Die Fragen des Königs Milinda

Teil 2: Fragen über charakteristische Merkmale

Kapitel 1

3.1.5. Ziel der Weltentsagung

Der ehrwürdige Nāgasena traf nun im Palaste des Königs Milinda ein und setzte sich auf dem angewiesenen Sitze nieder. Und der König bewirtete ihn samt seinem Gefolge, indem er ihnen eigenhändig mit vorzüglichen harten und weichen Speisen aufwartete. Auch beschenkte er einen jeden der Mönche mit einem Gewänderpaar (das ist Ober- und Untergewand; bei den „drei Gewändern“ kommt noch das Doppelgewand hinzu), den ehrwürdigen Nāgasena aber mit den drei Gewändern, und sprach: „Mögest du, ehrwürdiger Nāgasena, mit zehn Mönchen hier bleiben. Die übrigen lasse gehen.“

Und sobald der König bemerkte, daß der ehrwürdige Nāgasena mit dem Mahle fertig war und seine Hand von der Almosenschale zurückgezogen hatte, nahm er einen niedrigen Sitz und setzte sich zur Seite hin. Darauf sprach er zu ihm: „Worüber sollen wir diskutieren, ehrwürdiger Nāgasena?“

„Da wir alle nach einem Ziele streben, o König, so laß uns von diesem Ziele sprechen!“

Und der König sprach: „Welches Ziel verfolgt ihr denn bei eurem Mönchtum (pabbajjā),ehrwürdiger Nāgasena? Was ist euer höchstes Ziel?“

„Was anderes als dieses (gegenwärtige) Leiden eben schwinden und kein anderes (neues) Leiden mehr aufkommen zu lassen, dies ist das Ziel unseres Mönchstums, o König. Hanglose Erlösung (anupādā-parinibbāna, siehenibbāna): das ist unser höchstes Ziel.“

„Sag, ehrwürdiger Nāgasena, ziehen wohl alle dieses Zieles wegen ins Mönchtum hinaus?“

„Nicht doch, o König. Einige zwar tun es dieses Zieles wegen, andere aber aus Furcht vor der Strafe des Königs, wieder andere, da sie von Schulden bedrückt sind, und manche tun es gar, um sich dadurch ihren Lebensunterhalt zu erwerben. Wer aber auf rechte Weise Mönch wird, der tut es eben dieses höchsten Zieles wegen.“

„Du aber, ehrwürdiger Nāgasena, bist doch wohl dieses höchsten Zieles wegen Mönch geworden?“

„Ich war noch ein Knabe, o König, als ich ins Mönchstum hinauszog. Ich konnte daher noch nicht wissen, daß ich dieses Zieles wegen Mönch werden sollte. Ich sagte mir nur: ‚Weise sind diese Asketen des Sakyersohnes. Die werden mich wohl belehren können.‘ Von diesen aber belehrt, weiß ich und erkenne ich nun, daß dies das wahre Ziel des Mönchstumes ist.“

„Gar klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!“