn nicht dies? Es macht
uns großzügig. Und es funktioniert, weil es bedeutet, dass wir geben.
Sobald jemand an uns herantritt und etwas von uns will, fühlen wir
uns bedroht. Das Ich fühlt sich bedroht: "Wenn ich jetzt gebe, was man
von mir will, werde ich mich eingeschränkt und kleiner fühlen." Daraus
entsteht Disharmonie. Stellt Euch einmal vor, es steht jemand mit einem
Knüppel oder einer Pistole in der Hand vor uns und fordert unser Hab und
Gut. Wir würden uns doch bedroht fühlen, oder etwa nicht? Und so ähnlich
fühlen wir uns auch, wenn jemand auf uns zukommt und unsere Liebe von
uns haben will. Verschenken wir dagegen Liebe und Anerkennung, bedrohen
wir erstens die anderen nicht und müssen zweitens auch nicht auf der
ständigen Suche danach durch die Gegend irren. Diese innere
Zufriedenheit im eigenen Herzen ist der einzige Weg zu einem
harmonischen Leben.
Wie könnten wir überhaupt mit irgendeinem Menschen friedlich und
harmonisch zusammenleben, wenn wir nicht einmal mit uns selbst dazu in
der Lage sind? Wir müssen mit uns selbst in Einklang leben. Mit wem
sonst?
Gelegentlich fühlen wir uns physisch nicht ganz wohl. Das ist kein
Grund unzufrieden zu sein. "Ich bin von meiner Natur aus zu Krankheit
bestimmt!" Wir rezitieren diesen Satz jeden Abend. Das heißt aber nicht,
dass ich darüber unglücklich und unzufrieden werden muss. Die Natur des
Körpers macht Krankheit unvermeidlich. Also, der Körper fühlt sich nicht
wohl - mehr nicht. Der Körper hat Schwierigkeiten. Das ist nicht
ungewöhnlich. Der Körper hat immer irgendwelche Schwierigkeiten.
Ein andermal glaubt der Geist vielleicht, dass er irgendetwas
braucht. Nun gut, dann lasst den Geist dies eben einfach glauben. Das
heißt nicht, dass ihr Euch darin verstricken müsst. Sobald Ihr Euch
darauf einlasst, dem Leiden zu glauben, das Körper und Geist
hervorbringen, werdet Ihr keinen Augenblick mehr zufrieden sein. Wo
könntet Ihr dann auch Zufriedenheit finden? Zufriedenheit hat nichts mit
einem eigenen Haus, der Natur oder den Menschen zu tun, denen Ihr
begegnet. Zufriedenheit hat nur eine Heimat: Euer eigenes Herz; und nur
eine Grundlage: die Einsicht, dass wir ein Feld der Harmonie um uns
aufbauen und uns mit dem Gefühl tiefer Befriedigung beglücken, wenn wir
Liebe und Anerkennung verströmen. Dies ist wahre Lebenskunst.
Wahre Lebenskunst will gelernt sein. Wir können sie uns aneignen,
wenn wir dazu bereit sind, uns selbst in den anderen zu begegnen. Wie
könnten wir wissen, wie wir ausschauen, hätten wir nicht einen Spiegel,
der es uns zeigt? Um uns selbst zu sehen, brauchen wir den Spiegel der
Begegnung, das Spiegelbild unseres eigenen Seins in den anderen. Die
Unstimmigkeiten, die wir mit anderen Menschen haben, sind eine
Spiegelung unseres eigenen Spiegelbildes. Leben wir mit uns selbst in
Einklang, wird unser Verhältnis zu den anderen ebenfalls keine
Missklänge aufweisen. Dies ist dann schlechterdings unmöglich. Unser
Spiegelbild lügt nicht. In einer Lehrrede spricht der Buddha von drei
Mönchen, die wie Milch und Wasser zusammenlebten. Sie verschmolzen
vollkommen miteinander. Es herrschte absolute Harmonie zwischen ihnen,
weil keiner seinen eigenen Willen durchsetzen wollte. Nun, diese drei
waren Arhats. Es wäre vielleicht zuviel von uns verlangt, wenn wir es
ihnen sofort gleichtun wollten. Immerhin vermittelt uns diese Geschichte
eine Vorstellung von dem Ziel, das wir anstreben. Und dies ist
notwendig. Wir würden nämlich immer nur unserem eigenen Geist glauben,
wenn wir keine Vorstellung von unserem Ziel hätten. Wir würden meinen,
dass unsere negativen Einstellungen und Reaktionen vollkommen
gerechtfertigt sind, weil irgendjemand irgend etwas getan hat, das
schlecht für uns oder doch zumindest unangenehm war.
Harmonie wird an vielen Stellen erwähnt. Für ein glückliches Leben
ist sie ein wesentlicher Faktor. Manchmal hängen die Menschen an ihrem
Leiden, an ihrem Dukkha. Das ist eine weit verbreitete Krankheit.
Wer begreift, wie dumm sie ist, wird die Finger davon lassen. Alle
Lebewesen streben nach Glück. Man braucht nicht einmal ein Mensch zu
sein, um glücklich und zufrieden leben zu wollen.
Wir versuchen es mit Meditation, damit wir uns glücklicher fühlen,
als wir vorher waren. Aber wir können nicht den ganzen Tag sitzen und
meditieren. Manchmal scheint die Meditation auch verschüttete
Erinnerungen an den Tag zu bringen, die wir nicht einmal anschauen
wollen. Und wir haben auch zuweilen das Gefühl, dass uns unsere
Meditation mehr Dukkha einbringt als wir ohnehin schon haben. Aber dies
scheint nur so, weil wir uns endlich unser Leiden eingestehen. Gestehen
wir uns ein, dass wir leiden, müssen wir automatisch Mitgefühl für das
Leiden aller anderen Wesen empfinden. Es kann gar nicht anders sein.
Mensch sein heißt leiden. Es mag zwar verschiedene Entwicklungsstufen
geben, aber Kinder sind nun einmal Kinder, ganz gleich ob sie ins erste,
zweite oder dritte Schuljahr gehen.
Da wir Dukkha an uns und in uns selbst finden, wären wir sehr dumm,
wenn wir annehmen würden, dass andere Wesen keine solchen Leiden mit
sich herumtragen. Jeder hat Dukkha, aber einige können besser damit
umgehen als andere. Man kann mit Dukkha auf geschickte Weise fertig
werden oder sich sehr ungeschickt anstellen. Weglaufen ist sicherlich
sehr ungeschickt, denn Dukkha hat die fatale Angewohnheit, stets
mitzukommen. Dukkha hält sich nicht an einem bestimmten Ort auf, steckt
nicht in einer bestimmten Situation, sondern in unserem Herzen. Wir
müssen das Leiden gezwungenermaßen immer mit uns tragen, wenn es in
unserem Herzen sitzt. Es ist im selben Flugzeug, im selben Boot, im
selben Auto, wohin wir auch flüchten. Wegrennen ist also ganz bestimmt
die ungeeignetste Strategie, Dukkha zu bewältigen.
Aber wir kennen alle noch eine zweite Strategie, die nicht weniger
ungeschickt ist: etwas oder jemand anderes für unsere Misere
verantwortlich machen - einen Menschen, eine Situation, das Wetter oder
was sich sonst noch anbietet. Anstatt selbstverantwortlich zu sein,
stehlen wir uns aus der Verantwortung.
Die dritte ungeschickte Strategie der Leidensbewältigung läuft darauf
hinaus, dass wir uns von Dukkha niederdrücken und deprimieren lassen.
Wir werden ganz in Dukkha hineingezogen und infolgedessen schrecklich
unglücklich. Sehr viele Menschen verfallen diesem Fehler. Wenn er auch
durchaus verbreitet ist, ist er deswegen doch nicht weniger töricht. Wir
sind deprimiert und lassen den Kopf hängen, bis irgendein äußerer Kitzel
uns aus unserer Trübsal erlöst - eine Geburtstagstorte, ein Eisbecher.
Dann hebt sich unsere Laune ein wenig.
Soviel zum ungeschickten Umgang mit Dukkha. Wollen wir unser Leiden
auf geschickte Weise bewältigen, müssen wir es als Lernerfahrung
betrachten. Die einzig wirklich vernünftige Betrachtungsweise ist die,
dass wir es sehen und uns sagen: "So ist das also." Dies hat der Buddha
mit der ersten der Vier Edlen Wahrheiten gemeint. Offensichtlich wusste
er, wovon er sprach!
Die erste Edle Wahrheit ist die Wahrheit vom Leiden, die Wahrheit vom
Dukkha. Die zweite Edle Wahrheit ist die der Leidensentstehung:
Dukkha hat eine Ursache. Die Ursache ist Gier: der Wunsch, etwas zu
bekommen, das wir nicht haben, oder etwas loszuwerden, das wir haben,
aber nicht haben wollen. Das sind die einzigen beiden Ursachen. Es gibt
keinen anderen Grund für Dukkha. Sobald wir Dukkha in uns erkennen, ohne
uns darin zu verstricken, begreifen wir, dass Leiden eine Realität ist,
ein Teil des Lebens. Und dann können wir in uns auch den Grund dafür
finden. Wir sagen uns:" Stimmt genau. So und nicht anders ist es. An
meinen Wünschen liegt es." Haben wir auf diese Weise die Gültigkeit der
zweiten Edlen Wahrheit festgestellt, werden wir einsehen, dass die
dritte und die vierte Wahrheit ebenfalls stimmen müssen. Die dritte Edle
Wahrheit ist die Wahrheit der tatsächlichen Leidensüberwindung: aller
Dukkha hört auf, ein für alle Mal. Und dies ist Nibbana - Befreiung,
vollkommene Befreiung.
Die beiden ersten Wahrheiten lassen sich leicht beweisen. Das ist ein
Kinderspiel. Wir können sie uns jeden Tag mindestens zehn bis fünfzehn
Mal bestätigen. Dazu brauchen wir nicht mehr zu tun als aufzupassen, was
passiert. Haben wir aber die Gültigkeit der ersten beiden Wahrheiten
nachgewiesen, dürfen wir annehmen, dass die dritte und die vierte
ebenfalls stimmen. Wir haben eine Orientierungshilfe gefunden, etwas,
womit wir arbeiten können. Mit der vierten Edlen Wahrheit, dem Edlen
Achtfachen Pfad, haben wir ein gutes Werkzeug dafür gefunden. Wir können
in uns zu Vollkommener Anschauung, der richtigen Sicht der Dinge
gelangen.
Dukkha entsteht immer und immer wieder. Das Leiden wird nicht
aufhören, sich zu manifestieren, bis nicht alle Gier, alles Wünschen,
alles Sehnen erloschen sind. Mit dem Erlöschen alles Wünschens aber sind
wir zu Arhats geworden, vollkommen erleuchtet. Warum wundern wir uns
also noch darüber, wenn wir sehen, dass Leiden entsteht? Dies sollte uns
wirklich nicht überraschen. Es ist töricht, sich davon überraschen zu
lassen. Wir können uns höchstens darüber wundern, wenn absolut kein
Dukkha festzustellen ist. Das macht wesentlich mehr Sinn: "Meine Güte,
in den letzten dreißig Minuten habe ich absolut kein Dukkha gespürt!"
Das wäre wirklich bemerkenswert, eine echte Überraschung. Wer sich
hingegen über das Auftauchen von Dukkha überrascht zeigt, beweist damit
nur, dass er weder dem Buddha richtig zugehört noch wirklich in sich
selbst hineingeschaut hat.
Also müssen wir Dukkha vorbehaltlos als gegeben akzeptieren, wenn wir
uns innere Harmonie erschließen wollen. Wer mit Dukkha hadert, wird sich
natürlich dagegen wehren und versuchen, sein Leiden abzuschütteln. Das
wird dann die dringlichste Beschäftigung in seinem Leben. Wer das tut,
zäumt das Pferd von hinten auf: "Ich will endlich mein Dukkha loswerden.
Also muss ich irgend etwas ändern, verbessern. Ich muss meine
Mitmenschen verändern, die Situation, meinen Tagesplan, meinen Körper
und so weiter." Das ist vergebliche Liebesmüh. Es funktioniert nicht.
Wir können Dukkha auf diese Weise nicht loswerden. Was wir aber aufgeben
können, ist unser Wünschen. Der Buddha hat gesagt, dass dies möglich
ist.
An diesem Punkt in unserem Leben müssen wir seine Worte als erwiesen
hinnehmen, weil offensichtlich ein Hoffnungsschimmer besteht, dass wir
zumindest einige seiner Ausführungen schon jetzt nachprüfen können, ohne
dass wir dafür bereits erleuchtet oder der Erleuchtung nahe sein
müssten. Da wir einen Teil nachprüfen können, müssen wir den Rest auf
Treu und Glauben akzeptieren und mit unserer Praxis auf seinen
Wahrheitsgehalt untersuchen.
Wenn dann, wie es so seine Art ist, das nächste Mal Leiden auftaucht,
Dukkha seinen Kopf hebt und Euch anschaut, akzeptiert dies und sagt
Euch: "So, so. Die Dinge laufen nicht nach Wunsch." Macht Euren Wunsch,
Euer Sehnen ausfindig und lasst sie los. Dukkha könnt Ihr nicht
loslassen, nur Euer Wünschen. Je mehr Wünsche wir loslassen, desto
größer die Harmonie. Wünsche stören fortwährend die Harmonie. Stellt
Euch vor, wir chanten zusammen, und eine fängt an zu brüllen und zu
kreischen, nur weil sie gern mehr gehört werden möchte als die anderen.
Daran ist nichts harmonisch, kein Einklang. Oder stellt Euch vor, dass
irgendjemand stets eine halbe Silbe voraus sein möchte. Das würde die
Harmonie vollkommen zerreißen. Wünschen zerstört alle Harmonie.
Wollen wir im Herzen innerlich zufrieden sein, müssen wir begreifen,
dass diese Zufriedenheit auf emotionaler Unabhängigkeit und auf
liebevollem Wohlwollen beruht, darauf, dass wir Liebe und Anerkennung
schenken, anstatt sie für uns haben zu wollen, dass wir die
wechselseitige Abhängigkeit von Wünschen und Leiden verstehen und unser
Wünschen loslassen. Das ist der Weg. Das ist die Lehre. Ich tue nichts
anderes, als Euch daran zu erinnern. Ich erzähle Euch nichts Neues. Wir
wissen im Grunde Bescheid. Es gibt ein fundamentales inneres Wissen.
Wenn wir es dann ausgesprochen hören, denken wir: "Natürlich, das ist ja
so wahr!" Aber dann vergessen wir es.
Warum vergessen wir? Was bringt uns das? Alle Welt vergisst. Wozu?
Das Vergessen ist Teil der fortwährenden Ich-Identifizierung und
Ich-Bestätigung. Der Geist beschäftigt sich unaufhörlich mit Gedanken,
die um "Ich", "mein", für "mich", das gehört "mir" kreisen. Alle tun wir
dies, und deswegen ist die Welt voller Missklänge, ein Ort der
Disharmonie.
Wir müssen in unserem eigenen Herzen Harmonie finden. Nur dort können
wir sie entdecken. Niemand wird sie uns schenken und uns in die Hand
drücken. Aber der Buddha hat uns zumindest Hilfen gegeben. Er hat
Methoden gelehrt, mit denen wir diese Harmonie verwirklichen können: die
Meditation über die Allgüte (mettá
bhavana), das Verhalten, das
sich an solcher Liebe und Allgüte (mettá) orientiert, die Fünf
Vertiefungen (jhána) und die Meditation des Überweltlichen
Klarblicks (vipassaná). Dies alles sind Methoden, kein
Selbstzweck. Sie führen zur Durchdringung, das heißt zu vollständigem
Verstehen von Vergänglichkeit (anicca), Leidhaftigkeit
(dukkha) und der Nicht-Existenz eines Wesenskerns, im allgemeinen
als Selbst-Losigkeit (anattá) bezeichnet.
Mit diesem Verstehen gewinnen wir Einsicht in den permanenten Wandel
und Umbruch aller Erscheinungen. Wir sehen, wie schnell sich Körper und
Geist verändern, wie untrennbar das Leiden zum Leben gehört, ihm
gewissermaßen inhärent ist, und wir erkennen darüber hinaus die Spiele
des Ich, mit denen es uns fortwährend im Wege steht. Ohne "Ich" gibt es
keine Schwierigkeiten. Schwierigkeiten kann es nur geben, wenn ein "Ich"
existiert, das Schwierigkeiten hat. Wo wäre ohne "Ich" noch die
Schwierigkeit? Je größer das "Ich", desto größer die Schwierigkeit; je
kleiner das "Ich" desto kleiner ist auch die Schwierigkeit.
Harmonie heißt, mit anderen wirklich Zusammensein. Es heißt aber
auch, mit uns selbst Zusammensein, mit uns selbst in Einklang leben. Wir
erschließen uns diese Harmonie, wenn wir zu menschlicher "Ganzwerdung"
finden. "Heilig" kommt von "heil", und "heil" heißt: nicht in Teile
aufgespalten, also "ganz". "Heilig" müssen wir nicht sein, aber "ganz":
in uns vollkommen. Dies ist eine große Aufgabe, die einzige, die sich
wirklich lohnt: ganz sein, zu wissen, dass uns nichts fehlt; dass es
nichts gibt, das wir "irgendwo da draußen" finden müssten, um endlich
unseren Frieden zu finden, um endlich zufrieden zu sein.
Es ist eine große Hilfe, gelegentlich gar keine Gespräche zu führen,
geistig still zu sein, oder generell weniger zu reden. Der Buddha hat
sich häufig über Vollkommene Rede geäußert. Vollkommene Rede ist ein
Bestandteil des Edlen Achtfachen Pfades und der Fünf
Sittlichkeitsregeln; auch im Sutta vom Großen Segen (Mahá Mangala
Sutta) ist sie erwähnt. Dort steht ebenfalls etwas über freundliche
und höfliche Worte. Der Buddha hat dem sprachlichen Ausdruck und Umgang
sogar eine ganze Lehrrede gewidmet, die sogenannte "Darlegung der
Freiheit von allem Widerstreit". Er hat sich zu diesem Thema geäußert,
weil er zeigen wollte, dass Rede zu Kontroversen und
Auseinandersetzungen führt, sobald wir nicht den richtigen Gebrauch von
ihr machen.
Die meisten Menschen glauben, dass sie schon allein deswegen die
Vollkommenheit der Rede beherrschen würden, weil sie von ihrem Mundwerk
Gebrauch machen können. Das ist ein Irrtum. Vollkommene Rede ist eine
Kunst. Sie will gelernt sein. Und wie jede andere Fertigkeit oder Kunst
kann jeder sie lernen, wenn er sich nur darum bemüht.
Vollkommene Rede hängt von unseren Denkprozessen ab. Damit nicht
genug: Sie ist auch von unseren emotionalen Reaktionen abhängig, Wut zum
Beispiel oder Zorn. Wer sich von seinem Zorn mitreißen lässt, wird in
diesem besonderen Augenblick kaum die Vollkommenheit der Rede
beherrschen. Unsere Emotionen kommen in unserer Art zu reden zum
Vorschein. Wer sich selbst wichtig nimmt, das heißt der typischen
Ich-Verstärkung unterliegt, wird recht geschwollen daherreden. Wir
müssen auf unsere Emotionen nicht weniger achten als auf unsere
Gedanken. Allein ein Arhat, ein vollkommen Erleuchteter, wird die
Vollkommenheit der Rede in jeder Situation beherrschen. Das hält uns
allerdings nicht davon ab, diese Vollkommenheit so gut wie möglich zu
üben und zu erlernen.
Wir sollten niemandem schmeicheln und keine honigsüßen Worte machen.
Das klingt falsch und ist es auch. Allerdings gibt es genug Menschen,
die so sprechen. Vielleicht kennt Ihr jemanden, der dies tut. Er ist
leicht zu erkennen, denn er hat immer eine übertrieben liebenswürdige
und beipflichtende Antwort parat. Er gibt sich alle Mühe freundlich zu
klingen. Was er sagt, ist nur nicht ganz glaubwürdig. Irgendetwas klingt
falsch.
Interessant und bemerkenswert ist auch, dass die Sprache nur 7 %
unserer Kommunikation ausmacht, obwohl sie unserer Meinung nach doch
unser Hauptkommunikationsmittel darstellt. Ich habe dies von einer Frau
gehört, die "Kommunikation" lehrt. Schon das allein sagt sehr viel über
uns aus. Ihre Geschäfte laufen prächtig, ihre Workshops sind gut
besucht. Das bedeutet doch, dass die Menschen nicht wissen, wie sie
miteinander reden sollen, besonders wenn sie eng zusammenleben.
Aber es passiert wesentlich mehr zwischen uns als diese 7 % verbale
Kommunikation. 93 % unserer Kommunikation sind nonverbal. Was bedeutet,
dass wir unsere Gedanken und Emotionen sehr sorgfältig beobachten
müssen. Unsere Gedanken und Emotionen bleiben nicht verborgen. Sie sind
kein Geheimnis. Wir mögen uns zwar einreden, wir könnten es uns
erlauben, zu denken und zu fühlen, was wir wollen. Wenn wir nicht
darüber sprechen, wird die Umwelt auch nichts davon merken, so meinen
wir. Dem ist leider nicht so. Das ist ein Irrtum.
Unsere Gedanken und Emotionen sind ein offenes Buch für jeden, der
über ein kleines Maß an Bewusstheit verfügt. Wollen wir hoffen, dass wir
hier alle über dieses Maß an Bewusstheit verfügen, schließlich
meditieren wir ja schon seit einiger Zeit. Wir reagieren nicht allein
auf die Worte sondern auch auf die Gefühle, die sich dahinter verbergen.
Und daraus können eine Menge Missverständnisse entstehen. Jemand sagt
etwas. Ihm selbst ist vollkommen klar, was er damit meint. Sein
Gesprächspartner hingegen fängt die damit vermischten Emotionen auf und
versteht infolgedessen etwas ganz anderes. Bei einem Gespräch lassen
sich solche Missverständnisse theoretisch sehr leicht ausbügeln. Man
braucht nur zu fragen, was eigentlich gemeint war. Aber die Menschen
fragen nicht genug. Sie verstehen etwas falsch und bleiben auf diesem
Missverständnis sitzen. Daraus erwachsen Kälte und Gleichgültigkeit.
Hinter jedem Wort stehen Gefühle. Körpersprache untermalt jedes Wort.
Jeder hat eine ganz eigene Körpersprache. Es gibt keinen Menschen, der
in dieser Hinsicht genau dieselbe Sprache sprechen würde wie ein
anderer. Wir können der Körpersprache sehr viel entnehmen. Wir müssen
nur darauf achten: auf den Gesichtsausdruck, auf die Stimmfärbung und so
weiter.
Worte und sprachlicher Ausdruck sind begrenzt. Eintausend Worte
reichen aus, um eine Zeitung in einer fremden Sprache zu lesen; jede
beliebige Zeitung in jeder beliebigen Sprache. Eintausend Worte sind
nicht sehr viel. Mehr brauchen wir nicht, um uns auszudrücken, im
allgemeinen sogar eher weniger. Worte sind also nicht gerade ein
besonders subtiles Kommunikationsmittel. Ihre Feinheiten bleiben uns
verschlossen, weil wir nicht über den Wortschatz verfügen, der notwendig
wäre, um uns allein mit Worten verständlich zu machen. Niemand erwartet,
dass seine Worte genügen, um ihn zu verstehen. Niemand reagiert nur auf
Worte.
Die Sprache ist so ungeheuer wichtig, weil wir durch sie miteinander
in Beziehung treten. Wohlgemerkt, Sprache in dem vielschichtigen Sinn,
den wir gerade herausgearbeitet haben.
Wenn Menschen zusammenleben, müssen sie sich verbunden fühlen und
entsprechend verhalten. Das Gemeinschaftsleben stellt gewisse
Anforderungen. Zu beachten ist, dass wir uns nicht ein paar Menschen
herauspicken, mit denen wir innigeren Kontakt pflegen. Wir müssen diese
Art von Kontakt mit jedem Mitglied der Gemeinschaft pflegen.
Oft wählen wir uns aus einem Dutzend Leuten eine oder zwei oder drei
Personen aus, auf die wir uns näher einlassen und sagen uns: "Das sind
wohl die Besten. Mit ihnen scheine ich gut auszukommen, also halte ich
mich auch an sie. Über die anderen will ich einfach hinwegsehen. Ich
werde nicht gemein zu ihnen sein, aber ich werde auch nicht viel mit
ihnen reden." Das ist keine gemeinschaftsförderliche Art des
Gruppenumgangs. Gemeinschaft heißt: alle zusammen. Jedes Mitglied der
Gemeinschaft hat die Pflicht und das Privileg, zu lernen, mit jedem
anderen Mitglied der Gemeinschaft gesunde mitmenschliche Beziehungen zu
pflegen.
Wie nun können wir diese Beziehungen gesund, zu einem Erfolg machen?
Wie können wir miteinander umgehen, dass keine oder zumindest so wenig
wie möglich Missverständnisse auftreten? Wie uns verhalten, dass wir an
unserem Zusammensein Freude haben?
Das Sutta von der Allgüte (Karaniya Mettá Sutta) gibt uns
einen Hinweis. Es beschreibt den Heilssucher als einen Menschen, der
"leicht ansprechbar" ist. Habt Ihr schon einmal darüber nachgedacht, was
dies bedeutet? Leicht ansprechbar ist der Mensch, der seinen eigenen
Standpunkt bereitwillig aufgibt und sich in die Lage des anderen
versetzen kann. Mit diesem Menschen kann man reden. Er wird auch bereit
und fähig sein, jederzeit zuzugeben, dass er einen Fehler gemacht hat,
und diesen Fehler ehrlich bedauern. Wenn er sagt, dass ihm etwas leid
tut, meint er es auch. Außerdem wird er auf Vorhaltungen nicht gleich
aufbrausend antworten, sondern erst einmal zuhören.
Wer leicht ansprechbar ist, kann wirklich hinhören. Wenn wir
angesprochen werden, müssen wir hinhören, was man uns sagt. Wir müssen
zuhören. Zuhören und bloß hören sind jedoch nicht ein und dasselbe. Ich
sage zu Dir oder zu Dir oder zu Dir: "Du hörst mir nicht zu!" Du
antwortest: "Oh, ich höre schon, was Du mir sagen willst." Bemerkt Ihr
den Unterschied? Es ist nicht dasselbe "Hören" gemeint. Natürlich hören
wir irgendetwas. Klangschwingungen rauschen durch unsere Ohrmuscheln.
Aber das ist noch kein Zuhören. Zuhören ist etwas ganz anderes.
Wenn zwei Menschen miteinander sprechen, sollten sie einander
zuhören. Zuhören heißt, dass wir das Gesagte so aufnehmen, wie es
tatsächlich gesagt wird, anstatt sogleich unseren eigenen Kommentar dazu
zu vernehmen. Das ist überhaupt einer der schlimmsten Verstöße gegen das
Zuhören, besonders wenn wir uns an sich für einen guten Zuhörer halten.
Zuhören heißt, dass wir vollkommen leer sind, und vielleicht noch, dass
wir, wenn notwendig, einfühlsam auf das Gehörte reagieren. Aber zuweilen
ist nicht einmal dies nötig. Zuweilen müssen wir das Gesagte nur auf uns
wirken lassen. Wie Vollkommene Rede ist auch das Zuhören eine besondere
Fertigkeit, ja eine Kunst.
Es geht nicht allein darum zu hören, was uns geschildert wird. Wir
müssen ganz und gar bei dem anderen Menschen sein, uns ihm vorbehaltlos
öffnen. Das ist ein wichtiger Aspekt von Mitgefühl. Vollkommenes Zuhören
ist Mitgefühl. Wir legen uns dann nicht unsere eigene Interpretation
zurecht. Der andere möchte uns etwas sagen. In diesem Augenblick zählt
das Geschwätz unseres eigenen Geistes überhaupt nicht. Wir sollten es
abstellen und stattdessen bei dem anderen sein. Wir sollten zulassen,
was in ihm nach Ausdruck drängt. Das ist Liebe. Allgüte. Auch was wir
selbst sagen werden, muss zwangsläufig Misstöne enthalten und
Unstimmigkeiten hervorrufen, wenn unsere Rede nicht von Liebe erfüllt,
von Liebe getragen ist. Das wird immer wieder passieren.
Wir haben vorhin bereits die "Darlegung der Freiheit von allem
Widerstreit" erwähnt. Darin sagt der Buddha sehr viel über die rechte
Art zu reden. Zum Beispiel, dass wir nichts übertreiben aber auch nichts
untertreiben sollten. Beides fällt in den Bereich der Lüge.
Nehmen wir einmal an, 1500 Menschen hätten sich hier zu einer
Zeremonie versammelt, und wir behaupten, es wären 15.000 gewesen, weil
wir uns damit wichtig machen wollen. Das mag absurd klingen, aber die
Menschen sagen viele solcher absurden Dinge. Und sie sind gar nicht
glücklich, wenn man sie darauf aufmerksam macht. Klingen Übertreibungen
und Beschönigungen nicht so viel besser und wichtiger als Tatsachen!
Untertreibungen und Geringschätzungen sind ebenfalls unsauber. Nehmen
wir an, Ihr sagt zu einem anderen Mitglied unserer Gemeinschaft: "Du
grüßt mich morgens nie als erste. Immer wartest Du darauf, dass ich Dich
grüße." Vielleicht grüßt sie Euch tatsächlich selten zuerst. Aber
niemals? Das ist untertrieben. Es ist einfach nicht wahr. Was heißt das?
Nun, es heißt, dass wir darauf achten müssen, was wir sagen. Wir müssen
uns unsere Worte überlegen. Sprudeln sie einfach nur impulsiv aus uns
heraus, mögen sie zwar trotzdem stimmen, aber sie können auch falsch
sein. Die Chancen stehen fünfzig zu fünfzig.
Vermeidet dieses Risiko. Ihr habt genug Zeit nachzudenken.
In bestimmten Situationen kommen wir nicht daran vorbei, einem
anderen Menschen zu sagen, was zu tun oder was zu unterlassen ist. Zum
Beispiel: "Ich kann bei geschlossenem (oder offenem) Fenster nicht
schlafen." Manchmal müssen wir auch unser Missfallen bekunden: "Du
trittst mir auf den Zehen herum. Das tut mir weh" Oder was wir uns
dergleichen sonst noch zu sagen haben. Das ist vollkommen in Ordnung,
nur: Nehmt Euch Zeit! Lasst es nicht impulsiv aus Euch herausplatzen.
Nehmt Euch die Zeit, alle Emotionen abkühlen zu lassen. Findet zuerst
Euren Gleichmut. Seid Ihr dann zur Ruhe gekommen, erinnert Ihr Euch an
die vielen guten Seiten des Menschen, den Ihr gleich ansprechen werdet,
oder zumindest an eine gute Eigenschaft. Ihr könnt dann ganz ungezwungen
auf ihn zugehen und sagen, was Ihr auf dem Herzen habt. Das ist nun ganz
leicht, denn Ihr tut es wohlwollend, mit Liebe.
Steht hingegen keine Liebe hinter Euren Worten, muss Eure Bemühung um
Verständigung zwangsläufig scheitern. Ihr stoßt dann nur auf Ablehnung
und erntet Missverständnis. "Ich verstehe wirklich nicht, was Du mir
damit sagen willst", ist noch die sanfteste Antwort, mit der Ihr in
diesem Fall zu rechnen habt. In den meisten Fällen wird man Euch nur
eisige Ablehnung fühlen lassen. Ihr seid nicht nur verletzt worden, man
hat Euch außerdem beleidigt. Ihr wolltet eine negative Situation
bereinigen und habt bei dem Versuch eine zweite negative Reaktion
einstecken müssen.
Achtsamkeit und klares Verständnis sind unbedingt erforderlich, je
mehr davon, desto besser. Klares Verständnis ist das Gegenteil von
Verworrenheit. Und natürlich müssen wir diese Klarheit im Alltag und in
der Meditation schulen. Gewöhnlich benutzen wir nur einen kleinen
Bruchteil der uns verfügbaren Zeit für diese Schulung.
In seiner "Darlegung der Freiheit von allem Widerstreit" gebraucht
der Buddha eine außerordentlich hilfreiche Formulierung. Er sagt dort:
Sage nicht, was Du sagen willst, wenn es verletzend sein könnte und
obendrein unwahr ist. Auch wenn Du etwas sagen möchtest, dass zwar
hilfreich, aber leider unwahr ist, solltest Du es besser nicht sagen.
Hast Du etwas als wahr erkannt, so sprich es trotzdem nicht aus, wenn es
verletzt. Und selbst wenn Du etwas erkannt hast, das hilfreich und wahr
zugleich ist, solltest Du den rechten Moment abwarten, bevor Du es sagst
- Der richtige Moment kann in zehn Minuten gekommen sein - oder zehn
Tage, zehn Monate später.
Es gibt Augenblicke, da weiß man einfach, dass der andere gerade
mitten in einem Prozess innerer Veränderung steckt, zumindest hat man
den Eindruck. In dieser Situation sagt man wahrscheinlich am besten gar
nichts. Irgend etwas stimmt bei uns allen nicht. Wir können nicht jede
Kleinigkeit erwähnen. Das ist unmöglich. Wir würden nie mehr aus dem
Reden herauskommen. Gewisse Dinge müssen jedoch gesagt werden, zumindest
manchmal. In einem anderen Moment ist es dann besser, gar nichts zu
sagen. Warum auch?! Was jetzt ist, wird ohnehin bald anders sein. Alles
wandelt sich.
Trotzdem: man kann jedem Menschen sagen, was man ihm sagen möchte,
vorausgesetzt, es ist hilfreich, vorausgesetzt, es ist wahr. Es muss
nicht unbedingt anerkennend oder übermäßig verständnisvoll sein. Aber es
muss Liebe dahinterstehen und es muss im richtigen Augenblick gesagt
werden. Dieser ist gekommen, wenn der andere wirklich hinhören kann,
weil er innerlich ruhig ist, wenn er uns zu erkennen gegeben hat, dass
er uns zuhören wird, und wenn wir selbst vollkommen ruhig sind. In
keinem Fall ist der richtige Augenblick für ein Wort der Klarstellung
gekommen, wenn noch Ärger in der Luft hängt, weil dieser oder jener
Fehler gemacht, dieses oder jenes versäumt wurde. Dies bedeutet, dass
wir uns fortwährend prüfen müssen. Warum sage ich das? Muss ich es
unbedingt sagen? Was wird daraus entstehen?
Wir werden vorsichtig, und unsere Vorsicht schenkt uns Umsicht. Wir
sprechen überlegt, anstatt aufs Geradewohl daherzureden, noch dazu
Unwesentliches. Bis wir die Fertigkeit der besonnenen Rede endlich
erworben haben, werden wir von einer Ungelegenheit in die nächste
stolpern; und wir werden weiterhin Unwesentliches sagen. Das Leben
braucht jedoch keine Serie von Pannen zu sein. Das Leben kann sich
vollkommen überlegen und besonnen vor uns entfalten, Schritt für
Schritt, den ganzen Tag.
Allerdings können wir uns für unsere Rede keinen Tagesplan entwerfen
wie für die übrigen Tätigkeiten. Ihr müsst auf der Stelle bestimmen,
wann der richtige Augenblick für Euch gekommen ist, etwas zu sagen.
Daran kommt keiner vorbei. Deswegen ist es außerordentlich wichtig, dass
ihr immer daran denkt, was falsche Rede ausmacht, und wie viel Zeit wir
mit Reden verbringen, ja vergeuden.
Nun gut, wir können immerhin die Stunden abziehen, die wir schlafen.
Dann reden wir ja nicht. Die Meditationszeiten können wir jedoch nicht
abziehen, denn die meisten Menschen reden beim Meditieren permanent mit
sich selbst. Das heißt, mit Ausnahme der Schlafenszeit und der wenigen
Augenblicke völliger Sammlung und Achtsamkeit, rasseln und purzeln die
Worte in uns und aus uns heraus. Pausenlos sind wir mit innerer und
äußerer Rede beschäftigt, mindestens achtzehn Stunden am Tag. Es scheint
also, wir erwerben uns eine wichtige Fähigkeit, wenn wir endlich
erkennen, wie viel Zeit wir mit Reden verbringen.
Leider können wir uns diese Fähigkeit nicht so leicht aneignen, wie
wir vielleicht meinen. Es geht ja nicht nur darum, freundlich und
liebenswürdig zu sein. Das ist wirklich nicht alles. Achtet deswegen auf
Eure Motive, wenn Ihr jemandem etwas Schönes sagen wollt. Fragt Euch:
"Warum will ich dies sagen?" Ihr habt einen Grund. Untersucht ihn:
"Welche Absichten verfolge ich? Oder will ich mir nur selbst einen
Gefallen tun?"
Ihr wisst, welches Motiv nützlich ist. Niemand braucht dies zu
erklären. Sagt also, was Ihr sagen wollt, wenn es Euch darum geht, dass
der andere sich wohlfühlt. Wenn Ihr aber nur Euch selbst einen Gefallen
tun wollt, solltet Ihr von Eurem Vorhaben Abstand nehmen und besser
nichts sagen. Untersucht Eure Motive. Sprecht Ihr, um Euch selbst zu
gefallen, so ist Eure Rede weder besonnen noch überlegt. Im Gegenteil:
sie ist impulsiv, instinktiv. Üben wir uns nicht in besonnener,
überlegter Rede, werden die Worte stets impulsiv und instinktiv aus uns
herausplatzen, besonders in Stresssituationen, auch schon bei geringstem
äußeren Druck.
Freundliche Worte sind nicht allzu schwer zu finden, wenn wir nicht
mehr tun, als die Freundlichkeiten zu erwidern, die man uns
entgegenbringt. Viel wichtiger und bedeutsamer ist jedoch, dass wir die
Energie aufbringen und uns dazu aufraffen, unsere Rede insgesamt, was
wir auch sagen, zu einem wertvollen Beitrag zu machen.
Das ist ungeheuer wichtig, und deswegen müssen wir es üben - tagein,
tagaus. Schließlich reden wir ja auch immerfort, zu jeder Tages- und
Nachtzeit.
Nehmt Eure Rede nicht einfach als gegeben hin. Für die Rede gilt
dasselbe wie für alle anderen Tätigkeiten auch. Solange Ihr nicht
überlegt handelt, werdet Ihr immer wieder in irgendwelche Fallgruben
stolpern. Eure Rede wird immer wieder alles andere als vollkommen sein.
Sie wird Euch viel Grund zur Reue geben. Habt Ihr im Laufe des Tages
etwas gesagt, das Ihr später bedauert, seid Ihr nicht achtsam, nicht
besonnen genug gewesen.
Befragt Euch vor dem Einschlafen selbst über Euren Tag. Fragt Euch:
"Wie viel Gutes ist von mir ausgegangen, wie viel positive Energie? Und
wie viel negativen Einfluss habe ich ausgeübt?" Dies ist sinnvoller, als
über die Hitze, die Moskitos oder über Eure Müdigkeit nachzudenken. "Wie
oft habe ich eine der Fünf Hemmungen gezeigt? Wie oft mein Denken und
Tun davon bestimmen lassen? Wie häufig habe ich sinnliche Wünsche,
Bösartigkeit, Faulheit und Stumpfsinn, Unrast und Besorgtheit, wie
häufig Zweifel und Skepsis gezeigt? Was kann ich tun, damit diese
Fesseln mein Leben von nun an weniger bestimmen? Wie kann ich mehr Liebe
zeigen und mehr Mitgefühl? Wie kann ich mich mit den anderen freuen,
wenn sie sich freuen? Wie kann ich Ausgeglichenheit, Gleichgewicht
finden?"
Zieht abends Bilanz. Nur Bilanz - kein Urteil, keine
Selbstbeschuldigungen. Ihr erkennt, was im Laufe des Tages alles
geschehen ist, und Ihr erkennt es an, leugnet es nicht. Aber Ihr
verurteilt Euch nicht dafür. Erkenntnis und Wandel, das altbewährte
Erfolgsrezept: Zuerst nehmt Ihr zur Kenntnis, was da ist. Dann verändert
Ihr es. Wenn Ihr nicht nach Euren Erkenntnissen handelt, passiert
natürlich gar nichts. Aber trotzdem hängt alles vom ersten Schritt ab:
Selbstbeobachtung. Wir müssen als erstes sehen und überdenken, wie sich
unser tägliches Leben abspielt.
Wenn Ihr dies am Abend nach einem arbeitsreichen Tag wirklich macht,
werdet Ihr feststellen, dass einige Eurer Worte alles andere als
zweckdienlich und hilfreich waren. Vergegenwärtigt Euch dies
rückschauend und sagt Euch: "Was ich da und dort gesagt habe, war nicht
zweckdienlich. Morgen will ich es besser machen."
Vergesst nicht, die Beweggründe für Euer Tun zu untersuchen. Wer
seine Hilfe um jeden Preis aufdrängt, bewirkt nichts Gutes, ganz gleich
wo er es auch versucht. Alle guten Taten müssen zuerst im eigenen Herzen
reifen, damit sie auch von Herzen kommen können. Nur dann bewirken sie
Gutes.
Ihr könnt nicht etwas verschenken, das Ihr selbst nicht besitzt.
Niemand kann das. Ist das Herz offen und frei, wird sich Gutes daraus
entfalten. Ein reines Herz strahlt Reinheit aus. Ein von Liebe erfülltes
Herz strahlt Liebe aus, ganz unabhängig von den Worten, die gesprochen
werden. Ihr braucht Euch nicht einmal um besonders liebevolle und
entgegenkommende Worte zu bemühen, wenn Euer Herz liebt. Man wird in
jedem Fall die Liebe spüren, die hinter Euren Worten steht. Liebevolle
Rede ist also keine Frage der Wortwahl, sondern einzig und allein eine
Frage des Gefühls hinter den Worten.
Solange wir uns nicht immer und immer wieder darum bemüht haben, die
Beweggründe, das Motiv für unsere Äußerungen aufzudecken, sind
Unebenheiten in der Rede ebenso wenig zu vermeiden wie unwesentliches
Geschwätz und Worte, die zu Konflikten reizen. Diese Ausrutscher liegen
beständig auf der Lauer, um dem Geist zu schaden. Und unsere Meditation
wird darunter leiden, ob wir dies wollen oder nicht. Wer ist nun der
Leidtragende? Wir selbst. Unter den Folgen falscher Rede leidet stets
nur der, der sich zu falscher Rede hinreißen lässt.
Rede ist wichtig, ungeheuer wichtig, so wichtig, dass der Buddha
seinen siebenjährigen Sohn lang und breit darüber belehrte. Er tat dies
nach der siegreichen Rückkehr von der Suche nach Erleuchtung. Bei dieser
Gelegenheit sah der Buddha seinen Sohn überhaupt zum ersten Mal, denn
das Kind war in der Nacht geboren, in der der damalige Prinz Siddharta
den Palast seines Vaters verlassen hatte. Bei seinem ersten
Zusammentreffen mit seinem Sohn Rahula belehrte er diesen also über die
rechte Art zu reden, zum Beispiel nicht zu lügen. Das ist sehr wichtig
für ein Kind. In seinen Erklärungen betonte der Buddha, dass aus
falscher Rede alle anderen unrechten Dinge entstehen.
Unsere Worte müssen nicht unbedingt kränken oder beleidigen, um
falsche Rede zu sein. Es reicht, dass sie unfreundlich sind oder
sarkastisch. Es reicht, dass wir einen Scherz machen, der oberflächlich
besehen witzig sein mag, im Grunde jedoch die Fehler oder das Versagen
eines anderen Menschen brandmarkt.
Selbstbeglückwünschungen sind ebenfalls falsche Rede, wie überhaupt
alle Worte, mit denen wir uns nur selbst bestätigen wollen. All dies
sind die falschen Mittel und Wege, unsere Fähigkeit zu reden
einzusetzen, unser Sprachvermögen zu gebrauchen. Wir können diese Fehler
nur abstreifen, wenn wir bereit sind, uns zu beobachten und zu ändern,
wenn wir immer wieder genau überprüfen, was wir eigentlich sagen.
Der Buddha ist sehr häufig auf rechte oder falsche Rede eingegangen.
Aus gutem Grund. Damals wie heute haben die Menschen große
Schwierigkeiten damit. Unseren zwischenmenschlichen Kontakten fehlt es
zumeist an Wärme. Es fehlt das Herz. Und dies liegt nicht an dem, was
wir sagen. Es liegt an dem, was wir fühlen, und daran, wie
wir infolgedessen sprechen.
Deswegen lautet unsere Aufgabe, vorbehaltlose Liebe in uns zu
erwecken - eine Liebe, die nicht davon abhängt, ob die anderen
liebenswert und liebenswürdig sind oder nicht. Nur ein vollkommen
Erleuchteter, ein Arhat, ist auch vollkommen liebenswert. Alle anderen
Wesen haben Fehler, haben Mängel, haben dunkle Flecken, sind mit Makeln
behaftet. Wir vergeuden unsere Zeit und Energie, wenn wir über die
Fehler anderer Menschen nachdenken. Das führt zu nichts. Nur unsere
eigenen Makel und Fehler sind interessant für uns. Es sind die gleichen
wie bei den anderen, nur die Zusammensetzung ist individuell
verschieden.
Wer seine Rede nicht wie eine Kunst pflegt, an ihr feilt, bis sie die
richtige Wirkung zeigt und keine unangenehmen, negativen Echos mehr
hervorruft, der hat auch Buddhas Worte noch nicht so gehört, wie sie
gemeint sind.
Vollkommene Rede bedeutet, dass wir nicht lügen, dass wir nicht
verleumderisch über andere herziehen, dass wir nicht unfreundlich sind
und nicht beleidigend, dass wir nicht klatschen und tratschen, dass wir
die Menschen nicht gegeneinander ausspielen. Fehlt eines dieser
Elemente, ist unsere Rede auch nicht vollkommen. Alle gehören sie dazu.
Sie sind ein wichtiger Aspekt der Lehre. Wir dürfen ihn niemals
übersehen.
Vollkommene Anstrengung ist ein Schritt auf dem Edlen Achtfachen
Pfad. Sie ist wesentlich, ganz gleich ob es sich um weltliche Bemühungen
oder um die spirituelle Praxis handelt. Wir brauchen diese Vollkommene
Anstrengung, und doch verstehen wir nur schwer, was dies eigentlich ist.
Deswegen machen wir viele Fehler. Wir geraten auf Abwege. Das heißt, wir
tun meist zu wenig. Wie können wir feststellen, was das richtige Maß,
die Vollkommene Anstrengung ist?
Wir können uns eine verlässliche Richtschnur erarbeiten. Dazu müssen
wir uns am Abend nur den Verlauf des vergangenen Tages ins Gedächtnis
rufen und uns fragen: "Habe ich mich heute wirklich bemüht? Bin ich
tatsächlich bis an die Grenzen meiner Möglichkeiten gegangen (was auch
immer diese Grenzen im einzelnen sein mögen)? Oder habe ich es mir nur
leicht gemacht?" Ihr braucht niemand anderes danach zu fragen, weil
niemand für Euch antworten kann. Nur Ihr selbst wisst die richtige
Antwort. Ihr braucht auch mit niemandem darüber zu sprechen. Es reicht,
wenn Ihr selbst Bescheid wisst.
Vollkommene Anstrengung bedeutet, dass wir uns vollkommen einsetzen,
mit allen unseren körperlichen und geistigen Fähigkeiten. Wir sind uns
in dieser Hinsicht nicht gleich. Jeder ist ein bisschen anders, hat
andere Grenzen. Deswegen wird auch jeder selbst am besten wissen, wenn
er sich restlos eingesetzt, sich vollkommen angestrengt hat.
Ihr könnt dies leicht beurteilen, wenn Ihr Euch selbst prüft: "Habe
ich heute wirklich versucht, mehr zu tun als gestern? Habe ich versucht,
weiterzukommen, und sei es nur ein kleines Stück? Habe ich versucht,
fünf Minuten früher aufzustehen? Habe ich versucht, mir zwei zusätzliche
Worte von unserem Andachtsritual zu merken?" Das sind nur winzige
Schritte, aber sie sind tatsächlich schon jene Vollkommene Anstrengung,
um die wir uns bemühen; "Habe ich versucht, etwas länger in der
Sitzhaltung auszuharren? Zwei Sekunden länger? Fünf Minuten länger? Habe
ich mich bemüht, die Konzentration etwas länger zu halten? Habe ich
versucht, weniger negative Gedanken zu haben?" Vielleicht nur einen
einzigen negativen Gedanken weniger.
Steter Tropfen höhlt den Stein. Der geistige Weg ist kein
vielfarbiger Regenbogen, der vom Himmel herabfällt, wenn die Zeit reif
dafür ist. Der geistige Weg setzt sich aus vielen kleinen Schritten
zusammen - wie das Leben, das aus Tausenden von kleinen Begebenheiten
besteht. Leben, das ist im allgemeinen nicht eine Reihe umwerfender und
erschütternder Ereignisse. Davon gibt es in jedem Leben nur wenige,
vielleicht eines, vielleicht vier. Aber jedem von uns widerfahren
fünfzig, sechzig, siebzig oder achtzig Jahre lang jeden Tag von früh bis
spät unzählige kleine Ereignisse. Und dem entspricht unsere Anstrengung:
kleine Schritte, aber immer sind sie ein bisschen mehr, gehen ein
bisschen weiter als das, was wir gestern getan haben. Mit der Zeit ist
der Stein des Widerstandes dann ausgehöhlt.
Eines Tages sind wir für die letzte Anstrengung bereit: Wir
beseitigen alle falschen Vorstellungen, emanzipieren uns von der
Täuschung des Selbst. Voraussetzung ist allerdings, dass wir uns jeden
Tag bemühen, und sei es nur ein wenig. Tun wir dies nicht, werden wir
niemals für diese letzte Anstrengung bereit sein, weil wir schon vorher
immer wieder zurückfallen.
Wir sind sehr stark an angenehmen Empfindungen und Gefühlen
interessiert. Wir wollen es gern nett und bequem haben. Aber die winzige
Extra-Anstrengung, der kleine Schritt mehr, der darüber hinaus geht,
sind dem im Weg. Sie sind unbequem. Dabei sind Bequemlichkeit oder
Unannehmlichkeit an sich vollkommen unwichtig. Wir bringen keine
bedeutenden Leistungen zustande, wenn wir uns danach fragen. Im
Gegenteil: Wir untergraben unsere Bemühungen, wenn wir uns zu sehr mit
ihnen beschäftigen.
Uns fehlt jeglicher Anreiz, jegliche Motivation, wenn wir unsere
persönliche Bequemlichkeit nicht gelegentlich hinten anstellen. Wer dies
nicht auf sich nimmt, wer sich nie wirklich bemüht, wird schließlich
nicht mehr wissen, warum er überhaupt irgend etwas tut, sondern sich nur
noch um seine Bequemlichkeiten kümmern. Es ist so viel leichter bergab
zu rutschen als nach oben zu klettern, in jeder Hinsicht. Das Gesetz der
Schwerkraft regiert nicht nur unseren Körper. Es regiert auch unseren
Geist. Es ist wirklich viel leichter, bergab zu rutschen.
Die winzige Extra-Regung des Geistes, die die kleine zusätzliche
Anstrengung ermöglicht, schenkt uns tiefe Befriedigung. Wir können
zufrieden auf unseren Tag zurückblicken. Das ist wichtig. Wir sollten
diesen Rückblick keinen Tag versäumen. Wie sollten wir ohne ihn
unterscheiden lernen, was wichtig ist und was nicht? Der Rückblick
schenkt uns Zufriedenheit: "Ich habe mich bemüht. Ich habe mich
erfolgreich um die kleine zusätzliche Anstrengung bemüht"
Es gibt nur einen Augenblick: diesen jetzt. Die Zukunft? Es gibt sie
nicht. Sie ist ein Phantasieprodukt unserer Einbildungskraft. Wenn sie
dann wirklich eintritt, ist sie Gegenwart. Sie kann nicht in der Zukunft
geschehen. Wie wir sie uns auch vorstellen, sie wird niemals so sein,
weil wir sie nicht als derselbe Mensch erfahren werden, der wir jetzt
sind. Gedanken an die Zukunft sind also pure Zeitverschwendung.
Und gewiss verschwenden wir auch unsere Zeit, wenn wir in Gedanken in
der Vergangenheit herumwühlen. Sie ist unwiderruflich vorbei. Sie wird
niemals wieder zurückkommen. Wir können sie nicht wiederbeleben. Unsere
Erinnerungen sind lückenhaft und teilweise falsch, und deswegen sind wir
nicht einmal in der Lage, uns an irgend etwas korrekt zu erinnern. Die
Beschäftigung mit der Vergangenheit hat nur dann Sinn, wenn wir uns an
einen Fehler erinnern und aus ihm lernen, nicht noch einmal denselben
Fehler zu begehen. Dies können wir ziemlich schnell erledigen und ebenso
schnell wieder fallen lassen.
Wir leben in diesem Augenblick, hier und jetzt. Ein neuer Tag liegt
vor uns wie ein neues Leben. Am Morgen sind wir neugeboren. Wir stehen
vor einem neuen Tag, der unverdorben ist und strahlend. Im Verlauf
dieses neuen Tages durchleben wir ein ganzes Leben mit all seinen
dazugehörigen Emotionen: Vorlieben und Abneigungen, Ängsten und
Unsicherheiten, mit Anerkennung und Toleranz, Geduld, Liebe und
Mitgefühl. Dies alles geschieht im Laufe dieses einen Tages, den wir
achtlos vergeuden werden, sollten wir uns nicht bemühen, uns nicht ein
bisschen mehr anstrengen. Wenn wir jedoch einen Tag achtlos vergeuden,
ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass wir auch ein ganzes, wertvolles
Menschenleben vergeuden.
Der Buddha hat gesagt, dass unsere Menschenwelt die besten
Voraussetzungen für die Erleuchtung bietet. Es gibt Dukkha hier.
Dukkha ist ein guter Ansporn. Dukkha treibt uns weiter. Und es gibt
genug Sukha, genug Glück, genug Freude, so dass wir nicht in
vollständiger Niedergeschlagenheit dahinvegetieren.
Sukha kann uns allerdings leicht in die Irre führen, weil viele
Menschen der falschen Vorstellung frönen, dass sievon einer Freude zur
nächsten, von einem Glück zum nächsten hüpfen können, ohne je irgendein
Leid zu erfahren, wenn sie die Sache nur richtig anpacken, die Dinge nur
in den Griff bekommen. Dies ist ein Missverständnis wie vieles andere
auch. Trotzdem ist die Menschenwelt der optimale Bereich, denn wir alle
besitzen einen Geist, der sich sämtlicher Fesseln entledigen kann. Ohne
Anstrengung wird dies allerdings niemals geschehen. Ohne Anstrengung
geschieht überhaupt gar nichts, das eine positive Entwicklung fördert.
Es kommt vor, dass wir uns in einer Weise anstrengen, die unserer
Meinung nach zuviel von uns verlangt. Dies stimmt nicht. Wirstrengen uns
nur falsch an, weil wir von dem Ergebnis besessen sind, das die
Anstrengung uns bringen soll. Die fixe Idee vom Ziel führt dazu, dass
wir uns bei unserem Bemühen verspannen. Deswegen die Kopfschmerzen,
Rückenschmerzen, Sorgen und Enttäuschungen.
Wer bei seinem Bemühen ganz gleich welcher Art nur das Ziel im Sinn
hat, kann sich natürlich nicht auf dasBemühen selbst konzentrieren. Ganz
anders ist es, wenn wir nicht mehr an das Ziel denken, das wir zu
erreichen versuchen, wenn wir alle Gedanken daran loslassen. Dann können
wir all unsere Achtsamkeit und Aufmerksamkeit auf das Geschehen
richten,auf die Anstrengung, die wir unternehmen. Dann erst haben wir
einige Aussicht, dass unser Bemühen gelingen wird. Unsere Anstrengung
erzeugt keine Verspannung.
Manche Leute bekommen vom Meditieren Kopfschmerzen und schließen
daraus, dass irgendetwas faul sein muss an der Meditation. Sie kommen
nicht auf die Idee, dass der Fehler vielleicht bei ihrer Art der
Anstrengung liegt. Sie sind dermaßen auf ihr Ziel fixiert, denken nur
daran, endlich die höchste Sammlung oder was sonst auch immer zu
erreichen, dass die damit verbundene Anspannung ihnen einfach
Kopfschmerzen bereiten muss.
Unsere Anstrengung ist an sich schon die Belohnung, die wir
erstreben. Indem wir uns anstrengen, ernten wir den Lohn der
Anstrengung: die Befriedigung darüber, dass wir es getan haben. Hinzu
kommt, dass wir neue Kräfte hinzugewinnen. Wer sich körperlich in einer
für ihn ungewohnten Weise anstrengt, wird mehr Muskeln bekommen. Der
Körper gewinnt anWiderstandskraft. Er wird weniger schnell erschöpft und
schwierigeren Aufgaben und Situationen gewachsen sein. Dasselbe trifft
auch auf den Geist zu. Geht unser Bemühen auch nur ein wenig über das
gewohnte Maß hinaus, fördern wir damit automatisch die Spannkraft des
Geistes. Tun wir dies regelmäßig, bleibt der Geist voll entfaltet.
Das Gegenteil geschieht, wenn wir aufhören, seine Grenzen
auszudehnen. Dann zieht er sich zusammen wie ein Gummiband, das man
nicht mehr spannt. Wir müssen uns fortwährend bemühen, bis der Geist
schließlich eine Spannkraft gewonnen hat, von der es keinen Rückfall in
den alten Zustand mehr gibt: eine Spannkraft, durch die der Geist
vollkommen geschmeidig, formbar und entfaltet bleibt, so dass er das
Ganze sehen kann, anstatt nur jene winzigen Fleckchen des Universums,
jene Stecknadelköpfe, die jeder von uns bewohnt.
Wir müssen uns beständig und regelmäßig bemühen. Es hilft nicht, wenn
wir an einem Tag gar nichts tun, uns am nächsten Tag ungeheuer ins Zeug
legen, den Tag darauf wieder nutzlos verstreichen lassen, uns in
Selbstmitleid baden, erschöpft sind und unzufrieden. Das funktioniert
nicht. Nur stetige Bemühung führt zum Ziel, Tag für Tag, Minute für
Minute - und der Rückblick am Abend: "Habe ich mich wirklich bemüht? Ein
wenig mehr gegeben als gestern? Eine Minute mehr? Fünf Minuten mehr? Ein
Wort mehr? Zwei Worte mehr?" Ein oder zwei Worte mehr summieren sich im
Laufe der Zeit zu einem ganzen Text. Täglich eine Minute mehr
Konzentration macht bald eine ganze Stunde aus. Das dauert nur zwei
Monate! Eine Minute jeden Tag, und in zwei Monaten könnt Ihr eine ganze
Stunde länger in Sammlung verweilen!
Das ist einfach, nicht wahr? Aber irgendwo ist ein Haken bei der
Sache. Irgendwo müssen wir auf die Nase fallen. So ist es auch. Wir
fallen auf die Nase, weil wir zu sehr auf angenehme Gefühle erpicht
sind, hauptsächlich auf körperliche Glücksgefühle. Manchmal entstehen
diese, manchmal nicht. Die Chancen dafür stehen schlechter als fünfzig
zu fünfzig.
Es gibt nur drei Arten von Gefühlen: angenehme, unangenehme und
neutrale. Die neutralen stehen den angenehmen näher als den
unangenehmen, weil sie uns nicht leiden machen. Unsere instinktiven
Reaktionen haften an den angenehmen und versuchen, die unangenehmen zu
vermeiden oder loszuwerden. Diese Auseinandersetzung ist die
Hauptbeschäftigung des ungeschulten Geistes. So denkt er. Darauf ist er
aus. Da sich Freude und Glück jedoch nicht ewig aufrechterhalten lassen,
hält die Jagd danach den Geist bis zum Ende des Lebens beschäftigt und
ist zudem Bindeglied und Ursache für die nächste Wiedergeburt.
Die Jagd nach Glück ist wirklich ein vollkommen sinnloses
Unterfangen. Je früher wir uns dies vergegenwärtigen, desto besser für
uns. Je früher wir einsehen, dass wir nichts anderes tun, und lernen,
hier und jetzt davon zu lassen, desto eher dürfen wir mit Recht von uns
behaupten, dass wir Dhamma praktizieren.
Aber es gibt auch angenehme Gefühle, die durch und durch gesund sind.
Sie fließen uns aus unserer inneren Stärke zu, die ihrem Wesen nach
innere Freude ist. Innere Freude erwächst uns aus dem Wissen, dass wir
uns völlig hingegeben, wirklich unser Bestes gegeben haben: Dass wir uns
in die Praxis hineingegeben haben, die zur Erleuchtung führt. In was
sonst sollten wir uns auch hineingeben? Es gibt darüber hinaus nichts,
was wir auf dieser Welt Sinnvolles tun können. Alles andere ist
nebensächlich.
Was wir auch tun, es kommt darauf an, wie wir es tun. Es ist
völlig gleich, ob wir ein Buch schreiben oder Karotten schneiden.
Wirklich, es besteht dazwischen kein wesentlicher Unterschied. Die Welt
mag dies nicht glauben. Die Leute meinen, Bücherschreiben wäre
bedeutender als Karottenschneiden. Aber das ist ein Irrtum. Nicht was
wir tun zählt, sondern wie wir es tun.
Wir machen unsere Sache richtig, wenn wir vollkommen achtsam,
vollkommen dabei sind: wenn wir das "Ich" dabei loslassen. Das ist beim
Karottenschneiden im übrigen leichter zu erreichen als beim
Bücherschreiben. Wichtig ist, dass nicht "Ich" etwas tue. Es muss etwas
getan werden. Also wird es getan. Daneben gibt es keinen Maßstab, keinen
Grund, überhaupt irgend etwas zu tun. Das "Ich" kommt nicht in die
Quere, und wenn es in die Quere kommt, dann nur als der altbekannte
Störenfried, der Aufsehen erregen und Wogen der Emotion aufrühren will,
die niemanden glücklich machen.
Die Beobachtung unserer Reaktionen zeigt uns, dass diese Reaktionen
vorprogrammiert sind. Betrachtet Eure Reaktionen, und Ihr durchschaut
Euer Programm. Dann habt Ihr nur noch einen Wunsch: "Wie komme ich hier
bloß raus!" Es bestärkt nicht gerade das "Ich", wenn Ihr seht, wie sehr
Ihr vorprogrammiert seid. Ihr seht dann, dass Ihr immer auf dieselbe
alte Tour reagiert, und diese Beobachtung ist für das "Ich" nicht gerade
schmeichelhaft.
Instinkte programmieren uns. Wünsche programmieren uns. Das Haften an
unserem Selbstbild programmiert uns. So sind wir vorprogrammiert! Die
meisten Menschen glauben, dass sie alles im Griff haben, weil sie denken
können, weil ihr Geist funktioniert. Das stimmt nicht. Keiner hat irgend
etwas im Griff. Wir reagieren. Zu mehr sind wir nicht fähig. Sollte
tatsächlich irgend jemand das Geschehen vollkommen im Griff haben, wie
etwa ein Arhat, der bereits völlig erleuchtet ist, so würde niemand mehr
unglücklich, besorgt, ängstlich oder verwirrt sein. Wer das Geschehen
tatsächlich im Griff hat, würde solche schmerzlichen Erlebnisse doch
nicht mehr zulassen, meint Ihr nicht auch? Warum würde er dies wollen?
Das wäre doch vollkommen verrückt, absurd. Aber das sind nur
Spekulationen. Tatsache ist: niemand hat das Geschehen in der Hand. Es
gibt absolut keine Kontrolle, nur ein Programm, ein von Instinkten
vorprogrammiertes Programm.
Betrachtet Ihr dann dieses Programm, indem Ihr Euch um Achtsamkeit
bemüht, werdet Ihr erkennen, dass es eigentlich niemanden gibt, der
reagiert, der mit diesem Programm operiert. Nur die Reaktionen selbst
sind da. Mehr nicht: Reaktionsketten. Nach dieser Erkenntnis bleibt
nichts mehr zu tun. Freude und Verdruss gleiten ab wie nach dem Tauchen
das Wasser von den Federn einer Ente. Nur das Mitgefühl bleibt. Das
Mitfühlen Buddhas mit Wesen, die Leiden und Unbefriedigtsein (dukkha)
erfahren.
Um dahin zu gelangen, müssen wir uns anstrengen, täglich bemühen,
Minute für Minute. Und dies schaffen wir nur, wenn wir immer ein
bisschen mehr leisten als gestern, bis schließlich der ganze Tag erfüllt
und getragen ist von freudigem Bemühen. Wir müssen nicht die Zähne
zusammenbeißen und uns einreden: "Jetzt muss ich aber endlich etwas
tun." Nichts dergleichen. Ist einmal die richtige Motivation vorhanden,
fällt uns dieses Bemühen nicht schwerer, als einen steckengebliebenen
Wagen wieder flott zu machen. Der erste Schub ist sehr, sehr schwer.
Aber wenn sich die Räder dann einmal drehen, gehört kein großer
Kraftaufwand dazu, dafür zu sorgen, dass sie sich weiterdrehen.
Niemand kann uns motivieren. Wir müssen uns selbst motivieren, und
zwar richtig: "Ich will raus aus meinem Dukkha!" Das ist die richtige
Motivation. Sie wird uns weiterbringen. "Ich hätte es gern nett und
bequem", ist die falsche Motivation und außerdem von vornherein zum
Scheitern verurteilt. Es geht nicht. Wir können uns nicht permanent
wohlfühlen. Unmöglich. Es ist kein Saft, keine Kraft hinter dem Wunsch:
"Ich will es nett und bequem haben" Er trägt uns nicht. "Ich will raus
aus meinem Dukkha", hingegen stellt einen starken Antrieb dar. Mit
dieser Motivation wird aus unserem Bemühen unsere größte Freude. Wir
wissen, dass wir auf etwas außerordentlich Bedeutsames hinarbeiten, und
dies macht uns froh.
Wichtig ist, dass wir vollkommen achtsam bleiben, was auch immer wir
tun, dass wir bewusst wahrnehmen, was dem Körper widerfährt, und somit
Körper und Geist zusammenhalten, ohne Spaltung, ohne Trennung. Damit
fördern wir unsere Meditation. Damit bleiben wir auf dem Pfad, auf dem
wir die Täuschung abstreifen können. Wir sind dann nicht länger dem
Irrtum aufgesessen, dass "wir" etwas tun, dass da ein "Ich" ist, das
etwas tut. Was nicht heißt, es gäbe kein Tun mehr. Da findet auch
weiterhin ein Tun statt, nur ist keiner da, der es tut.
Bis es soweit ist, zählt nur das Tun selbst, nicht das Ergebnis. Es
zählt die Anstrengung, das Bemühen, das kleine bisschen mehr Leistung
als gestern. Wir müssen uns vergegenwärtigen und klar erkennen, dass es
nur eine richtige Richtung gibt: den Entschluss, Dukkha hinter uns zu
lassen. Es gibt nicht zwei Richtungen, in die wir gehen könnten. Nur
eine.
Prüft Euch selbst: "Woher kommt mein Leiden, mein Dukkha? Warum
erfahre ich Dukkha? Was gefällt mir nicht? Woran reibe ich mich immer
wieder?" Mit dieser Art Selbstbetrachtung und -befragung wird uns jeder
Tag zur Freude. Sind wir auch nur einen einzigen Tag nicht froh darüber,
dass wir leben, stimmt irgendetwas nicht in unserem Geist.
Jeder Tag gibt uns eine kostbare Gelegenheit. Die kostbare
Gelegenheit ist die Bemühung, das Selbst zu überwinden. Bemühen wir uns
jeden Tag darum, das Selbst zu überwinden, dann leben wir jeden Tag
freudig. Ob das Wetter heiß ist, kalt, nass oder trocken; ob das Essen
gut schmeckt oder schlecht, zu spät serviert wird oder zu früh, schwer
verdaulich ist oder leicht, alles das ist egal, macht keinen
Unterschied. Alles zielt nur noch auf eine Richtung ab: das Selbst
überwinden.
Jeder muss für sich beurteilen, ob er Vollkommene Anstrengung
verwirklicht. Niemand kann für den anderen sagen: "Du strengst Dich
nicht genug an" Oder: "Du strengst Dich zu sehr an." Jeder von uns hat
ein anderes Leistungsvermögen. Aber jeder hat auch die Pflicht, die
Obergrenze seines Leistungsvermögens zu erkunden, anstatt auf der
Untergrenze sitzen zu bleiben. Die Welt mag zwar nach dem Prinzip der
Minimalleistung, dem Weg des geringsten Widerstandes funktionieren. Der
geistige Weg funktioniert mit Sicherheit nicht so.
Körper und Geist hängen eng zusammen. Wir können dies gut am Beispiel
der Meditation betrachten. Wenn wir meditieren wollen, müssen wir
sitzen. Das ist eine körperliche Leistung. Wir können uns nicht locker
am Boden lümmeln. Das würde der Meditation nicht gut bekommen. Was wir
auch tun, Körper und Geist sind gemeinsam daran beteiligt, und
Achtsamkeit führt die beiden wirklich zusammen. Kommt uns der Gedanke:
"Na ja, eigentlich mag ich gar nicht hier sitzen. Ich sollte besser
etwas anderes tun" so heißt dies, dass unser Geist von der Meditation
abschweift.
Dieser Gedanke zeigt allerdings, dass wir den Zusammenhang von Körper
und Geist nicht begreifen. Wenn Körper und Geist gemeinsam an allen
Tätigkeiten beteiligt sind, brauchen wir nicht mehr zwischen dieser und
jener Tätigkeit zu unterscheiden. Ob wir auf dem Kissen sitzen, ob wir
arbeiten, ob wir etwas anderes tun, immer ist es eine Tätigkeit von
Körper und Geist (náma-rúpa). Unsere Aufgabe ist, dies bewusst zu
erfahren.
Und weiter: In diesem Rahmen von Körper und Geist schwirrt eine
Täuschung umher - das "Ich". Und das "Ich" kommt uns ständig in die
Quere. Schaut es Euch an. Seht, wie es Euch in die Quere kommt. Diese
Beobachtung ist sehr hilfreich. Wenn Ihr nämlich seht, wie das "Ich"
Euch dauernd einschränkt und behindert, werdet Ihr es wahrscheinlich
bald satt haben. Ihr kommt vielleicht darauf, dass es sich nicht
auszahlt, dieses "Ich" immer um Euch zu haben, denn es hört nicht auf,
Euch in Situationen zu manövrieren, in denen es Euch schlecht ergeht.
Das "Ich" satt haben ist der erste Schritt, es loszulassen. Und
dieser Schritt erfordert Anstrengung. Indem Ihr Euch in diese
Anstrengung hineinbegebt, lasst Ihr das "Ich" schon ein wenig los. Jedes
Mal, wenn Ihr Euch ganz gebt, wird das "Ich" ein bisschen kleiner. Das
ist überhaupt die Voraussetzung. Sonst könntet Ihr Euch nämlich gar
nicht richtig geben.
Macht abends Euren Tagesrückblick. Fragt Euch: "Habe ich mich ein
wenig mehr bemüht? Oder habe ich meine Zeit vergeudet? Habe ich ein Wort
mehr im Gedächtnis behalten? Oder habe ich ein Wort vergessen? Wie ist
der Tag gewesen?" Aber kommt nicht auf die Idee, Euch zu beschimpfen.
Keine Selbstvorwürfe, bitte!
Selbstbeobachtung heißt nicht Selbstverdammung. Was zählt, ist der
gute Vorsatz, wie am Sylvesterabend, wenn das neue Jahr beginnt. Ein
neuer Morgen, ein neues Leben. Ein neuer Vorsatz für das neue Leben, den
neuen Tag.
Auf diese Weise gewinnt jeder Tag eine Heiterkeit, die ihn trägt. Er
sackt niemals durch, gerät niemals völlig aus den Fugen. Kein Tag
animiert uns mehr zu verzweifelten Stoßseufzern wie: "Oh, wenn der Tag
doch bloß schon vorbei wäre!" Jeder Augenblick wird sinnvoll und
nützlich verwertet. Nicht nur das: jeder Augenblick schenkt Freude.
Ein freudloses heiliges Leben? Undenkbar! Das kann nicht gut gehen.
Freude ist der aktive Bestandteil, sozusagen die Hefe im Teig. Ohne
Freude kann sich das heilige Leben nicht zu voller Höhe entfalten. Also:
genießt jeden Augenblick - besonders die Anstrengung.
Der Edle Achtfache Pfad, die Blaupause des Weges zum Nibbana,
beginnt mit Vollkommener Anschauung, der vollkommen richtigen
Sichtweise. Das ist auffallend und wert, dass man darüber nachdenkt. Was
bedeutet Vollkommene Anschauung? Was für eine Art Sichtweise oder
Einsicht ist das?
In einer Lehrrede (dem Brahmajála Sutta) zählt der Buddha
zweiundsechzig Anschauungen auf. Darin sind alle Anschauungen enthalten,
die überhaupt möglich sind. Mehr können wir nicht haben. Und: sie sind
allesamt falsch. Sie sind falsch, weil unsere Vorlieben und Abneigungen
sie verfärben, weil sie vom Makel unserer Ich-Täuschung befleckt sind.
Dies ist ein wichtiger Punkt. Wir dürfen ihn nicht vergessen.
Unsere Sichtweisen und Meinungen führen dazu, dass wir uns streiten,
dass wir bestimmte Dinge nicht leiden können, dass wir böse werden, dass
wir uns sorgen und ängstigen und uns Feinde machen. Und dies alles nur
auf Grund von Meinungen und Anschauungen, von denen jede einzelne falsch
ist! Bevor wir Erleuchtung erlangt haben, gibt es für uns keine
Vollkommene Anschauung, keine Sichtweise, die absolut richtig ist.
Dies bedeutet jedoch nicht, dass wir in unserem Leben nicht diese
oder jene Entscheidung fällen dürfen, denn Entscheidungen müssen nicht
unbedingt an eine unverrückbare Meinung gebunden sein. Ein Gesichtspunkt
oder eine Meinung ist im allgemeinen eine festgefahrene Art des Sehens,
eine vorfabrizierte Vorstellung, mit deren Hilfe wir die Welt und einen
individuellen Standpunkt in ihr begreifen. Wir können solche Standpunkte
haben, müssen sie sogar haben, weil wir ohne sie funktionsunfähig wären.
Darüber dürfen wir jedoch niemals vergessen, was sie sind: Sichtweisen,
Meinungen. Als solche sind sie nicht die absolute Wahrheit.
Unter dieser Voraussetzung können wir andere Ansichten leichter
akzeptieren. Wir müssen uns nicht hinter unserem Standpunkt verschanzen
und ihn bis zum letzten Blutstropfen verteidigen. Stattdessen sagen wir
uns: "Nun gut, so sehe ich die Sache. Ein anderer sieht sie anders." Die
beiden Ansichten mögen einander entgegengesetzt sein. Was nicht heißt,
dass wir über den Widerspruch des anderen wütend werden und unsere
eigene Anschauung für richtiger halten müssen. Warum auch? Es sind ja
beides nur Sichtweisen.
Dazu ein Beispiel: Vier Freunde gehen durch einen Wald. Sie machen
gemeinsam eine Wanderung. Der eine ist Botaniker. Er hat stets Notizbuch
und Bleistift in der Hand. Er ist ganz aufgeregt über die vielen
Pflanzen, die er dort zu Gesicht bekommt, und notiert sich ihre Namen.
Wenn er auf ein ihm bisher unbekanntes Gewächs trifft, zeichnet er es
ab, um es später genauer bestimmen zu können. Der nächste ist Förster.
Da im Sommer auf diesen Landstrich gewöhnlich kein Tropfen Regen fällt,
denkt er einzig und allein daran, wo er zur rechten Zeit kleine Brände
legen kann, um das Unterholz auszudünnen und so der plötzlichen
Zerstörung durch einen großen Waldbrand vorzubeugen. Der dritte ist
Naturschützer. Er sieht, dass dieser Wald noch ganz unberührt ist, und
denkt sofort daran, sich mit Eingaben an die richtigen
Verwaltungsstellen zu richten, damit er auch für zukünftige Generationen
in diesem Zustand erhalten bleibt. Der vierte und letzte hat eine
Viehzucht und betreibt Milchwirtschaft. Seine Gedanken gehen deswegen in
eine ganz andere Richtung. Er sieht nur, welche Flächen man roden
könnte, um möglichst viel Weideland zu bekommen. Der jetzige Zustand ist
seiner Meinung nach nur eine Verschwendung von gutem Grund und Boden.
So haben sie also alle ein anderes Bild von dem Wald. Und jeder hält
natürlich seine Sicht für richtig und vollkommen. Sonst würde er sie gar
nicht haben. Würden sie ihre gegensätzlichen Meinungen offen
aussprechen, ihre Freundschaft könnte daran zerbrechen und sich in
Feindschaft verwandeln. Jeder hält seine eigene Sicht des Waldes für die
richtige. Zweifellos: dieses herrliche Grün muss auch zukünftigen
Generationen erhalten bleiben. Zweifellos: das Unterholz muss gezielt
weggebrannt werden. Zweifellos: am besten man rodet so viel wie möglich
und macht Weideland daraus. Jeder Standpunkt ist für sich vollkommen
schlüssig. Es kann gar nicht anders sein.
Dabei gibt es noch Dutzende von anderen Möglichkeiten, den Wald zu
betrachten, wie wir auch jeden anderen Aspekt des Daseins aus unzähligen
Blickwinkeln erfassen können. Wir betrachten grundsätzlich alles von
unserem eigenen Gesichtspunkt aus: Vom Gesichtspunkt des Försters,
Viehzüchters, einer Frau, eines Buddhisten, eines Senioren, eines
Jugendlichen.
Kommen wir zu unseren vier Freunden zurück. Sie haben jeder ihren
Standpunkt, und jeder dieser Standpunkte hat seine Vorzüge. Aber keiner
sieht das Ganze. Sie sind jeweils nur eine Teilsicht, die uns zusagt,
weil sie unseren Vorlieben und Abneigungen und unserer besonderen Form
der Ich-Identifizierung Rechnung trägt.
Die Anschauung, das Sehen eines Buddha dagegen ist vollkommen:
Samma Ditthi. Für sich allein bezeichnet Ditthi (Meinung,
Sichtweise, Anschauung) grundsätzlich eine verfälschte Sicht der Dinge.
Das heißt aber: Mit Ausnahme der Vollkommenen Anschauung eines Buddhas
ist jede Anschauung mit Fehlern behaftet, also falsch. Es gibt im Grunde
keine andere gültige Anschauung als die Vollkommene Anschauung. Dies ist
der erste Schritt auf dem Edlen Achtfachen Pfad - und gleichzeitig der
letzte. Es ist der erste Schritt, weil er uns zum Pfad hinführt, und der
letzte, weil er den erfolgreichen Abschluss unseres Übens kennzeichnet.
Gewöhnlich führt uns eine ganz bestimmte Einsicht zum Pfad. Wir
erkennen, dass es erstens mit uns so nicht weitergehen darf und dass wir
zweitens tatsächlich eine Alternative haben, dass wir etwas anderes tun
können. Es liegt nicht an der Welt, wenn die Dinge nicht so sind, wie
sie sein sollten. Dies ist die erste dunkle Ahnung von Vollkommener
Anschauung. Sie ermöglicht den Eintritt in einen Weg geistiger Schulung.
Vollkommene Anschauung ist ein Aspekt von Weisheit (paññá).
Unsere Schulung umfasst drei Felder: Sila, Samádhi und Paññá.
Sila ist sittlich einwandfreie Lebensführung. Samádhi ist Konzentration
oder Sammlung. Paññá ist Weisheit. Gewöhnlich ziehen wir sie in
dieser Reihenfolge in Erwägung. Der Edle Achtfache Pfad beginnt jedoch
mit Weisheit. Wir brauchen ein gewisses Maß an Weisheit oder Einsicht,
um überhaupt einen Anfang zu machen.
Kamma, das Ursache / Wirkungs-Syndrom, ist ein anderer Aspekt
Vollkommener Anschauung. Alle Ursachen rufen Wirkungen hervor. Sie
können geringfügige Folgen haben, glimpflich ausgehen. Die Konsequenzen
können aber auch sehr deftig ausfallen. Gute Gedanken bewirken gute
Worte. Gute Worte führen zu guten Taten. Gute Taten lassen in unserem
Herzen Genugtuung und Zufriedenheit wachsen. Damit ernten wir die
unmittelbare Wirkung unseres Kammas (vipáka).
Genugtuung und Zufriedenheit gewähren uns die Möglichkeit zu
erfolgreicher Meditation. Wir können nicht meditieren, wenn wir Verdruss
und Unzufriedenheit in unserem Herzen tragen. Die Meditation soll uns
beglücken. Allerdings können wir gar nicht meditieren, wenn wir nicht
wenigstens ein bisschen glücklich sind. Nur ein glücklicher und
freudiger, nur ein zufriedener Geist kann das Denken loslassen. Deswegen
hat das Kamma, das wir produzieren, einen ungeheuren Einfluss auf unsere
Meditation.
Mit jeder Entscheidung, jeder Wahl, die wir treffen, produzieren wir
Kamma. Im Wachzustand treffen wir fast permanent irgendwelche
Entscheidungen. Einige sind nebensächlich. Andere haben
durchschnittliche Konsequenzen. Das Leben besteht gewöhnlich aus
Durchschnitts-Momenten. Es zeichnet sich im allgemeinen nicht durch eine
Häufung von absoluten Hoch- und Tiefpunkten aus. Zumeist verläuft es in
eher eintöniger Gleichförmigkeit. Wir stehen nicht permanent vor
schweren, folgenreichen Entscheidungen.
Trotzdem sind auch unsere kleinen Entscheidungen wichtig. "Wie
verhalte ich mich in dieser Situation? Wie reagiere ich auf diese
Anforderung? Was fühle ich bei diesem Menschen? Wie gehe ich mit den
gegebenen Umständen um? Was spielt sich gerade in meinem Geist ab? Ist
es hilfreich? Nützlich? Heilsam?"
Von früh bis spät müssen wir solche oder ähnliche Entscheidungen
fällen. Und diese Entscheidungen rufen entsprechende Kamma-Wirkungen
hervor. Auch wenn sie nicht unbedingt vernichtende Folgen haben,
erzeugen sie doch Geisteszustände, die die Meditation entweder fördern
oder nicht.
Für ein harmonisches, bewusstes Leben ist die Übung der Meditation
unerlässlich. Wir müssen deshalb bedenken, dass jede kleine Entscheidung
wichtig ist. Und wir müssen uns darüber im klaren sein, dass es an uns
selbst liegt: Wir haben die Wahl. Wir dürfen nicht ewig die Sklaven
unserer Emotionen oder an unsere Reaktionen gefesselt bleiben. Unser
Kamma ist unsere Entscheidung.
Aber wir haben im Rahmen unseres Kammas nur einen bestimmten
Spielraum. Wir können nicht völlig absolut und x-beliebig entscheiden.
Wir können unseren Spielraum jedoch erweitern, und zwar dadurch, dass
wir uns geschickt entscheiden. Damit erschließen wir uns immer mehr
Möglichkeiten.
Wollen wir den Erfolg unserer Meditation gewährleisten, müssen wir
den ganzen Tag über wach und präsent sein, ganz gleich was wir denken
oder tun. Vollkommene Anschauung geht davon aus, dass wir selbst
Eigentümer und Erben unseres Kammas sind. Ferner geht sie davon aus,
dass keine individuelle Sichtweise jemals absolut richtig sein kann.
Natürlich können wir Anschauungen haben. Aber wir müssen uns zu der
Einsicht bequemen, dass diese Anschauungen falsch sein könnten. Mit
dieser Einstellung unseren eigenen Anschauungen gegenüber sind wir
offener und toleranter, wenn andere uns ihre sagenhaften und
phantastischen Anschauungen schildern. Das ist der Beginn des Pfades.
Der Pfad führt zu der korrekten Einschätzung jener Wesenheit, die wir
meinen, wenn wir "Ich" sagen, jener Wesenheit also, die alle diese
Probleme, Schwierigkeiten, Freuden, Vergnügungen, Ambitionen,
Hoffnungen, Wünsche und Erinnerungen hat. Wir gelangen zu der Einsicht,
dass sich dieses "Ich" aus verschiedenen Vorstellungen und Empfindungen
zusammensetzt; erkennen ferner, dass unsere jetzige Sicht dieses "Ich"
niemals vollkommen sein kann, weil sie stets mit Fehlern behaftet ist.
Um unserem Herzen Frieden schenken zu können, muss sich Vollkommene
Anschauung notwendigerweise von unserer bisherigen Sichtweise
unterscheiden.
Aus diesem Grund müssen wir meditieren. Wir brauchen eine Art der
Meditation, die zu diesem Ziel führt. Von höherer Warte mag diese Ziel-
oder Erfolgsorientierung keine besonders glückliche Ausdrucksweise sein.
Aber wir haben keine besseren Worte. Wie dem auch sei, unsere Meditation
muss gelingen, weil wir einen ruhigen und geschulten Geist benötigen,
einen Geist, der sich aus den Mustern seines alten Selbstverständnisses
herauslösen kann. Nur so werden wir auch uns selbst neu verstehen
lernen.
Jeder hat bestimmte Vorstellungen von sich, glaubt zu wissen, wozu er
fähig ist und wozu nicht, was seine Hauptvorzüge und
Hauptschwierigkeiten sind. Aber das sind alles nur Anschauungen,
begrenzte Sichtweisen. Keine davon ist fundamental, keine absolut
wirklich. Trotzdem sind diese Sichtweisen in der relativen Wirklichkeit,
in der wir nun einmal leben, mehr oder weniger wahr. Aber nicht in einer
Wirklichkeit, die absolut ist, die allem, was wir sind, zu Grunde liegt.
In dieser absoluten Wirklichkeit bleiben sie bedeutungslos.
Wir können nur eine gesunde Einstellung zu uns selbst haben. Wir
finden zu ihr, wenn wir die totale Wandelbarkeit aller konditionierten
Dinge begreifen. Es gibt nichts, an dem wir festhalten könnten. Alles
ist Manifestation, was seinen Geist und seinen Körper angeht in
ständigem Wandel begriffen. Jeder von uns setzt sich aus den Vier Großen
Elementen zusammen... und ist doch zugleich eine Wesenheit ohne
Wesenskern.
Der Intellekt kann diese Vollkommene Anschauung nicht begreifen, der
Geist sie nicht akzeptieren, es sei denn, unsere Meditation ist so weit
gediehen, dass unser Glück und unser Frieden nicht mehr von äußeren
Umständen abhängen. Nur ein zufriedener, in sich ruhender Geist wird
diesen neuen, radikal anderen Standpunkt akzeptieren können. Ergötzt der
Geist sich noch an seinen Schwierigkeiten, wie sollte er sich dann mit
der Erkenntnis anfreunden können, dass da eigentlich gar keiner ist, der
diese Schwierigkeiten hat?
Wollen wir zu dem Punkt gelangen, an dem unsere Sichtweise absolut,
dass heißt vollkommen wird, wie der Buddha es lehrt, anstatt weiterhin
im Relativen zu dümpeln, müssen wir Kamma richtig einschätzen und
verstehen. Wir müssen jeden Augenblick wachsam sein, beobachten, damit
wir eine Art Kamma hervorbringen, die unserer Meditation eine Aussicht
auf Erfolg gibt.
Wir können die Lehren Buddhas von zwei Seiten betrachten: von der
relativen und von der absoluten Seite. Aus relativer Sicht muss sich
jeder einzelne sehr angestrengt um einen Zustand geistiger Sammlung und
Vertiefung bemühen. Aus absoluter Sicht ist niemand da, der sich bemühen
könnte. Verwechselt diese beiden Sichtweisen niemals miteinander.
Wir brauchen das relative Verständnis, unbedingt sogar. Nur mit
seiner Hilfe gelangen wir zu absolutem Verstehen. Das relative
Verständnis ist die Wirklichkeitsebene, auf der "ich" mich bemühe, auf
der "ich" versuche, etwas zu erreichen. Solange "ich" dies nicht
wirklich versuche, bleibt der Zugang zu absolutem Verstehen
verschlossen. Wir können uns nicht zur höheren Ebene des Bewusstseins
emporschwingen, solange wir nicht die niedere Ebene völlig absorbiert
und uns vorbehaltlos eingesetzt haben.
Am Anfang hat Vollkommene Anschauung eine relative Wirklichkeit. Sie
schenkt uns die Einsicht, dass wir an uns arbeiten, uns verändern
können, dass wir Kamma und seine Wirkungen wahrnehmen und um die
Relativität aller Anschauungen wissen. In diesem Sinn ist keine
Anschauung wirklich perfekt. Jeder hat eben seine ganz bestimmten
Ansichten und Meinungen. Mit der Übung des Edlen Achtfachen Pfades
gelangen wir dann schließlich zu absolutem Verstehen, der absoluten
Vollkommenen Anschauung.
Mit Vollkommener Anschauung geht Vollkommene Absicht einher. Sie ist
ein weiteres Element des Edlen Achtfachen Pfades und ein bedeutsames
dazu. Ohne die richtige Motivation, eben die Vollkommene Absicht, kann
es keinen Weg spiritueller Schulung geben. Zu Beginn werden unsere
Absichten vielleicht falsch und eher fragwürdig sein. Wir kommen aus den
falschen Gründen an einen Ort geistiger Schulung. Das ist nicht weiter
schlimm. Auch zu Lebzeiten Buddhas hat es dies schon gegeben. Im Laufe
der Praxis werden sich unsere Absichten schon noch verändern: sie werden
sich Vollkommener Absicht nähern und mit ihrverschmelzen. Aber dazu
müssen wir uns anstrengen. Unser Bemühen muss unsere Absichten mit Leben
erfüllen.
Der Buddha hatte einen Vetter, Nanda. Dieser Vetter war sich lange
Zeit unschlüssig, ob er Mönch werden oder sich verheiraten sollte.
Einerseits fühlte er sich zum mönchischen Leben hingezogen, denn sein
berühmter Verwandter, der Buddha, war ja ebenfalls Mönch. Andererseits
zogen ihn seine persönlichen Neigungen eher in Richtung Ehe. Seine
Eltern hatten das ewige Hin und Her schließlich satt. Sie handelten. Sie
besorgten ihm eine Braut und setzten einfach den Tag der Hochzeit fest.
Der Buddha war als Ehrengast ebenfalls eingeladen. Nach dem Mittagsmahl
sollte die Ehe geschlossen werden. Bevor es dazu kam, sprach der Buddha
Nanda an: "Folge mir. Ich möchte, dass Du meine Almosenschale für mich
zum Kloster trägst"
Nanda konnte diese Bitte schlecht abschlagen, denn der Buddha war das
geachtetste Mitglied der gesamten Sippe und obendrein der Ehrengast.
Auch wenn er eigentlich keine Lust dazu hatte, trottete Nanda doch
hinter dem Buddha her und trug die Almosenschale zum Kloster. Dort bat
der Buddha ihn, sich einen Augenblick hinzusetzen. Nanda erwiderte, das
ginge nicht, er wäre in Eile. Der Buddha fragte, warum. "Ich heirate
heute. Das weißt Du doch. Du warst ja selbst bei dem Festessen dabei."
Darauf der Buddha: "Warum willst Du heiraten? Was ist so bedeutsam
daran?" Nanda erwiderte: "Oh, diese Frau ist wirklich eine Schönheit.
Ich liebe sie und will sie heiraten, unbedingt." Dazu meinte der Buddha:
"Wenn Du hier im Kloster bleibst und nach meinen Anweisungen übst,
kannst Du fünfhundert Frauen haben, die obendrein noch viel schöner sind
als Deine Braut." Nanda skeptisch: "Wirklich? Stimmt das auch!" Der
Buddha bejahte. So blieb Nanda bei ihm, um zu üben. Gelegentlich ging er
nach einer gewissen Zeit der Klausur zum Buddha und erkundigte sich:
"Was ist nun mit den fünfhundert schönen Frauen, die Du mir versprochen
hast?" Der Buddha entgegnete ihm daraufhin stets: "Ich habe Dir gesagt,
dass Du dahinter kommen wirst, was es mit diesen Frauen auf sich hat,
wenn Du nur genügend übst. Also geh' und übe weiter." Nanda folgte
diesem Rat. Er übte beharrlich, wurde erleuchtet und war nicht länger an
fünfhundert schönen Frauen interessiert.
Was aber hatte es mit dem Versprechen auf sich, dass der Buddha Nanda
gab? Nun, er hatte seinem Vetter versichert, dass dieser mit der Zeit
fähig sein werde, den Götter-Bereich zu besuchen und die Göttinnen zu
sehen, die sehr viel anmutiger sind als jede Frau der Erde. Einzige
Voraussetzung dafür war, dass Nanda gründlich übte. Das ist zwar keine
schickliche Absicht für einen Eintritt in den Mönchsorden, war jedoch
die einzige Verlockung zum geistigen Weg, bei der Nanda wirklich Feuer
fangen würde. Sie entsprach seinem Charakter, den er dann durch
kontinuierliches Üben wandelte. Am Anfang seiner Praxis stand zwar keine
vollkommene und vor allem keine lautere Absicht: Aber selbst die falsche
Absicht führte zum richtigen Ergebnis.
Vollkommene Absicht muss sich mit ernsthaftem Bemühen um die Praxis
verbinden, die ihrerseits alle Facetten des Daseins einschließen sollte,
den Alltag nicht weniger als die Perioden formaler Meditation.
Vollkommene Anschauung und Vollkommene Absicht bilden zusammen den
Weisheitsaspekt des Edlen Achtfachen Pfades, der am Anfang unseres Weges
steht. Wir brauchen ein gewisses Maß an Weisheit, um überhaupt zu diesem
Pfad zu kommen. Diese Weisheit mag relativ sein. Trotzdem brauchen wir
sie. Sonst fangen wir gar nicht erst an.
Ansichten und Meinungen bedeuten noch in anderer Hinsicht Gefahr für
den Geist: sie verhärten ihn. Der Buddha hat einmal vier Kategorien
möglicher Schüler unterschieden und ihre Verschiedenheit anhand eines
Bildes verdeutlicht. Die erste Kategorie gleicht einem Tongefäß, dessen
Boden völlig durchlöchert ist. Ganz gleich wie viel Wasser man
hineingießt, es läuft sofort durch. Wenn ein solcher Schüler etwas vom
Dhamma hört, bleibt nichts davon hängen. Es geht zum einen Ohr hinein
und zum anderen wieder heraus. Die zweite Kategorie gleicht einem
Tongefäß, das einige Sprünge aufweist. Ihr gießt Wasser hinein, aber es
sickert langsam aber sicher durch die Ritzen. Ihr schüttet den Dhamma in
ein Ohr und er sickert langsam und gemächlich wieder zum anderen Ohr
heraus. Die dritte Kategorie gleicht einem randvoll gefüllten Tongefäß.
Solche Schüler stecken bis über die Ohren in ihren Ansichten und
Meinungen. Es ist vollkommen sinnlos, ihnen irgendetwas zu sagen, weil
sie schon alles ganz genau wissen. Nur eine Art von Gefäß ist nützlich:
es hat keine Löcher, keine Sprünge, und es ist leer. Damit ist die
vierte Kategorie möglicher Schüler beschrieben.
Leersein ist nicht wertlos. Nur wenn unser Geist leergeschöpft ist,
leiden wir nicht mehr unter Spannungen, Sorgen und Ängsten - nur dann
sind wir wirklich offen genug, den Dhamma in uns zu erkennen. Was dazu
führt, dass wir alle vorgefertigten Meinungen aufgeben. Gewöhnlich
bestätigen wir uns dauernd unsere Kenntnisse: "So ist die Welt. Ich
kenne sie seit langer Zeit. Ich habe genug Erfahrung mit ihr gesammelt.
Ich verstehe sie durch und durch." Alles schön und gut, aber was nützt
uns diese Kenntnis, dieses Verständnis, wenn es uns nicht wirklich
glücklich macht. Besser ist, wir lassen einfach los, machen uns leer,
werden zu einem geeigneten Gefäß für den Dhamma, das universale Gesetz,
die Wahrheit, die Lehre. Nehmen wir solchermaßen den Dhamma in uns auf
und tragen ihn in uns, wird sich unsere Lebenshaltung grundlegend
wandeln. Sie wird sich zu Vollkommener Anschauung entwickeln.
Leerheit des Geistes bedeutet, dass wir nicht anhaften. Gewöhnlich
hängen wir an unseren Vorstellungen und Gedanken, halten sie fest. Dies
ist der Meditation abträglich. Es führt dazu, dass wir uns beim
Meditieren in Gedanken verheddern. Wir haften einfach zu sehr an ihnen.
Wir hängen an unseren Gedanken, an unseren Vorstellungen. Wir halten sie
für wertvoll. Aber habt Ihr beim Meditieren jemals festgestellt, wie
wertlos Gedanken eigentlich sind? Keiner dieser Gedanken hat irgendeinen
tieferen Sinn.
Ein Weg zur Erleuchtung ist die sogenannte Zeichenlose Befreiung.
Zeichenlose Befreiung bedeutet, dass wir uns einer fundamentalen
Tatsache bewusst sind: nichts ist wirklich bedeutsam. Nirgendwo ist ein
feststehendes Merkmal, ein unveränderliches Kennzeichen zu finden. Was
auch existiert, es hat kein solches Zeichen. Nichts ist so bedeutend,
dass wir es unbedingt im Geist behalten müssten. Was könnte wichtig
genug dafür sein? Denkt einmal darüber nach: Ist der eigene Name
vielleicht wichtig genug? Aber darüber brauchen wir uns wahrscheinlich
ohnehin nicht zu sorgen. Wir werden ihn schon nicht vergessen. Außerdem
verändert er sich bei uns Frauen wahrscheinlich zumindest einmal im
Leben. Meiner hat sogar schon vier Mal gewechselt. Was ist also so
wichtig und bedeutend, dass wir es um jeden Preis im Geist speichern
müssten?
Wenn nichts darin ist und die Sicht verbaut, kann der Geist die Dinge
ganz neu sehen. Betrachtet Ihr einen Baum unter dem Gesichtspunkt einer
bestimmten festgelegten Vorstellung, seht Ihr nichts anderes als eben
diese Vorstellung, die Ihr schon kennt. Ihr seht den Baum nicht so, wie
er ist. Sobald Ihr mit einem Menschen über längere Zeit vertraut sei,
werdet Ihr eine vorgefasste Meinung über ihn haben. Ihr seht ihn
eigentlich gar nicht. Das ist eine verbreitete Unsitte.
Wie auch im Fall des Baumes. Vielleicht denkt Ihr, dass Bäume gut
sind, weil sie Sauerstoff produzieren. Oder Ihr denkt, dass sie nicht
gut sind, weil alle möglichen Insekten in ihnen brüten. Oder Ihr haltet
sie für wertvoll, weil sie Schatten spenden, Früchte tragen und so
weiter. Oder Ihr mögt sie nicht, weil Ihr Eure Blumen nicht dort
pflanzen könnt, wo Ihr sie gern pflanzen würdet, weil diese Bäume da im
Weg sind. Wie dem auch sei, eines ist sicher: Ihr seht nicht, was
eigentlich da ist.
Leerheit macht den Geist frei. Die vorgefassten Meinungen
verschwinden, und wir sehen die Welt mit neuen Augen, frisch und
unverbraucht. Sie sieht vielleicht plötzlich ganz anders aus. Sie kann
sich nicht verändern, solange wir an der alten Sichtweise festhalten,
das alte Muster weiterspinnen, uns in den alten Gleisen bewegen. Der
Geist bleibt immer im gleichen Trott. Er hängt in derselben Spur fest,
und darin dreht er sich endlos weiter.
Sehen wir die Dinge dagegen unvoreingenommen, mit neuen Augen,
erkennen wir vielleicht, dass sie gar nicht das sind, für das wir sie
immer gehalten haben. Alles ist beständig im Fluss, in Bewegung. Blicken
wir aus einem fahrenden Zug in die Landschaft hinaus, haben wir manchmal
den Eindruck, dass sie sich bewegt, dass sie an uns vorbeifliegt. Das
ist eine Täuschung. Nicht die Landschaft, sondern der Zug bewegt sich.
Aber wir sehen es nicht so.
Jetzt, in diesem Augenblick geht es uns nicht anders. Wir sitzen hier
wie in einem Zug. Der Zug unseres Lebens rast dahin. Aber wir, so
glauben wir, stehen auf der Stelle. Wir, so glauben wir, bewegen uns
nicht. Die Täuschung könnte vollständiger nicht sein.
Beschauen wir dann die Dinge im Kreis unserer Wahrnehmungen - ja, wir
selbst gehören auch zu diesen Dingen! - dagegen einmal unvoreingenommen,
das heißt nicht aus der Perspektive unserer eingefahrenen
Wahrnehmungsstrukturen, können wir der Absoluten Wirklichkeit und damit
Vollkommener Anschauung durchaus ein Stück näher kommen. Vollkommene
Anschauung ist keine Sichtweise, keine Ansicht. Sie gleicht eher
unmittelbarem Erleben: einem ungefilterten Schauen.
Und dies hat der Buddha uns gelehrt. Unmittelbares Erleben, nicht
blinden Glauben. Wenn wir etwas sagen, so sprechen wir zumeist über
unsere Ansichten und Meinungen. Mit direkter Erfahrung hat das herzlich
wenig zu tun. Nur wenn wir von einem Moment der Vergegenwärtigung
Absoluter Wirklichkeit sprechen, kommen wir der Wahrheit ein wenig
näher, unabhängig von ihrer Form, von ihrer konkreten Gestalt.
Sprechen wir hingegen über das, was wir denken und meinen, dann reden
wir nur über unsere Sichtweisen und Meinungen. Je mehr wir davon mit uns
herumschleppen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir
meditieren und die Welt so sehen können, wie sie tatsächlich ist.
Wir sollten niemals vergessen, dass das Auge nur Farben und Formen
sieht, das Ohr nur Töne hört. Alles, was darüber hinausgeht, ist
Beiwerk, das der Geist erst später hinzufügt. Was wir sehen und hören,
besitzt keine Absolute Wirklichkeit, und doch prägt es unser Leben,
stößt uns in eine bestimmte Richtung. Beobachtet einmal selbst, wie dies
geschieht.
Nehmen wir an, Ihr hört einen Vogel zwitschern oder einen Hund
bellen. Was hört Ihr da? Eigentlich nur Töne, Klangschwingungen. Aber
indem Ihr sie hört, meldet sich sofort der Geist zu Wort und sagt: "Da
bellt ein Hund. Mir wäre lieber, er würde endlich Ruhe geben. Ich möchte
nämlich ungestört meditieren." Oder: "Gott sei Dank haben wenigstens wir
hier keine Hunde, und Katzen bellen ja glücklicherweise nicht." Was
immer sich dergleichen abspielt, es sind nur Geistestätigkeiten. Das Ohr
hört sie nicht. Aber der Geist springt sofort hinzu und gibt seine
Kommentare.
Das Auge sieht Formen und Farben. Was macht der Geist? Er
interpretiert sie anhand seiner Wahrnehmungsstrukturen, zum Beispiel
indem er sich an Erinnerungen orientiert. An der Wahrnehmung halten wir
dann fest. Wir greifen danach. Wir deklarieren sie zu "unserer
Wahrnehmung", die, allein schon weil sie die "unsrige" ist,
selbstverständlich auch die "richtige" sein muss.
Schaut. Was habe ich hier in meiner Hand? Einen Wecker natürlich. Das
sieht doch jeder. Wirklich? Sieht es wirklich jeder so? Ein Kleinkind
könnte darin zum Beispiel einen Bauklotz vermuten. Das Kleinkind nimmt
etwas anderes wahr, weil seine Wahrnehmung auf anderen Voraussetzungen
beruht, von einer anderen Entwicklungsstufe ausgeht. Das heißt aber,
dass ich mich selbst und die Welt nicht unbedingt richtig wahrnehme. Ich
nehme nur Wahrnehmungen wahr, und diese können so fehlerhaft sein wie
alle anderen Erklärungen und Interpretationen unserer Sinneskontakte.
Was immer auch da ist, es ist nicht unbedingt, was es zu sein scheint. -
Dies sollten wir uns unbedingt merken.
Alle Standpunkte und Sichtweisen sind nur, was sie sind, nämlich
Standpunkte und Sichtweisen. Ist Absolute Wirklichkeit einmal
durchdrungen, ist damit zugleich erkannt, dass die ganze Welt und wir in
ihr, etwas anderes sind, als sie zu sein scheinen.
Unwissenheit bedeutet nicht, dass wir nicht das kleine Einmaleins
beherrschen. Unwissenheit hat eine andere Bedeutung. Sie zeigt an, dass
wir die Vier Edlen Wahrheiten ignorieren. Unwissenheit ist der Beginn
des Rades von Geburt und Tod (samsara). Dieses Rad bringt uns
immer wieder zurück, sich ewig wiederholend, unendlich monoton und
ermüdend. Die Vier Edlen Wahrheiten sind die Radnabe, der Dreh- und
Angelpunkt des Rades der Lehre, das der Buddha in Gang gesetzt hat. Sie
sind sein Mark, sein Kern, sein innerstes Wesen. Sie zu ignorieren,
heißt: das Wesentliche ignorieren.
Kann sein, dass wir gern etwas über die Entwicklung hören, die zur
Erleuchtung führt. Kann sein, uns gefällt der Gedanke, nicht jeder
verbalen Unfreundlichkeit mit einer ähnlichen Unfreundlichkeit zu
begegnen. Kann sein, dass wir uns gern in der Vorstellung wiegen, in
irgendwelchen Glückseligkeitsgefühlen schwelgen zu können, wenn wir nur
lange genug meditieren. Nun, das ist alles nicht falsch. Der Buddha hat
dies gelehrt. Kann sein, dass wir gern über Güte, Hilfsbereitschaft oder
Großzügigkeit nachdenken. Auch darüber hat der Buddha gesprochen. Auch
dies gehört zur Lehre.
Solange wir allerdings den wichtigsten Punkt, das Zentrum, die Mitte
ignorieren, tasten wir uns nur vorsichtig am Rand der Lehre entlang. Wir
knabbern scheu an der Kruste herum, anstatt herzhaft in die Lehre
hineinzubeißen und wirklich zur Sache zu kommen. Ich glaube, wir wissen
ganz genau, wenn wir dies tun. Das Wesentliche liegt offen da, offen vor
uns ausgebreitet. Aber wir suchen uns nur ein paar kuriose Häppchen
davon aus, die uns schmackhaft genug erscheinen, nicht gar so
fürchterlich schwer verdaulich und auch unserer bisherigen Sichtweise
nicht ganz und gar entgegengesetzt.
Wir beginnen, uns hauptsächlich für diese Aspekte der Lehre zu
interessieren. Anstatt uns auf das einzulassen, was der Buddha wirklich
gesagt und gemeint hat, nagen wir verschämt und vorsichtig an der Kruste
herum.
Diese Unsitte ist weit verbreitet. Wie schade! Sie verwässert die
überzeugendste und heilwirksamste Lehre, auf die wir zurückgreifen
können. Wohlgemerkt: Nicht die Heilkraft der Lehre an sich wird
verwässert, sondern die Heilwirkung, die sie für uns haben kann. Sie
kann uns nicht mehr erreichen.
Persönliche Macht ist keine Frage des Willens. Wir gewinnen sie
nicht, indem wir uns Autorität verschaffen, schon gar nicht, wenn uns
diese Autorität nicht aus freien Stücken übertragen wird. Persönliche
Macht ist auch keinesfalls nur eine Folge materiellen Reichtums, obwohl
Reichtum schon etwas damit zu tun haben könnte, denn er fällt niemandem
einfach in den Schoß. Persönliche Macht entsteht vielmehr aus Klarheit:
innerer Klarheit.
Wir werden diese Klarheit nicht gewinnen, wenn wir nur an der Kruste
der Lehre herumknabbern. Dann bleibt immer ein Gefühl der Ungewissheit.
Werden wir uns wirklich überwinden? Werden wir meditieren? Üben? Oder
werden wir bei der nächsten Gelegenheit abspringen?
Unbefriedigtsein (dukkha) ist das Hauptmerkmal, der Stoff und
Gehalt des Lebens im menschlichen Bereich. Mit einem anderen Bereich
sind wir auf dieser Entwicklungsstufe nicht vertraut. Das Leben schenkt
uns keine Erfüllung. Im Gegenteil, es wird permanent von Schwierigkeiten
heimgesucht, zum Beispiel von zahllosen körperlichen Beschwerden. Jeder
kann davon ein Lied singen, besonders wer in einem Land lebt, in dem das
Klima den Körper hart belastet. Darüber hinaus bedrängen
geistig-seelisch bedingte Schwierigkeiten (einschließlich emotionaler
Probleme) das Leben. Diese besondere Spielart von Dukkha ist ebenfalls
jedem bestens bekannt.
Geboren werden ist Dukkha. Es ist der Anfang von allem Dukkha.
Gesetzt den Fall, wir können aus persönlicher Erfahrung (und nicht etwa,
weil jemand dies sagt oder wir es in einem Buch gelesen haben)
zustimmen, dass wir weder Frieden noch Erfüllung gefunden haben, was
wollen wir dann noch? Was ist unsere Alternative? Welcher andere Weg
steht uns vielleicht offen?
Die einzige Alternative ist: keine Geburt - Todlosigkeit, Nibbana.
Was für eine andere Möglichkeit könnte es auch geben? Ist es wirklich
eine Alternative, das nächste Mal in einem besseren sozialen Stand
geboren zu werden, mit mehr Geld, mehr Freunden, besserer Gesundheit,
vielleicht auch etwas mehr Weisheit? Oder ist eine Wiedergeburt in einem
Götterbereich die Antwort? Mancher mag das glauben. Wir haben ja nicht
die geringste Vorstellung davon, wie das Leben dort ist. Wir nehmen
einfach an, dass es bei den Göttern eben phantastisch sein muss, ganz
einfach weil die Kirschen in Nachbars Garten grundsätzlich besser
schmecken als die eigenen. Nun, in diesem Fall ist dies zweifellos
richtig. Die Götterbereiche sind in mancher Hinsicht überlegen.
Vielleicht sollten wir also dorthin auswandern. Es ist in jedem Fall
besser, als hier auf diese Erde zurückzukommen. Andererseits wissen wir,
dass Geburt Leiden ist. Haben wir dies als Tatsache anerkannt, muss
Geburt infolgedessen überall Leiden sein, ganz gleich in welchen Bereich
wir hineingeboren werden.
Wie wird Nicht-Geborenwerden erreicht? Wie Todlosigkeit verwirklicht?
Nicht geboren zu werden, ist Ursache für Todlosigkeit. Nibbana ist
Todlosigkeit, weil es in Nibbana keine Geburt mehr gibt.
Was auch immer geboren wird, es muss sterben. Daran führt kein Weg
vorbei. Also: Nehmen wir an, es gäbe diese wunderbare Todlosigkeit, und
erinnern wir uns zweitens, dass wir übereinstimmend festgestellt haben,
Geburt sei Leiden, müssen wir uns doch fragen, ob es neben dem Pfad der
Todlosigkeit überhaupt noch einen anderen Weg gibt, der sinnvoll wäre.
Es reicht also nicht, mehr oder weniger untätig herumzusitzen, ein
paar Krümel von der Kruste zu kosten und sich dabei einzureden: "Nun
gut, ich werde diese oder jene Meditation ausprobieren" Oder: "Ich habe
zwar noch keine meditative Sammlung verwirklicht, aber irgendwann wird
einmal etwas von der verheißenen Beseligung auf mich abfallen" Oder:
"Bestimmt werden mir die Knie beim Sitzen eines Tages nicht mehr so
höllisch weh tun" Oder: "Ich werde mir eine Auswahl von Buddhas Lehren
zu Herzen nehmen, damit ich mich ein wenig positiv ändern kann." Solche
Vorsätze helfen uns nicht weiter. Das Herz muss sagen: "Hier stehe ich,
ich kann nicht anders!" Allein dies ist genug. Aber wie kommen wir in
unserem Leben zu dem Punkt, an dem wir mit aller Überzeugung sagen
können: "Es gibt für mich keinen anderen Weg, als Todlosigkeit zu
erreichen!"
Genug Dukkha führt mit Sicherheit zu dieser Überzeugung. Natürlich
will ich dies keinem von Euch wünschen: Genug Dukkha, eine kräftige
Dosis Leiden. Aber wenn Ihr es dann einmal erfahren habt, werdet Ihr
vielleicht im Nachhinein erkennen, dass es wirklich eine Umkehr bewirkt
hat. Aus dem Leben Buddhas sind uns viele Begebenheiten überliefert, in
denen Dukkha die Umkehr bewirkte. Besonders Frauen waren davon
betroffen. Sie hatten damals keine andere Wahl, wenn sie ihre Familie,
die Menschen verloren hatten, die sie liebten. Das Leiden führte sie zum
Pfad.
Wir haben vielleicht zu viele Ausweichmöglichkeiten. Wir können zum
Beispiel an den Strand gehen und das Meer genießen. Wir können eine
Reise machen, nach Indien, an die Riviera oder wohin auch immer. Wir
können einen neuen Freund, eine neue Freundin finden. Wir können
Chinesisch essen gehen. Und so weiter.
Wenn Ihr dann einmal näher untersucht, was für eine Art von Erfahrung
diese Alternativen zum geistigen Weg darstellen, werdet Ihr sehr schnell
sehen, dass sie alle ihrem Wesen nach Sinneskontakte sind, nichts
weiter. Ihr müsst dies klar erkennen. Ansonsten wird der Pfad immer
unsicher bleiben. Ihr werdet ewig schwanken. Es gibt einen Zen-Spruch:
"Wenn Du gehst, dann geh'. Wenn Du rennst, dann renne. Aber, um Himmels
willen: Schwanke nicht!"
Was Ihr auf diesem Pfad auch unternehmt, achtet darauf, dass Ihr
wirklich auf ihm bleibt, dass Ihr wirklich geht: aufrecht, fest,
zuverlässig und stetig. Alles andere sind Sinneskontakte. Der Buddha hat
bei vielen Gelegenheiten vor der Gier nach ihnen gewarnt. Überprüft es
selbst. Findet für Euch selbst heraus, ob die Ermahnungen berechtigt
sind oder ob der Buddha und der Ehrwürdige Sariputta nur so daherreden,
uns interessante Geschichten erzählen, von denen wir vorher noch nie
gehört haben. Oder sagen sie vielleicht die Wahrheit?
Erklären sie die Dinge und Zusammenhänge so, wie sie tatsächlich
geschehen?
Dem Pfad folgen wir in uns. Sicher, der Buddha hat irgendwann einmal
als Mensch gelebt. Aber jetzt ist er nicht mehr hier. Der Dhamma jedoch
kann eine lebendige Präsenz sein, allerdings nur wenn wir ihn in uns
erschauen. Niemals kann der Dhamma in einem Buch oder in den Worten
eines anderen Menschen für uns leben. Er muss in uns selbst zum Leben
erwachen. Deshalb überprüft bitte alles, was Ihr hört. Stimmt es
tatsächlich, dass alle meine Freuden, mein ganzes Glück von
Sinneskontakten herrührt. Ist aller Verdruss tatsächlich entweder auf
den Mangel von Sinneskontakten oder den Sinneskontakt mit ungeliebten
Objekten zurückzuführen?
Wir können uns entscheiden: entweder für angenehme Sinneskontakte
oder für die Verlässlichkeit des Pfades, der uns aus Geburt, Alter,
Krankheit und Tod herausführt und damit vom Leiden befreit. Diese zwei
Optionen haben wir.
Es sagt im übrigen sehr viel über uns aus, dass sich die meisten für
die erste und nur sehr wenige für die zweite Möglichkeit entscheiden.
Dukkha ist eine Chance, denn Leiden kann uns dazu bringen, uns für die
Verlässlichkeit des Pfades zu entscheiden. Gibt es vielleicht noch einen
anderen Zugang, der uns ebenso sicher dem Gewahrsam eines Weges
geistiger Schulung anvertraut?
Vielleicht Einsicht. Ein gesundes Urteilsvermögen kann uns dazu
bringen, den Weg zu wählen, der uns aus Dukkha herausführt. Mit dieser
Einsicht durchschauen wir unsere Situation, schätzen unsere
Möglichkeiten richtig ein und sagen uns: "Genau so ist es. Ich werde es
ausprobieren." Dazu ist keine ausgefallene innere Vision, irgendein
besonderes Erlebnis notwendig. Man braucht nicht mehr als genug
Urteilsvermögen, um einzusehen, dass der Pfad etwas Wahres ist, und man
diese Wahrheit deshalb gern in sich selbst entdecken würde.
Darüber hinaus gehört Mut dazu. Wir müssen eine gehörige Portion
Selbstvertrauen besitzen. Fest steht: Wer dem Pfad folgt, der aus allem
Dukkha herausführt, muss eine Menge Bindungen und sehr viele
Schutzsysteme hinter sich lassen, die ihm im normalen Leben Rückhalt
geben. Das erfordert Mut. Wir lassen zurück, was wir selbst noch vor
kurzem für Erfüllung und Glück hielten und was von der Mehrheit der
Menschen immer noch als solches gepriesen wird.
Wir müssen den Mut besitzen, damit zu brechen und ganz für uns allein
zu stehen. Was nicht heißt, dass wir unsere früheren Freunde nun
unfreundlich behandeln oder unserer Familie mitteilen müssten, dass wir
sie nie wieder sehen wollen. Wirklich, nichts dergleichen. Womit wir
brechen, sind nur unsere eigenen Fesseln, unser Haften, unser
Festhalten. Wir schauen in uns und sehen, dass uns nichts mehr zu tun
bleibt als dem Pfad zu folgen. Mit dieser Einsicht sind alle Energien
und Prioritäten automatisch auf dieses Ziel gerichtet. Es leuchtet ein,
dass sich der Erfolg nur dann einstellen wird, wenn alle unsere Energien
und Absichten einsgerichtet sind. Nur nicht wackeln. Nur nicht
schwanken. Wir können nicht nach der Methode verfahren: "Wenn ich jetzt
noch etwas hiervon nehme und drei Elemente von jenem hinzufüge, habe ich
vielleicht endlich die richtige Mischung gefunden." Das funktioniert
nicht. Unsere innere Lenkung und Unterweisung müssen vollkommen
einsgerichtet sein. Damit fließen alle unsere Erfahrungen in den Dhamma
ein. Angenehme, unangenehme und neutrale Erlebnisse sind nun Teil des
Dhammas, Teil unseres Übungsweges.
Taucht eine unangenehme Empfindung auf, wissen wir sofort: "Dies ist
eine unangenehme Empfindung, und ich reagiere darauf. Ich reagiere
darauf, obwohl ich dies keineswegs muss. Ich könnte die Reaktion ebenso
gut unterlassen" Dies ist Dhamma. Darin schulen wir uns.
Indes, wir sind nur dazu fähig, wenn wir den Pfad zum Schwerpunkt und
zur Hauptaufgabe unseres Lebens machen. Legen wir den Schwerpunkt
unserer Erfahrung hingegen auf Sinneskontakte, wird uns dies unmöglich
gelingen. Wir können den Kuchen nicht essen und ihn gleichzeitig
behalten. Wir können den Edlen Achtfachen Pfad und unsere Sinneswünsche
nicht zu einem Paket verschnüren, das uns vollkommene Befriedigung
garantiert und uns obendrein so gut wie nichts kostet. Das geht einfach
nicht. Im Gegenteil. Sobald wir wirklich ernst machen, wird der Edle
Achtfache Pfad uns wahrscheinlich einige unangenehme Sinneskontakte
bescheren, weil mit ihm Selbstdisziplin und Selbstbeherrschung
einhergehen, die vor physischem Unbehagen nicht zurückschrecken.
Wir dürfen ebenfalls nicht damit rechnen, dass wir sofort Erfolg
haben werden. Wir wissen, wohin wir gehen. Das bedeutet zwar nicht, dass
wir bereits am Ziel angekommen wären, aber ist andererseits auch nicht
schlecht. Wirklich zu wissen, wohin wir gehen, dies müsste uns
eigentlich eine gewisse innere Ruhe schenken: "Ich weiß, wohin die Reise
geht. Ich muss mich nicht länger mit irgendwelchen Entscheidungen oder
Gedanken abquälen. Ich brauche mir keine Sorgen mehr zu machen, muss
mich nicht fragen, ob dieses besser ist als jenes, ob ich lieber hierhin
oder dorthin gehen soll. Ich brauche nicht zu befürchten, dass etwas,
das ich erst später entdecken werde, sich als besser oder sinnvoller
erweisen wird als der Weg, dem ich folge." Wirklich, es gibt nichts, das
das Nachdenken lohnen würde - nur einen Weg!
Dies schenkt uns ein Gefühl der Sicherheit. Wir können uns auf eine
hervorragende Autorität stützen, den Buddha. Wir brauchen nicht für uns
selbst zu entscheiden: "Das ist richtig, jenes falsch." Wir haben eine
sichere Grundlage, auf der wir unser Leben aufbauen können. Könnten wir
uns überhaupt noch mehr wünschen? Kann es eine größere Sicherheit geben?
Wenn wir uns auf diese Grundlage einlassen, haben wir wahrhaft Zuflucht
genommen.
Wir stellen unser Leben auf eine feste Grundlage: die Lehren Buddhas.
Wir müssen nicht für uns selbst herausfinden, was für uns richtig ist?
Diese Suche artet gewöhnlich zu einem großen Problem aus: "Wie finde ich
nur heraus, was für mich richtig ist? Ich muss es endlich wissen, weil
ich ein besonderer Mensch bin, ganz anders als alle anderen"
Untersucht die Sache selbst. Wo liegt unsere Besonderheit? Welches
besondere Khandha könnten wir haben? Es gibt Fünf Khandhas: eines
für den Körper und vier für den Geist. Es gibt Vier Elemente und
einunddreißig Körperteile. Irgendwo einer, der etwas anderes, etwas
Besonderes an sich hat? Irgendwo einer mit dreiunddreißig Körperteilen?
Oder mit vierunddreißig? Fünfunddreißig? Sechsunddreißig?
Nein, es gibt keine solchen Ausnahmen, keine Extrawürste oder
Besonderheiten. Die Zen-Gruppe von Sydney in Australien hat ein Heft
herausgebracht. Es heißt: Nichts Besonderes - ein herrlicher
Titel. Es gibt nichts Besonderes. Niemand ist jemand Besonderes.
Jeder ist wie jeder andere auch. Wir müssen nicht herausfinden, was
für "uns", für unser "Ich" richtig ist. Wir müssen nur eins entscheiden:
"Will ich angenehme Sinneskontakte? Oder will ich, dass Dukkha ein für
alle Mal ein Ende hat!" Dies ist die einzige Entscheidung, die wir
fällen müssen.
Betrachtet Ihr die Frage nach dem Sinn Eures Lebens unter diesem
Blickwinkel, werdet Ihr sehr bald unzählige Wenn und Aber in Euch
aufsteigen fühlen. Untersucht sie. Prüft nach, ob sie den Lehren Buddhas
standhalten können. Solche Prüfung ist unbedingt notwendig. Ohne sie
verfallt Ihr nur in blinden Glauben. Damit ist keinem gedient. Außerdem
ist es schädlich.
Die Unwissenheit ist etwas weniger schlimm, sie lässt nach, wenn wir
die Vier Edlen Wahrheiten endlich nicht längerübersehen, sondern in die
Mitte unseres Lebens stellen, sie zu unserem Hauptbezugspunkt machen.
Endgültig verschwinden wird sie natürlich erst mit der Verwirklichung
der dritten Edlen Wahrheit, der Befreiung, dem Nibbana, mit dem alles
Leiden erlöscht. Bis es soweit ist, können wir die Unwissenheit
zumindest eindämmen, indem wir uns nicht länger permanent unwissend
stellen, indem wir wichtige Beobachtungen nicht länger einfach
ignorieren. Wir müssen unsere Situation klar verstehen, so dass wir mit
Überzeugung sagen können: "Jawohl, so und nicht anders ist es. Ich werde
mich auf diesen Pfad begeben und beharrlich dabei bleiben."
Der Buddha hat uns sehr viele, verschiedene Lehren hinterlassen. Sie
dienen letztlich nur einem Zweck: sie wollen uns helfen, auf dem Pfad zu
bleiben. In einer Lehrrede zählt der Ehrwürdige Sariputta eine ganze
Anzahl von Methoden auf, Vollkommene Sichtweise zu entwickeln. Jede
davon wird uns helfen, unsere Anschauung zu vervollkommen.
Absichten erzeugen Kamma. Wir müssen gut aufpassen. Welche Art von
Kamma produzieren wir? Leider sind die Menschen zum großen Teil ziemlich
blind. Wir sehen nicht, was wir tun. "Kamma, Ihr Mönche, ist Absicht. So
habe ich gelehrt."
Wir müssen unsere Motive beschauen. Warum sagen wir, was wir sagen?
Warum denken wir, was wir denken? Warum tun wir, was wir tun? Wir kennen
unsere Motive zumeist nicht. Gelegentlich durchschauen andere sie besser
als wir selbst. Es gibt noch viel zu viele Dunkelstellen. Wir müssen sie
durchleuchten.
Stoßen wir bei unserem Vorgehen im anderen Menschen auf eine Grenze,
die dieser nicht fallen lassen will, müssen wir die Interaktion
unbedingt näher untersuchen. Irgendetwas stimmt nicht, wenn die
Verständigung nicht reibungslos zusammenfließt wie Milch und Wasser. Wir
müssen herausbekommen, was. Was passt nicht zusammen? Was läuft falsch?
Wir stellen danach wahrscheinlich fest, dass unsere eigenen Motive nicht
ganz sauber waren.
Das heißt, wir müssen uns nicht mit den Grenzen des anderen
auseinandersetzen. Darum geht es nicht. Vielmehr geht es darum, dass wir
uns über unsere eigenen Motive klar werden. Motive sind wie Eisberge:
ein Drittel über Wasser, zwei Drittel darunter, unsichtbar. Bis wir
nicht gelernt haben, sie etwas deutlicher zu sehen, werden wir unser
ich-bestimmtes und ich-zentriertes Vorgehen niemals zähmen können, ja
nicht einmal begreifen, nach welchen Gesetzen es eigentlich abläuft.
Das Ich nicht kennen bedeutet unfähig sein, es zu verändern. Was wir
nicht kennen und nicht voll in der Hand haben, können wir auch nicht
aufgeben oder loslassen. Nicht-Selbst (anattá) ist unfassbar. Wir
können es nicht greifen. Wieso auch? Wer hat jemals etwas packen können,
das es gar nicht gibt? Dahin führt kein Weg. Es ist absurd, daran auch
nur einen Gedanken zu verschwenden. Das Attá, das Ich können wir
jedoch fassen und als das erkennen, was es ist: der Hauptstörenfried.
Ja, eigentlich sogar der einzige Störenfried. Es gibt darüber hinaus
keinen anderen.
Wir müssen unsere Motive prüfen und ehrlich in Frage stellen. Ist das
Motiv wirklich rein? Ist es darauf ausgerichtet, anderen zu helfen und
mir selbst? Oder geht es nur um Selbstbestätigung, darum zu zeigen, dass
"ich" weiß, "ich" kann, "ich" will? Was steckt wirklich hinter meiner
Absicht? Tue ich das, was ich vorhabe, etwa nur aus Angst?
Jeder muss sich selbst über seine Absichten klar werden. Jeder
schmiedet selbst sein Kamma und muss deswegen selbst entscheiden, welche
Form er ihm geben will. Niemand kann uns von dieser Aufgabe befreien.
"Ich bin Eigner meines Kammas, Erbe meines Kammas." (Kammasakhomi,
kammadáyado). Wir chanten dies regelmäßig. Es wäre also angebracht
festzustellen, wie wir mit solchen Wahrheiten umgehen, wie wir sie im
Alltag gebrauchen.
Vollkommene Rede, Vollkommene Tat und Vollkommene Lebensführung sind
die Grundlage unseres sittlichen Verhaltens. Mit derGrundlage ihres
Sittenkodex stehen wir auf einem tragfähigen Fundament. Ohne tragfähiges
Fundament, ohne sittlich einwandfreies Verhalten verlieren wir alle
innere Kraft. Ein Mensch ist nicht deswegen gefestigt und verlässlich,
weil er einen gut trainierten, festen Körper hat. Ein Mensch ist
verlässlich, wenn er innerlich sicher ist. Gewinnen können wir diese
innere Sicherheit allerdings nur, wenn wir wissen, dass wir untadelig
sind.
Wer sich im Gegenteil selbst für tadelnswert hält, verfügt über keine
innere Kraft. Wir werden schwach, wenn wir versuchen, uns auf andere zu
stützen. Das ist gefährlich. Die anderen sind nicht weniger vergänglich
und unbeständig als wir selbst. Sie gehen ihre eigenen Wege. Sie
sterben. Sie ändern ihre Meinung. Wer auch immer sie sind, sie sind
nicht immer da, nicht immer verfügbar. Ganz gleich ob Vater, Mutter,
Mann, Frau oder Lehrer - alle sind sie vergänglich. Wir müssen also
innerlich gefestigt sein, in uns ruhen, unabhängig sein. Dies können wir
nur auf der Basis unserer Gelübde: Wenn wir wissen, dass wir uns
untadelig verhalten.
Wie viele Gelübde wir auch auf uns genommen haben - fünf, acht, zehn,
fünfundsiebzig - sie sind unser Fundament. Wir müssen uns selbst ein
guter Wächter sein, uns genau beobachten. Das kostet viel Zeit. Wir
haben deswegen nicht mehr viel für unsinniges und oberflächliches Reden
oder Tun übrig. Wir müssen stattdessen aufpassen, dass wir nicht das
Fundament zerrütten, auf dem wir sitzen. Es ist so schnell zerstört, so
schnell umgestürzt.
Wir müssen untersuchen, was Vollkommene Anstrengung, Vollkommene
Sammlung und Vollkommene Achtsamkeit sind. Vollkommene Anstrengung
heißt, dass wir uns stetig bemühen, immer und immer wieder; Nicht
ruckweise, kurz und heftig, sondern mit beständiger Beharrlichkeit. Und
das nicht allein in den Momenten, in denen wir auf unserem
Meditationskissen sitzen. Sitzen und Meditieren ist nur eine der vielen
Anstrengungen, die wir zu leisten haben. Vollkommene Anstrengung heißt,
dass wir uns unablässig und ununterbrochen bemühen, wo wir auch sind,
was wir auch tun.
Wir haben den Tag unnütz vergeudet, wenn wir nicht etwas Neues
dazugelernt, etwas neu gesehen und verstanden haben, wenn wir nicht
irgendeine Hilfe geleistet, unsere Liebe nicht in irgendeiner Form
bekundet haben. Aber unsere Tage sind sehr wertvoll. Wir dürfen sie
nicht verschwenden. Jeder Tag ist der einzige Tag, den wir zur Verfügung
haben.
Die Vergangenheit ist vorbei, abgeschlossen. Ganz gleich, wie viele
Jahre Ihr schon auf diesem Planeten weilt, sie sind verflossen, für
niemanden mehr von irgendeinem Nutzen. Und die Zukunft besteht aus
nichts weiter als Mutmaßungen. Das nächste Flugzeug, in das wir uns
setzen, mag abstürzen, der nächste Bus einen Abhang hinunterkippen.
Alles kann passieren, jederzeit. Heute ist der einzige Tag. Jetzt ist
die Stunde uns gegeben, die wir zum Üben nutzen können. Jetzt! Nicht
irgendwann! Dass wir in der Vergangenheit nicht in einen Flugzeugabsturz
oder ein Busunglück verwickelt waren, gibt uns keinerlei Garantie für
die Zukunft.
Wenn wir nicht jeden Tag voll ausnützen, wenn wir nicht aus der Lehre
Buddhas etwas Neues dazulernen, sie nicht ein kleines bisschen besser
verstehen, wenn wir nicht unsere Liebe bekunden, keinen Dienst leisten,
keine Hilfe gewähren, wenn wir uns nicht selbst ein wenig genauer
durchschauen oder eine Einsicht dazugewinnen, die uns fester im Pfad
verankert, dann haben wir uns auch nicht wirklich bemüht, sind nicht mit
Vollkommener Anstrengung vorgegangen. Vollkommene Anstrengung wird mit
der Zeit zur Gewohnheit. Macht sie Euch zur Gewohnheit. Es ist eine gute
Gewohnheit.
Augenblick für Augenblick mit Vollkommener Achtsamkeit zu erfahren,
wahrzunehmen, das ist ein hohes Ziel. Trotzdem werden wir nicht einmal
für kurze Augenblicke achtsam und bewusst sein können, wenn wir nicht
entschlossen sind, dieses Ziel zu verwirklichen. Sind wir nicht bereit,
uns jeden Moment unseres Lebens um Achtsamkeit zu bemühen, werden wir
bald überhaupt nicht mehr achtsam sein. Wir werden alle Achtsamkeit
wegwerfen. Wir vergessen sie einfach. Nimmt dann irgendwer das Wort
"Achtsamkeit" in den Mund, nicken wir bedächtig und zustimmend mit dem
Kopf und murmeln: "Ja, davon habe ich auch schon einmal gehört."
Aber Achtsamkeit ist mehr als ein Wort, mehr als eine Lehrrede, die
der Buddha irgendwann in längst vergangenen Zeiten einmal gehalten hat.
Achtsamkeit ist die Entschlossenheit des Geistes, JETZT HIER ZU SEIN.
Hier in diesem Augenblick, und genau zu wissen, was innen und außen vor
sich geht.
Unter dieser Voraussetzung sind wir in der Lage, unsere Motive,
unsere Absichten genau zu beobachten, und somit alles Unheilsame in
Heilsames zu verwandeln. Ja, die Erfüllung dieser Voraussetzung ist
sogar obligatorisch, weil wir nicht fähig sind, irgendetwas zu
verändern, wenn wir nicht achtsam sind, nicht wach und bewusst.
Achtsamkeit ist nicht auf die Beobachtung des Atems beschränkt. Das
ist nur ein Teil der Aufgabe, eben die Achtsamkeit des Einatmens und
Ausatmens; Ein Beispiel unter vielen. Achtsamkeit ist total, eine
allumfassende Aktivität, die im Laufe der Zeit das Leiden vollständig
ausmerzen wird, weil sie offenbart, dass es nichts gibt außer der
Bewegung und Veränderung der fünf Khandhas. In einem ersten
Schritt befreit uns Achtsamkeit von allen Ängsten und Sorgen, die wir
uns über die Vergangenheit oder Zukunft machen, und verankert uns damit
in der Gegenwart. Aber schließlich hat sie eine wesentlich
revolutionärere Wirkung: sie verweist auf jene Vollkommene Anschauung,
die das Selbst transzendiert.
Was nun Vollkommene Sammlung oder Konzentration angeht, können wir
nicht viel mehr tun, als uns immer wieder darum zu bemühen. Entsagung
ist ein Aspekt, uns von allem loszusagen, was uns lieb und teuer ist.
Das bedeutet, auf alle Sinneskontakte zu verzichten: auf alles was
unseren Augen schmeichelt, auf wohltuende Klänge, betörende Düfte,
angenehme Berührungen, Empfindungen und Gedanken. Daran halten wir fest.
Daran hängt unser Herz. Uns davon loszusagen, ist ein Aspekt
Vollkommener Sammlung.
Der andere Aspekt ist die Gewissheit, dass wir dies tatsächlich
schaffen werden. Ja, wir werden es tun und den Geist ganz in diesem Tun
aufgehen lassen. Wir müssen es einfach tun: Das Unmögliche erreichen,
erstreben, was wir für schwierig, ja eigentlich für nicht machbar
halten.
Eins müssen wir wissen: Die Lehre des Buddha, das sind in der
Hauptsache die Vier Edlen Wahrheiten und der Edle Achtfache Pfad. Alles
andere ist Beiwerk, nebensächlich. Sind wir ehrlich davon überzeugt,
dass wir mehr als nur ein akademisches Interesse an Buddha und seiner
Lehre haben, müssen wir nach diesen Wahrheiten leben - auf der
Einbahnstraße zum Nibbana.
Habt Ihr schon einmal in Erwägung gezogen, schon einmal darüber
nachgedacht, was das heißt: Liebevolle Zuwendung? Ohne sie gedeiht kein
Säugling. Ohne sie gedeiht keine Pflanze. Ohne sie kann kein Mensch sich
wirklich entwickeln. Es ist erwiesen, dass Säuglinge und Kleinkinder
auch bei bester Nahrung und medizinischer Versorgung körperlich und
seelisch nicht richtig wachsen, wenn man ihnen Zärtlichkeit und Liebe
vorenthält. Ohne liebevolle Zuwendung gedeiht nichts: keine Beziehung,
kein menschlicher Kontakt. Wie sollte also unsere Meditation ohne sie
gedeihen? Sie kann es nicht. Es gibt einfach nichts, das ohne liebevolle
Zuwendung gedeihen würde.
Macht von Eurem Geist während des ganzen Tages liebevoll Gebrauch.
Führt Euch nicht auf wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen.
"Der Elefant im Porzellanladen" richtet große Verwüstung an, weil er
alles zerbricht. Und warum? Er ist achtlos und folgt blindwütig seinen
Impulsen. Selbst die kleinste Achtlosigkeit ist bereits ein Zeichen,
dass die nötige liebevolle Zuwendung fehlt. Selbst der kleinste Bruch
der Gelübde offenbart einen Mangel an liebevoller Zuwendung.
Die Gelübde sind keine willkürlich festgesetzten, despotischen
Regeln. Sie verfolgen einen Zweck. Jedes Gelübde ist so formuliert, dass
es einen bestimmten Lebensbereich, einen Aspekt des Daseins erfasst.
Zusammen wirken sie daraufhin, dass wir weltlichen Belangen und
Interessen den Rücken kehren und uns achtsam und liebevoll nach innen
wenden.
Jedes Gelübde, das wir nicht behutsam und liebevoll beachten, wird
die Meditation stören, ihren Fluss unterbrechen. Selbst die kleinste
Abweichung reicht dafür schon aus, weil der Geist nur widerstrebend
gehorcht oder achtlos seinen Gewohnheiten folgt. Verhärtet sich der
Geist noch mehr, arbeitet er den anderen sogar entgegen, begegnet er
ihnen nicht liebevoll und respektvoll, wird auch die Meditation nicht
zum Erfolg führen.
Wir sollten uns den ganzen Tag liebevoll und behutsam um unseren
Geist kümmern; sorgsam darüber wachen, was er berührt, und wie er es
berührt. Der Geist berührt so viele Dinge. Er berührt seine eigenen
Gedanken. Er reagiert auf andere Menschen. Er ist permanent im Dienst...
und noch dazu auf die falsche Art und Weise.
Zumeist achtet er nicht darauf, was eigentlich vor sich geht, bleibt
vollkommen unbewusst, ist nur um seine eigenen Annehmlichkeiten besorgt,
liebt nicht. Wenn der Geist also während des ganzen Tages diesen und
noch vielen anderen Sperren unterliegt, wie könnt Ihr dann erwarten,
dass er sie am frühen Morgen und am Abend während unserer
Meditationssitzungen plötzlich fallen lässt? Warum sollten sie sich
plötzlich in Nichts auflösen? Aus welchem vorstellbaren Grund?
Damit die Meditation zu voller Blüte kommt, müssen zwei
Voraussetzungen erfüllt sein. Zum einen müssen wir den Geist den ganzen
Tag lang auf die richtige Art und Weise gebrauchen. Zum anderen müssen
wir uns unserer Meditation mit der gleichen Liebe und Behutsamkeit
zuwenden. Ihr könnt nicht meditieren, wenn Ihr Euch einfach hinsetzt und
einzureden versucht: "Nun will ich meditieren. Und genau das werde ich
auch tun. Ich werde mich weder dabei stören noch sonst irgendwie
zerstreuen lassen." Solche Vorsätze sind sinnlos. Sie führen nicht zum
Erfolg. Anstatt uns damit abzuplagen, dürfen wir uns hinsetzen und allem
liebevoll zuwenden, was mit der Meditation zusammenhängt. Wir dürfen uns
der Situation mit Anmut überlassen, uns in sie hineingeben.
Beim Zen werfen sich die Übenden zuerst respektvoll vor ihrem eigenen
Kissen und dem Praktizierenden nieder, der ihnen gegenüber oder neben
ihnen sitzt. Dies ist eine schöne, runde Geste. Herz und Geist kommen in
einem Gefühl der Achtung und liebevollen Sorgfalt zusammen: vor dem
Kissen, vor dem Gegenüber, vor dem Nachbarn. Das heißt, bevor wir
überhaupt beginnen, müssen wir Liebe und Sorgfalt für unsere gesamte
innere und äußere Umwelt in uns erwecken. Wir dürfen uns dem Schreinraum
öffnen, in dem wir üben, und allem, das in den Kreis unserer bewussten
Wahrnehmung tritt. Wir dürfen uns unserem eigenen Atem liebevoll und
behutsam zuwenden. Erst dann können wir beginnen.
Der Geist kann unmöglich für die Meditation bereit sein, wenn er sich
mit Zweifeln, Bedauern, inneren Widersprüchen, Widerständen, Sorgen und
Urteilen abplagt. Wieso auch? Er urteilt und sorgt sich auch weiterhin.
Warum sollte er damit aufhören? Was wäre ein denkbarer Grund dafür? Er
hat es den ganzen lieben langen Tag über getan. Warum sollte er es jetzt
plötzlich nicht mehr tun?
Es gibt nur einen Zugang so zu meditieren, dass die Meditation auch
Sinn und Zweck hat und außerdem funktioniert. Dazu müssen wir uns von
allem Weltlichen abwenden.
Meditation transzendiert. Meditation geht hinaus über das, was ist.
Deswegen könnt Ihr unmöglich meditieren, wenn der Geist in weltliche
Überlegungen eingesponnen bleibt. Im Beisein eines weltlich
ausgerichteten Geistes kann die transzendierende Tätigkeit der
Meditation gar nicht erst zur Entfaltung kommen. Dann machen die
weltlichen Interessen immer wieder auf sich aufmerksam. Sie rufen uns
und versprechen uns etwas. Sie versprechen uns irgendeine Befriedigung.
Untersucht diese Versprechen sofort, wenn sie sich zeigen. Überprüft sie
auf der Stelle. Haben sie Euch jemals befriedigt? Wenn nein, lasst sie
unverzüglich fallen.
Was wir auch tun, jede Handlung, die wir während unseres Tagewerks
ausführen, kann und muss in unsere Übung eingebracht werden. Dazu gehört
Vollkommene Achtsamkeit, totale Aufmerksamkeit. Was heißt: wir sind
einsgerichtet und vorurteilsfrei bei der Sache. Wir fragen uns nicht, ob
das, was wir tun, auch wirklich nötig, wichtig, zu schwer, zu mühevoll,
zu umständlich oder zu langwierig ist. Nichts von alledem. Nur totale
Aufmerksamkeit. Wir folgen dem Geschehen und öffnen liebevoll unseren
Geist in dem Wunsch, unser Bestes zu geben.
Geben wir beim Saubermachen nicht unser Bestes, warum sollten wir
dann beim Meditieren plötzlich unser Bestes geben? Gibt es irgendeinen
Grund der dafür spricht, dass diese beiden Tätigkeiten sich in
irgendeiner Weise qualitativ unterscheiden müssen? Was wir auch tun, wir
tun es so gut wie wir können. Putzen wir mit Liebe unser Zimmer und sind
mit Liebe bei unserem Tagewerk, dann wird der Geist auch von liebevoller
Zuwendung erfüllt sein, wenn wir uns zum Meditieren hinsetzen. Das ist
unser Weg, unsere einzige Rettung. Anders klappt es nicht.
Der Geist trägt schwer an den Gewohnheiten vieler Jahre. Erkennt
diese Gewohnheiten. Lasst sie fallen. Nehmt neue an. Versucht es.
Versucht, Eurem Geist neue Gewohnheiten einzupflanzen. Gewöhnt Euch an,
anders zu denken. Ihr müsst nicht unbedingt in den alten Bahnen denken.
Nehmt ganz bewusst jeden Gedanken wahr, der nach den Gesetzen der alten
Denkgewohnheiten in Euch entsteht, und sagt Euch: "Ich denke wieder
einmal, wie ich es gewohnt bin. Nicht nötig. Ich kann ebenso gut in
anderen Bahnen denken: in Begriffen wie Allgüte, Dienst am Nächsten,
Unbeständigkeit aller bedingt entstandenen Erscheinungen, alles
durchdringendes Leiden und so weiter."
Orientiert Euer Denken an jeder beliebigen Aussage des Dhammas, an
die Ihr Euch erinnert, an Textstellen und Wortgruppen, die Euch in den
Sinn kommen. Denkt in diesen Begriffen. Damit schleust Ihr den Geist in
das richtige Fahrwasser. Und das ist nötig. Warum sollte er überhaupt
meditieren, wenn er auch weiterhin in den alten Gewässern dümpelt? Er
hat früher nicht meditiert. Warum sollte er es also jetzt tun?
Wenn Ihr etwas wirklich gut machen wollt, müsst Ihr es mit Liebe
machen. Das ist die wichtigste Voraussetzung. Wir haben nicht die
geringste Chance, unsere Sache gut zu machen, wenn wir nicht mit Liebe
an sie herangehen. Ohne Liebe gibt es nur Widerstände und Ablehnung, und
wenn nicht die, so zumindest Gleichgültigkeit. Etwas anderes ist gar
nicht möglich. Entweder es ist uns egal, was wir tun, oder wir tun es
mit Liebe, oder wir lehnen es ab. Was davon möchtet Ihr? Was,
bitteschön, soll es sein?
Also, wenn Ihr gern meditieren möchtet, es aber nicht könnt, dann
verbannt einfach alle überflüssigen Gedanken aus Eurem Geist. Weg damit
und fertig. Vergesst den ganzen Kram!
Alle Teile ergeben erst ein funktionierendes Ganzes. Dieses Ganze ist
das Gesamtbild. Zerbrecht Euch nicht den Kopf, wenn Ihr bisher nur Teile
davon gesehen habt. Das Gesamtbild wird sich schon noch zusammenfügen,
vorausgesetzt Ihr achtet sorgfältig und aufmerksam auf jedes Teil. Jede
Kleinigkeit fügt sich irgendwie ein. Jede Kleinigkeit verdient unsere
Sorgfalt. Und so müssen wir sie auch behandeln.
Der Geist ist ein zerbrechliches Instrument. Es gibt kein
Zerbrechlicheres. Ihr alle habt schon erhebende und vollkommen losgelöst
befreiende Geisteszustände erlebt - und Momente völliger
Niedergeschlagenheit. Jeder macht solche Erfahrungen. Daran ist nichts
Außergewöhnliches. Wenn der Geist in solchen Momenten noch ein bisschen
weiter gestoßen würde, er würde vielleicht über den Rand des Abgrunds
hinausschreiten - nach der einen wie nach der anderen Seite. Wie gesagt,
er ist ein zerbrechliches Instrument und wird nur dann wirklich zur
Blüte kommen, wenn wir uns ihm mit liebevoller Zuwendung widmen.
Eure Meditation ist noch ein kleines Baby. Das gilt für jeden von
Euch. Sie ist noch nicht wirklich ausgewachsen, noch nicht gereift.
Babys verlangen sorgfältige Pflege. Auch unser Geist, auch er ist noch
wie ein Baby. Bis wir nicht eine Ahnung, einen Vorgeschmack von der
Befreiung (nibbana) gekostet haben, bleibt der Geist ein Baby.
Wir müssen sorgsam mit ihm umgehen, auf seine Zerbrechlichkeit
achten. Missbraucht Euren Geist nicht, indem Ihr Euch der Welt hingebt:
Indem Ihr Hass, Widerstand, Ablehnung, Kummer, Angst, Widerwillen und
Zweifel in ihm nährt. Sorgt dafür, dass der Geist liebt, womit er sich
verbindet, was er berührt.
Ganz gleich, ob er mit Behagen oder mit Unbehagen auf eine bestimmte
Sache zugeht, achtet darauf, dass er es in jedem Fall mit Liebe tut,
dass sich alle seine Verbindungen und Kontakte in liebevoller Zuneigung
vollziehen. Der Geist wird nicht wachsen, wenn Ihr ihn nicht mit solcher
Sorgfalt behandelt, und damit wäre Eure Praxis gefährdet, weil dies ihr
eigentliches Ziel ist: Wachsen und reifen.
Geistige Reife ist keine Frage des Alters. Sie hängt einzig und
allein davon ab, ob der Geist geschult ist oder nicht. Und unsere
Schulung besteht keinesfalls nur aus Meditation. Wenn überhaupt, gibt es
auf dieser Welt nur wenige Menschen, die am Tag vierundzwanzig Stunden
meditieren; sicherlich auch nur wenige, die immerhin zwanzig Stunden mit
formaler Praxis und nur zwei bis drei Stunden mit Schlaf verbringen. Wie
dem auch sei. Ob es sie gibt oder nicht, ist für uns nicht sonderlich
wichtig. Wichtig für uns ist nur, dass der Geist wie an der Meditation
auch an jeder Alltagserfahrung, an jeder x-beliebigen Tätigkeit bewusst
teilhat. Und da dies offensichtlich wichtig ist, wie könnten wir dann so
vermessen sein, diese beiden Aspekte voneinander trennen!
Aufrichtiges, ernsthaftes Bemühen wird nicht in Gang kommen, wenn wir
uns nicht vorbehaltlos und vollkommen in unser Tun hineingeben, ganz
gleich um was es sich dabei handelt. Wenn Ihr Euch eine Sache
herauspickt und ernsthaft betreibt, Euch einer anderen jedoch
verweigert, seid Ihr schon einer inneren Blockierung aufgesessen.
Trefft auch unter den Menschen keine Auslese: Auf der einen Seite
die, die Ihr gern lieben, auf der anderen Seite die anderen, die Ihr
nicht so gern lieben wollt. Pickt Euch aus den Schriften nicht nur
vereinzelte Lehren heraus, an die Ihr Euch mit Wohlgefallen erinnert,
während Ihr andere lieber vergesst. Trefft auch unter den Gelübden keine
Auswahl, nach dem Motto: "Die halte ich und jene nicht." Jedes Mal, wenn
Ihr ein Gelübde ablehnt, als für Euch erledigt betrachtet oder
wissentlich übertretet, errichtet Ihr eine Sperre, die Eure Meditation
aufhalten wird. Deswegen seid aufrichtig und perfekt in allen Euren
Bemühungen.
Jeder Mensch verdient Eure Liebe. Jede Handlung, alles Geschehen
verdient Eure Aufmerksamkeit, jedes Gelübde Eure Beachtung. Und dies
sind nicht etwa unverbindliche Erwägungen, sondern Aufgaben. Widmet Euch
ihnen.
Solange der Geist nicht bei allem Tun ernsthaft, das heißt ohne
jegliche Widerstände, beteiligt ist, muss er sich zwangsläufig auch der
Meditation widersetzen, so dass er bestenfalls halbherzig dabei sein
kann. Vielleicht genießt er die ersten zwanzig und verabscheut die
restlichen vierzig bis fünfzig Minuten. Vielleicht verweilt er gern ein
wenig beim Atem, hat aber eine Abneigung gegen alle Gedanken, die
auftauchen mögen. Vielleicht entrüstet er sich, wenn jemand laut hustet.
Aber, wozu ist das gut? Was nützt es?
Wir müssen diesen Säugling von einem Geist hegen und pflegen, sehr
liebevoll auf ihn aufpassen, sonst wird er weder wachsen noch erwachsen
werden. Ist er schließlich einmal erwachsen geworden und kennt sich
selbst, kann er auch geschickt mit sich umgehen und ist zugleich mit
sich vollkommen im reinen, weil alle Sperren oder Blockierungen
verschwunden sind. Er sträubt sich nicht mehr. Das heißt nicht, dass er
vollkommen naiv geworden ist und nichts mehr weiß. Er weiß sehr wohl,
was vor sich geht, aber er lehnt sich nicht mehr dagegen auf.
Beobachtet Euren Geist und behandelt ihn mit angemessener Sorgfalt.
Dies ist allerdings nur möglich, wenn Ihr es mit Liebe tut. Nur Liebe
allein, nur liebevolle Zuwendung, wird den Erfolg garantieren. Nur sie
macht die Transzendierung unseres weltlichen Daseins möglich. Wacht also
mit derselben Liebe über Euren Geist wie eine Mutter über ihr Kind. Für
wen sonst werdet Ihr solche Liebe hegen können, wenn Ihr nicht einmal
dazu in der Lage sein solltet, sie Eurem eigenen Geist zu schenken?
Das Lockmittel ist Eure Meditation: die volle, runde Erfahrung Eurer
Meditation. Es klingt fast wie Bestechung: "Wenn ich mich den ganzen Tag
lang ordentlich benehme, werde ich am Abend eine schöne Meditation
haben." Keiner weiß, wie sich Euer Geist benimmt, nur Ihr selbst. Achtet
also darauf, dass er sich ordentlich benimmt.
Kümmert Euch um ihn, wohlwissend, dass er das einzige Instrument ist,
das alles ermöglicht, das alles kann. Er ermöglicht die niedersten
Begierden und niederträchtigsten Handlungen. Aber er ermöglicht auch
ihre Transzendierung und die Verwirklichung der höchsten
Bewusstseinsebenen. Deswegen müsst Ihr immer daran denken, sorgfältig zu
sein, liebevoll, und die Dinge im richtigen Licht zu sehen. Was auch
immer geschieht, was Ihr in Gang bringt, was andere Menschen in Gang
bringen, alles ist Teil Eurer Praxis und deswegen auch Teil Eurer
Meditation.
Es wird Euch sehr viel leichter fallen, bei Eurem Atem zu verweilen,
wenn Ihr ihn liebt. Was wir lieben, bei dem können wir mühelos
verweilen. Was uns gleichgültig ist, mit dem wollen wir nicht
Zusammensein. Liebt also Euren Atem, denn er ist Gegenstand Eurer
Meditation. Das ist Grund genug, ihn zu lieben. Liebt Euer Kissen, denn
es trägt Euch, während Ihr meditiert. Liebt die Menschen, mit denen Ihr
sitzt. Seid dankbar. Schaut bitte, ob Ihr nicht vielleicht doch zu der
liebevollen Zuwendung fähig seid, die alles erblühen lässt - von den
winzigen kleinen Samen, zu einem Geist, der das Zeug hat für die
Jhánas, und schließlich zu allem, das ein solcher Geist berühren
kann.
Das Sutta von der Allgüte (Karaniya Mettá Sutta) schildert,
wie wir den anderen Wesen begegnen sollen: Wir sollen sie behandeln, als
wären sie unsere eigenen Kinder. Das Sutta sagt uns hingegen nichts
darüber, wie wir uns selbst behandeln sollen, jedenfalls nicht direkt.
Trotzdem bemerkt es indirekt auch dazu Wichtiges, denn wir werden uns
selbst wahrscheinlich auf dieselbe Art und Weise behandeln, mit der wir
den anderen Wesen begegnen. Umgekehrt werden wir die anderen behandeln
wie uns selbst.
Da jeder von uns hauptsächlich an sich selbst denkt, müssen wir
verstehen, worauf es uns eigentlich ankommt, wenn wir uns selbst
begegnen. Es ist ja nur eine Vorstellung, ein Ideengebilde, zu glauben,
dass wir der Welt durch die und in den anderen begegnen. In Wirklichkeit
begegnen wir stets nur unseren eigenen Schwächen und Stärken. Das
Umweltgeschehen ist eine Serie von auslösenden Momenten, die ans
Tageslicht bringen, was eigentlich in uns steckt.
Unsere Umwelt besteht aus Situationen, Erfahrungen und Menschen. Wir
berühren sie mit unseren Sinnen. Unsere Sinne sind das
Verbindungsmedium. Davon ist der Geist, der Denkapparat am
einflussreichsten. Er ist das mächtigste Sinnesorgan und hat zudem
leider die Tendenz, uns aus dem Ruder zu laufen. Wir bleiben nicht in
der Fahrrinne der Wirklichkeit, weil wir nicht wissen, was wirklich ist
und was nicht. Wir interessieren uns für Dinge und Ereignisse, von denen
wir annehmen, dass sie wirklich sein könnten. Diese Dinge und Ereignisse
unterliegen zwei Denkfiltern: Entweder wir haben Angst vor dem, was sein
könnte, oder wir verbinden irgendwelche Hoffnungen damit.
Beides ist nicht realistisch. Unsere Hoffnungen sind bloße
Wunschgedanken, unsere Ängste unbegründete Sorgen. Sie verwirren uns
nur, das eine wie das andere. Zudem sind sie noch eng miteinander
verwoben. Mit jeder Hoffnung geht Angst einher - die Angst, dass sie
sich nicht verwirklichen könnte. Umgekehrt wohnt allen unseren Ängsten
die Hoffnung inne, dass unsere Befürchtungen sich nicht bewahrheiten,
wenn wir es nur gescheit anstellen. Aber damit geben wir einer neuen
Angst Nahrung: Könnte es nicht sein, dass wir nicht gescheit genug sind?
Wir stecken also in einer unerfreulichen Lage. Wir sind verspannt und
fühlen uns unruhig, unbehaglich. Dagegen wehren wir uns mit Hilfe von
allen möglichen Abwechslungen und Ablenkungsmanövern. Essen, Trinken,
Unterhaltung, Gespräche, Schlaf sollen uns die Verspanntheit nehmen.
Jedes Mittel ist uns zur Spannungslösung recht, wenn es nur verfügbar
ist und für den Moment die richtige Medizin zu sein scheint. Zeitungen,
Fernsehen, das Telefon sind unsere kleinen Helfer, wenn wir in unserer
normalen Umwelt leben. Wenn sie uns nicht zur Verfügung stehen, suchen
wir uns irgendeinen Ersatz, was auch immer sich dafür anbietet. Finden
wir nicht einmal den, werden wir niedergeschlagen oder gereizt.
Diese Zerstreutheit oder, allgemeiner ausgedrückt, Mannigfaltigkeit
(papáñca) hat nur beginnen können, weil der Geist sich die
Freiheit genommen hat, außer Kontrolle zu geraten. Wir gestatten ihm
sich in alle Richtungen zu verlaufen. Wir denken ängstlich oder
hoffnungsfroh an die Zukunft; wir denken mit Bedauern oder in
rührseliger Verklärung an die Vergangenheit. Nur an eines denken wir
nicht: bei dem zu bleiben, was gerade geschieht.
Bei dem zu bleiben, was im Augenblick geschieht, ist Achtsamkeit. Sie
lässt sich nur schwer vollkommen verwirklichen, weil der Geist seiner
Neigung folgt, sich mannigfaltig zu verzweigen. Leider können wir dieser
Neigung eben nicht allein dadurch entgegenwirken, dass wir uns selbst
zur Achtsamkeit ermahnen. Wir müssen schon etwas mehr tun.
Natürlich würde dieses fortwährende Sich-Verzweigen aufhören, wenn
wir vollkommen achtsam, in jedem Augenblick vollkommen präsent wären. Da
wir dies nicht sind, benötigen wir praktische Hilfen, die uns
Gleichgewicht schenken. Ein gesunder Geist ist im Gleichgewicht. Ein
gesunder Geist erlaubt sich keine plötzlichen Abweichungen. Er schwankt
nicht, sorgt sich nicht, lässt sich nicht niederdrücken, hat keine Angst
und wird auch nicht überschwänglich. Um ihn zu verwirklichen, müssen wir
ihn unterstützen, und zwar nicht allein damit, dass wir uns permanent
einreden, endlich "achtsam zu sein". Wenn das helfen würde, würden wir
keine anderen Hilfen brauchen. Wir wären in einer hervorragenden
Position.
Aber wir können uns tatsächlich weiterhelfen, zum Beispiel indem wir
uns selbst wertschätzen. Mit diesem Wertschätzen meinen wir nicht etwa
ein Gefühl der Überlegenheit, nicht die Kunst, den anderen stets eine
Nasenlänge voraus zu sein. Selbstwertschätzung heißt nicht: "Ich bin
einfach besser als Du." Oder: "Was Du tust, kann ich auch, und zwar
besser." Nein, nichts dergleichen.
Wahre Selbstwertschätzung besteht auch nicht darin, dass wir uns
ständig im Geist unsere Kenntnisse aufzählen. Die Kluft zwischen Wissen
und Tun, darauf kommt es an. Oder vielmehr darum, diese Kluft zu
überbrücken. Das ist die Hauptarbeit. Es ist absolut nutzlos, über das
eigene Wissen nachzudenken, die eigenen Kenntnisse herauszustreichen.
Aber es ist sehr nützlich, über das nachzudenken, was wir bereits
geleistet haben.
Nur was wir tun, zählt wirklich. Was wir vielleicht irgend eines
schönen Tages zu tun gedenken, sich damit zu beschäftigen, ist völlig
belanglos. Was wir bloß kennen, als Faktenwissen gespeichert haben, hat
damit noch keine konkrete Gestalt angenommen. Aber unser Tun hat
Konsequenzen. Deswegen müssen wir uns an unsere Taten, an unsere
heilsamen Handlungen erinnern, wenn wir uns selbst wirklich wertschätzen
wollen.
Wir müssen mit uns zufrieden sein. Können wir uns selbst nicht mit
einem Gefühl der Genugtuung begegnen, werden wir nirgendwo und mit
niemandem zufrieden sein. Wir können die Persönlichkeit, die wir jetzt
verkörpern, nicht einfach loswerden, in die Ecke stellen. Sie wird uns
noch eine ganze Weile begleiten. Außerdem sollten wir uns fragen, ob wir
überhaupt mit irgend jemandem oder irgendetwas zufrieden sein können,
wenn wir nicht einmal mit uns selbst zufrieden sind. Wir selbst sind das
Hindernis. Unsere Hauptaufgäbe liegt zunächst darin, dass wir mit uns
selbst zufrieden sind.
Das Karaniya Mettá Sutta hebt diesen Gesichtspunkt deutlich
hervor: "Genügsam sei er, unschwer zu erhalten" Es erwähnt insgesamt
fünfzehn Bedingungen, die inneren Frieden schenken. Finden wir diese
Bedingungen nicht in uns selbst erfüllt, werden wir keinen Frieden
finden, nirgendwo.
Mit uns selbst zufrieden sein bedeutet, dass uns genügt, was wir
bereits haben, dass wir mit unserem Aussehen, unseren sprachlichen
Ausdrucksmöglichkeiten, unserem Leben, unseren Reaktionen zufrieden
sind. Unser Dasein, und wie es verläuft, ist in einen Flor der
Zufriedenheit gehüllt. Dies heißt nicht, dass wir uns vielleicht nicht
noch weiterentwickeln könnten. Dies könnten wir durchaus. Aber es wird
uns nichts so recht gelingen, wenn wir das Gefühl eines tiefsitzenden
Ungenügens in uns tragen. Dann stehen wir immer unter der Spannung der
Sehnsucht: Wir wünschen uns, dass alles ganz anders wäre.
Wünschen ist Spannung. Wünschen bedeutet, dass wir unbefriedigt sind.
Was wir auch wünschen, es ist seinem Wesen nach Nicht-Erfüllung
(dukkha). Je mehr wir das Wünschen loslassen, desto mehr lassen wir
auch Dukkha los. Vom Wünschen können wir jedoch nur lassen, wenn wir mit
dem zufrieden sind, was jetzt bereits da ist.
Aber vielleicht entspricht dies nicht unseren Erwartungen. Jeder hat
bestimmte Erwartungen, Anforderungen, die er an sich und an andere
stellt. Und diese sind allesamt wirklichkeitsfern, unrealistisch. Sie
ziehen nicht in Betracht, dass nichts Bestand hat, dass alles vergeht.
Alles wandelt sich unaufhörlich. Mag sein, dass es für einen Augenblick
vollkommen gestimmt hat. Aber jetzt stimmt es nicht mehr, passt nicht
mehr perfekt zusammen.
Wie können wir Zufriedenheit in Situationen finden, die wir als
unbefriedigend erfahren? Als erstes müssen wir die Situation etwas näher
untersuchen. Was an ihr ist unbefriedigend? Warum ist sie
unbefriedigend? Was stimmt nicht? Was verwehrt sie uns? Gewährt sie dem
"Ich" vielleicht nicht genug Bestätigung? Stimmt sie nicht mit unseren
Erwartungen überein?
Habt Ihr einmal ermittelt, was die Situation für Euch unbefriedigend
macht, werdet Ihr zugleich einsehen, dass es nichts weiter ist als eine
lächerliche Kleinigkeit. Es lohnt sich nicht, daran auch nur einen
weiteren Gedanken zu verschwenden.
Wenn Ihr innerlich festgefahren seid, wenn irgendetwas in Euch immer
wieder Dukkha erzeugt, Spannungen und unerfüllte Wünsche hervorbringt,
warum dann nicht einfach bedenken, dass Ihr Eurem Wesen nach sterblich
seid, dass Ihr nicht über dem Tod steht? "Ich bin meinem Wesen nach
sterblich", bedeutet nicht, dass der Tod erst in fünfzig Jahren
geschehen wird. Er könnte ebenso gut in fünf Minuten da sein. Warum also
nicht immer wieder daran denken? Behaltet den Tod im Auge. Das ist nicht
grausig, nicht pathologisch empfindsam und auch nicht deprimierend. Es
bringt uns nur der Wirklichkeit näher, weil es wahr ist.
Würdet Ihr wirklich dieselbe Unzufriedenheit an den Tag legen, wenn
Ihr mit Sicherheit wüsstet, dass Ihr nur noch zehn Minuten zu leben
habt? Warum dann nicht diesen Gedanken auf seine Wirksamkeit prüfen?
Warum nicht einmal die Probe aufs Exempel machen und davon ausgehen,
dass Ihr tatsächlich nur noch zehn Minuten leben werdet? Ich garantiere
Euch, dass keine Eurer Reaktionen mehr eine Spur von Unzufriedenheit
aufweisen wird.
Vielleicht hindert Euch die Todesangst daran. Angst entsteht aus
heftiger emotionaler Ablehnung: aus Auflehnung und Hass. Aber was für
einen Sinn hat es, sich gegen etwas aufzulehnen, das ohnehin feststeht?
Warum hassen, was mit Sicherheit geschehen wird? Das ist dumm. Trotzdem
tun es die meisten Menschen. Es ist eine unserer unzähligen
Verrücktheiten.
Wollen wir mit uns leben, dass unser Leben uns und andere befriedigt,
muss die Voraussetzung der inneren Zufriedenheit unbedingt erfüllt sein.
Dazu müssen wir uns selbst würdigen, uns als den Menschen wertschätzen,
der wir sind.
Findet zu Euch selbst, zu dem, was an Euch echt und wertvoll ist.
Dann werdet Ihr leichter Momente und Situationen überstehen, in denen um
Euch herum alles in Chaos, Verwüstung und Verwirrung zu versinken
scheint. Findet zurück zur Reinheit.
Wir könnten nicht rein werden, uns nicht läutern, wenn wir nicht eine
reine Grundlage in uns trügen. Wären wir vollkommen verschmutzt, würden
wir nicht an irgendeinem Fleckchen bereits rein sein, wir würden uns
ohne jegliche Erfolgsaussichten um Läuterung bemühen. Reinheit ist
bereits vorhanden. Aber wir müssen sie vergrößern, entwickeln, wirklich
etwas aus ihr machen. Findet zurück zur Mitte, wenn Angst und Verwirrung
Euch plagen. Findet zurück zur Mitte, wenn Ihr unter Ablehnung leidet,
oder darunter, dass sich Eure Wünsche nicht erfüllen. Findet zurück zur
Mitte. Sie ist in Euch.
Wir alle sind der falschen Vorstellung aufgesessen, dass unsere
Zufriedenheit von bestimmten Zuständen oder bestimmten Menschen abhängen
würde. Auch dies ist eine unserer Verrücktheiten. Wie könnten wir von
Äußerlichkeiten abhängig sein, von etwas, das nicht in uns ist? Echte
Zufriedenheit kann nur von inneren Bedingungen abhängen, von Bedingungen
also, die wir eigenverantwortlich hervorbringen können. Nach dieser
Zufriedenheit müssen wir streben. Wenn wir uns an Menschen und
Situationen klammern, die uns Zufriedenheit schenken, machen wir uns von
ihnen abhängig. Wir machen uns zu ihren Sklaven. Keiner will Sklave
sein. Jeder will vollkommen frei sein.
Erschließt Euch die Zufriedenheit, die in Eurer eigenen Reinheit
geborgen liegt! Dann seid Ihr unabhängig. Dann seid Ihr nicht mehr
enttäuscht, wenn sich irgendetwas als vergänglich erweist.
Aber wie dahin kommen? Der Schlüssel ist Eure Bewusstheit. Von ihr
hängt es ab, denn wir erkennen und erfahren nur, worauf wir achten. Habt
Ihr schon versucht, nur auf Heilsames zu achten? Nur Heilsames zu
befolgen, was nützlich ist, Euch innerlich reicher macht, Euch hilft?
Tut Ihr dies, habt Ihr Euer Glück gefunden. Richtet den Geist nur
darauf, auf nichts anderes. Findet immer wieder den. Weg zu Eurer
eigenen Reinheit.
Das Gefühl der Dankbarkeit für unser Leben ist eine große Hilfe.
Dabei müssen wir nicht einmal einer bestimmten Person oder Sache dankbar
sein. Vielleicht sind wir für die kammischen Voraussetzungen dankbar,
die uns die Möglichkeit geben, uns sinnvoll zu bemühen. Vielleicht sind
wir dafür dankbar, daß wir körperlich in recht guter Verfassung und von
allen schweren physischen Gebrechen frei sind.
Dankbarkeit heißt, daß wir positive Lebensumstände nicht als
selbstverständlich hinnehmen. Je reicher die Menschen sind, desto eher
betrachten sie ihre Privilegien und Vorzüge als eine
Selbstverständlichkeit. Wenn wir uns bester Gesundheit erfreuen, und das
Leben uns zudem mit vielen günstigen Gelegenheiten beschenkt, nehmen wir
diese wahrscheinlich ebenfalls für selbstverständlich. Was nicht gerade
unsere Zufriedenheit mehrt. Zufriedenheit wächst vielmehr aus der
Dankbarkeit, die wir für alle positiven Lebensumstände fühlen.
Wir können nirgendwo zu Hause sein, wenn wir uns nicht selbst
Zuflucht und Heimat sein können; wenn wir uns nicht entspannen, in uns
keine Ruhe finden können. Wo unser Herz ist, fühlen wir uns zu Hause,
nicht wo unser Körper ist.
Deswegen sind wir endlich zu Hause angekommen, sobald das Herz sich
öffnet, sobald sich ein Gefühl der Wertschätzung einstellt, sobald wir
dankbar, zufrieden, erleichtert und sorglos sind. Wenn wir uns so
fühlen, sind wir überall auf diesem Erdball, ja überall im ganzen weiten
Universum zu Hause.
Heimat, das kann unmöglich ein bestimmtes Haus, das können nicht die
sogenannten vier eigenen Wände sein. Aber: Wo ist Heimat? Wo unser
Zuhause? Versucht, es in Eurem eigenen Herzen zu finden - und nur dort.
Ein gutes Zuhause sollte eine gewisse Wärme, eine behagliche Atmosphäre
ausstrahlen, besonders wenn die Welt da draußen so kalt und unfreundlich
zu sein scheint. Wo kann es solche Wärme geben, wenn nicht im eigenen
Herzen?
In unserem Herzen müssen wir uns die Behaglichkeit schaffen, nach der
wir uns sehnen; die Sorgenfreiheit, die jeder erstrebt; den Frieden, der
so schwer fasslich ist und uns immer wieder entgleitet. Das Herz ist die
Mitte unserer Schöpfung. In dieser Mitte müssen wir verweilen, besonders
wenn wir Schwierigkeiten haben.
Solange alles reibungslos verläuft, schreiben wir uns dies unserem
eigenen Geschick zu. Sobald es jedoch Probleme gibt, machen wir erstens
zumeist äußere Umstände dafür verantwortlich und beginnen zweitens
sofort, uns suchend nach Hilfe umzuschauen. Diese Hilfe können wir in
unserem Herzen wirklich finden, aber nur, wenn wir uns die Grundlage
dafür geschaffen haben, die unserem Leben ein tragfähiges Fundament
gibt. Diese Grundlage ist der sichere, warmherzige und liebevolle Umgang
mit uns selbst.
Es ist dumm, unser Glück von anderen abhängig zu machen. Vielleicht
ist es sogar mehr als dumm. Wir sind schlicht und einfach verrückt, wenn
wir unsere Sicherheit von anderen abhängig machen. Wie können wir uns
von jemandem abhängig machen wollen, der nach seinem eigenen Glück und
seiner eigenen Sicherheit strebt, also in sich selbst ebenfalls haltlos
ist?
Nur wer inneren Halt gefunden hat, hat auch etwas wirklich
Wertvolles, hat sein Zuhause entdeckt. Wenn wir fest in unserem inneren
Glück und unserer inneren Sicherheit ruhen, haben wir die Kraft und die
Fähigkeit, allen Verwirrungen und Schwierigkeiten zu widerstehen, die
von außen an uns herangetragen werden.
Kein Mensch in dieser Welt kommt ungeschoren, ohne Verwirrungen, ohne
Probleme, ohne Dukkha davon. Da gibt es keine Ausnahmen. Aber nur, wer
seine eigene Mitte gefunden hat, weiß, wo er im Notfall Zuflucht finden
kann: im eigenen Herzen. Der Notfall muss im übrigen nicht unbedingt
eine große Katastrophe sein. Auch kleine, alltägliche Anforderungen
lassen sich besser von der Geborgenheit einer guten Zuflucht meistern.
Wir fühlen uns dann sicherer, wenn zu viele Menschen durcheinander
reden, wenn man etwas von uns will, wenn wir bestimmte Erwartungen nicht
auf der Stelle erfüllen können und so weiter.
In allen diesen Fällen können wir in unserem Herzen Zuflucht finden.
Unser Herz ist unser Zuhause. Dort herrscht Wärme, Wertschätzung,
Dankbarkeit und Zufriedenheit. Deswegen müssen wir lernen, den Weg zu
unserem Herzen zu finden. Wir müssen uns darum bemühen, denn auch diese
Fähigkeit kommt nicht von selbst.
Lernen können wir es, indem wir jeden unheilsamen Gedanken aufgeben,
jeden unheilsamen Gedanken loslassen, bis nur noch Heilsames,
Zweckdienliches, Nützliches und Positives in uns lebt. Je mehr
unheilsame Gedanken wir hegen, desto befleckter und verschmutzter ist
unser Zuhause, die Mitte, aus der heraus wir leben.
Wir gewinnen die Kraft, dies immer und immer wieder zu tun, wenn wir
einmal gelernt haben, auch nur einen unheilsamen Gedanken fallen zu
lassen. Dies zu tun, bedeutet, daß wir mit einem gründlichen Hausputz
beginnen. Wir fegen jeden Tag unser Zimmer. Wir fegen jeden Tag die Wege
zwischen den einzelnen Gebäuden. Warum nicht also auch das Herz sauber
fegen? Ja wir können sogar unser Herz sauber fegen, während wir damit
beschäftigt sind, die Wege zu fegen. Wir müssen uns keine bestimmte Zeit
dafür reservieren. Wir können es immer tun, zu jeder Tages- und
Nachtzeit. Aber sauber fegen müssen wir unser Herz, damit es freiwerden
kann von Angst, Widerstand und Hoffnung. Hoffnung ist keine
Wirklichkeit. Hoffnung und Angst gehören zusammen.
Mit einem Gefühl der Wärme und Sicherheit im Herzen lässt es sich
auch besser meditieren. Es kommt noch besser: Unser ganzes Leben gewinnt
eine neue Qualität. Es kommt uns so vor, als sei unser Leben zuvor
gebrochen, gespalten gewesen. Nun ist es plötzlich ganz. Indem es ganz
wird, fühlen wir uns ganz - und heil. Heil und heilig sind ein und
dasselbe.
Das heißt wir haben Zugang zum Ariya Magga, zum Edlen Pfad,
zum heiligen Leben gefunden. Und dies sind wir uns schuldig. Wir müssen
es für uns und mit uns tun. Bitte, denkt alle daran! Wenn Ihr die Wege,
Blumenbeete, die überwachsenen Bäume, die Küche, das Geschirr und so
weiter säubert, denkt bitte daran, daß die eigentliche Reinigung im
Herzen stattfinden muss. Die äußere und die innere Reinigung sollten in
ein- und demselben Augenblick geschehen. Aber dies fällt uns schwer. Wir
vergessen so schnell, daß wir uns auch geistig-seelisch läutern können,
während wir irgendwo etwas saubermachen.
Mit einer sauberen, festen Grundlage in unserem Herzen fühlen wir uns
innerlich ganz liebevoll. Wir begegnen uns selbst mit liebevoller
Zuwendung, und diese Liebe zieht zumeist auch die liebevolle Zuwendung
zu unserer Umwelt nach sich. Wir müssen uns nicht mehr angestrengt darum
bemühen, nett zu den anderen zu sein. Wir sind ganz natürlich und
spontan nett, weil wir uns selbst freundlich behandeln. Dieser
freundliche Umgang mit uns selbst hat nichts mit Schwelgerei oder
Selbstgenuss zu tun. Er bedeutet nur, daß wir liebevoll zu uns sind.
Sind wir zu uns selbst wirklich liebevoll, werden wir ohne
Schwierigkeiten auch zu anderen liebevoll sein können. Die Folge ist ein
Gefühl der Ganzheit.
Sobald dieses Gefühl der Ganzheit unser gesamtes Dasein durchdringt,
werden wir kaum noch in den alten Zustand des Gespaltenseins
zurückfallen. Wir sind einfach wie aus einem Guss. Wir fühlen uns nicht
nur selbst so. Die anderen fühlen es auch an uns. Sie merken es uns an,
spüren unsere Festigkeit. Zum einen haben wir uns damit selbst einen
guten Dienst getan. Zum anderen werden wir zum Ankerplatz. Wir sind nun
ein Felsen, auf den andere sich stützen können. Ein Fels bröckelt nicht
ab, wenn man sich auf ihn stützt. Nur fest und in sich geschlossen muss
er sein. Weiches und poröses Gestein wird immer nachgeben. Wir müssen
also darauf achten, daß wir in uns geschlossen sind - in der Mitte
unseres Herzens. Darauf beruht unsere Festigkeit. Dann kann draußen in
der Welt geschehen, was geschehen will. Unser Herz bröckelt nicht.
Heiliges Leben heißt, daß wir ganz werden - heil, aus einem Guss.
Wir setzen uns gewöhnlich bei allem, was wir tun, willkürliche
Grenzen, weil wir statt an das Mögliche nur daran denken, was unserer
Meinung nach unmöglich, nicht realisierbar, unerreichbar ist. Indem wir
unsere Leistungskraft in jedem Tätigkeitsbereich, besonders jedoch was
unser spirituelles Leben anbelangt, von vornherein für begrenzt halten,
bauen wir selbst die Sperren auf, die unser Denken dann behindern.
Könnten wir nur die Vorstellung aufgeben, daß irgend etwas nicht geht,
weil es eben unmöglich ist, und es stattdessen für möglich und
realisierbar halten, wir würden uns dem öffnen, was sich innen und außen
als beständiges Fließen entfaltet und wandelt. Da der Geist jedoch immer
nur auf seinen engstirnigen Überlegungen herumreitet, sind wir dafür
nicht offen. Die engstirnigen Überlegungen sind unsere Vorlieben und
Abneigungen, Sorgen und Ängste und die Widerstände gegen das Loslassen.
Wir nehmen nur einen Bruchteil der Phänomene und Ereignisse wahr, die
sich im Kosmos abspielen. Unsere Sinne haben selbst in ihrem eigenen
Wirkungsbereich nur eine begrenzte Aufnahmekapazität. Wir können kein
ultraviolettes Licht sehen. Die Bienen sind dazu in der Lage. Hunde
können Töne hören, die wir nicht hören können, weil unsere Ohren für
diesen hohen Frequenzbereich nicht taugen. In diesen Fällen sind uns
demnach sogar Tiere überlegen, Wesen also, die weniger entwickelt sind
als wir selbst, weil sie nicht über die Fähigkeit des Denkens verfügen.
Aber ihre Sinne sind den unseren teilweise überlegen. Sie können sehen
oder hören, was wir mit unserem Wahrnehmungsapparat nicht sehen oder
hören können.
Das ist keine besonders bedeutende Erkenntnis. Sie unterstreicht nur,
daß der Kosmos voller Erfahrungen und Möglichkeiten steckt, von denen
wir keine Ahnung haben. Wir begrenzen uns selbst, weil wir nicht
unbegrenzte Möglichkeiten in Betracht ziehen.
Wissenschaft und Technik sind uns näher und wesentlich vertrauter als
geistiges Wachstum, als die spirituelle Entwicklung. Wissenschaft und
Technik sind heutzutage sozusagen unser Geburtsrecht. Und auf diesem
Gebiet sind wir vielleicht ein wenig wagemutiger. Zumindest die
wissenschaftliche Elite ist es.
Hätten die Wissenschaftler und Ingenieure den Mondflug von vornherein
als unmöglich ausgeschlossen, dann wäre auch niemand zum Mond geflogen.
Vor fünfzig Jahren war der Mondflug sicher undenkbar, eine Phantasterei,
davon zu sprechen, wohl nur ein Scherz. Für uns ist er schlicht eine
Tatsache, nicht mehr, nicht weniger. Bedenkt, fünfzig Jahre nur hat es
gedauert. Das ist weniger als ein durchschnittliches Menschenleben!
Menschen haben an ein völlig unmögliches Vorhaben geglaubt - und so
wurde es schließlich Wirklichkeit.
In der Meditation oder im spirituellen Leben ist es nicht anders.
Jeder ist sich selbst der schlimmste Feind. Ihr habt keinen anderen
Feind als Euch selbst. Kein Mensch schränkt Eure Meditation willkürlich
ein. Kein Mensch setzt Eurem geistigen Streben und Eurer spirituellen
Entwicklung irgendwelche Grenzen. Kein Mensch hält Euch auf, wenn nicht
Ihr selbst, wenn nicht Eure Gedankentürme und Vorstellungen, Eure Idee,
daß dieses oder jenes eben unmöglich, nicht realisierbar ist.
Dreht den Spieß einfach um. Denkt an das, was Ihr tun könnt. Dann
wird das Unmögliche möglich. Es gibt im Grunde nichts, das Ihr nicht tun
könntet.
Das ist eine Binsenwahrheit. Sie gilt für alle Lebensbereiche, also
auch für Eure Meditation. Ihr könnt Euch beim Meditieren
konzentrieren. Ihr habt Zugang zu den Vertiefungen, könnt andere
Bewusstseinszustände erfahren, wenn Ihr nur endlich loslasst. Was
loslasst? Alle Schranken und Sperren, die Euch einreden: "Ich will
nicht. Ich kann nicht. Ich muss damit erst einmal etwas besser
klarkommen" Lasst diese Sperren los. Lasst alle Blockierungen los, die
Euch nicht frei zu fließen gestatten. Gebt Euch dem Unbekannten hin und
die alten, gewohnheitsmäßigen Reaktionen auf.
Hingeben und Aufgeben sind die wichtigsten Schritte zu erfolgreicher
Meditation. Wir geben uns dem Atem hin, in den Atemvorgang hinein und
unsere Vorstellungen auf. Wir lassen das total verwickelte Knäuel
unserer Gedanken los. Es hat ohnehin keinen Wirklichkeitsgehalt.
Nur drei Merkmale des Daseins gibt es, die wahr sind und die
Wirklichkeit treffend beschreiben: Vergänglichkeit, häufig auch als
Unbeständigkeit bezeichnet (anicca); Nicht-Erfüllung, häufig auch
als Unbefriedigtsein und Leiden bezeichnet (dukkha); und
Selbst-Losigkeit, häufig auch als Unpersönlichkeit oder Nichtexistenz
eines Wesenskerns bezeichnet (anattá).
Alle anderen Gedanken sind nutzlose Phantasiegebilde, vollkommen
durchsetzt von Sichtweisen und Anschauungen. Wo soll da noch irgendein
Raum für Konzentration oder Vertiefung bleiben? Wenn der Geist
vollgestopft ist mit Ideen, und er diese Ideen darüber hinaus den ganzen
lieben langen Tag äußert, ungeheuer wichtig nimmt, pflegt, vermehrt und
weitschweifig ausführt, wie soll er sich dann überhaupt konzentrieren
können? Wo ist dann noch der nötige Platz dafür? Wenn Ihr dermaßen auf
Gedanken versessen seid, wo soll der Platz herkommen, an dem sich
Beseligung entfalten könnte? Habt Ihr dafür überhaupt noch Platz?
Es gibt nur einen Geist. Ihr habt nirgendwo einen anderen Geist
verstaut, auf Vorrat sozusagen. Und dieser Geist, den Ihr hier und jetzt
habt, steckt voller Vorstellungen, spuckt am laufenden Band irgendwelche
Ideen aus. Wie soll der gleiche Geist schlagartig damit aufhören, nur
weil wir uns zum Meditieren hinsetzen? Das kann er nicht.
Aber wir haben eine andere Möglichkeit. Wir können den Geist schulen,
so daß er ein ganz anderer Geist wird als er jetzt ist. Dies ist
realisierbar, weil die notwendigen Voraussetzungen schon jetzt in ihm
angelegt sind. Würde nicht jeder Mensch Buddha-Wesen in sich tragen, es
würde für uns sinnlos, Buddhas Lehren zu studieren, denn sie könnten
dann in uns einfach nichts bewirken. Warum sollten wir uns damit
abgeben, wenn wir das Unmögliche doch nicht möglich machen könnten?
Buddha-Wesen ist der Zugang.
Es gibt etwas, das weit über unseren jetzigen Horizont hinausreicht,
das unseren jetzigen Erkenntnisstand, ja sogar die Art des gewöhnlichen
Erkennens sprengt. Und dies lockt uns, gibt uns den Anstoß, daß wir uns
auf die Suche begeben, daß wir nach Transzendenz streben.
Wenn wir diesen Ansporn nicht hätten, es würde sich gar nichts mehr
tun, es würde keinerlei Entwicklung mehr geben. Wir wären immer nur mit
Banalitäten beschäftigt: "Es ist zu heiß! Wenn nur diese Mücken nicht
wären! Wenn es nur besseres Essen gäbe! Oder nicht so viel! Oder nicht
so wenig!" Etwas anderes würden wir dann nicht denken.
Indes, es gibt etwas, das über unseren jetzigen Erkenntnisstand
hinausreicht. Nicht, weil der Buddha es gesagt hat. Nicht weil der
Nachbar, unser bester Freund oder unser schlimmster Feind es gesagt
hätten. Wer hat es uns überhaupt gesagt? - Tief in unserem Herzen lebt
ein fundamentales Wissen, das zu uns spricht. Es sagt: "Es ist mehr am
Leben dran als das, was ich bisher getan habe. Ich habe alles
ausprobiert, getan, was alle anderen tun, meine schlimmsten Feinde nicht
anders als meine besten Freunde. Es hat mich nicht befriedigt. Das Leben
muss noch andere Möglichkeiten bieten"
Woher kommt dieses Wissen? Ihr könnt nur Euer eigenes Herz, Euren
eigenen Geist gebrauchen. Etwas anderes steht Euch nicht zur Verfügung.
Warum geht Ihr also nicht etwas sorgsamer mit Eurem Herzen und mit Eurem
Geist um? Seid bitte etwas rücksichtsvoller zu ihnen. Beobachtet Herz
und Geist mit mehr Sorgfalt, behandelt sie wie ein kostbares Juwel, das
Ihr in Watte verpackt, damit es nicht herumgestoßen und zerkratzt wird.
Mit vielen Kratzern kann der Geist nicht meditieren. Unmöglich, daß er
es kann.
Nur ein beschützter Geist kann meditieren. Aber: Wer wird Euren Geist
für Euch beschützen? Nur Ihr selbst. Nur Ihr selbst könnt Euren Geist
beschützen. Ihr tut dies ja auch für Euren Körper. Ihr schützt ihn so
gut es geht vor Verbrennungen, Wunden, Erschütterungen und Schlägen. Bei
unvorhergesehenen Notfällen und Unglücken steht sogleich der Erste Hilfe
Kasten bereit. Ein Arzt ist da oder sogar das Krankenhaus, die sich um
den Körper kümmern.
Der Geist hingegen wird herumgestoßen, zerkratzt und geschlagen, von
Gedankensalven und allen damit einhergehenden Ich-Bestätigungen
bombardiert. Unaufhörlich drängt sich ihm die Begrenztheit weltlicher
Überlegungen auf und prägt sich ihm in tiefen Furchen ein: "Ich mag
dieses, jenes hingegen mag ich nicht. Ich will dieses, jenes hingegen
will ich nicht. Das tut mir sehr leid. Jenes macht mich ungeheuer
wütend. Dies ist kein guter Mensch" Und so weiter. Nichts als
Gedankenketten, die den Geist zerkratzen.
Wenn Ihr wie alle Welt beständig auf Eurem Geist herumkratzt, werden
aus leichten Kratzern schließlich tiefe Wunden, die nur schwer verheilen
und vernarben. Diese Wunden sind die Begrenzungen und Urteile, die wir
dem Geist aufzwingen. In seiner eigenen Reinheit ist der Geist ein
kostbares Juwel, ein Edelstein von höchster Güte. Keinem ist geholfen,
wenn wir ihn zerkratzen und ihm tiefe Wunden zufügen.
Nichts geht ohne eine innere Vision, ein tief inneres Schauen. Diese
Vision hat Euch zur Meditation hingeführt. Nun müsst Ihr dieselbe innere
Vision auf Euren Geist anwenden, damit er weit und offen werden kann.
Macht Euren Geist ganz weit, daß er das Unmögliche lassen kann. - Dass
er sich einfach mit Euch auf Euer Kissen setzt und einem höheren
Bewusstsein anvertraut, in dem weltliche Überlegungen ihn nicht mehr
berühren.
Zu diesem Zweck müsst Ihr loslassen. Ihr müsst alles loslassen, womit
der Geist sich gewöhnlich beschäftigt. Anders geht es nicht. Wenn der
Geist nämlich den ganzen Tag oben und unten, nach vor und nach hinten
herumgetollt ist, wenn er dagegen war oder dafür, sich gesorgt hat,
unzulänglich gefühlt hat oder obenauf war, dann schleppt er diese Dinge
auch mit zum Meditationskissen, dann trägt er sich beim Meditieren mit
denselben Gedanken.
Leider könnt Ihr Eure Gedanken nicht zusammen mit Euren Sandalen
draußen vor der Halle abstellen. Das wäre wunderbar. Sie einfach
abstellen wie die Sandalen. Aber das geht nicht. Ihr bringt sie mit
herein in die Meditationshalle. Da sind sie also. Und was nun? Mehr
Gedanken. Mehr Vorstellungen. Mehr Abneigungen. Mehr Sorgen. Mehr
Ängste. Mehr unerfüllte Hoffnungen. Das heißt: Mehr weltliche Interessen
und Überlegungen. Indes haben sie hier gar nichts zu suchen. Sie gehören
nicht auf das Meditationskissen. Das ist nicht der angemessene
Aufenthalt für sie.
Hier geht es ja gerade um das Gegenteil: Dass der Geist weit wird und
offen. Und diese Erweiterung kann nur geschehen, wenn sie nicht
behindert wird, wenn Euch nicht irgendwelche feste Vorstellungen den
Zugang zu ihr verbauen. Also: streckt Euch, weitet Euch, dehnt Euch aus
- so weit, so offen, daß das Unmögliche darin Platz hat. In der
Meditation betreten wir ein vollkommen anderes Reich, ein Reich, vor dem
all unser weltlicher Müll zurückbleibt.
Wenn Ihr Euch im Anschluss wieder weltlichen Aufgaben zuwendet,
werden Euch diese nicht weiter berühren. Ihr kümmert Euch darum, tut,
was getan werden muss, ohne Euch hineinziehen zu lassen.
"Ihr Geist schwankt nicht, auch wenn er mit weltlichen Belangen in
Berührung kommt", heißt es im Mahá Mangala Sutta über die
Erleuchteten, die Arhats. "Von weltlichen Belangen zwar gestreift,
schwankt ihr Geist doch niemals. Makellos sind sie, sorgenfrei und
sicher. Ihnen gehört der größte Segen."
Das heißt nicht, daß Ihr Euch nicht mehr um weltliche Angelegenheiten
kümmern dürft. Wohl aber heißt es, daß die Erweiterung, die in einem von
allen Blockierungen befreiten Geist sich entfaltet, diesem Geist
zugleich eine neue, andere Sichtweise schenkt. Der Geist hat zu einer
neuen inneren Vision Zugang gefunden.
Solange dies nicht geschehen ist, bleibt alle Meditation nur
Wunschdenken: Eine Hoffnung oder eine Art Beten. Hoffen und Beten ist im
allgemeinen nicht besonders wirksam. Wirksam ist nur, was von
entschlossenem Vorgehen getragen wird, wenn ein überzeugendes Motiv den
Geist zu handeln veranlasst.
Alles loslassen! Alles aufgeben! - Darin zum Beispiel manifestiert
sich ein entschlossener Geist. Deswegen ist es eine kraftvolle
Geistestat.
Stellt Euch vor, Ihr hört einen Feuerwerkskörper explodieren, und
indem Ihr die Explosion hört, lasst Ihr zugleich die Vorstellung los,
daß Ihr einen Feuerwerkskörper explodieren hört. Das ist eine kraftvolle
Geistestat! Darin steckt Mut und Kraft. Habt Ihr es schon einmal
versucht? Wenn ja, werdet Ihr aus Erfahrung wissen, daß nur ein
entschlossener, kraftvoller und aktiver Geist zu dieser Tat fähig ist.
Ihr gebt die Dinge nicht wohl oder übel auf. Aufgeben ist kein
Wischiwaschi, Loslassen keine puddingweiche, wabbelige Belanglosigkeit.
Es gehört Entschlossenheit dazu und Durchhaltevermögen. Wenn Ihr nicht
auf der Stelle damit beginnt, verschwendet Ihr nur Eure Zeit. Aber es
ist eine Schande, ein wertvolles Menschenleben nutzlos zu vertun, eine
Schande besonders dann, wenn wir schon unseren Weg bis in ein
Meditationszentrum gefunden haben, uns daselbst auf unser Kissen setzen
und, ja und? ... und nichts anderes tun als darüber nachdenken, was in
der Welt so alles passiert.
Der Buddha charakterisiert meditative Sammlung in den Suttas
grundsätzlich zuerst mit dem Wort "weltabgeschieden". Den Geist von der
Welt abscheiden heißt ihn beschützen. Es bedeutet, daß wir ihn
beobachten und ihm den Raum zur Verfügung stellen, in dem er sich weiten
und entfalten kann. Ohne einen gewissen Schutz entfaltet sich nichts zu
seinem Vorteil, schon gar nicht etwas, das überhaupt noch nicht gereift
oder gewachsen ist. Erst in einem Arhat ist der Geist zu vollständiger
Reife gelangt. Unser Geist ist noch ein Säugling. Er braucht viel
Schutz.
Und nur wir selbst können ihn schützen. Alle negativen Gedanken
zerkratzen das Juwel, das der Geist ist. Ich kann ihn nicht leiden. Ich
kann sie nicht leiden. Ich bin gekränkt. Ich bin wütend. Ich fühle mich
zum Heulen. Ich mache mir Sorgen... , alles nur Kratzer auf unserem
Geist. Wir können damit Schluss machen. Niemand anderes kann dies für
uns tun.
Gewiss, wir sind schon längst darüber hinaus, die äußeren Anlässe
verantwortlich zu machen, die Bedingungen, die unsere Reaktionen
hervorrufen. Oder etwa nicht? Was wir auch in unserem Geist tragen, wir
selbst haben es dorthin gebracht. Wir, und niemand anderes. Niemand
denkt einen klugen Gedanken für uns. Warum sollte also irgendjemand auf
die Idee kommen, unsere dummen Gedanken für uns zu denken. Niemand denkt
unsere guten Gedanken für uns. Warum sollte also irgendjemand die
schlechten für uns denken? Das ist unmöglich. Es geht einfach nicht.
Ihr selbst seid Wächter Eures Geistes. Und Ihr seid es auch, die ihn
pflegen und entwickeln. Er ist vorläufig nur ein unbeackertes weites
Feld. Noch ist er nicht gezielt bearbeitet worden. Gut, er hat einige
Kratzer abbekommen. Wir haben ihm ein paar Wunden zugefügt, und er trägt
die entsprechenden Narben. Vielleicht haben wir jedoch auch schon einige
positive Samen in ihn gepflanzt. Ansonsten ist noch nichts mit ihm
geschehen.
Schaut nach den guten Samen und fördert ihre Entwicklung. Pflegt
positive Geisteszustände. Sie sind die guten Samen. Und denkt immer
daran, daß der gewöhnliche Geist auf dem Meditationskissen nichts
verloren hat. Er gehört nicht dorthin. Wir können ihn außen vor lassen.
Auf dem Meditationskissen müssen wir verstehen, daß das Unmögliche
möglich ist. Dort streckt sich der Geist in die Reiche höheren
Bewusstseins hinein, welche bestimmt sind von einer inneren Vision, die
alles als fließend, als beständigen Wandel erkennt.
In diesem Fließen gibt es nirgendwo einen Wesenskern. Keine Bange,
dieses Verständnis wird kommen. Solltet Ihr bisher davon noch keinerlei
Vorgeschmack gekostet haben, so vielleicht nur deshalb, weil Ihr Euren
Geist nicht richtig beschützt habt. Oder macht Ihr etwa äußere Umstände
für Eure Situation verantwortlich?
Alles zu seiner Zeit. Jetzt ist der Augenblick gekommen, daß Ihr
richtig meditieren lernt. Tut Ihr dies nicht, so setzt sich das alte
Spiel unendlich fort. Ihr werdet Euch immer in derselben Situation
wiederfinden. Ihr werdet Gedanken denken, Gedanken denken und nochmals
Gedanken denken. Von Konzentration oder Vertiefung keine Spur. Ja, Ihr
werdet nicht nur Gedanken denken, Ihr werdet auch vieles ablehnen und
Euch maßlos über alle möglichen und unmöglichen Dinge ärgern, die, recht
besehen, eigentlich nur lächerliche Lappalien sind.
Eure Aufmerksamkeit ist in fataler Weise fehlgeleitet, was zu
folgenschweren Fehleinschätzungen führt: Ihr werdet die Totalität des
Seins übersehen, die Unmittelbarkeit des Todes und natürlich auch die
Möglichkeit, zu einem Bewusstsein vorzustoßen, das weit über alle
Lappalien und Banalitäten hinausgreift. Es kommt noch schlimmer: Ihr
werdet nicht erkennen, daß Ihr selbst es in der Hand habt, Euch einen
Zustand jenseits von Kummer und Leiden zu erschließen. Alles dies werdet
Ihr übersehen und stattdessen Euren Geist mit Dingen beschäftigen, die
sogar noch unter Kindergarten-Niveau liegen.
Lasst los! Lasst diese ganze Verwirrung einfach sausen. Ihr verliert
dadurch nichts. Ihr könnt trotzdem noch Blumen gießen. Auch wenn Ihr
loslasst. Ihr könnt immer noch ein gutes Essen kochen, Briefe schreiben,
Euch etwas zum Anziehen nähen. Das geht wie von selbst. Alle weltlichen
Aufgaben und Arbeiten erledigen sich ganz selbstverständlich, ohne den
Geist zu behelligen oder zu beeinflussen. Der Geist bleibt dabei
sorgenfrei, makellos und sicher.
Nur die Meditation verleiht dem Geist die nötige Kraft. Ihr könnt
alles ausprobieren: den Geist sozusagen auf den Kopf stellen, ihn
durchwühlen, das Oberste zu unterst kehren. Ihr könnt Euch noch so
bemühen, ihm auf die Schliche zu kommen. Ihr könnt verstehen, logische
Schlüsse ziehen, analysieren, glauben, tun, was Ihr wollt. Nichts davon
hilft. Nichts davon gibt dem Geist Kraft, bringt Euch weiter. Das geht
auch gar nicht. Wenn es Euch nämlich tatsächlich weiterbringen würde,
müsste mittlerweile jeder Universitätsprofessor erleuchtet sein.
Seit undenkbaren Zeiten versuchen es die Menschen auf diese Tour.
Natürlich auch jene, die Buddhismus lehren und Bücher darüber schreiben.
Die Regale stehen voll davon. Überall. Auf der ganzen Welt. Bei uns in
der Bibliothek ebenfalls. Keiner dieser Autoren ist durch
Bücherschreiben zur Erleuchtung gelangt.
Das ist nicht der richtige Weg. Der Buddha hat niemals behauptet, daß
es der richtige Weg wäre. Aber der Geist, der Geist bildet sich das
schon ein. Glaubt, er muss nur lange genug in irgendwelchen Ecken
herumwühlen und ein paar mehr Gedanken zusammendenken, dann könnte er es
schaffen, könnte auf diesem Weg Erleuchtung erlangen. Absurd! Das kann
der Geist nur glauben, weil er nicht weit und offen, sondern vielmehr
ein Schrumpfgeist ist, der nicht von seinen eigenen läppischen
Banalitäten loskommt.
Aber das wiederum kann der Geist nicht begreifen. Er kann weder seine
eigene Engstirnigkeit noch die Notwendigkeit seiner Weitung und Öffnung
begreifen. Er sieht nicht, daß dazu Geschmeidigkeit, Formbarkeit und
alle die anderen Attribute gehören, die der Buddha in den Lehrreden
erwähnt.
Wir brauchen einen Geist, der sich fließend allem öffnet und damit
alles Seiende umfangen kann. Jeder von uns hat einen Geist, und dieser
Geist muss geöffnet, muss weiter gemacht werden. Dies geschieht nicht
von allein. Wir müssen es tun, keiner ist von dieser Aufgabe
ausgenommen, weil jeder einen Geist hat. Und wir können diese Aufgabe
auch erfolgreich abschließen. Einzige Voraussetzung: ein gesunder
menschlicher Geist. Diesen gesunden Geist müssen wir pflegen,
weiterentwickeln, anstatt unsere Energien an den gewöhnlichen Kleingeist
zu vergeuden.
Es ist pure Zeitverschwendung, den gewöhnlichen Kleingeist zu
hätscheln. Damit haben wir uns Leben um Leben abgegeben. Jahr für Jahr
haben wir unsere Energie darein investiert. Es auch weiterhin zu tun,
ist völlig nutzlos. Wir müssen den gewöhnlichen Kleingeist nicht mehr
weiter entwickeln. Er ist so kräftig wie wir ihn brauchen.
Wir sind alle in der Lage, für unsere Nahrung zu sorgen, uns
anzuziehen, uns zu waschen und um alles zu kümmern, was wir im Laufe des
Tages an Arbeiten und Pflichten zu erledigen haben. Jeder kann das. Wir
brauchen diese Fähigkeit nicht zusätzlich auszubauen. Es ist bereits
getan. Wir können uns freuen, denn wir haben es geschafft.
Jetzt geht es um etwas anderes: um die Entwicklung des offenweiten
Geistes. Die Aufgabe lautet, alle Hemmnisse loszulassen, den Geist
freizumachen für das Unmögliche, das sagt: "Alles ist getan, geblieben
ist Frieden" Dies aber können wir nicht bekommen, uns nicht aneignen und
auch nicht im gewöhnlichen Sinne besitzen. Wir müssen loslassen.
"Bekommen" funktioniert nicht. "Greifen" greift ins Leere. Greifen ist
der schlimmste Fehler: "Ich will Frieden! Ich will Glück! Genau das will
ich haben, von meinem Lehrer, meinen Freunden, den Menschen, denen ich
begegne"
Aber es gibt nichts, das wir bekommen könnten. Und es gibt auch
niemanden, der es uns geben, es uns schenken könnte. Wir brauchen
einfach nur loszulassen. Dann stellt sich Weisheit ein. Sind alle
übrigen Gedanken freigesetzt, ist plötzlich Frieden da. Aber niemand
kann diesen Frieden des Herzens und Geistes an andere weitergeben.
Der Buddha hat von sich gesagt: "Ich zeige Euch nur den Weg" Was also
soll ein Lehrer machen, wenn auch der Buddha nur den Weg weist? Etwa
Frieden verteilen? Kann irgendein Lehrer mehr tun und besser sein als
der Buddha? Unmöglich. Absurd. Wir können solche Gedanken nur als
verrückt erkennen und von der Hand weisen.
Trotzdem zwingt sich der Geist alle diese völlig unsinnigen Windungen
auf und will sie obendrein noch so wirklich wie möglich machen, anstatt
sie loszulassen und damit Frieden und Glück zu verwirklichen. Solange
aber Frieden und Glück nicht verwirklicht sind, sind alle Geistesinhalte
von Natur aus Sperren und Hemmnisse.
Trauer, Schmerz, Kummer und Klage sind emotionale Plagen. Sie haben
keine feste Grundlage. Als der Buddha starb, war sein Diener Ananda nur
ein in den Strom Eingetretener (sotapanna), das heißt er gehörte
zur niedersten Kategorie der Vier Arten Edler Schüler. Ananda trauerte,
klagte und weinte. Die Mönche, die bereits die Stufe der Arhatschaft
verwirklicht hatten, saßen hingegen ganz ruhig da und folgten gefasst
dem Gang der Ereignisse. Der Buddha tief Ananda zu sich und fragte ihn:
"Warum weinst Du? Etwa, weil dieser alte Körper endlich abgeworfen
wird?" Ananda erwiderte: "Ich weine, weil ich meinen mitfühlenden Lehrer
verliere, der mir den Weg gewiesen hat" Darauf der Buddha: "Ich habe
alles gesagt, was Du wissen musst, um Erleuchtung zu erlangen. Ich habe
nichts verborgen, nichts zurückgehalten. Du brauchst nur weiter damit zu
arbeiten"
Die Lehre geht nur in eine Richtung; in eine einzige Richtung. Das
ist ausgezeichnet, denn es bedeutet, daß wir uns nicht mit irgendwelchen
Alternativen abplagen müssen. Wir verschwenden so ungeheuer viel Zeit
mit der Frage: "Was könnte ein geeigneter Weg für mich sein? Soll ich
diesen Weg gehen oder jenen?" Daraus entstehen nur Streit,
Auseinandersetzung, Sorgen und Zweifel. Wenn wir uns so tragen,
verschwenden wir nur kostbare Energie, kostbare Geistesenergie.
Der Geist braucht sehr viel Energie, wenn er sich öffnen und bis zu
seinen Grenzen spannen will. Vergeudet er diese Energie mit fruchtlosen
Auseinandersetzungen oder verwendet er sie für weltliche Interessen,
dann verfügt er nie über die zu seiner Weitung notwendige Kraft. Der
Geist muss vollkommen unbeeindruckt und unbeeinflusst sein, wenn er sich
auf dem Kissen zum Meditieren niederlässt. Wie ein Kind.
Einmal kam ein neunjähriges Mädchen mit ihrer Mutter zu einem
Meditationskurs bei mir. Ich erklärte ihr, was sie tun sollte, nämlich
den Atem beobachten, und sagte dann: "Wenn es Dir zu lang wird, steh'
einfach ganz leise auf und geh' hinaus. Wir werden ungefähr eine Stunde
lang sitzen. Aber Du kannst ruhig weggehen. Störe nur niemanden dabei."
Wir setzten uns also und ich schaute gelegentlich zu ihr hinüber. Sie
saß immer noch auf ihrem Platz. Nach einer Stunde erhoben wir uns alle.
Sie kam zu mir und sagte: "Ich möchte Sie etwas fragen." "Ja, bitte",
antwortete ich, "was denn?" "Dürfen wir das auch bei uns zu Hause
machen?" "Aber natürlich. Warum fragst Du?" "Nun, es war einfach so
wunderschön."
Sie hatte sich einfach hingesetzt und meditiert. Wunderbar! Da war
keine Stimme in ihrem Geist, die sie störte: "Ich schaffe es nicht. Ich
kann mich unmöglich konzentrieren." Nichts dergleichen. Natürlich
bedeutet dies nicht, daß sich jedes x-beliebige neunjährige Mädchen
hinsetzen und meditieren kann. Trotzdem ist es ein wunderbares Beispiel
für einen kindlichen Geist, der bereits reif genug war zu erkennen, daß
Sitzen und Meditieren möglich, machbar ist. Die meisten Neunjährigen
wollen dies wahrscheinlich nicht. Sie gehen lieber Schwimmen. Dieses
Mädchen jedoch hatte fabelhaft gesessen.
Nähert Euch Eurem Kissen mit einem kindlichen Geist. Vergesst alles
übrige. Lohnt es sich überhaupt, etwas anderes im Geist zu bewahren?
Fällt Euch irgendetwas ein, das wichtig genug wäre? Gibt es irgendwelche
bedeutenden Dinge, an die Ihr unablässig denken, die Ihr unaufhörlich im
Geist hin- und herwälzen müsst? Überlegt es Euch. Gibt es irgendetwas,
das Ihr um jeden Preis im Geist behalten müsst? Schreibt sie Euch auf,
wenn Ihr eine solche Sache findet. Dann könnt Ihr sicher sein, daß Ihr
sie nicht vergessen werdet, und sie infolgedessen beruhigt loslassen.
Ich zum Beispiel muss daran denken, wem ich noch alles schreiben sollte
und was zu tun bleibt, damit die Gebäude endlich fertiggestellt werden
können. Ich notiere mir das und vergesse es dann. Vergessen ist
vergessen. Ich kann mich an nichts erinnern. Im richtigen Augenblick
schaue ich dann in meinem Notizbuch nach.
Schreibt Euch unbedingt auf, was so wichtig ist, daß Ihr es unmöglich
vergessen dürft. Zum Beispiel: "Wie werde ich mit dieser Person quitt,
die mich vor zwei Wochen fürchterlich gekränkt hat?!" Das ist wirklich
wichtig. Das müsst Ihr Euch unbedingt aufschreiben. Und dann vergesst
die ganze Sache. Wenn Ihr wieder einmal Zeit habt nachzuschauen, dann
nehmt Euer Notizbuch zur Hand und blättert darin herum. Ihr werdet
entdecken, daß alle diese Wichtigkeiten absurd und unsinnig sind. Ihr
werdet Euch fragen: "Ich möchte einmal wissen, wozu ich das überhaupt
aufgeschrieben habe?" Auch zukünftige Aufgaben und Pflichten solltet Ihr
Euch notieren und dann einfach vergessen.
Nähert Euch Eurem Kissen vollkommen unbelastet, vollkommen ollen und
frei, mit der Überzeugung, daß Ihr es schaffen werdet. Jawohl: Ihr könnt
sitzen. Ihr könnt ganz gesammelt sein. Jawohl: Ihr könnt Euch einen
anderen Bereich des Verstehens und der Bewusstheit erschließen. Ihr
könnt den Geist entwickeln, daß er für ein spirituelles Leben taugt.
Glaubt einfach daran, auch wenn Ihr es noch nicht erfahren habt. Habt
Vertrauen. Deswegen sind Kinder eine so angenehme Gesellschaft. Sie
haben Vertrauen. Sie kennen keine Skepsis, keinen Argwohn.
Woher kommen unsere Zweifel? Woher unser Argwohn? Wir ziehen
beständig alles in Zweifel: unsere Fähigkeiten, die Fähigkeiten der
anderen, den Lehrer, die Lehren, die Schulung, einfach alles. Warum?
Unterschwellig denken wir wahrscheinlich: "Ich glaube, ich könnte das
besser machen" Bitte. Aber dann tut es auch. Macht es wirklich besser.
Tut mir den Gefallen. Macht es besser und werdet erleuchtet.
Zu diesem Zweck müsst Ihr alles übrige einfach fallen lassen. Ihr
braucht eine innere Vision und die innere Überzeugung, daß es noch etwas
anderes gibt als das Gewöhnliche. Mit dieser inneren Vision und
Überzeugung werdet Ihr die andere Wirklichkeit auch tatsächlich finden.
Sie ist da. Sie will nicht etwa versteckt bleiben. Sie will gefunden
werden. Der Buddha hätte nicht fünfundvierzig Jahre seines Lebens auf
seinen Wanderungen immer wieder davon gesprochen, wenn sie nicht
gefunden werden wollte. Und die Arhats wären nicht erleuchtet worden,
indem sie ihm zuhörten. Ja, auch heute gibt es noch Menschen, die
Erleuchtung erlangen. Es ist also möglich.
Wir brauchen nur den kindlichen Glauben, daß das Unmögliche möglich
ist. Kinder glauben an den Weihnachtsmann. Den gibt es zwar nicht, ihr
Glaube ist also unfundiert, und trotzdem glauben sie daran. Sie glauben
an gute Feen und kleine Zwerge, an alle unmöglichen Dinge. Ich weiß
nicht, vielleicht gibt es tatsächlich Feen und Geister. Das ist
eigentlich gleich. Entscheidend ist der kindliche Glaube. Und genau
diesen Glauben brauchen wir auch, wenn wir mit unserer Meditation Erfolg
haben wollen. Wir müssen frei sein von aller Skepsis, frei davon, uns im
Geist alles zusammendenken und durchschauen zu wollen. Wir dürfen nicht
gescheiter als gescheit, noch cleverer als clever sein wollen. Das
funktioniert nicht. Nur Weisheit hilft uns weiter. Aber Weisheit kann
nur aus einem reinen Herzen entstehen.
Wir sind darauf trainiert, clever zu sein. Wir sind gern gescheit und
überlegen. Das klingt gut und fühlt sich auch gut an. Und wisst Ihr,
warum es sich gut anfühlt? Es bestätigt unser liebes "Ich": "Schaut, wie
gescheit und clever ich bin. Ich habe für alles eine Erklärung. Dafür
und dafür und dafür. Ja, ich kann Euch alle Einzelheiten und
Zusammenhänge besser erklären als irgend jemand" Nutzloses Gerede. Es
hat noch nie irgendeinen Menschen glücklich gemacht. Es hat noch nie
irgend jemandem irgend etwas gegeben.
"Clever" hat den leichten Unterton von nicht ganz "sauber", nicht so
ganz "nett". Das Wort an sich ist jedoch positiv. Es hat nicht die
gleiche Bedeutung wie sein Unterton. Wie dem auch sei. Clever sein oder
gescheit sein bedeutet, daß die Windungen des Geistes im Mittelpunkt des
Interesses stehen.
Hier auf dem Kissen zu sitzen, kann die schönste Erfahrung sein, die
Ihr jemals gemacht habt oder jemals machen werdet. Allerdings kommt sie
nicht von selbst. Ihr müsst Euch darum bemühen, und zwar aus gutem
Grund. Was der Buddha auch gesagt hat, welche seiner Lehren Ihr auch
hört, sie werden für Euch niemals den Beiklang des Unerreichbaren, des
Außergewöhnlichen verlieren, wenn Ihr das Sitzen nicht zu Eurer
schönsten Erfahrung macht, wenn Ihr Euch nicht bemüht, daß es so werden
kann.
Buddhas Lehren dringen in die tiefsten Tiefen der menschlichen Psyche
vor. Dorthin kann der gewöhnliche Geist ihnen nicht folgen. Der Geist
kann Buddha nicht begreifen, solange er nicht durch Sitzen, durch
Meditieren seine tieferen und außergewöhnlichen Qualitäten wahrgenommen
hat. Die Lehren entziehen sich dem Zugriff des gewöhnlichen Geistes. Der
gewöhnliche Geist verfügt weder über die Tiefe noch über die Weite, um
tatsächlich zu durchdringen, was der Buddha gelehrt hat. Ihr müsst also
zuerst den Geist weit machen und offen, damit er das kostbare und
unvergleichliche Juwel wird, das er sein kann.
Die Meditation zur vollkommenen Versenkung oder Vertiefung in den
Jhánas ist Mittel zum Zweck. Sie führt zur Einsicht. Ohne sie, das
heißt ohne die Jhánas, kann keine vollkommene Einsicht entstehen.
Sie kann sich dann einfach nicht entfalten.
Wenn der Geist nicht offen und weit ist, werden seine Trübungen die
Einsicht stets behindern und ebenfalls trüben. Die Begrenzungen Eures
Geistes sind zugleich die Grenzen Eurer Verständnisfähigkeit. Was der
Buddha auch gesagt hat, Ihr werdet es nur soweit verstehen, wie Euer
Geist weit und offen ist. Je begrenzter Euer Geist, desto begrenzter ist
auch Euer Verständnis des Dhammas. Und der Geist ist immer begrenzt. Nur
wenn er alles andere losgelassen hat, wird er offen und weitgespannt.
Nur dann kann er die Totalität von Anicca, Dukkha und
Anattá beherbergen. Der gewöhnliche Geist ist dafür viel zu vollgepackt, mit
allen möglichen Dingen belastet. Wie soll dann noch etwas anderes in ihm
Platz finden?
Solange die Vorstellungen und Hemmnisse des Geistes nicht weggeräumt
sind, ist nicht genug Platz. Solange noch etwas im Geist zurückbehalten
wird, bleibt das Verständnis der Lehre zwangsläufig begrenzt. Was es
auch ist, es wird den Lehren den Zugang verwehren.
Aber vielleicht haben wir Glück. Vielleicht ist irgendwo noch ein
bisschen Platz in unserem Geist - ein kleiner Freiraum, der nicht mit
anderen Dingen vollgestopft ist. Diesen kleinen Freiraum können wir
erweitern, wenn wir auf dem Kissen sitzen und meditieren. Unser
Sitzkissen ist also der Ort, wo wir den Geist vorbereiten, damit wir
Einsicht gewinnen und die Bewusstseinsräume erfahren können, die für die
Erleuchtung Voraussetzung sind.
Tut es den Kindern gleich. Glaubt an das Unmögliche. Glaubt einfach
daran, daß Ihr es schaffen werdet.
In den Lehrreden Buddhas finden wir häufig die Formulierung:
"Geschmeidig sollte der Geist sein, formbar, leicht zu handhaben und
darüber hinaus standhaft" - Aber, wie wird er das? Wie wird er
geschmeidig, formbar und leicht zu handhaben? Nur ein Weg führt dahin:
Loslassen. Der gewöhnliche, ungeschulte Geist haftet an. Er ist
unnachgiebig und gewissermaßen klebrig. Alles bleibt an ihm hängen. Er
denkt deswegen immer über den gleichen alten Plunder nach, misst das
momentane Geschehen am Gewesenen. Er kann sein eigenes Ungenügen, sein
Unbefriedigtsein (dukkha) nicht loslassen.
Damit hört es jedoch nicht auf. Er ist nicht nur klebrig, sondern
obendrein begrenzt. Er beschränkt sich auf seine Denkgewohnheiten,
bleibt in den Grenzen seiner Projektionen, die ihn ganz in Beschlag
nehmen, so daß er nicht die Chance hat, weiter zu werden und offen. In
diesem Sinn gleicht er einer Einfriedung mit einem hohen Lattenzaun.
Hinter seinem Zaun produziert er fortlaufend Gedanken und schickt seine
Projektionen aus. Wie eine Ratte rast er wildgeworden in seiner Falle
umher. Immer wieder rennt er dieselben Wege, beschäftigt sich mit
demselben alten Zeug. Schaut einmal genauer hin. Überprüft selbst die
Tätigkeit Eures Geistes.
Wann habt Ihr das letzte Mal etwas vollkommen Neues gedacht? Wann
einen Gedanken gehabt, der Euch noch niemals zuvor gekommen ist? Diese
Fragen sind kein Spiel mit Worten sondern Hinweise auf Realitäten. Sie
haben mit Eurem Leben zu tun, mit Eurer Wirklichkeit. Wann habt Ihr zum
letzten Mal etwas vollkommen Neues in Eurem Geist erwogen, einen
Gedanken, der Eure Einsicht erweitert, Euch die Augen geöffnet hat für
das Universum, in dem wir leben? Habt Ihr keinen derartigen neuen
Gedanken denken können, bedeutet dies, daß sich Euer Geist weiterhin im
alten Kreis dreht, wie eine Nadel, die immer dieselbe Rille einer
Schallplatte abspielt, weil sie dort hängen geblieben ist.
Die Übung der Meditation ist der richtige Weg, den Geist zu
erweitern. Ihre Konzentration schenkt dem Geist eine ganz neue Art der
Erfahrung, eine neue Erlebnisqualität. Der Geist wird gesammelt und hört
auf, Gedanken zu denken. Sobald dies geschieht, setzt die Erfahrung der
dem Geist innewohnenden Reinheit ein. Der Geist kann nun in eine neue
Form modelliert werden. Er wird formbar.
Bis zu diesem Zeitpunkt ist er in seinen alten Mustern verhärtet.
Erst wenn das gewöhnliche Gedankendenken aufhört, gewinnt der Geist
Zugang zu neuen Funktionsmöglichkeiten. Dann erfährt er etwas vollkommen
Neues, und dieses Neue fördert ein anderes Verstehen: Es wird nun die
Möglichkeit erkannt, daß der Geist ganz anders denken kann, als er in
der Vergangenheit gedacht hat.
Wir werden etwas vorsichtiger. Wir lassen uns auch außerhalb der
Perioden formaler Meditation nicht länger von jedem Gedanken narren, der
im Laufe des Tages auftaucht, weil wir nun unmittelbar sehen, daß er
eigentlich keine Grundlage hat. Jeder Gedanke ist den Täuschungen des
"Ichs" unterworfen, das ebenfalls grundlagenlos, unfundiert ist. Wir
erkennen, daß die Gedanken Projektionen sind und auf alten Mustern,
alten Denkschablonen beruhen. Diese alten Denkschablonen sind nutzlos.
Sie haben niemals ein Verständnis absoluter Wirklichkeit vermittelt. Wir
dürfen sie getrost im Lichte dieses Mangels besehen.
Das heißt nicht, daß wir sie sofort loswerden. Es heißt nur, daß sie
mit Vorsicht zu genießen sind. Sie sind eine alte Gewohnheit, mehr nicht
- noch dazu nicht einmal eine besonders empfehlenswerte. Sie haben
niemals Glück und Frieden geschenkt oder irgendeinen anderen
Seinszustand, nach dem wir uns wirklich sehnen.
Wenn wir dies einsehen, prägt eine gewisse Vorsicht unseren Alltag.
Wir nehmen nicht einfach alles so, wie es auf den ersten Augenschein
aussieht, und reagieren einfach darauf. Aber die Entwicklung geht noch
weiter: Wir begegnen allen Dingen und Ereignissen mit neuer Frische. Was
auch geschieht, was wir auch hören, sehen, denken oder berühren, wir
erfahren es mit einer Art kindlichem Staunen, ohne darüber das
Einsichtsvermögen und die Denkschärfe eines Erwachsenen zu verlieren.
Kinder besitzen nicht unbedingt die kindliche Weisheit, die wir
Erwachsenen ihnen gerne andichten, wenn sie auch zu einer unverfälschten
Begegnung mit allen Phänomenen fähig sind, die in den Kreis ihrer
Wahrnehmungen treten. Allerdings verfügen sie nicht über das
Einsichtsvermögen, daraus Nutzen zu ziehen. Wir Erwachsenen sind
diesbezüglich in einer besseren Position. Wir haben einerseits die
Beschränkungen der kindlichen Erfahrungswelt hinter uns gelassen und
sind unter bestimmten Voraussetzungen trotzdem in der Lage, wie ein Kind
wahrzunehmen, so als hätten wir nie zuvor irgend etwas gesehen, gehört,
gerochen, geschmeckt, berührt oder gedacht. Auf diese Weise können wir
unsere Sinneskontakte völlig neu verstehen. Damit aber können wir die
Wirklichkeit, zumindest für einen Augenblick, so sehen, wie sie
tatsächlich ist.
Sie ist ein Geist, der sich fortwährend weitet und öffnet.
Unsere Denkschablonen produzieren immer wieder dieselben Gedanken.
Was sind sie? Worum kreisen sie? - "Ich will. Ich will nicht. Ich werde
haben. Ich werde bekommen. Ich werde. Ich war. Ich erinnere mich. Ich
hoffe. Ich plane . . ." Und so weiter. So sieht die übliche
Gedankenmühle aus, der in sich geschlossene Gedankenkreis, der keine
Öffnung kennt.
Zeigt unsere Meditation dann gewisse Fortschritte, öffnet sich dieser
Gedankenkreis für neue Möglichkeiten. Wir können erkennen, dass unsere
alten Denkschablonen kindisch und unreif sind. Wohlgemerkt: kindisch,
nicht kindlich, nicht frisch und neugierig, wie sie sein sollten. Wir
können diese Unreife jedoch abschütteln, weil der Geist geschmeidig,
gefügig und formbar gemacht werden kann. Er hat die dazu notwendigen
Anlagen.
Der Buddha hat den Geist häufig mit Gold verglichen, das in seinem
Rohzustand noch mit fünf anderen Metallen vermischt ist. Da es noch kein
Feingold ist, kann auch kein Goldschmied damit arbeiten. Unreinheiten
machen es brüchig. Man kann es nicht formen. Um es formbar zu machen,
muss der Goldschmied es erhitzen und die fünf Unreinheiten
herausschmelzen. Dann ist Gold erst Gold, so geschmeidig, daß sich
Schmuckstücke aller Art daraus fertigen lassen. Der Buddha hat diesen
Prozess als Gleichnis für die Fünf Hemmnisse benutzt: Sinneswünsche,
Bösartigkeit, Faulheit, Zerstreutheit und Zweifel.
Erst wenn der Geist diese Fünf Hemmnisse abgestoßen hat, ist er das
Gold, das uns Erleuchtung schenken kann. Nur diese Loslösung kann den
Geist befreien, so daß wir mit uns selbst und mit der Welt in völliger
Sorgenfreiheit und Harmonie leben können.
Die Meditation verfolgt ein Ziel. Sie will die Ruhe und den Frieden
schenken, in dem die Erfahrung etwas völlig anderes wird als sie
gewöhnlich ist, und der Geist infolgedessen willig und fähig wird, ganz
neuen Vorstellungen Raum zu geben.
Zum Beispiel die Vorstellung des Nicht-Selbst, die sich radikal von
unseren gewöhnlichen Vorstellungen unterscheidet. Hören wir diese
Vorstellung nur häufig genug erwähnt und erklärt, werden wir sie auch
probeweise akzeptieren. Sie ist dann lediglich ein Denkmodell. Das
reicht nicht aus, denn es werden im Geist keine tiefgreifenden
Veränderungen stattfinden, wenn wir nicht ganz bewusst damit arbeiten.
Die alten Muster können nur dann augenblicksweise aufgebrochen und
aufgehoben werden, wenn wir tatsächlich allen Dingen und Ereignissen so
begegnen, als hätten wir sie niemals zuvor gesehen, als hätten wir
niemals zuvor von ihnen gehört - wenn alles frisch und neu in unserem
Wahrnehmungsfeld entsteht. Wenn der Geist auch nur für einen kurzen
Moment konzentriert ist und wir etwas erfahren, das wir noch niemals
zuvor erfahren haben, lösen sich die alten gewohnheitsbedingten Muster
auf.
Solange wir jedoch mangels Bemühung nicht zu dieser Erfahrung kommen,
wird der Geist für den Rest unseres Lebens in derselben Spur fest
hängen. Das Geschehen wird auch weiterhin ausschließlich um das "Ich"
kreisen und darum, was dieses Ich "will" oder "nicht will". Dies ist so
beschränkt, daß es geradezu albern ist. Wie groß ist dieses "Ich"
eigentlich im Vergleich zum weiten, unendlichen Universum? - Es ist
nicht einmal so groß wie Fliegendreck! Wie soll es dann wichtig sein?
Spielt es in diesem großen Zusammenhang wirklich eine Rolle, ob "ich"
etwas will oder nicht will? Trotzdem läuft im Geist immer das gleiche
Spiel ab. Beobachtet es. Womit beschäftigt sich das "Ich"? Mit dem, was
"ich" mag und was "ich" nicht mag. Womit sonst? Was "ich" in der
Vergangenheit immer so gemacht habe und was "ich" in der Zukunft machen
werde.
Beobachtet Euren Geist mit der größtmöglichen Sorgfalt. Das ist
ungeheuer wichtig, denn Ihr werdet auf diese Weise bemerken, wann eine
völlig revolutionäre Vorstellung auftaucht, etwas, das Ihr noch nie
zuvor gedacht habt. Nur dann, nur in einem solchen Moment hat sich der
Geist ein klein wenig geöffnet, ein klein wenig geweitet. Das ist ein
wichtiges Ereignis. Es darf Eurer Aufmerksamkeit nicht entwischen.
Jede Vorstellung, die der Geist noch nie zuvor erwogen oder gedacht
hat, können wir ein "Einsichtsbaby" nennen. Übt dieses noch
unentwickelte Einsichtsbaby aber keinerlei Einfluss auf unsere
Handlungen und Reaktionen aus, war es auch nicht wirklich eine Einsicht,
sondern nur einer von vielen "Kopfgedanken", ein bloß Intellektuelles
Verständnis. Solange sich unsere Handlungen und Reaktionen nicht
verändern, hat sich auch nichts Entscheidendes getan. Ob es so ist oder
nicht, können nur wir selbst beurteilen. Wir allein kennen unsere
Vorlieben und Abneigungen. Deswegen können auch nur wir selbst
beurteilen, ob wir uns wirklich verändert haben.
Ein weiter, offener Geist sieht alles in universellem Zusammenhang.
Kein Geschehen ist im eigentlichen Sinne persönlich. Leiden (dukkha)
ist universell. Unbeständigkeit (anicca) ist universell.
Nicht-Existenz eines Wesenskerns (anattá) ist universell. Was
auch existiert, es ist universell. Das Begehren und seine nachfolgenden
Manifestationen in Begriff und Gestalt sind universell.
Das ist noch nicht einmal eine Philosophie oder Psychologie. Darum
geht es nicht. Worum es geht, ist die Weitung und Spannung des Geistes
zu einem Aspekt der Totalität. Darin haben die Besonderheiten unserer
Erfahrung nicht mehr die Bedeutung, die sie einmal hatten. Wenn dies
geschieht, sind wir auf dem richtigen Weg. Wir müssen vom Boden abheben
wie eine Rakete. Wir müssen in Bewegung kommen. Solange die alten
Reaktionsmuster und Denkschablonen nicht aufgebrochen sind, haben wir
noch nicht einmal den Anfang geschafft. Wir haben noch nicht einmal
begonnen, uns zu entwickeln. Wir können jede einzelne Lehrrede Buddhas
intellektuell verstanden haben, ohne daß sich deswegen irgendetwas
Wichtiges getan, irgendeine einschneidende Änderung stattgefunden haben
müsste, denn es geht nicht um solches intellektuelles Verstehen.
Vielmehr müssen wir den Geist weiten und spannen, daß er die
Universalität allen Daseins begreift. Nur dann wird die Relative
Wirklichkeit uns nicht mehr in derselben Weise prägen und beeinflussen
wie bisher.
Ein formbarer Geist ist geschmeidig. Er kann sich frei bewegen. Er
kann sich öffnen und weit spannen. Mit seiner Hilfe können wir ein
bisschen weiter schauen als bisher, weiter als nur bis zu unserer
eigenen Nasenspitze. Das ständige Sich-Beschäftigen mit "Ich" und "Mein"
ist zu beengt, zu kleinkariert. Es kann unmöglich aufnehmen, was
allumfassend ist. Der wahrhaft geschmeidige Geist ist dagegen
tatsächlich allumfassend. Er kann alles umfangen.
Beschaut Euch genau, was sich in Eurem Leben abspielt. Achtet darauf,
ob sich in der letzten Zeit Offenbarungen aufgetan und neue Reaktionen
gezeigt haben. Wenn ja, untersucht, ob diese zu einschneidenden inneren
Veränderungen geführt haben. Ist dies tatsächlich geschehen, müsst Ihr
Euch diese inneren Veränderungen immer wieder vergewissern, so daß sie
Euch in Fleisch und Blut übergehen.
Wie sehen diese Veränderungen aus? Woran können wir sie erkennen? -
Zum Beispiel daran, daß wir immer weniger um unsere Annehmlichkeiten
besorgt sind, um unsere Besitzstücke, Vorstellungen, Hoffnungen, Wünsche
und um unser äußeres Fortkommen. Stattdessen fragen wir uns zunehmend,
was wir geben, wie wir wachsen können. Wir fragen uns, was wirklich
heilsam ist und deswegen sinnvoll genug, um es im Laufe unseres kurzen
Menschenlebens zu verwirklichen. Dies sind die ersten sichtbaren Zeichen
für eine Erweiterung unseres Horizonts, die zahlreiche Konsequenzen hat.
Sie erzeugt gutes Kamma und damit auch im gewöhnlichen Alltag
unmittelbare Wirkungen (vipáka), die sehr positiv sind. Unser
Alltag ist im allgemeinen eine Abfolge sehr beschränkter Ereignisse. Es
tut sich nicht viel. Es gibt nur wenige herausragende Momente im Leben.
Die alltägliche Tretmühle ist eher voller Unwesentlichkeiten, eher
trivial - und so reagieren wir auch.
Immerhin ist dieser Alltag ein nützliches Feld für unsere Beobachtung
des Geistes. Wir können immer und immer wieder schauen, was eigentlich
gespielt wird. Hat sich der normale Kleingeist irgendwie gewandelt?
Haben wir uns verändert? Hat sich eine neue Entwicklung aufgetan? Habe
ich anders reagiert, anders gedacht? Kann ich mich so weit, so offen
machen, daß der normale Kleingeist wegfällt, wenn auch nur für
Augenblicke, und daß ich mich für diese kurzen Augenblicke als Teil
alles Seienden empfinde?
Solange wir in den Schranken des gewöhnlichen Körpers und Geistes
eingesperrt sind, kann es kein wirkliches Glück geben, weil wir dann wie
in einem Gefängnis festsitzen. Unser Körper ist ein Gefängnis, und unser
Geist ist es auch, solange er nicht weit und offen, solange er noch der
gewöhnliche Kleingeist ist. Dann warten wir darauf, daß endlich
irgendjemand vorbeikommt und das Gefängnistor für uns öffnet. Da nur wir
selbst den Schlüssel dazu haben, können wir ewig warten.
Wir werden die Wahrheit nicht entdecken, es sei denn wir erleben,
dass der Geist sich weitet und öffnet. Wir müssen unsere Denkschablonen
und unsere alten Gewohnheiten aufgeben. Wir dürfen nicht mehr reagieren
wie bisher, nur weil wir schon immer so reagiert haben. Wir müssen
unsere Vorlieben und Abneigungen loslassen, unsere Pläne und
Erinnerungen, unsere Hoffnungen und Wünsche. Wir müssen auf alles
verzichten, das immer nur von "mir" und "mein" ausgeht, sich stets nur
auf "mich" bezieht. Das heißt, wir müssen alle Schranken öffnen, das
Gefängnis aufschließen, das darin besteht, daß wir uns von den Grenzen
unseres Körpers und unseres gewöhnlichen Kleingeistes total einschränken
lassen.
Dies ist der erste Schritt, der dazu führt, alle Beschränkungen los
zu lassen, der erste Schritt auf dem Weg, der schließlich damit endet,
dass das "Ich" nicht mehr den Nabel der Welt oder gar den Mittelpunkt
des gesamten Universums markiert. Es ist schon witzig. Bedenkt nur
einmal, wie viele Mittelpunkte das Universum haben soll! Aber so denken
wir nun einmal.
Meditative Sammlung ist eine Methode, ein Hilfsmittel, nicht mehr.
Mittel erfüllen einen Zweck, zumindest wenn man sie richtig einsetzt.
Sie führen eine bestimmte Wirkung herbei. Wenn wir Monat um Monat, Woche
für Woche jeden Tag morgens und abends meditieren, muss schließlich
irgend etwas passieren. Wenn nicht, warum sitzen wir dann?
Die Hemmnisse, das Habenwollen und Nicht-Habenwollen halten den Geist
eisern im Griff. Solange wir dies nicht in uns und für uns selbst
erkennen, wird keiner daran irgend etwas ändern wollen oder können. Es
ist sinnlos, auf den Mann mit dem Schlüssel zu warten. Wir selbst tragen
den Schlüssel in uns. Die Befreiung (nibbana) und das Rad von
Geburt und Tod (samsara) liegen beide an ein und derselben Stelle
in unserem Herzen. In einem Augenblick des Loslassens, völligen
Gelöstseins, wenn wir gerade einmal nicht ganz von uns selbst
eingenommen und ausschließlich mit uns selbst beschäftigt sind, bekommen
wir vielleicht sogar einen Vorgeschmack von Nibbana, eine Ahnung davon,
was Befreiung wirklich beinhaltet.
Vielleicht können wir solche Augenblicke für uns entdecken,
Augenblicke, in denen das "Ich" nicht übermäßig wichtig ist, in denen
der Geist nicht ganz und gar von bestimmten Denkschablonen besetzt ist -
wenn stattdessen ein Gefühl allumfassender und alldurchdringender
Bewusstheit existiert. Vielleicht kann sich uns ein Augenblick
unmittelbaren Wissens offenbaren, in dem sich zeigt, daß das "Ich" nicht
das ist, was es zu sein scheint. Vielleicht können wir einen Augenblick
völligen Loslassens und Hingebens erfahren, weil das "Ich" dabei nicht
in die Quere kommt.
Sich vollständig hinzugeben, ist für die meisten Menschen die
schwierigste Sache in der Welt, weil sie Angst haben, sie könnten dabei
das Wichtigste verlieren: sich selbst. Das Gegenteil ist wahr: sie
werden alles gewinnen. Darin stimmen alle Religionen überein. Was wir
auch immer glauben, in Ordnung halten zu müssen, um uns halten zu
müssen, zusammenhalten zu müssen, für uns behalten zu müssen, macht
eigentlich erst unser Gefängnis aus, baut die Mauern, über die wir nicht
hinwegkommen. Loslassen hingegen ist Freiheit.
Erfahren wir dann dieses Loslassen unmittelbar an uns selbst,
verfallen wir zumeist der falschen Annahme, daß irgendeine bestimmte
Situation oder Person uns dies ermöglicht hätte. Das ist ein Irrtum. Nur
eines ermöglicht die Erfahrung der Freiheit: loszulassen, woran unser
Geist festhält, und diesen Augenblick uneingeschränkter Bewusstheit und
schrankenloser Hingabe voll zu erleben. Wir geben uns vollkommen in ihn
hinein und in ihm alles auf. Dann erscheint das kleine Licht am Ende des
Tunnels und sagt uns: "Es ist möglich. Es gibt die Freiheit tatsächlich"
Die Meditation muss den Geist geschmeidig machen, so daß er etwas
anderes erfahren kann als nur seine eigenen Denkprozesse. Und das
alltägliche Leben muss uns zu dem Verstehen hinführen, indem wir allem
begegnen, als sei es vollkommen frisch und neu. Sobald wir etwas als
vollkommen neu erfahren, wird es niemals wieder auf die alte Weise
gesehen werden.
Im Pali sind Geist und Herz ein Wort: Citta. Nibbana und
Samsara sind eben dort: in Geist und Herz. Alles, was ein
Ich-Bewusstsein besitzt, ist Samsara; alles, was kein Ich-Bewusstsein
besitzt, ist Nibbana. Nibbana ist zugänglich, ist hier. Achtet darauf,
ob Ihr für seine Anwesenheit empfänglich werden könnt. Das ist wichtig,
denn einzig und allein Nibbana schenkt wahres Glück.
Ihr könnt alles besitzen, was die Welt zu bieten hat: Materielle
Güter, Bestätigung und Aufmerksamkeit, Wertschätzung und Ruhm. Ihr könnt
so viele Kenntnisse besitzen, wie es überhaupt gibt, und allen nur
denkbaren Glanz. Nichts davon wird Euch vollkommenen Frieden schenken,
nichts davon letztliche Freiheit. Alle diese Qualitäten sind
ich-gebunden, an den Körper und den gewöhnlichen Geist gefesselt.
Nibbana hingegen kommt ohne das "Ich" und seine Begrenzungen aus.
Nibbana ist frei davon. Nibbana kann in reiner Bewusstheit oder in einem
Augenblick völliger Hingabe erfahren werden, ohne deswegen etwas
Ausgefallenes oder Besonderes zu sein. Es ist eine Erfahrung, die im
alltäglichen Leben möglich ist. Achtet auf alles, was Augenblick für
Augenblick im Geist und mit dem Geist geschieht. Seid nicht verliebt in
die gewöhnlichen Irrungen und Wirrungen des Geistes. Seid nicht stolz
oder erfreut, wenn sie sich zeigen. Versucht statt dessen, den Geist für
das Unbekannte zu erwärmen. Wie es bisher gewesen ist, hat ja nicht
gerade hervorragend funktioniert, oder etwa doch? Versucht etwas Neues.
Nibbana ist vollkommen neu. Was so neu und so unbekannt ist, wird uns
Absolute Wirklichkeit offenbaren.
Den Menschen fällt es ungeheuer schwer, sich selbst zu lieben, auch
wenn dies eigentlich die leichteste Sache von der Welt zu sein scheint.
Dass sie sich nicht lieben können, liegt wahrscheinlich daran, daß sie
selbst am besten wissen, wie viele unliebsame Eigenschaften in ihnen
stecken. Zweifellos schleppt jeder eine Menge davon mit sich herum. Wir
sehen sie in uns selbst, und wir sehen sie in den anderen. Dies übrigens
noch häufiger.
Sobald wir jedoch in den anderen Unliebsames entdecken, steigt etwas
ähnliches in uns auf: Widerwille, Abneigung, Urteile, Verdruss. Wir sind
unzufrieden - mit unseren Mitmenschen, mit der Situation, mit dem Leben
insgesamt. Wir können einfach nicht zufrieden sein, wenn wir zuerst in
den anderen Unliebsames und gleich darauf unsere negativen Reaktionen
gesehen haben. Wir sind nicht glücklich, nicht locker und gelöst, nicht
freundlich gestimmt und ebenso wenig offen und entgegenkommend. Das ist
ein Teufelskreis. Wir müssen ihn durchbrechen, einen Ausweg finden.
Ausweg heißt nicht, daß wir ignorieren, was vor sich geht, es einfach
vergessen. Der Ausweg kann auch nicht darin bestehen, daß wir versuchen,
neue Leute, neue Freunde kennen zu lernen, oder die ganze Angelegenheit
und unsere Gefühle darüber in der Versenkung verschwinden zu lassen.
Ausweg heißt, anders zu denken. Der Ausweg besteht darin, daß wir uns
nun ein ganz anderes Bild von dem machen, was die Menschen eigentlich
sind.
Einer der vielen Beinamen Buddhas lautet "Lehrer der zähmbaren
Menschen". Das bedeutet: Die Menschen sind zähmbar. Allerdings nur jene,
die sich damit einverstanden zeigen. Wir können den anderen mit der
entsprechenden Einstellung begegnen, wenn sie ihre Bemühung zeigen, wenn
sie zeigen, daß sie bereit sind, sich zähmen zu lassen. Dann können wir
alles übersehen, was noch ungezähmt ist.
Aber, was ist das? Was ist ungezähmt? Es ist das "Ich". In manchen
Menschen ist es dermaßen ungezähmt, daß sie nicht einmal zur Kenntnis
nehmen, wie ungebärdig es eigentlich ist. Sie sehen nicht einmal, daß
das "Ich" sich in ihnen aufbäumt, wächst, immer höher wuchert. Dies
trifft auf alle die gewöhnlichen Menschen zu, die noch überhaupt nicht
an sich gearbeitet haben. Sie merken nicht, daß sie nur ihre Bedürfnisse
und Abneigungen ausleben, daß sie sich nur um sich selbst kümmern, ohne
auf die Umwelt oder andere Wesen irgendwelche Rücksichten zu nehmen. Sie
kennen sich nicht. Sie sind total unbewusst.
Dann gibt es eine weitere Kategorie Menschen. Sie wissen zwar um ihre
ichbezogenen Bedürfnisse, denen nachzugeben auch ihre Hauptbeschäftigung
ist, aber sie können daran nichts ändern, weil der Zähmungsprozess noch
nicht eingesetzt hat. Sie sind sich der ungezähmten Wesenszüge, der
impulsiven und instinktiven Reaktionen zwar bewusst, können sie jedoch
nicht im Zaum halten.
Und schließlich gibt es eine Gruppe von Menschen, die sich
tatsächlich ans Werk machen, indem sie beginnen, sich selbst zu zähmen.
Wir machen einen Fehler, wenn wir unsere Mitmenschen aus unserer
subjektiven Warte betrachten, wenn wir jedem sein Kästchen zuweisen:
"Dieser ist so, jene so. Dieser Mensch ist zu dem und dem fähig, jener
nicht". Das ist völlig belanglos, weil sie mit Ausnahme der Arhats
allesamt ungezähmt sind. Wenn wir diesen oder jenen Menschen, diesen
oder jenen seiner Wesenszüge ablehnen, häufen wir nichts als Unglück
über den, der die Ablehnung, den Widerwillen zum Ausdruck bringt - und
das sind wir selbst. Dies ist also eine sehr unbefriedigende Art des
menschlichen Umgangs. Sie wird uns keinen Frieden schenken und mit
Sicherheit nicht die Spur von meditativer Sammlung.
Diese Art Umgang trägt zu viele Erwartungen in sich, die ihrerseits
die tieferliegenden Ursachen für alle negativen Reaktionen sind.
Allerdings beziehen sich solche Erwartungen nicht nur auf andere
Menschen. Wir stellen sie auch an uns selbst. Dies bedeutet nicht
unbedingt, daß wir sehr gut, sehr gescheit, sehr schön, sehr reich, sehr
friedlich, sehr vergeistigt, ungeheuer "spirituell" sein wollen
(letzteres ist im übrigen echt gefährlich!). Es heißt eher, daß wir ein
solides, in sich geschlossenes und selbstsicheres "Ich" anstreben.
Weshalb wir auch so gern möglichst viele Dinge um uns anhäufen: Je
mehr man HAT, desto mehr IST man auch. Zumindest glauben wir dies. Was
für eine gigantische Täuschung! Wir verwechseln Haben und Sein, glauben
einfach, daß "mehr" Dinge auch "mehr" Persönlichkeit aus uns machen. Der
Gedanke dabei ist, daß wir endlich die ersehnte tiefere Sicherheit
erlangen werden, wenn wir nur genug haben. Da dies nicht funktioniert,
handeln wir uns mit solchem Irrglauben nur einen Grund mehr ein,
unzufrieden und unbefriedigt zu sein.
Der mitmenschliche Kontakt von unserer subjektiven Warte aus trägt
darüber hinaus noch eine andere Erwartung in sich, nämlich dm Glauben,
daß unsere Ich-Identifizierungen uns letztlich befriedigen werden. Ich
bin eine Frau. Ich bin ein Mann. Ich bin eine Mutter. Ich bin eine
Tochter. Ich bin eine Geliebte. Ich bin ein Geliebter Ich bin eine
praktizierende Buddhistin. Ich bin gescheit. Ich besitze eine Menge
Kenntnisse. Ich bin ein wertvoller Mensch. Ich bin ein tadelnswerter
Mensch. Ich sehe gut aus... Ganz gleich, wie dir Identität im einzelnen
aussieht, sie soll uns in jedem Fall Sicherheit geben.
Sie hat jedoch erhebliche Mängel. Einmal kann kein Mensch sie uns
bestätigen, weil der andere ja nicht einmal weiß, womit wir uns
identifizieren. Wie soll er auch? Woher soll ich zum Beispiel wissen,
womit Du Dich identifizierst? Keiner weiß das vom anderen. Deswegen
fehlt die Bestätigung. Die Erwartung bleibt unerfüllt, und daraus
entsteht wiederum Unzufriedenheit. Bei so viel Unzufriedenheit muss es
uns geradezu unmöglich werden, uns zu lieben.
Und es gibt noch eine Art von Erwartungen: die, etwas zu "werden".
Ich werde eine große Meditationsmeisterin. Ich werde sehr viele
Kenntnisse gewinnen. Ich werde vollkommenen Frieden finden und ganz
friedlich sein.- Was ich auch werden werde, es ist zunächst einmal ein
unerfüllte Erwartung, denn bisher ist es ja noch nichtgeschehen. Was da
werden soll, liegt noch in der Zukunft. Auch dies ein Grund, unzufrieden
zu sein.
Wir scheinen die Unzufriedenheiten zu sammeln, eine nach der anderen.
Ein Ungenügen und dann noch eins, noch eins und so weiter. Vielleicht
erwarten wir von uns, während der ganzen Meditationsperiode wach und
bewusst zu bleiben, was natürlich nicht geschieht. Also: Ungenügen! Was
wir auch unternehmen, um unser liebes Ich zu bestätigen, es wird sich
nicht erfüllen. Für einen Augenblick passt alles zusammen, im nächsten
ist alles wieder anders. Nichts ist mehr so, wie wir es haben wollen.
Mit dieser Lebensstrategie gibt es kein Glück und keinen Frieden. Nur
Verspannungen gibt es und Angst - die Angst, daß unsere Erwartungen sich
nicht erfüllen werden, und Verspannungen, weil wir krampfhaft versuchen,
Erfüllung zu erhaschen, sie uns irgendwie zu verschaffen, sie
irgendwoher zu bekommen. Was für ein Leben! Vollkommen irrsinnig,... und
doch so ungeheuer beliebt.
Wir können nur eins tun: den ganzen Kram hinschmeißen, alles Punkt
für Punkt aufgeben. Wir ziehen nur Dukkha auf uns, wenn wir uns mit
irgend etwas identifizieren. Wenn wir uns noch dazu mit etwas
identifizieren, das von vorn bis hinten falsch und erlogen ist, sogar
noch mehr Dukkha, noch mehr Leiden.
An unserer Identifizierung mit den Fünf Khandhas (Körperlichkeit,
Empfindungen, Wahrnehmung, psychische Formkräfte und Bewusstsein) ist
zumindest etwas Wahres. Wir bestehen tatsächlich aus diesen Gruppen des
Anhaftens. Alle anderen Dinge jedoch, mit denen wir uns sonst noch
identifizieren, die wir werden wollen oder die wir besitzen, sind
entweder Phantasiegebilde oder haben so wenig Substanz, daß das ihnen
inhärente Leiden das Leiden des Anhaftens und Identifizierens mit den
Fünf Khandhas bei weitem übersteigt.
Es gibt ein grundsätzliches Leiden, den Basis-Dukkha sozusagen. Es
entsteht, weil wir uns mit den Fünf Gruppen des Anhaftens
identifizieren, und ist die Wurzel für alle übrigen Leiden. Je weniger
wir uns dieses permanenten Identifizierungsprozesses bewusst sind, desto
schlechter ist es um unsere Liebesfähigkeit bestellt. Es ist dann kaum
noch möglich, daß wir ein liebendes Herz haben.
Je liebesunfähiger das Herz, desto unklarer ist auch der Geist. Ein
klarer Geist entsteht nur aus einem liebenden Herzen. Diese beiden
gehören untrennbar zusammen. Es gibt das eine ohne das andere nicht. Wir
werden niemals Frieden finden, solange wir in uns selbst auf Ablehnung
und Widerstand stoßen, besonders dann nicht, wenn diese gegen andere
Menschen gerichtet sind.
Andere Menschen sind gewöhnlich unser schlimmstes Problem. Mit
unbelebten Gegenständen haben wir viel weniger Schwierigkeilen. Das ist
auch kein Wunder. Unbelebte Gegenstände sind keine Menschen. Sie können
uns nicht antworten, uns nicht ihren eigenen Standpunkt entgegensetzen.
Mit all unseren vielen Erwartungen, mit all den verschiedenen
Identitäten, die wir uns überstülpen, können wir uns vielleicht nicht
einmal mehr vorstellen, was es heißt, vollkommen in Frieden und Einklang
zu leben. Es ist wirklich nicht leicht, sich einen Zustand vorzustellen,
den man selbst noch nie erfahren hat. Deswegen können wir uns auch nicht
vorstellen, was Nibbana eigentlich ist.
Frieden ist nicht die Abwesenheit von Bewegung und Unruhe, wirkliche
Gesundheit nicht die Abwesenheit von Krankheit. Vielmehr ist Frieden der
Zustand der Ganzheit eines inneren Seins, das alles losgelassen hat:
alle Ich-Identitäten, alle Erwartungen, alle Ängste und Verspannungen
darüber, daß man nicht bekommen konnte, was man gerne bekommen möchte.
Im Gegenteil: Das innere Sein verweilt stets in seiner eigenen Mitte.
Wer es noch nicht erfahren hat, weiß auch nicht, was Frieden ist. Er mag
sich diesen Frieden wünschen, ihn erhoffen. Wünschen und Hoffen sind
jedoch ziemlich nutzlos. Sie bewirken nichts.
Wir müssen uns um Frieden bemühen, darauf hinarbeiten, denn wir sind
nicht mit innerem Frieden auf die Welt gekommen, haben keinen inneren
Frieden mitgebracht. Mitgebracht haben wir etwas ganz anderes, nämlich
Gier und Hass. Natürlich, auch diese Aussage ist zu einseitig. Natürlich
haben wir auch die Anlagen für Nicht-Gier (Großzügigkeit,
Gebefreudigkeit) und Nicht-Hass (Liebe, Güte) mit auf die Welt gebracht.
Aber eben nicht allein. Deswegen müssen wir lernen, Gier und Hass
aufzugeben, und uns darum bemühen, Großzügigkeit und Liebe zu fördern
und weiterzuentwickeln. Das ist eine große Aufgabe. Wir dürfen sie
niemals vernachlässigen, nicht für einen Augenblick. Beobachtet also,
wie das Ich entsteht und seinen Kopf erhebt. Passt auf, wenn es sagt:
"Oh, das kann ich wirklich gut" Oder: "Davon habe ich nicht die leiseste
Ahnung." Oder: "Das will und kann ich nicht tun!" Jede dieser Aussagen
ist eine Aussage Eures "Ichs", bestätigt Euer "Ich", verfestigt es.
Alles "Ich-will-nicht" und Ich-will" basiert auf solcher Ich-Täuschung.
Natürlich lassen sich derartige Situationen im Leben nicht vermeiden.
Wir werden immer wieder damit konfrontiert und können uns nicht um eine
Stellungnahme drücken. Aber wir sollten uns zumindest etwas genauer
prüfen, bevor wir unseren Standpunkt impulsiv im Sinne der eben
genannten schablonenhaften Antworten vertreten.
Stattdessen sollten wir uns fragen: "Muss das wirklich sein? Hängt
mein Leben davon ab? Hängt mein Wohlbefinden davon ab? Hängt meine
Gesundheit davon ab? Ist das, was ich haben oder nicht haben will,
tatsächlich notwendig oder schädlich? Muss es um jeden Preis erfüllt
oder vermieden werden?"
In der Lehre des Buddha geht es um Entsagung. Bitte, fangt
unverzüglich damit an. Messt Eure Bedürfnisse an Euren
Lebensnotwendigkeiten. Lebensnotwendig sind: 1) genug Kleidung um den
Körper zu bedecken, so daß er nicht nackt ist; 2) genug zu essen, so daß
der Körper nicht Hunger leiden muss; 3) ein Dach über dem Kopf, damit
der Körper nicht der Willkür der Elemente ausgesetzt ist; und 4) im
Krankheitsfall die nötigen Medikamente. Das ist alles. Mehr ist nicht
lebensnotwendig. Richtet Euch bei Euren Bedürfnissen nach diesen
Grundsätzen.
Auf dem Pfad des Buddha üben heißt: loslassen, sich frei machen. Ganz
bestimmt heißt es nicht: noch mehr haben, noch mehr besitzen, sich noch
mehr identifizieren, noch mehr wollen. All dies ist mit Erwartungen
gekoppelt, die letztlich nur Enttäuschung bringen - und Unzufriedenheit.
Selbst wenn wir bekommen, was wir unbedingt haben wollen, hält die
Freude darüber nur kurz an, denn dieses Glück ist niemals von Dauer.
Bekommen verfestigt und verhärtet das "Ich". Mehr tut es nicht.
Für ein liebendes Herz sind die Anliegen anderer Menschen wichtiger
als die eigenen. Ihr könnt also sehr leicht nachprüfen, ob Ihr aber ein
solches Herz verfügt. Fragt Euch ganz einfach: "Sind mir meine eigenen
Interessen wichtiger als die Interessen anderer Menschen?" Sind wir
vollkommen auf uns selbst und unsere eigenen Belange fixiert, wird es
sehr wichtig, das Herz zu öffnen. Das ist dann unsere Hauptaufgabe.
Warum?
Wenn das Herz ganz eng und verschlossen ist, kann unser Geist nicht
klar sein. Er ist ganz im Gegenteil trübe, undurchsichtig und obendrein
verwirrt. Da Herz und Geist untrennbar zusammengehören, das Herz Teil
des Geistes ist und umgekehrt, lässt sich dies nicht vermeiden.
Der Geist besteht aus Empfindung (Gefühl), Wahrnehmung, psychischen
Formkräften und Bewusstsein. Empfindung und Gefühl sind das Herz.
Solange wir nicht begriffen haben, daß Herz und Verstand gleichermaßen
entwicklungsbedürftig sind, gleichermaßen erfrischt und veredelt werden
müssen, übersehen wir den wichtigsten Aspekt der Lehre.
Die Läuterung des Gefühlsaspektes führt zur Klärung des Geistes,
Deswegen müssen wir unsere Gefühle läutern und veredeln. Aber, welche? -
Alle ichbezogenen Gefühle, die nicht geben sondern bekommen wollen, die
alles ablehnen, sich gegen alles sperren, was In uns und in den anderen
noch ungezähmt ist. Sind wir in uns zur Zähmung bereit, werden sich
automatisch auch unsere Gefühle läutern, wird ihre Veredelung
schließlich zu einem reifen Abschluss kommen. Bereitschaft zur Zähmung
heißt, daß wir bereit sind, unsere Fehler zur Kenntnis zu nehmen und zu
durchschauen, was sie eigentlich sind: die Wildheit und unbändige
Launenhaftigkeit unseres Ichs, das sich bestätigen und um jeden Preis
durchsetzen will. Jeder verfolgt nur seine eigenen Ziele. Jeder will nur
seine Interessen durchboxen.
Andere zu lieben, fällt uns genauso schwer wie uns selbst zu lieben.
Es ist im Grund ein und dieselbe Schwierigkeit. Jeder hat Fehler, jeder
schleppt charakterliche Mängel mit sich herum. Wir selbst nicht weniger
als jeder andere auch. Deswegen kann Selbstliebe nicht bedeuten, daß wir
stolz auf uns sind und uns falsche Vorstellungen von unseren eigenen
Fähigkeiten machen. Uns selbst lieben heißt, dass wir liebevoll, sorgsam
und mütterlich mit uns umgehen. Gleich einer Mutter, "die das eigene
Kind, ihr einziges Kind, beschützt mit ihrem Leben"
In reiferem Alter ist es an der Zeit, daß wir unsere eigene Mutter
werden. Diese Art von Liebe kann sehr wirksam sein. Wenn wir uns selbst
damit beschenken, können wir sie auch auf andere ausdehnen. Dann fühlen
wir uns innerlich ausgeglichen, unterliegen nicht mehr dem ewigen Auf
und Ab, dem ewigen "Ich-will", "Ich-will-nicht",
"Das-akzeptiere-ich-nicht".
Werdet endlich wach und beobachtet Euch selbst. Beobachtet die
zahllosen inneren Schwankungen, und zwar nicht allein aus einer gewissen
kühlen intellektuellen Distanz. Es reicht nicht, daß Ihr Euch sagt: Ach
diese Veränderungen kommen und gehen, entstehen und fallen wieder in
sich zusammen.- Das stimmt zwar, aber Ihr müsst auch mit dem Herzen an
Eurer Beobachtung beteiligt sein. Nur dann werdet Ihr Euch um Läuterung
und Ausgleich bemühen.
Erkennt dieses dauernde Auf und Ab und Hin und Her als das, was es
eigentlich ist: nichts als ein Hemmnis auf dem Pfad. Seht und erkennt
Ihr die zahllosen inneren Schwankungen, werdet Ihr sie auch loslassen,
entweder indem Ihr sie einfach aufgebt oder indem Ihr positive
Gewohnheiten an ihre Stelle setzt. Zumindest werdet Ihr dies tun, wenn
Ihr Verstand habt. Wenn Ihr nicht recht bei Sinnen seid, werdet Ihr auch
weiterhin daran haften.
Die Entsagung, das Sich-Lösen von allen Erwartungen und Bindungen
kann viele Formen annehmen. Die Hauptsache ist jedoch, daß wir allem
Wünschen und Wollen entsagen. Unsere Entsagung ist echt, wenn wir nicht
mehr wünschen, ganz gleich was. Wünschen verursacht Dukkha. Wollen wir
Dukkha abbauen, müssen wir an diesem Punkt ansetzen. Wunschentsagung
wird dann unsere Hauptarbeit sein. Sind wir dazu nicht in der Lage,
befinden wir uns auch nicht wirklich auf einem Weg geistiger Schulung.
Wenn wir es trotzdem glauben, machen wir uns etwas vor. Viele
Hunderttausende machen sich auf diese Weise zu Narren.
Spirituelle Schulung ist ein Pfad innerer Bemühung. Sie ist keine
Äußerlichkeit und besteht auch nicht ausschließlich darin, daß wir auf
einem Meditationskissen sitzen. Das sind Hilfsmittel; ein, zwei
Hilfsmittel von vielen. Der Pfad wird erst dann gelebt, wenn wir sehen.
was in uns entsteht, und es loslassen. Sehen wir dies nicht, haben wir
keine großen Chancen. Oder seid Ihr da anderer Meinung? Wir müssen
sehen, was vor sich geht.
Wir sehen schnell, was in den anderen vor sich geht, nicht so
schnell, was in uns selbst vor sich geht. Beobachten wir an anderen
Menschen etwas, können wir jedoch sicher sein, daß dies auch in uns
steckt. In den anderen etwas zu erkennen, das sich nicht auch in uns
abspielt, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn Ihr also in Euch selbst
etwas nicht sehen könnt, das Ihr an den anderen seht, dürft Ihr davon
ausgehen, daß es auch dort vorhanden ist. Ihr wisst infolgedessen, an
was Ihr arbeiten könnt. Es besteht kein Grund, einen anderen Menschen zu
verurteilen oder zu verabscheuen, wenn Ihr an ihm etwas beobachtet, das
Euch nicht gefällt. Das wäre die falsche Reaktion. Seid lieber dankbar
dafür, denn es zeigt Euch, was Euch zu tun bleibt. Wir können mit keiner
Sache etwas anfangen, die wir nicht aus eigener Erfahrung kennen. Was
sich auch in einem anderen Menschen abspielen mag, sobald wir damit
etwas anfangen können, sobald wir es in irgendeiner Weise verstehen,
heißt dies, daß wir es von uns bestens kennen. Und wir kennen es, weil
wir es ebenfalls schon getan haben.
Glück und Frieden sind Synonyme. Glück und Sinnesfreude dagegen sind
nicht gleichbedeutend. Sie sind sogar Gegensätze. Sinnesfreude ist ein
Augenblicksvergnügen, ein kurzlebiger Sinneskontakt, Glück hingegen ein
anhaltender Seinszustand. Ohne inneres Glück gibt es keinen inneren
Frieden.
Deswegen müssen wir unbedingt die Ursachen verstehen. Warum sind wir
nicht glücklich? Warum finden wir keinen inneren Frieden? Um diese
Fragen zu beantworten, müssen wir uns immer wieder selbst prüfen: "Was
ist das eigentlich, was ich da haben will und nicht bekomme? Welche
Erwartung bleibt unerfüllt? An was hafte ich? Aus welchem Grund hänge
ich an anderen Menschen? Welche Eigenschaften machen sie für mich
anziehend, so daß ich an ihnen hafte? Wovor habe ich Angst? Vor welchem
Verlust fürchte ich mich? Habe ich Angst, das Bild zu verlieren, das ich
von mir selbst aufgebaut habe? Oder versuche ich es etwa fortwährend zu
bestätigen, zu untermauern, und bin frustriert, weil keiner mich darin
unterstützt?" - Es könnte sein, daß kein Mensch weiß, welches Bild ich
mir von mir mache. Kein Wunder also, wenn die Unterstützung ausbleibt,
und ich traurig bin. Wenn wir in dieser Mühle gefangen sind, kann es
tatsächlich keinen Frieden geben.
Wir können gegen solche inneren Schwierigkeiten nichts ausrichten,
solange wir sie nicht einmal unmittelbar und ungefiltert erkennen. Wir
brauchen also unmittelbares Wissen, und dies gewinnen wir nur durch
Innenschau, durch Achtsamkeit. Es läuft alles auf dieses eine
Wort hinaus, das im Pali-Original sogar noch kurzer und prägnanter ist -
Sati, vier Buchstaben. Dieses kleine Wort von vier Buchstaben
enthält im Kern den gesamten Pfad - und seine Frucht.
Die Achtsamkeit gilt dem eigenen inneren Sein, aber nicht im Sinne
jener beiläufigen "Aufmerksamkeit", mit der wir die meisten Dinge eher
achtlos überfliegen. Nein, Achtsamkeit besitzt die Präzision und Schärfe
eines Mikroskops. Wir empfinden diese Schärfe gelegentlich als
unangenehm, weil wir mit ihr Dinge in uns entdecken, die nicht so ganz
astrein, eben keine wahre Freude sind. Das ist natürlich ein Urteil. Wir
mögen nicht, was wir in uns sehen, was in uns entsteht. Eigentlich
sollten wir es noch viel weniger mögen, nicht einmal zu wissen, was in
uns entsteht.
Der Buddha hat gelehrt, daß alle Trübungen und Makel erstens
universal und zweitens zähmbar sind. Zähmen heißt: Loslassen, entsagen,
nicht mehr wünschen. Prüft Euch: "Ist das, was ich jetzt möchte,
wirklich notwendig? Ist es für meine Gesundheit und mein Wohlbefinden
unerlässlich? Oder verzettele ich mich aus alter Gewohnheit nur wieder
einmal in der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen? Handelt es sich um
Ablenkungen und Zerstreuungen, die mich überfluten, weil ich von meinem
Dukkha weg will, und sei es nur für eine flüchtige Sekunde?" - Kein
Mensch kann auf diese Weise das Leiden dauerhaft abschütteln. Wir werden
das Leiden nur los, wenn wir nicht mehr wünschen. So einfach ist das . .
. und doch so schwer.
Überprüft Eure Wünsche. Haltet sie schriftlich fest. Vertraut sie
einem Blatt Papier an, damit sie endlich einmal klar formuliert vor Euch
stehen: "Was will ich eigentlich? Welches Bild habe ich von mir selbst?
Muss ich das alles wirklich haben? Muss ich mir das alles wirklich
wünschen?" - Werdet Euch der Tatsache bewusst, daß alles Wünschen die
Erwartung mit sich bringt, etwas zu bekommen, die Angst, es nicht zu
bekommen, und die Anspannung, die darin besteht, es zu erstreben. Und
all dies ist Dukkha: Leiden. Kein Frieden.
Schreibt Euch alles auf. Auf ein leeres Blatt mit einer dicken,
fetten Überschrift: "Was will ich eigentlich?" Und dann schreibt es auch
hin "Ich will geliebt werden! Ich will bewundert werden! Ich will, daß
man mich schätzt! Ich will gescheit und clever sein! Ich will etwas
erreichen! Ich will Sinnesgenus!"
Ja, bitte? Was habe ich geschrieben? Was möchte ich? Kann sein, dass
sich dann eine andere Stimme in Euch zu Wort meldet und sagt: Nein, nein
ich will das alles gar nicht. Was ich wirklich will ist Frieden, innerer
Frieden.- Nun gut. Beginnt eine neue Seite, wieder mit einer dicken
fetten Überschrift: "Wie gewinne ich inneren Frieden?" Und dann
schreibt. Fragt Euch selbst: "Gewinne ich inneren Frieden, indem ich
tue, was ich schon immer getan habe? Oder muss ich das alles etwa
aufgeben, einfach fallen lassen?"
Überprüft es selbst. Nehmt Bleistift und Papier und geht der Sache
auf den Grund. Dann wird Eure Selbstbefragung wirklich lebendig. Sie
bedeutet Euch etwas, denn Ihr habt Ihre Ergebnisse nun schwarz auf weiß
vor Euch. Ihr habt alles offen ausgesprochen, nichts verschwommen,
nichts im Dunkeln gelassen. Nun könnt Ihr es für Euch als Einsicht
reklamieren. Es gehört Euch.
Und so erkennt Ihr klar und deutlich, daß innerer Frieden eine Frage
des Loslassens ist. Es geht darum, alles aufzugeben, ganz gleich woran
Ihr hängt. Mit dieser Einstellung manifestiert sich ganz von selbst das
rechte Bemühen.
Natürlich soll damit nicht gesagt sein, daß Ihr alles auf einen
Schlag aufgeben und hinter Euch lassen könnt. Wohl aber heißt es, dass
Ihr den richtigen Anfang machen, daß Ihr mit dem Edlen Pfad beginnen
könnt. Vor Euch tut sich der Weg der Entsagung auf, der Weg des
Loslassens. Überlegt es Euch. Überprüft alles reiflich, immer und immer
wieder. Sobald ein Wunsch in Euch auftaucht, schaut ihn Euch an und
lächelt: "Aha, da kommt schon wieder so ein Geselle. Ein Neuer. Den
kenne ich noch gar nicht" Schaut ihn Euch an, lächelt ihn an, und Ihr
werdet sehen, er verschwindet, löst sich einfach auf.
Kann sein, daß nun an Stelle der Wünsche etwas anderes in Eurem
Herzen entsteht, nämlich ihr Gegenpol: Geben. Geben ist das Gegenteil
von Wünschen. Wenn das Herz nicht mehr von Wünschen verstopft ist,
entsteht ein Freiraum, der sich als Gebefreudigkeit entfaltet. Aber, was
geben wir mit dieser Gebefreudigkeit? - Liebe. Liebe ist Geben. Mit
Liebe können wir nichts anderes anfangen, als sie zu geben, zu
verschenken. Lassen die Wünsche nach, können Geben und Liebe sich
ausbreiten. Das ist ein und derselbe Prozess.
Es tut gut, einen Anfang zu machen, vom Wünschen zu lassen und der
Liebe eine Chance einzuräumen, indem wir durch den Rückgang unserer
Wünsche automatisch mehr lieben können. Aber denkt bitte nicht, Lieben
würde bedeuten, daß da jemand ist, der uns liebenswert erscheint. Wenn
wir so lieben, lieben wir nicht wirklich. Dann schätzen wir nur einen
Menschen und nehmen mit ihm Verbindung auf, um an ihm teilzuhaben. Dies
ist sehr eigensüchtig und hat deswegen mehr mit Nehmen als mit Geben zu
tun. Liebe hingegen ist eine Qualität des Herzens, die einzig und allein
auf Geben beruht. Liebe ist nicht von den Errungenschaften ihres
Objektes abhängig.
Loslassen und Entsagen schenkt uns die Möglichkeit, uns und andere
mehr zu lieben. Sobald sich diese beiden Fähigkeiten zeigen sind wir
schon ein gutes Stück auf der Straße zu innerem Frieden vorangekommen.
Wünschen hingegen verwandelt unser Leben in ein Schlachtfeld, weil es
fortwährende Kämpfe nach sich zieht: "Werde ich auch bekommen, was ich
mir wünsche? Werde ich es vielleicht nicht bekommen? Und wenn ich es
bekomme, werde ich es dann behalten können? WIE muss ich es anstellen,
damit ich es behalten kann? Was ist der beste Weg zum Erfolg?" Auf einem
Schlachtfeld wie diesem gibt es niemals Frieden. Kampf und Frieden
schließen sich gegenseitig aus.
Allem Wünschen zu entsagen, schenkt uns den Frieden, den wir suchen,
weil Wunschlosigkeit von der Angst befreit, etwas nicht zu bekommen; und
auch von der Angst, zu verlieren, was man hat. Wunschlosigkeit ist frei
von den Spannungen solcher Bewusstseinszustände. Entsagen macht den Weg
frei zur Mitte: Wir können jetzt hier sein.
Wenn wir das Herz leer machen von allem Wünschen, von allen Selbst-
und Wirklichkeitsvorstellungen, von allen Erwartungen, eine ganz
bestimmte Persönlichkeit darzustellen, machen wir es gebefreudig. Dann
wird liebevolle Zuwendung (mettá) eine originäre Eigenschaft
unseres Herzens, anstatt nur ein Wort zu sein, daß der Buddha irgendwann
einmal gebraucht hat. Und nur dann werden WM wissen, was damit gemeint
ist, wie es sich im eigenen Erleben anfühlt.
Bis es soweit ist, bleibt auch Mettá nur eine Hoffnung und damit eine
Erwartung, die uns unzufrieden und unbefriedigt lässt, weil sie sich
noch nicht erfüllt hat. Als solche hält sie nur den alten Teufelskreis
in Gang.
Wir haben also im Grunde keine Wahl, und das macht die Sache viel
einfacher. Ist innerer Frieden unser Ziel, muss Entsagung unser Weg
sein. Der Geist liebt zwar Entscheidungen. Sie entsprechen seinem Hang
zur Mannigfaltigkeit (papáñca) und sind wohl auch ein ganz
natürlicher Instinkt. Aber diese Leidenschaft hilft uns nicht weiter.
Führt Euch Eure Situation klar vor Augen, wenn sich wieder einmal die
altbekannte Stimme vordrängt und Euch erzählt: "Ich könnte es so machen
. . . oder vielleicht besser so. Wenn ich es so mache, könnte es
klappen. Aber andererseits könnte es auch besser sein, wenn ich es
anders mache" Schreibt Euch dies alles auf ein Blatt Papier, alle die
Versuche und Überlebensstrategien, die Ihr bereits durchprobiert habt,
und stellt fest, ob sie tatsächlich funktioniert, Euch wirklich Eure
Wünsche erfüllt haben.
Der Buddha hat es nie darauf angelegt, Menschen seine Ansichten
aufzudrängen. Er hat gesagt: Komm und sieh'. Hört also hin, was der
wahre Dhamma Euch zu sagen hat und überprüft es an Hand Eurer eigenen
Erfahrung. Sollte es andere Wege geben, so entdeckt sie für Euch. Warum
nicht? So hat der Buddha es gewollt. Das ist sein Weg: klar, freimütig
und geradlinig. Schon viele sind diesen Weg gegangen. Ja, wir können das
Ziel dieses Weges auch jetzt schon in einer Ahnung für einen kurzen
Augenblick begreifen. Tief in uns wissen wir bereits um die Früchte des
Pfades, ohne sie unmittelbar erlebt zu haben. Wir wissen, daß etwas
Wahres daran ist. Wir können es zwar nicht beweisen, aber wir wissen es.
Der menschliche Geist ist kein Computer, der nur nach den Gesetzen
kalter Logik funktioniert. Er steckt voller Gefühle, und diese Gefühle
sprechen uns hauptsächlich an. Wir leben nicht, wie wir denken. Wir
leben wie wir fühlen. Wenn wir also hören, was der Buddha lehrt, fühlen
wir, daß es wahr ist. Wir wissen es tief in uns. Dann brauchen wir nicht
mehr zu tun, als dem Pfad zu folgen.
Wir haben zumeist den Eindruck, daß die Befreiung (nibbana)
etwas Unerreichbares, Unirdisches, Jenseitiges ist, wenn wir davon hören
oder etwas darüber lesen. Wir verlegen das Nibbana jenseits der Grenzen
unserer Möglichkeiten, so als sei es nur etwas für spirituelle Giganten
und hätte nur sehr wenig mit uns zu tun. Und doch brauchen wir es
keineswegs so zu sehen.
Um uns mit Nibbana ein wenig vertrauter zu machen, wollen wir einmal
drei Aspekte der Befreiung betrachten: Befreiung durch Merkmalsfreiheit;
Befreiung durch Wunschfreiheit; und Befreiung durch Leerheit. Die
Befreiung ist von allen Merkmalen und Zeichen frei, weil in ihr die
Vergänglichkeit (anicca) aller Zeichen verstanden und vollkommen
durchdrungen wurde. Von allen Wünschen ist sie frei, weil sie das
Unbefriedigtsein (dukkha) restlos durchschaut. Und sie ist zudem
leer, weil sie zur Nicht-Existenz jeglichen Wesenskerns (anattá)
vorstößt. Das klingt recht einfach, oder? Trotzdem verstehen wir dies
noch nicht in ganzer Tiefe. Wir können die Unermesslichkeit dieses
Verstehens noch nicht begreifen.
Aber wir müssen keineswegs an diesem Punkt stehen bleiben. Es gibt
einen Weg, der uns die Befreiung zugänglicher macht, als sie uns jetzt
im Augenblick erscheinen mag. Wir alle wissen, was Vergänglichkeit, weil
wir sie aus eigener Erfahrung kennen. Aber, was mag Befreiung durch
Merkmalsfreiheit sein? Befreiung ist ein anderes Wort für Nibbana,
vollkommenes Freisein. Und was heißt Merkmalsfreiheit? Nun, auch das
können wir herausbekommen.
Versucht es mit jedem beliebigen Ding, jeder beliebigen Erscheinung,
wir klein oder geringfügig sie auch sein mag. Es kann ein Besitzstück
sein, ein Mensch oder eine Situation. Vergegenwärtigt Euch die Tatsache,
daß diese sehr flüchtig sind - vergänglich. Was sie auch sind, sie
können es nicht bleiben. Sie sind total unbeständig (anicca).
Bemüht Euch, diese Wahrheit in jeder Erfahrung bewusst zu erleben, in
jedem Ding, in jedem Lebewesen, in jedem Ereignis, und lasst dann alles
Anhaften von Euch abfallen, wenn Ihr sie einmal unmittelbar gespürt
habt. Auch wenn Ihr es nur einen kurzen Moment könnt, habt Ihr trotzdem
einen Moment zeichenloser Befreiung erfahren. Ihr habt die Befreiung
durch Merkmalsfreiheit verwirklicht.
Damit habt Ihr erkannt, daß es nichts gibt, was für sich genommen
bedeutsam wäre. Nichts hat irgendeinen inhärenten Wert. Alles ist wie
ein magisches Spiel, das vorüberzieht. Diese Erfahrung ist ein
Schlüsselerlebnis. Ihr könnt nun besser verstehen, was der Buddha mit
Befreiung meint. Ein kurzer Moment reicht aus, um eine erste Ahnung
davon zu bekommen.
Unter Freiheit verstehen wir häufig, daß wir tun und lassen können,
was wir wollen. Ich glaube, die meisten von uns haben diese Art Freiheit
ausprobiert und gesehen, daß sie uns nicht sehr weit bringt. Es gibt
wohl kaum einen Menschen, der jederzeit machen kann, was er will. Und
selbst wenn dies einmal möglich sein sollte, würde sich zwangsläufig
irgendwann eine gewisse Übersättigung bemerkbar machen. Diese Art
Freiheit lässt uns unerfüllt, weil sie Dukkha enthält. Sie ist
innen hohl.
Freiheit hat herzlich wenig damit zu tun, daß wir stets nach eigenem
Gutdünken entscheiden und handeln können, uns nehmen können, was wir
wollen. Freiheit ist mehr. Sie ist vollkommen unabhängig, weil sie an
kein Objekt, vor allem an kein Wunschobjekt gebunden ist, das wir uns
nehmen wollen. Trotzdem macht uns Freiheit nicht indifferent. Freiheit
heißt, daß wir der Sache auf den Grund gegangen sind, ihre eigentliche
Wahrheit durchdrungen haben.
Lasst zu diesem Zweck einmal für einen Augenblick etwas los, von dem
Ihr meint, daß es Euch zusteht, zum Beispiel etwas, das Ihr gern tut
(etwas loszulassen, was Ihr nicht mögt, wäre absurd, weil Ihr dies ja
ohnehin von Euch stoßt), irgend etwas, das Ihr mögt oder für wichtig
haltet. Untersucht es immer und immer wieder, bis Ihr klar erkennt, wie
vergänglich es eigentlich ist. Dann werdet Ihr Euch irgendwann sagen:
"Ich brauche es gar nicht. Ich kann ohne es auskommen." Das ist der
Augenblick der Wahrheit.
Wir haben viele Zugangsmöglichkeiten zu solchen Augenblicken der
Wahrheit, aber sie stellen sich nicht von allein ein. Wir müssen etwas
dafür tun. Wir müssen gründlich nachfragen, gründlich in Frage stellen.
Das ist unsere Arbeit. Loslassen klingt ein bisschen nach Sorglosigkeit
und Unbekümmertheit. Nun, in gewissem Sinn ist es das auch, aber erst
nachdem es tatsächlich geschehen ist. Vorher ist es harte Arbeit.
Sobald wir eingesehen haben, wie sehr wir haften, wie sehr wir unser
Herz an alles Mögliche hängen, sehen wir auch, daß das Loslassen uns
eine Menge Arbeit abverlangen wird. Sind wir aber noch nicht einmal zu
dieser Einsicht erwacht, haben wir die Wurzeln unseres Haltens noch
nicht begriffen, dann werden wir auch weiterhin vollständig im Dunkeln
tappen.
Es gibt noch einen weiteren Zugang zu zeichenloser Befreiung. Nehmen
wir an, Ihr fühlt ein körperliches Unwohlsein. Wer kennt das nicht aus
eigener Erfahrung? Wer hat sich physisch noch niemals unbehaglich
gefühlt, zumindest gelegentlich? Jeder ist damit vertraut Körperliches
Unwohlsein ist unumgänglich. Es gehört zur Natur des Körpers.
Dieses Unwohlsein erzeugt gewöhnlich eine Reaktion in Euch: "Ich mag
das nicht. Es soll so schnell wie möglich aufhören." So weit, 10 um Was
hat das mit Befreiung durch Merkmalsfreiheit zu tun? Wollt Ihr dies
verstehen, müsst Ihr Euch etwas eingehender mit dem Unbehagen
beschäftigen. Seht es. Nehmt es wirklich wahr . . . und dann in seine
Vergänglichkeit ein, erlebt, wie unbeständig es ist. Seht, daß es weder
eine fundamentale Wirklichkeit noch irgendeine dauerhafte Bedeutung
besitzt. Es ist nur ein Gefühl und damit flüchtig. Lasst dann für einen
Augenblick Euer "Ich-mag-das-nicht" los. Schaut Euch das Unwohlsein an
und sagt Euch: "Einverstanden, so ist es. Aber es wird wieder vergehen"
Das ist ein Vorgeschmack von zeichenloser Befreiung.
Wenn wir unmittelbar erleben, daß nichts dauerhaft, sondern im
Gegenteil alles flüchtig ist, alles fließt, alles sich bewegt, niemals
gleich bleibt, niemals im nächsten Augenblick sein wird, was es im
letzten Augenblick war, haben wir einen Moment der Freiheit erfahren.
Wir können dieses Vorgehen auf unsere Gedanken, Gefühle und körperlichen
Empfindungen anwenden. Und dies ist auch unsere Hauptaufgabe. Daran
müssen wir arbeiten.
Werdet Euch als erstes bewusst, wie sehr Ihr an Eurem Körper hängt,
wie häufig Ihr Euch fragt: "Sieht er passabel aus? Passt die Kleidung zu
seinem Typ? Stimmt die Ernährung? Tragen meine Lebensumstände auch
wirklich seinen Bedürfnissen Rechnung? Ist er gut in Form?" Anstatt Euch
mit solchen und ähnlichen Fragen aufzuhalten, schaut besser auf seine
vergängliche Natur. Dann werdet Ihr vielleicht für einen Augenblick die
Erfahrung völligen Gleichmuts machen. Der Geist ist im Gleichgewicht,
ganz unabhängig davon, ob der Körper existiert. Dieser Augenblick ist
ein Moment echten Friedens.
Aber er erscheint natürlich nicht von selbst. Um ihn zu fördern,
müssen wir immer und immer wieder bedenken, daß auf unser Leben
keinerlei Garantie besteht. Unser Leben wird einzig und allein von
Kamma-Vipáka getragen, von den Ergebnissen unserer Tatabsichten. Es
kann in jedem Augenblick zu Ende sein, weil unser Kamma-Vipaka sich
jeden Augenblick erschöpft haben kann.
Deswegen hat der Buddha uns empfohlen, daß wir uns täglich fünf
Tatsachen ins Gedächtnis rufen. Eine dieser Tatsachen lautet: "Ich bin
meinem Wesen nach sterblich." Das heißt nicht, daß ich erst in zwanzig
Jahren sterben werde, oder dann, wenn ich den richtigen Zeitpunkt für
gekommen halte. Wenn ich meinem Wesen nach sterblich bin, bin ich es
notwendigerweise jeden Augenblick. Ich kann jederzeit sterben. Spüren
wir diese Realität wie ein kurzes Aufflackern tief in unserem Bauch,
anstatt sie nur gelegentlich in Gedanken oberflächlich zu streifen,
werden wir das Leben plötzlich anders sehen. Wir bekommen eine andere
innere Einstellung.
Jeder weiß, daß er sterben wird. Was ist neu daran? Nichts ist neu
daran. Der Buddha hat nur Dinge gelehrt, die uns zugänglich sind. Aber
es geht eben nicht um oberflächliche Kenntnisnahme. Es geht darum, daß
wir tief in uns fühlen und begreifen: "Es steht einwandfrei fest, daß
mein Körper nicht dauern wird. Warum versuche ich also angestrengt,
etwas aus ihm zu machen? Warum versuche ich, ihn zu behalten? Was soll
diese ständige Mühsal und Beschäftigung mit ihm denn überhaupt
bewirken?" Dass der Kampf aussichtslos ist, steht von vornherein fest.
Diese Erkenntnis will uns aber nicht dazu verleiten, daß wir für
unseren Körper nicht mehr Sorge tragen. Wir müssen ihn
selbstverständlich waschen, füttern und in Stand halten. Aber das
genügt. Mehr ist nicht nötig. Wenn er nicht länger in Gang gehalten
werden kann, ist das auch weiter keine große Tragödie.
Jeder Augenblick echten, ungetrübten inneren Sehens ist ein
befreiender Augenblick. Ist uns ein solcher Augenblick geschenkt, werden
wir auch getreu und aufrichtig üben. Wir werden bis zum erfolgreichen
Abschluss bei unserer Übung bleiben, weil wir einen Augenblick der
Befreiung und Erleichterung erfahren durften - Befreiung und
Erleichterung von allem, was uns bedrückt. Dann ist es uns gleich, was
die Leute sagen oder meinen. Es ist uns egal, ob die Situation angenehm
ist oder nicht; ob es heiß ist oder kalt, früh oder spät. Dies zählt
alles nicht mehr. Nur eines zählt: Es gibt tatsächlich eine Befreiung,
und sie ist sogar noch in umfassenderem Sinne möglich, als wir sie
bisher erleben durften.
Befreiung durch Merkmalsfreiheit ist nicht so schwierig oder
tiefgründig, daß ein gewöhnlicher Mensch sie nicht erfahren könnte. Der
Buddha hätte vergeblich gelehrt, wenn gewöhnliche Menschen nicht befreit
werden könnten. Warum sollten wir überhaupt noch meditieren, wenn
gewöhnliche Menschen wie wir nicht Befreiung erlangen könnten? Nur, um
uns irgendwie die Zeit zu vertreiben? Das wäre doch kein ausreichender
Grund. Nein, gewöhnliche Menschen können tatsächlich befreit werden. Sie
müssen sich nur darum bemühen und daran arbeiten.
Nun zur Befreiung durch Wunschfreiheit. Wie kommt sie zustande? -
Wenn Ihr Euch das nächste Mal etwas wünscht, achtet auf das
Unbefriedigtsein (dukkha), das den Wunsch begleitet und . . .
lasst den Wunsch einfach fallen. Spürt die Befreiung. Das ist das
Einfachste von der Welt, nicht wahr!
Dukkha ist nicht zwangläufig eine Folge der Nichterfüllung Eures
Wunsches. Wahrscheinlich bekommt Ihr ja sogar, was Ihr haben wollt, denn
es ist eine Regel, daß man bekommt, was man sich nur stark genug
wünscht. Schlimm ist allerdings, daß die meisten Menschen nicht wissen,
was sie sich eigentlich wünschen sollten, daß sie die sinnvollen nicht
von den unsinnigen Wünschen unterscheiden können. Sie wünschen sich die
falschen Dinge und bekommen sie auch.
Dukkha ist also nicht in der Tatsache begründet, daß wir nicht
bekommen, was wir gern hätten. Das ist zwar auch eine Art Dukkha, aber
eben nur eine Art von vielen. Die wirkliche Ursache für Dukkha ist
vielmehr das Wünschen, die Gier an sich. Alles Wünschen, ganz gleich
welcher Art, erzeugt erstens eine gewisse Anspannung, zweitens ein nach
außen Greifen und drittens eine Erwartung, zu der sich die Angst
einstellt, daß die Erwartung möglicherweise nicht befriedigt werden
kann. Darüber hinaus setzt es im Geist einen Gedankenprozess in Gang,
der sich nicht länger für das interessiert, was hier und jetzt
tatsächlich geschieht.
Jeder Wunsch nach etwas, das noch nicht vorhanden ist, ist
notwendigerweise auf die Zukunft gerichtet und setzt auf die Hoffnung,
es später einmal zu bekommen. Da der Geist von solchen Wünschen
überquillt, kann er nicht mehr darauf achten, was gerade vor sich geht.
Er lebt in der Scheinwelt dessen, was sein könnte, wenn nur endlich der
Wunsch in Erfüllung ginge. Was sein könnte, verwirklicht sich jedoch nur
selten so, wie wir es jetzt erhoffen. Das ist jedoch nicht das
fundamentale Leiden. Das fundamentale Leiden ist in unserem Wünschen
begründet. Deshalb bezeichnen wir die Befreiung als wunschfrei. Sie
tritt ein, wenn wir wunschlos sind - wunschlos glücklich, wie wir auf
Deutsch gelegentlich sagen.
Wir können diese Befreiung durch Wunschfreiheit konkret erfahren.
Wenn Ihr das nächste Mal etwas wünscht, zum Beispiel etwas zu essen,
beobachtet einfach, wie der Wunsch in Euch Gestalt annimmt und sich in
den Vordergrund drängt. Habt Ihr gesehen, wie er aufstrebt, lasst Ihr
ihn fallen. Weg damit! Fühlt die Erleichterung und Befreiung, die mit
dem Loslassen einhergeht.
Erleichterung und Befreiung sind jedoch nicht die einzige Konsequenz.
Ihr werdet darüber hinaus fühlen, daß Euer Geist erfrischt ist, Kraft
gewonnen hat, denn er hat zur Abwechslung einmal gehorcht. Er hat nicht
seine eigenen trickreichen Spielchen durchgesetzt, sondern
ausschließlich Euren Anordnungen Folge geleistet.
Das schenkt Selbstvertrauen. Wir können uns nur selbst vertrauen,
wenn der Geist auf uns zu hören beginnt. Bis wir dies geschafft haben,
versichern wir uns zwar ständig im Geist: "Schau, ich bin ganz o.k. so
wie ich bin" Aber darauf folgt ebenso schnell wie unfehlbar ein Gefühl
der eigenen Minderwenigkeit, das uns sagt: "Bitte, schau mich doch nicht
so an. Ich weiß ja, so wie ich bin, kann ich unmöglich o.k. sein." Immer
die eine oder die andere Stimme. Das hält den Geist auf Trab und gibt
ihm stets etwas zu tun.
Aber diese Stimmen verstummen, wenn der Geist endlich auf uns hört.
Ob "ich" nun o.k. bin oder nicht o.k. bin, ist überhaupt kein Thema
mehr. Stattdessen treten neue Eigenschaften in den Vordergrund:
Vertrauen, Kraft, Macht.
"Macht" hat einen schlechten Ruf. Wohl hauptsächlich deswegen, weil
wir dabei unterschwellig immer an Macht über andere Menschen oder die
Umwelt denken. Macht hat den Beigeschmack der Willkür. Natürlich, wenn
wir Macht über uns selbst haben, haben wir zumeist auch über andere
Menschen Macht. Doch darum geht es nicht. Macht heißt, daß wir über die
innere Stärke verfügen, die solche Macht hervorbringt. Man braucht kein
Wort darüber zu verlieren. Sie ist einfach da. Sie ähnelt in dieser
Hinsicht der Ausstrahlung Buddhas, die die Menschen zu ihm hinzog, sie
bewog, sich um ihn zu scharen. Sie ist fühlbar - ein Energiespeicher,
den man ohne weiteres anzapfen kann.
Versucht es selbst. Versucht, ob Ihr nicht für einen Moment
wunschlose Befreiung erreichen, Euch wunschlos glücklich fühlen könnt.
Kann sein, daß Ihr dafür den Wunsch, etwas zu essen, loslassen müsst,
oder den Wunsch nach Zerstreuung, den Wunsch, irgendwohin zu gehen,
etwas zu erhalten, etwas zu erfahren, etwas zu bereden. Es kann eine
Lappalie sein. Was es ist, ist nicht so wichtig. Wichtig hingegen ist,
daß Ihr es ganz bewusst, mit voller Absicht aufgebt. Sagt Euch einfach:
"Ich brauche es nicht. Es ist nicht nötig"
Also lasst Ihr es fallen. Das ist harte Arbeit, es sei denn, Euer
Wunsch war so unwesentlich, daß er Euch von Anfang an mehr oder weniger
gleichgültig war. Ein solcher Wunsch ist für die Übung des Loslassens
ungeeignet. Wir müssen uns für diesen Zweck schon eine Sache aussuchen,
die uns ein wenig fasziniert, die uns in Bann hält. Nachdem wir sie
fallengelassen haben, werden wir uns erleichtert fühlen, entspannt und
wohlig.
Schließlich zur Befreiung der Leerheit, der Befreiung durch
Selbst-Losigkeit (anattá). Sie besteht darin, den Geist von allen
Inhalten zu entleeren. Wir werfen sie von uns, indem wir erkennen, daß
sie absolut bedeutungslos sind. Wenn sie Euch wirklich wichtig
erscheinen, dann schreibt sie Euch auf. Ihr müsst sie nicht dauernd im
Geist mit Euch herumschleppen. Je weniger Ihr im Geist mit Euch
herumschleppt, desto geringer ist auch die Gefahr, daß er ermüdet und
erschöpft wird.
Würdet Ihr den ganzen Tag lang mit einem Eimer Wasser in jeder Hand
herumrennen, Ihr würdet Euch körperlich schon nach kurzer Zeit
vollkommen zerschlagen fühlen. Aber in unserem Geist schleppen wir noch
sehr viel mehr mit uns herum als nur zwei Eimer Wasser. Unser Geist ist
voll bis zum Überlaufen - und zwar mit völlig nutzlosen Dingen.
Ihr könnt Euch alle wichtigen Dinge, die Ihr auf keinen Fall
vergessen dürft, in einem kleinen Heft notieren. Sie müssen Euren Geist
nicht belasten, denn Befreiung durch Leerheit heißt: Wir leben von nun
an in der Einsicht, daß alle Formkräfte (sankhára) leer sind.
Diese Formkräfte sind psychische Formkräfte, geistige Bildekräfte.
Versucht einmal, sie für einen Augenblick allesamt wegzuwerfen, und
stellt fest, wie Ihr Euch dabei fühlt.
Wenn Ihr sie dann wieder in Euch hineinlasst, achtet auf den
Unterschied. Sobald sie wieder auftauchen, ist der Geist für einige
Augenblicke irritiert, er fühlt sich etwas gereizt. Diese Irritation
bemerkt Ihr gewöhnlich nicht einmal, weil Ihr den Geist nur voller
psychischer Formkräfte (Gedanken) zu erfahren gewohnt seid. Wir wissen
im allgemeinen gar nicht, wie irritierend diese geistigen Bildekräfte
sind, wie sehr sie uns entkräften, auf uns lasten, wie viel Leid sie uns
bringen - und natürlich auch nicht, wie total unbeständig sie eigentlich
sind.
Werft sie also fort, und sei es nur für den Bruchteil einer Sekunde.
Lasst den Geist von allen psychischen Formkräften frei sein, vollkommen
leer. Nichts ist mehr in ihm enthalten. Dann lasst die Bildekräfte
neu entstehen. Auf diese Weise erkennt Ihr den Unterschied: Ihr wisst
wie der Geist sich ohne psychische Formkräfte anfühlt und wie er sich
anfühlt, wenn diese Formkräfte in ihm enthalten sind. Damit bekommt Ihr
einen Vorgeschmack von der Befreiung durch Leerheit, die sich dadurch
auszeichnet, daß es in ihr keine psychischen Formkräfte gibt.
Empfindungen und Gefühle werden nicht mehr als solche erkannt. Es
gibt keine Wahrnehmung der Gefühle. Ihr nehmt keinerlei Sinneskontakt
mehr wahr. Die Wahrnehmung wird nicht als solche unerkannt. Es gibt
keine Gedankenprozesse, nur Leerheit - die Leerheit all dessen, was
normalerweise auf uns einstürzt, uns bombardiert wie Geschosssalven.
Vielleicht bemerkt Ihr bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal, wie
sehr wir gewöhnlich von allen möglichen Reizen beschossen werden. Wir
müssen permanent den Angriff der Sinnesreize über uns ergehen lassen.
Der Buddha hat diese Situation einmal mit dem Schicksal einer lebendig
gehäuteten Kuh verglichen: ihr Fleisch liegt offen da, und Überall
sitzen die Fliegen darauf. Permanente Reizung! Und genau so stehen auch
wir permanent unter dem Beschuss all jener Dinge und Erscheinungen, die
wir sehen, hören, schmecken, beruhten, riechen und denken.
Das Denken ist am schlimmsten. Es zeigt sich in der ununterbrochenen
Gedankenmühle, mit deren Produkten wir uns identifizieren und auf deren
Grundlage wir handeln. Wir können allein auf der Grundlage einer
sichtbaren Erscheinung nicht unbedingt etwas unternehmen. Mit einem
wunderbaren Sonnenuntergang zum Beispiel können wir nicht sehr viel mehr
tun, als uns darüber zu freuen. Desgleichen wenn wir Musik hören.
Entweder wir mögen sie oder wir mögen sie nicht. Viel mehr können wir
damit nicht anstellen.
Ganz anders die Gedanken. Mit ihnen können wir sehr viel mehr
anfangen. Wir können auf ihrer Grundlage handeln - und uns damit in
Schwierigkeiten bringen. Was brockt uns doch diese Angewohnheit immer
wieder für Probleme ein! Immer und immer wieder. Wir kommen selbst in
den scheinbar unverfänglichsten Situationen, in denen nicht viel los
ist, noch in große Schwierigkeiten, weil wir uns mit unseren
Denkprozessen identifizieren. Dann rollen die Tränen. Dann fliegen die
Fetzen von Wort und Widerwort. Und all dies nur, weil der Geist mit
Vorstellungen, Ansichten und Meinungen vollgepackt ist.
Wer meditiert, weiß aus Erfahrung, daß alle im Geist auftauchenden
Gedanken keine Bedeutung haben und eigentlich völlig wertlos sind. Sie
sind nur eine lästige Plage, stören die Meditation. Aber sie sind auch
jetzt eine Plage, auch wenn wir gerade nicht meditieren. Zwischen
Meditation und Nicht-Meditation gibt es keinen Unterschied. Geist ist
Geist.
Noch ein weiterer Zugang führt zur Erfahrung von Leerheit. Wir werden
Leerheit erfahren, sobald wir die wechselseitige Verbundenheit von
Dukkha, Anicca und Anattá, sobald wir den unaufhörlichen
Fluss, die unaufhörliche Bewegung aller Phänomene sehen. Wir können
diesen Strom permanenter Veränderung im Himmel beobachten: an den
ziehenden Wolken, am Wind. Wir können ihn in uns selbst beobachten: Das
Blut, der Atem, alles ist ständig im Fluss. Der Kosmos ist ein einziges
Fließen. Er kontrahiert sich und expandiert fortwährend. Gibt es in
dieser Bewegung etwas Festes, an das wir uns klammern könnten? An
welchen Stern würde Ihr Euch gern hängen? Welchen Stern möchtet Ihr
festhalten? Welcher sieht schöner aus als der neben ihm? Sie alle sind
in Bewegung. Es gibt nichts Festes, keinen einzigen Fixpunkt.
Dies für einen Augenblick zu sehen, ist Befreiung. Aber: Wovon werden
wir befreit? - Von Begehren und Haften. Begehren und Haften halten uns
im Kreislauf der Existenzen (Samsara), bringen alle unsere
Leiden, all unser Dukkha hervor. Haften ist stets von Verlustangst
begleitet, Begehren von der Befürchtung, etwas nicht zu haben oder zu
sein. Der Zustand überweltlicher Freiheit kommt ohne solche Ängste aus,
weil es in ihm weder etwas zu verlieren noch etwas zu gewinnen gibt. Wir
begehren oder haften an Dingen, die wir für wichtig halten.
Das heißt jedoch nicht, daß wir plötzlich allem und allen
gleichgültig gegenüberstehen, nur weil wir Begehren und Haften für einen
Augenblick fallen lassen. Das Große Mitgefühl Buddhas entstand aus dem
Ereignis seiner Erleuchtung. Er konnte in jedem Moment klar und deutlich
erkennen, daß alle Wesen leiden, weil sie begehren
und haften. Da er selbst von diesen Plagen freigeworden war, war sein
Großes Mitgefühl nicht von eigensüchtigen Motiven entstellt. Es war
deswegen fähig, sich anderen Wesen vorbehaltlos und uneingeschränkt zu
widmen. Wir sind noch nicht soweit gekommen. Aber ich möchte darauf
hinweisen, daß wir durchaus in der Lage sind, einige Schritte in diese
Richtung zu gehen. Auch wir können dieses Ziel verwirklichen.
Die Befreiung (nibbana) geschieht nicht durch einen Gnadenakt
von "oben". Sie fällt nicht wie eine goldene Hülle der Glückseligkeit
auf uns herab. Das wird nicht geschehen. Nibbana ist harte Arbeit. Wir
müssen uns ihr ununterbrochen widmen, ihr jeden Augenblick unseres
Lebens schenken, bis das letzte Fleckchen Unreinheit beseitigt wurde.
Begehren und Haften sind unrein. Wir können sehr gut ohne sie
auskommen, wenn auch vielleicht zuerst nur augenblicksweise. Solche
Augenblicke müssen wir sorgfältig beachten, um uns näher mit ihnen und
dem Lebensgefühl vertraut zu machen, das sie vermitteln. Wir müssen
einfach wissen, wie wir es geschafft haben, unser Begehren und Haften
loszulassen, damit wir dies immer und immer wieder tun können.
Solange wir selbst nicht ganz klar wissen, was wir mit unserem Geist
und in unserem Geist tun, werden wir hauptsächlich unglückliche
Geist-Momente erfahren; die negativen Geistestätigkeiten werden in der
Überzahl sein. Aus diesem Grund trifft man auch nur so wenige Menschen,
die wirklich glücklich sind. Wir betrachten Glück als Zufallsprodukt,
als eine Fügung glücklicher Umstände. Damit irren wir uns. Glück ist
harte Arbeit. Ramana Maharshi, der berühmte indische Heilige, hat einmal
gesagt: "Glück und Frieden sind nicht unser Geburtsrecht. Wenn wir sie
erleben dürfen, dann nur, weil wir uns fortwährend darum bemüht haben."
Glück ist also kein Zufall. Ebenso wenig ist es von äußeren
Bedingungen abhängig. Und Frieden ist kein Blatt Papier, kein
Vertragswerk, daß die Vereinten Nationen unterschreiben könnten. Die
haben schon viele Verträge verfasst und unterschrieben. Mit welchem
Ergebnis?
Frieden ist ein innerer Seinszustand, eine innere Lebenshaltung, die
auf Loslassen, auf Entsagung beruht. Es fuhrt kein anderer Weg zu
Frieden als Loslassen und Entsagung. Wir müssen uns deswegen selbst
prüfen: "Was könnte ich loslassen?" Was es auch ist, das zu tun ist
unsere Aufgabe.
Gewöhnlich ist dies der Körper. Wir wollen ihn nicht loslassen. Nun,
eines Tages werden wir ihn aufgeben müssen. Es wäre bestimmt eine gute
Idee, darauf vorbereitet zu sein und uns an der Beseligung zu freuen,
die das Loslassen uns jetzt schon geben kann. Das ist wesentlich
sinnvoller, als bis zum letzten Augenblick mit dem Loslassen zu warten,
wenn wir ohnehin keine andere Wahl haben. Dann haben wir nämlich auch
nicht mehr die Zeit, uns seiner Beseligung zu erfreuen.
Öffnet Euch, damit Ihr wenigstens für einen Augenblick
"Unbeständigkeit" erfahren, "Vergänglichkeit" wirklich schmecken und aus
diesem Schmecken heraus verstehen könnt. Geht der Sache auf den Grund.
Lauft nicht weg, indem Ihr Euch einredet: "Ich will davon nichts wissen"
Oder: "Es stimmt schon. Alles ist unbeständig. Aber damit werde ich mich
später auseinandersetzen."
Vergesst niemals, daß jeder Wunsch Unzufriedenheit und Irritation
hervorruft. Lasst deswegen Eure Wünsche los, auch wenn es zuerst nur
einer ist, nur ein Wunsch. Wenn Ihr ein Jahr lang jeden Tag einen Wunsch
loslasst, werdet Ihr womöglich sogar erleuchtet. Ich will mich nicht auf
falsche Versprechen einlassen, aber: Der Versuch lohnt sich. Probiert es
mit einem Wunsch pro Tag.
Wir haben eigentlich gar nicht so viele verschiedene Wünsche.
Vielmehr wiederholen sich dieselben Wünsche immer und immer wieder. Wenn
wir uns an einem dieser Wünsche im Loslassen üben, werden wir dieselbe
Übung auch auf die restlichen Wünsche ausweiten können. Übung macht den
Meister. Lernen wir, einen Wunsch loszulassen, wird es uns nicht mehr
schwerfallen, auch die übrigen Wünsche aufzugeben.
Es sollte doch möglich sein, daß wir für einen Augenblick das
Interesse an den Sprüngen und Eskapaden des Geistes verlieren und
stattdessen sehen, was diese eigentlich sind: Eine permanente
Beschießung durch elektrische Impulse. So fühlt es sich doch an - ein
unaufhörliches Bombardement von Reizen! Einige dieser Reize verketten
sich miteinander, und wir glauben an das, was sich daraus ergibt, obwohl
es keinerlei Sinn macht. Ja wir geben diesen Wirrwarr an Impulsen sogar
an andere Menschen weiter, was sehr häufig zum schönsten Streit führt.
Wir spucken diese Impulse aus und bekommen darauf als Aufschrei des
Protests zu hören: "Ja, wie kann man denn bloß so etwas denken?!" Am
besten, Ihr lasst die ganze Geschichte für einen Augenblick auf sich
beruhen. Seid einfach da, körperlich präsent, ohne irgendwelche Gefühle,
Empfindungen und Sinneskontakte wahrzunehmen. Seid bewusst da, ohne Euch
in Eure Wahrnehmungen zu verstricken.
Wenn wir die Vergänglichkeit und das Unbefriedigtsein aller
Erscheinungen unmittelbar sehen, führt uns diese Einsicht zur Leerheit.
Was soll überhaupt letztlich noch existieren, wenn nichts so bleibt, wie
es ist, und nichts endgültige Befriedigung schenken kann? Da es Begehren
gibt, gibt es auch psychische Formkräfte, Körper und Geist. Mehr aber
gibt es nicht. Alles ist aus Begehren entstanden, auch das Gebäude, in
dem wir sitzen.
Irgendjemand wollte eine Meditationshalle haben. Also wurde sie
gebaut. Hätte keiner den Wunsch gehabt, gäbe es sie auch nicht. Unser
Körper ist entstanden, weil irgend jemand ein Kind haben wollte. Das
Kamma für diese Geburt ist entstanden, weil der Wunsch nach Leben da
war. Was auch existiert, entstanden ist es aus Begehren. Und Begehren
ist Dukkha.
Wenn wir uns zum ersten Mal anschicken, Dukkha zu durchdringen, wehrt
sich wahrscheinlich in uns etwas dagegen. Wir denken: "Was soll das
überhaupt? Warum lebe ich denn dann? Warum bin ich überhaupt hier?" Nun,
ich bin aus eben diesem Grund hier: Um die Wahrheit von Anicca, Dukkha
und Anattá zu durchdringen und infolgedessen nicht noch einmal dieselbe
Misere über mich ergehen lassen zu müssen.
Das ist im übrigen eine nützliche Frage, der wir zu unserem eigenen
Nutzen auf den Grund gehen sollten: "Will ich wirklich noch einmal all
das über mich ergehen lassen, das ich in diesem Leben erlebt habe (von
den vergangenen Leben ganz zu schweigen?)" Wenn ja, bilde ich mir
vielleicht ein, daß ich mich das nächste Mal klüger anstellen werde?
Vielleicht werde ich ja mit einem kleinen Spickzettelein der Hand
wiedergeboren, auf dem aufgelistet steht, was ich dieses Mal alles
falsch gemacht habe und deswegen in Zukunft besser vermeide. Das wird
aber nicht geschehen. Wir werden wieder ganz von vorn anfangen und das
ganze Theater noch einmal von vorn durchstehen müssen.
Befreiung ist für einen Augenblick erfahrbar. Lasst los, woran Ihr
hängt, indem Ihr seine vergängliche Natur erkennt, indem Ihr erkennt,
daß jeder Wunsch an sich Nicht-Erfüllung ist - die fürchterliche Leere
des Herzens. Was immer Ihr im Geist entdeckt, versucht, es fallen zu
lassen, um einen Augenblick vollkommener Freiheit zu erfahren. Versucht,
Leerheit unmittelbar zu schauen, indem Ihr versteht, daß Begehren die
Wurzel allen Geschehens ist. Ohne Begehren entsteht absolut gar nichts.
Wenn nichts entsteht, bedeutet dies Leerheit: Frieden! Dieser Frieden
beruht auf völliger Durchdringung und Einsicht.
Wir müssen uns nicht darüber sorgen, was nach dem Tode vielleicht mit
uns geschehen wird. Besser, wir kümmern uns um das Jetzt und um den
Augenblick des Todes. Damit können wir etwas anfangen, denn es ist uns
zugänglich, keine unfassbare Vorstellung wie alle die Ideen, die sich um
das Leben nach dem Tode ranken. Aber wir können es nur erfahren, wenn
wir alles abschütteln, wenn wir alles aufgeben, eins nach dem anderen.
Jeden Tag eine Kleinigkeit.
Nutzen wir nicht jeden Tag, um etwas Neues zu lernen, zum Beispiel
dazu, Einblick in die Bedeutung der Leerheit zu gewinnen oder zu
entdecken, wie wir mit unseren Gefühlen der Herzlosigkeit umgehen
können, dann haben wir den Tag vergeudet. Wir könnten lernen, nicht auf
Hitze oder Kälte zu reagieren, nicht auf die Moskitos, nicht auf den
Regen. Jeder von uns muss ganz bestimmte Dinge lernen. Wenn wir uns
einen Tag nicht darum bemühen, haben wir diesen Tag sinnlos verstreichen
lassen. Wir haben uns nur um unser bisschen Überleben gekümmert. Das ist
eine verlorene Schlacht. Wir haben sie schon verloren, bevor wir sie
überhaupt begonnen haben, denn wir werden nicht ewig am Leben bleiben.
Nur wenn wir etwas dazulernen, haben wir den Tag für die Sache genutzt,
für die er uns geschenkt wurde. Der Durchbruch zur Weisheit, das ist der
einzige Sinn unseres Lebens. Jeder Tag ist unser ganzes Leben.
Die folgenden Pali-Worte bezeichnen Vorstellungen und Begriffsebenen
für die es keine vollkommen deckungsgleiche Übersetzung in eine
westliche Sprache gibt. Die vorliegenden Erklärungen sind dem
Buddhistischen Wörterbuch von Nyanatiloka Mahathera entnommen.
Anatta
-
"Selbst-Losigkeit", "Nicht-Selbst", "Nicht-Ich",
"Unpersönlichkeit". - Diese Lehre von Anattá besagt, daß es
weder innerhalb noch außerhalb der körperlichen und geistigen
Daseinserscheinungen irgend etwas gibt, das man im höchsten Sinne als
eine für sich bestehende unabhängige Ich-Wesenheit oder Persönlichkeit
bezeichnen könnte.
-
"Vergänglichkeit", "Unbeständigkeit"; eine Grundeigenschaft aller
bedingt entstandenen Erscheinungen, ganz gleich ob sie materiell oder
mental, grob oder fein, der eigenen psychophysischen Existenz
zugehörig oder äußerlich sind.
-
Der Dhamma als das vom Buddha erkannte und verkündete
Gesetz ist zusammengefasst in den sogenannten Vier Edlen Wahrheiten.
-
Im allgemeinen Sprachgebrauch: "Schmerz", Schmerzempfindungen
körperlicher oder seelischer Natur. Im buddhistischen Sprachgebrauch:
"Leiden", d.h. die erste der Vier Edlen Wahrheiten. Das
Unbefriedigtsein und die allgemeine Unsicherheit aller bedingt
entstandenen Daseinserscheinungen. Deswegen sind Unbefriedigtsein und
Leidunterworfensein wohl die beste Übersetzung für diesen Begriff.
-
"Vertiefung", Zustand meditativer Versenkung oder Sammlung.
-
"Tat" - bezeichnet genau genommen den die Wiedergeburt erzeugenden
oder Charakter und Geschick der Wesen beeinflussenden heilsamen oder
unheilsamen Willen sowie die damit verbundenen Geistfaktoren. Kamma
bedeutet also keineswegs das Ergebnis des Wirkens oder gar das
Schicksal von Menschen und ganzen Völkern.
-
"Gruppen" oder "Daseinsgruppen" nennt man die fünf Gruppen, in die
der Buddha die dem oberflächlichen Beobachter eine Persönlichkeit
vortäuschenden gesamten körperlichen und geistigen
Daseinserscheinungen eingeordnet hat: 1) Körper (rúpa); 2)
Gefühl (vedaná); 3) Wahrnehmung (sañña); 4) psychische
Formkräfte (sankhára); und 5) Bewusstsein (viññána).
-
"Liebe", "Allgüte", "liebevolle Zuwendung".
-
bildet das höchste und letzte Endziel alles buddhistischen
Strebens, d.h. das restlose "Erlöschen" alles in Gier, Hass und
Verblendung sich äußernden, das Leben bejahenden und sich krampfhaft
daran klammernden Willenstriebes, und damit die endgültige restlose
Befreiung von allem künftigen Wiedergeborenwerden, Altern und Sterben,
Leiden und lend.
-
"Ausbreitung", "Weitschweifigkeit", "ausführliche
Auseinandersetzung", "Entfaltung", "Mannigfaltigkeit", "Vielheit"
(Welt).
-
"Der Kreislauf der Wiedergeburten", wörtl.: "beständiges Wandern".
Samsara bezeichnet das ewig rastlose, auf- und niederwogende
Meer des Daseins, den scheinbar unauflöslichen Prozess des immer
wieder und wieder Geborenwerdens, Alterns, Leidens und Sterbens.
-
"Hellblick", "Klarblick" - das aufblitzende intuitive Erkennen der
Vergänglichkeit, des Elends und der Unpersönlichkeit aller
körperlichen und geistigen Daseinserscheinungen.
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