Therīgāthā

Die Lieder der Nonnen

Grosses-Bruchstück

16.1. SUMEDHĀ (die gute Weise)

Dort in der Stadt Mantāvatī,
des Königs Konco beste Frau,
die hatte eine Tochter Sumedhā,
so liebenswert der Unterweisung folgend.

Voll Tugend, wortgewandt, die viel gehört,
sie war erzogen in der Buddha-Unterweisung,—
sie ging zu Mutter und zu Vater hin
und sprach: „Ihr beide, hört mir, bitte, zu!

Nur am Nibbāna bin ich froh,
nicht ewig ist, was da geworden, sogar nicht Göttliches,—
um wieviel aber mehr die leeren Sinnesfreuden,
die so gering an Süße und so reich an Qual!

Scharf sind die Sinnenlüste, schlangengleich,
nur Toren sind berauscht von ihnen,
sind lange Zeit der Hölle ausgeliefert,
die Leidenden, sie werden dort geschlagen.

Sie klagen da, die Schlechtes taten,
erleiden Strafe, sind von schlechter Einsicht,
die stets mit Körper, Wort und Geist
ganz ungezügelt sind, die Toren.

Die Toren, sie sind ohne Weisheit, ohne Willen,
sie sind gefangen im Entstehn des Leidens,
begreifen nicht, wenn es wird aufgezeigt,
erwachen auch nicht zu den edlen Wahrheiten.

Die Wahrheiten, o Mama, die vom Buddhabesten aufgezeigt,
die allermeisten ja begreifen diese nicht,
die sich erfreuen tief an dem, was wurde,
die sich ersehnen, bei den Göttern zu erscheinen.

Auch bei den Göttern das Erscheinen ist nicht ewig,
was auch zum Werden kommt, ist nicht beständig,—
und nicht erschrecken sich die Toren
vor dem, was immer neu sich zeugt.

Vier Fährten zur Bestrafung und zwei Wege,
was sie auch immer da erlangen:
für die, die einer Strafe unterworfen,
nicht gibt es Fortziehn aus den Höllen.

Gebt mir Erlaubnis beide, fortzuziehen
im Wort des Buddho, der zehn Kräfte hat!
Im Stillen unverkrampft ich werden streben,
um aufzugeben so Geburt und Tod.

Was soll ich mit Gewordenem, das Freude brachte,
dem Körper, diesem Unglückswurf, ganz ohne Kern?
Ach, zum Beenden dieses Werdensdurstes
stimmt doch jetzt zu: ich werde fort nun ziehn.

Bei dem Erscheinen der Erwachten
ist falsche Zeit verlassen, rechte Zeit erlangt,—
die Sīlas und das Brahmaleben
mag lebenslang ich nicht verletzen.“

So sprach Sumedhā Mutter, Vater an:
„Nicht werd ich nun mehr Nahrung zu mir nehmen,
den Haushalt auf mich nehmend, bin dem Tod ich nah,
ich werde seinen Machtbereich verlassen.“

Die Mutter weinte davor Schmerz,
ihr Vater war durchaus von Herzen froh,—
doch einig waren beide zu versöhnen
die auf der Erde der Terrasse lag.

„Steh auf, du Kindchen, ach, was soll die Trauer?
Gegeben bist du in Vāranavatī
dem König Anikaratto, vollendet schön,
dem bist du, wahrlich, doch gegeben.

Die Hauptfrau wirst du bei ihm sein,
des Königs Anikaratto Gemahlin,—
die Silas, Brahmaleben und das Fortziehn,
wie schwer ist das zu tun, du Kindchen!

Im Reich herrscht der Befehl, das Geld, die Macht,
nur Wohlstand gibt es, reizend sind die Mädchen:
genieße du den Reichtum nur der Sinnenlüste!
Die Hochzeit mögst du halten, Kind!“

Da sprach zu ihnen Sumedhā:
„Nicht solches! Was zum Werden kam, ist kernlos,—
das Fortziehn, wahrlich, wird nun sein,
die Hochzeit ist dabei nur wie der Tod.

Was soll mir dieser Körper, faulend, unrein,
voll fürchterlichen Giftgeruchs,
der Leichnam, dieser Hautsack voller Aas,
der Leib, aus dem nur immer Unreines gesickert!

Was soll mir, die ich da verstehe,
der ekelhafte, fleisch- und blutbeschmierte,
der Wohnort für den Würmerclan, die Geiernahrung?
Wem wird denn dieser Körper da gegeben?

Nicht lang mehr wird er auf den Leichenplatz getragen,
der Körper, der dann nicht mehr fühlt,
wird weggeworfen wie ein grober Klotz
von den entsetzten eigenen Verwandten.

Gelassen auf dem Leichenplatz als Andrer Nahrung,
sie waschen ihn mit Abscheu und Entsetzen,
die eignen Eltern sind entsetzt,
wie erst das ganze allgemeine Volk!

Gefesselt sind sie an den Körper ohne Kern,
an diese Knochen-, diese Sehnensammlung,
vom Fluß des Speichels und der Tränen ganz gefüllt,
an diesen Körper, der nur fault.

Wer ihn nach außen hat gestülpt,
das Innen hat zum Außen da gemacht,
der müßte den Geruch ertragen,
vor dem die eigne Mutter selbst sich ekelte.

Das Reich der Khandhas und der Elemente,
es ist gefügt, die Wurzel der Geburt,—
im Grunde ist es Leiden, stößt nur ab:
ach, wessen Hochzeit sollte ich da wünschen?

Da würden Tag fürTag dreihundert Speere
von neuem immer neu den Körper treffen,
würd ein Jahrhundert lang das Töten währen:
ach, besser eben ist des Leidens Untergang!

,Dem Töten mag sich unterwerfen, wer da weise’,
so lautet es, des Lehrers Wort,—
,lang ist für alle die der Weltenlauf,
die immer wieder da getötet werden!’

Ach, bei den Göttern, bei den Menschen,
im Schoß der Tiere, unter Asuras,
bei den Gespenstern, in den Höllen:
das Töten wird gegeben ohne jedes Maß.

In Höllen viele dort bekommen Strafen,
beschmutzen sich dort immer neu,—
und auch bei Göttern gibt es keinen Schutz:
nur im Nibbānaglück, nicht andern gibt es.

Und die erlangten da nun das Nibbānam,
ans Wort gebunden dessen, der zehn Kräfte hat,
ganz unbetroffen sie vereinen sich,
Geburt und Tod nun endlich aufzugeben.

Noch heut, o Väterchen, ich werde gehn!
Was solln mir Reichtümer, die ohne Kern?
Der Sinnenlüste bin ich überdrüssig,
sind ausgespien, wie Palme aus dem Grund gezogen.“

So eben sprach sie zu dem Vater,
und Anikaratto, dem sie gegeben war,
er kam, in gelblich-roten Schmuck gehüllt,
zur Hochzeit, zu der festgesetzten Zeit.

Da ihre schwarzen, dichten, weichen Haare
sie schnitt mit einem scharfen Schwerte ab,
Sumedhā, und verbarg sich im Palaste,
in die Vertiefung, in die erste, ging sie ein.

Und als sie diese dann erreicht,
und Anikaratto zur Stadt gekommen,
in dem Palaste nun Sumedhā
Vergänglichkeitswahrnehmung recht entfaltete.

Sie richtete den Geist in eine Bahn,
und Anikaratto stieg schnell hinauf,—
mit Edelstein und Gold geschmückt die Glieder,
bat er mit Handgruß die Sumedhā:

„Im Reich herrscht der Befehl, das Geld, die Macht,
nur Wohlstand gibt es, reizend sind die Mädchen,
genieße du den Reichtum nur der Sinnenlüste,
das Sinnenglück ist schwer erfahrbar in der Welt!

Ein ganzes Reich geht dir verloren,
genieße Reichtum und verteile Gaben!
Sei länger doch nicht trübsinnig!
Den Eltern bringst du großes Leid!“

Ihn ganz allein sprach nun Sumedhā an,
die an den Lüsten nichts mehr fand, von Täuschung frei:
„Sei an den Sinnenlüsten nicht erfreut!
Sieh in den Sinnenlüsten nur Gefahr!

Mandhātā, König der vier Erdteile,
er war die Spitze aller Lustgenießenden,
und unbefriedigt ist auch er gestorben,
nicht waren alle Wünsche ihm erfüllt.

Wenn es Juwelen auch, die sieben, regnete
vom Himmel aus zehn Richtungen allüberall:
nicht gibts Befriedigung bei Sinnenlüsten,
ganz unbefriedigt eben sterben Menschen.

Dem Schwertblattgleich sind alle Sinnenlüste,
die Lüste gleichen einem Schlangenkopf,
wie Feuerglut, sie flammen wieder auf,
sie ähneln einer langen Knochenkette.

Beständig nicht, nur wechselnd sind die Lüste,
sind voller Leiden, wie ein starkes Gift,
wie Eisenkugel sind sie, die da glüht,
die Wurzel aller Not, sind Leidensfrucht.

Baumfrüchten gleich die Sinnenlüste sind,
Fleischfetzen gleich, die Leiden bringen nur,—
den Träumen gleich, sie täuschen etwas vor,
die Sinnenlüste sind gleichsam gelieh’nes Gut.

Dem Schwerterzaune gleich sind Sinnenlüste,
sind Krankheit, Schwäre, Not, Verwirrung,
sie sind der heißen Kohlengrube ähnlich,
sind Wurzel aller Not, sind Furcht und Töten.

So sind nur voller Leiden Sinnenlüste,
erklärt stets als ein einzig Hindernis!
Ach, geht nur! Nicht bei dem, was da geworden,
gibt es Vertrauen für mein eignes Selbst.

Was wird für mich ein Andrer tun,
da meinem Selbst der Kopf in Flammen steht?
Die Fesseln da des Alters und des Todes,
deren Zerschlagen gilt es zu erstreben.“

Und als sie nun die Tür geöffnet hatte
und Mutter, Vater und Anikaratto
dort auf dem Bodensitzen sah,
sie weinen sah, da sprach sie dieses:

„Lang ist der Toren Weltenlauf
und immer wieder wird geweint
ohn’ Anfang, ohne Ende bei des Vaters Tod,
beim Mord des Bruders und beim Mord des Selbsts.

Ach, Träne, Muttermilch und Blut:
ohn’ Anfang, ohne Ende lauft ihr im Samsāro!
Erinnert euch an das Durchwandertsein der Wesen
und daran, wie die Knochen sich gehäuft!

Erinnert euch an die vier Ozeane,
die Tränen, Muttermilch und Blut gefüllt!
Erinnert euch an dieses Weltzeitalter
der Kochenhaufen, dem Vepullo gleich!

Ohn’ Anfang, ohne Ende seid ihr durchgewandert,
geführt durch diese große Rosenapfel-Insel,—
wie endlos eine Kette von Jujubekernen,
es kommen Mutter, Vater nicht hervor.

Erinnert euch an Gras-Holz-Äste-Blattwerk,
das anghäuft ohn’ Anfang, ohne Ende!
Für jeden Vater nehmt vierfingerbreiten Ast:
die Väter aller Väter kämen nicht hervor!

Erinnert euch der blinden Schildkröte,
zuvor im Ozean und dann im Ruderjoch,
den Kopf nur in der Gegenrichtung:
an dieses Gleichnis, Menschsein zu erlangen!

Erinnert euch an die Gestalt, schaumfetzengleich,
an diesen Körper-Unglückswurf, ganz ohne Kern!
Die Gruppen seht als nicht in sich beständig!
Erinnert euch der vielen Qualen in der Hölle!

Erinnert euch ans Leichenplatzvermehren
durch alle die Geburten immer wieder!
Erinnert euch der Ängste vor den Krokodilen!
Erinnert euch an die vier Wahrheiten!

Da es das Todlose nun einmal gibt,
was soll da noch der fünffach scharfe Trank!
Die Sinnenfreuden alle miteinander
sind schärfer noch als fünffach Scharfes!

Da es das Todlose nun einmal gibt,
was soll da noch die Fieberglut der Lüste?
Die Sinnenfreuden alle miteinander,
sie brennen, kochen, schütteln, stören nur!

Wenn ihr ganz ohne Feinde leben könnt,
was soll’n die vielen Feinde bei den Lüsten?
Mit König, Feuer, Räuber, Wasser, Lieblosen
die Lüste sind verbunden, haben viele Feinde!

Wenn es Befreiung doch nun einmal gibt,
was soll da bei den Lüsten Todesfessel?
In allen Lüsten sitzt die Todesfessel!
Wer Lüste liebt, fällt immer nur in Leiden.

Wer da in die entflammte Fackel greift,
verbrennt, läßt er sie eben rasch nicht los,—
wie Feuerglut sind alle Sinnenlüste,
verbrennen alle, die nicht lassen können!

Auch nicht um allerkleinstes Sinnenglück
gib auf das weite, weite Innenglück!
Nicht wie ein Fisch verschluck den Angelhaken!
Du wirst danach brutal nur abgeschlachtet!

Die Lust bei Sinnenlüsten mußt du zähmen,
gleichwie den Hund, der an der Kette liegt,—
die Lüste werden sonst wie Kohlen sein,
auf dem Candālas hungrig braten deinen Hund!

Und unermeßlich reiches Leiden,
und in dem Herzen viel an Trübsinn
wirst du erfahren, lustgebunden:
gib auf die wechselvollen Lüste!

Da es das Alterslose nun mal gibt,
was sollen da die Lüste, die nur altern?
Von Tod und Krankheit sind ergriffen
Geburten alle und allüberall!

Dies ist das Alterslose, dies das Todlose,
dies ist der Weg des Alters-Todeslosen, frei von Kummer:
der ohne Feinde, unbedrängte,
der ungestörte, ohne Furcht und Qual!

Erreicht ist das Todlose schon von Vielen,
und heute noch ist’s zu erlangen:
wer sich bis auf denGrund verjocht,
der kann an keinen Stolz sich binden mehr.“

So sprach Sumedhā eindringlich,
Sankhārafreude galt ihr nun nicht mehr,—
beschwichtigend Anikaratto,
ihr Haar am Boden Sumedhā berührte.

Da stand Anikaratto auf
und mit dem Handgruß bat er ihren Vater:
„Gebt frei Sumedhā nun, hinauszuziehn,
sie hat Befreiungswahrheit wohl gesehn!“

Und freigegeben von den Eltern,
zog sie hinaus, erschrocken über Angst und Sorge.—
Und sie verwirklichte sechsfaches Wissen,
die Spitzenfrucht der ernsthaft Strebenden.

Erstaunlich, wahrlich, und ganz wunderbar
war das Nibbāna dieses Königsmädchens!
Wo sie in früh’rem Aufenthalt gelebt,
erklärte sie noch in der letzen Zeit.

„Bei dem erhab’nen Konāgamano
im Sanghapark bei neuem Aufenthalt,
da waren wir drei Freundinnen zusammen
und gaben da ein Kloster als Geschenk.

Und zehnmal, hundertmal dann auch,
zehnhundert Hunderte und hundertmal
erschienen wir dabei den Göttern,
was sag ich da erst bei den Menschen.

Und bei den Göttern waren machtvoll wir begabt,
was sag ich da erst bei den Menschen:
war erste Frau des Königs mit den sieben Juwelen:
ich war da sein Juwel als Frau.

Das war der Grund, die Quelle und die Wurzel,
so wirkt Geduld wohl in des Lehrers Weisung.
Das war die erste gute Fügung,
das war Nibbāna für die Dhammafrohe.“

So sie berichten, die da wohl vertrauen,
das Wort des allerhöchsten Weisen,—
sie wenden sich vom Werdensstrome ab,
und abgewendet, lösen sie sich los!