Aṅguttara Nikāya

Das Vierer-Buch

195. Der Sakyer Vappa

Einst weilte der Erhabene im Gebiete der Sakyer, im Nigrodha-Kloster bei Kapilavatthu (die Geburtsstadt des Buddha). Da nun begab sich der Sakyer Vappa, ein Anhänger der Niganther (d.i. der Jāinas), dorthin, wo der ehrwürdige Mahā-Moggallāna weilte. Dort angelangt, begrüßte er den ehrwürdigen Mahā-Moggallāna ehrerbietig und setzte sich zur Seite nieder. Und der ehrwürdige Mahā-Moggallāna sprach zum Sakyer Vappa, dem Anhänger der Niganther, also:

„Gesetzt, Vappa, einer beherrsche sich in Werken, beherrsche sich in Worten, beherrsche sich in Gedanken. Siehst du da nach Aufhebung des Nichtwissens, nach dem Aufsteigen des Wissens, wohl eine Möglichkeit, derzufolge noch in einen Menschen im nächsten Leben mit Leidgefühlen verbundene Triebe eindringen könnten?“

„Ich sehe, o Herr, eine solche Möglichkeit: gesetzt, o Herr, einer habe in einem früheren Leben böse Taten verübt, und die Frucht jener Taten ist noch nicht zur Reife gelangt, so würden demzufolge diesen Menschen im nächsten Leben mit Leidgefühlen verbundene Triebe befallen.“

Dieses Gespräch des ehrwürdigen Mahā-Mogalläna mit dem Sakyer Vappa, dem Anhänger der Niganther, wurde nun hier unterbrochen. Der Erhabene nämlich, nachdem er sich gegen Abend aus seiner Zurückgezogenheit erhoben hatte, begab sich in die Empfangshalle und setzte sich auf dem angebotenen Sitze nieder. Sodann wandte er sich an den ehrwürdigen Mahā-Moggallāna und sprach: „Bei welchem Gespräche sitzet ihr da beisammen,und welche Unterhaltung habt ihr unterbrochen?“

(Und der ehrwürdige Mahā-Moggallāna berichtete dem Erhabenen das eben geführte Gespräch.)

Da sprach der Erhabene zu Vappo, dem Anhänger der Niganther, also: „Wenn du mir beistimmen willst, Vappa, wo beizustimmen ist, mich tadeln willst, wo zu tadeln ist, und wenn du mich über das, was du an meiner Rede nicht verstehst, weiter befragen willst, nämlich: ‚Wie ist das, o Herr? Wie hat man das zu verstehen?‘—so möge da ein Gespräch zwischen uns stattfinden.“

„Wo eben beizustimmen ist, o Herr, werde ich dem Erhabenen beistimmen, wo zu tadeln ist, werde ich tadeln, und was ich an des Erhabenen Rede nicht verstehe, darüber werde ich den Erhabenen weiter befragen: ‚Wie ist das, o Herr? Wie hat man das zu verstehen?‘ Möge da also ein Gespräch zwischen uns stattfinden!“

„Was meinst du, Vappa? Die bedrückenden und quälenden Triebe, die da auftreten, bedingt durch das Vollbringen von Taten (kamma) in Werken, Worten und Gedanken, solche bedrückenden und quälenden Triebe bestehen nicht mehr für einen, der sich des Vollbringens solcher Taten in Werken, Worten und Gedanken enthält. Keine neue Tat begeht er, und die alte Tat macht er, wenn immer ihn ihre Wirkung trifft, zunichte. Dies ist die klar sichtbare Versiegung, die unmittelbar wirksam ist, einladend, zum Ziele führend, jedem Verständigen verständlich. Siehst du da wohl noch eine Möglichkeit, Vappa, derzufolge den Menschen im nächsten Leben mit Leidgefühlen verbundene Triebe befallen könnten?“

„Das nicht, o Herr.“

„Was meinst du, Vappa? Die bedrückenden und quälenden Triebe, die da auftreten, bedingt durch Nichtwissen, solche bedrückenden und quälenden Triebe bestehen nach Aufhebung des Nichtwissens, nach dem Aufsteigen des Wissens nicht mehr für ihn. Keine neue Tat begeht er, und die alte Tat macht er, wenn immer ihn ihre Wirkung trifft, zunichte. Dies ist die klar sichtbare Versiegung, die unmittelbar wirksam ist, einladend, zum Ziele führend, jedem Verständigen verständlich. Siehst du da wohl noch eine Möglichkeit, Vappa, derzufolge den Menschen im nächsten Leben mit Leidgefühlen verbundene Triebe befallen möchten?“

„Das nicht, o Herr.“

„Ein Mönch, Vappa, dessen Geist solcherart völlig befreit ist, hat sechs unwandelbare Zustände (satata-vihārā) erreicht:

  • erblickt er mit dem Auge eine Form,
  • vernimmt er mit den Ohre einen Ton,
  • riecht er mit der Nase einen Duft,
  • schmeckt er mit der Zunge einer Saft,
  • fühlt er mit dem Körper eine Berührung,
  • erkennt er mit dem Geiste einen Gedanken,

so wird er weder angenehm bewegt, noch unangenehm bewegt. Gleichmütig verweilt er, achtsam und wissensklar. Wenn er ein körperbegrenztes Gefühl empfindet weiß er: ‚Ich empfinde ein körperbegrenztes Gefühl.‘ Wenn er ein lebenbegrenztes Gefühl empfindet, weiß er: ‚Ich empfinde ein lebenbegrenztes Gefühl (unter diesen beiden Gefühlen sind das sinnliche und das geistige Gefühl zu verstehen.).‘ Und er weiß: ‚Bei der Auflösung des Körpers, nach Ablauf des Lebens, da werden hier all die Gefühle, die nicht mehr willkommen geheißenen, erloschen sein.‘

Es ist, Vappa, wie wenn durch einen Baum bedingt ein Schatten entsteht. Da würde nun ein Mann, mit Axt und Korb versehen, hingehen und jenen Baum an der Wurzel fällen. Nachdem er ihn an der Wurzel gefällt hat, gräbt er die Wurzel aus, sie mitsamt den feinen Wurzelfasern herausziehend. Darauf sägt er jenen Baumstamm in Stücke, spaltet diese und macht sie dann zu Spänen. Die Späne aber läßt er vom Winde und der Sonne austrocknen, verbrennt sie dann und verwandelt sie so in Asche. Die Asche aber streut er in die Winde oder läßt sie im Flusse von der reißenden Strömung forttragen. So wäre da jener durch den Baum bedingte Schatten von Grund aus zerstört, wie eine Fächerpalme dem Boden entrissen, vernichtet und dem Neuentstehen nicht mehr ausgesetzt. Ebenso nun auch, o Vappa, hat ein Mönch, dessen Geist solcherart völlig befreit ist, sechs unwandelbare Zustände erreicht: erblickt er mit dem Auge eine Form, vernimmt er mit dem Ohre einen Ton, riecht er mit der Nase einen Duft, schmeckt er mit der Zunge einen Saft, fühlt er mit dem Körper eine Berührung, erkennt er mit dem Geiste einen Gedanken, so wird er weder frohgestimmt, noch mißgestimmt; gleichmütig weilt er, achtsam und wissensklar. Wenn er ein körperbegrenztes Gefühl empfindet, weiß er: ‚Ich empfinde ein körperbegrenztes Gefühl.‘ Wenn er ein lebenbegrenztes Gefühl empfindet, weiß er ‚Ich empfinde ein lebenbegrenztes Gefühl.‘ Und er weiß: ‚Bei der Auflösung des Körpers, nach Ablauf des Lebens, da werden hier all die Gefühle, die nicht mehr willkommen geheißenen, erloschen sein.‘“

Auf diese Worte sprach nun der Sakyer Vappa, der Anhänger der Niganther, zum Erhabenen also:

„Es ist, o Herr, wie mit einem Mann, der, um Gewinn zu erzielen, ein Pferd zum Verkaufe aufzieht und es ihm dann nicht nur keinen Nutzen bringt, sondern überdies noch Mühe und Verdruß bereitet; genauso habe ich, o Herr, Gewinn suchend, den törichten Niganthern aufgewartet, und es hat mir nicht nur keinen Nutzen gebracht, sondern überdies noch Mühe und Verdruß bereitet. Von heute ab, o Herr, werde ich, was ich an Glauben an die törichten Niganther besaß, gleichsam in die Winde streuen, gleichsam im Flusse von der reißenden Flut fortspülen lassen. Vortrefflich, o Herr! Vortrefflich, o Herr! Gleichwie man, o Herr, das Umgestürzte wieder aufrichtet oder das Verborgene enthüllt oder den Verirrten den Weg weist oder in die Finsternis ein Licht bringt, damit, wer Augen hat, die Gegenstände sehen kann, ebenso hat der Erhabene auf mancherlei Weise die Lehre aufgezeigt. So nehme ich, o Herr, meine Zuflucht zum Erhabenen, zur Lehre und zur Mönchsgemeinde. Als Anhänger möge mich der Erhabene betrachten, als einen, der von heute ab zeitlebens Zuflucht genommen hat.“