Die Fragen des Königs Milinda

Teil 4

Kapitel 4

5.4.5. Hat der Buddha die Selbsttötung gelobt oder getadelt?

„Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt: ‚Keiner von euch, ihr Mönche, soll sich umbringen ; wer solches tut, mit dem ist nach dem Gesetz zu verfahren.‘ Andererseits aber sagt ihr: ‚Wo immer der Erhabene seinen Jüngern das Gesetz wies, da lehrte er auf mannigfache Weise das Gesetz zur Vernichtung von Geburt, Alter, Krankheit und Tod. Und wer immer Geburt, Alter, Krankheit und Tod überwand, dem ließ er das höchste Lob zuteil werden.‘ Wenn also, ehrwürdiger Nāgasena, der Erhabene den Mönchen verbot, sich das Leben zu nehmen, so ist die letztere Behauptung falsch. Ist sie aber richtig, so muß die Behauptung, daß er den Mönchen verboten habe, sich umzubringen, falsch sein. Auch dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle und das du nun zu lösen hast.“

„Beides, o König, hat seine Richtigkeit. Es gibt aber einen Grund dafür, daß der Erhabene sowohl (die Selbsttötung) verwarf, als auch (zur Daseinsaufhebung) anspornte.“

„Was ist nun dieser Grund, ehrwürdiger Nāgasena?“

„Der Sittenhafte, o König, in Sittlichkeit Vollkommene ist für die Wesen

  • wie eine Arznei, die das Gift der Leidenschaft unwirksam macht;
  • wie ein Kraut, das die Krankheiten der Leidenschaft heilt;
  • wie Wasser, das den Staub und Schmutz der Leidenschaften zum Verschwinden bringt;
  • wie das magische Edelsteinjuwel, das alle Wünsche gewährt;
  • wie ein Schiff, auf dem man die vierfache Flut durchkreuzt;
  • wie ein Karawanenführer, der die Wesen aus der Wildnis der Geburten herausführt;
  • wie der Wind, der die dreifache Feuersglut—der Gier, des Hasses und der Verblendung—zum Erlöschen bringt;
  • wie eine mächtige Regenwolke, die das Herz erfrischt;
  • wie ein Lehrer, der im Guten unterweist;
  • wie ein guter Führer, der den sicheren Weg zeigt.

Damit aber, o König, solch' sittenhafter, mit großen, unermeßlichen Tugenden ausgerüsteter Mönch, der ein wahrer Berg und Hort der Tugenden und eine Stütze der Wesen ist, nicht ums Leben komme, darum erließ der Erhabene aus Mitleid mit den Wesen die Ordensregel: ‚Keiner von euch, ihr Mönche, soll sich umbringen; wer solches tut, mit dem soll gemäß dem Gesetze verfahren werden.‘ Dies, o König, ist der Grund.

Der Ordensältere Kumāra-Kassapa, o König, der vielseitige Redner, hat, als er dem König Pāyāsi die nächste Welt schilderte, folgendes gesagt: ‚Dadurch, o Fürst, daß sittenhafte, dem Edlen ergebene Asketen und Priester lange am Leben bleiben, dadurch wirken sie zum Heile und Glücke vieler Menschen, zum Troste für die Welt, zum Heile und Segen und Wohle der Geister und Menschen.‘“ (D.26)

„Aus welchem Grunde aber spornte der Erhabene wohl die Mönche (zur Daseinsaufhebung) an?“

  • „Geburt, o König, ist leidvoll,
  • Altern ist leidvoll,
  • Krankheit ist leidvoll,
  • Sterben ist leidvoll.
  • Sorge, Klage, Schmerz, Trübsal und Verzweiflung sind leidvoll.
  • Mit Unlieben verbunden sein ist leidvoll, von Liebem getrennt sein ist leidvoll.
  • Etwas Leidvolles ist der Tod von Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Söhnen, Weib und Verwandten.
  • Etwas Leidvolles ist der Verlust an Gesundheit und Vermögen, an Sittlichkeit und Erkenntnis.
  • Etwas Leidvolles ist die Gefährdung durch Könige, Räuber, Rache, Hungersnot, Feuer und Wasser, durch Woge und Strudel, Krokodile und Alligatoren.
  • Etwas Leidvolles ist die Furcht vor eigenem und fremdem Tadel, vor Strafe, vor schlechter Daseinsfährte, vor Befangenheit unter den Leuten, die Sorge um den Lebensunterhalt und die Furcht vor dem Tode.
  • Leidvoll sind Peitschen-, Stock- und Rutenhiebe, das Abhacken von Hand oder Fuß oder von beiden, das Abschneiden von Ohren und Nase oder von beiden, (Foltern wie) der Breitopf, die Muscheltonsur, der Teufelsrachen, der Lichtkranz, die Fackelhand, die Grashalme, das Rindenkleid, die Antilope, der Fleischhaken, das Geldstück, die Laugenätze, der Drehbalken, das Strohpolster, die Beträufelung mit siedendem Öle, das Zerreißen durch Hunde, das lebendige Aufspießen, die Enthauptung.

Solcherart, o König, sind die mannigfachen, zahlreichen Leiden, welche der die Daseinsrunde Durcheilende zu erdulden hat. Gleichwie, o König, das dem Himālaja-Gebirge entströmende Regenwasser als Gangesstrom über Felsen, Geröll und durch dürre Grassteppen strömt und in Strudeln, Wirbeln und Wogen an gewundenen Ufern entlang über Wurzeln und Äste seinen Weg nimmt: ebenso auch, o König, hat der die Daseinsrunde Durcheilende solche mannigfachen, zahlreichen Leiden zu erdulden. Leidvoll, o König, ist der Daseinsstrom, ein Glück aber des Daseinsstromes Stillstand. Und dadurch, daß der Erhabene den Vorzug dieses Stillstandes und die Gefahren des Daseinsstromes schilderte, spornte er eben an zur Verwirklichung dieses Stillstandes und zur Überwindung von Geburt, Alter, Krankheit und Tod. Dies, o König, ist der Grund, daß der Erhabene (zur Daseinsaufhebung) anspornte.“

„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es und so nehme ich es an.“