Die Fragen des Königs Milinda
Teil 4
Kapitel 8
6.3.6. Gibt es einen unzeitigen Tod?
„Scheiden wohl, ehrwürdiger Nāgasena, beim Sterben die Wesen alle zur rechten Zeit ab, oder auch zur Unzeit?“
„Es gibt einen rechtzeitigen Tod, o König, und einen unzeitigen Tod.“
„Welche Wesen aber, ehrwürdiger Nāgasena, sterben zur rechten Zeit, und welche zur Unzeit?“
„Hast du wohl, o König, schon einmal von einem Mango- oder Rosenapfelbaum oder irgend einem anderen Fruchtbaum reife und unreife Früchte abfallen sehen?“
„Gewiß, o Ehrwürdiger.“
„Fallen nun wohl, o König, diese Früchte alle zur rechten Zeit ab, oder auch zum Teil zur Unzeit?“
„Die reifen und weich gewordenen Früchte, die abfallen, diese, ehrwürdiger Nāgasena, fallen alle zur rechten Zeit ab. Von den übrigen Früchten aber fallen einige ab, weil sie wurmstichig sind, einige werden mit Stöcken heruntergeschlagen, einige vom Sturm abgeschüttelt, und wieder andere fallen herunter, weil sie innen verfault sind. Alle diese fallen zur Unzeit ab.“
„Ebenso auch, o König, tritt der Tod bei denjenigen, die durch die Gewalt des Alters niedergedrückt sterben, zur rechten Zeit ein. Von den übrigen sterben einige, weil sie durch (vorgeburtliches böses) Wirken gehemmt sind, einige weil sie infolge einer Reise oder infolge ihrer Arbeit erschöpft sind.“
„Ob nun, o ehrwürdiger Nāgasena, die Menschen durch Wirken gehemmt, oder durch Reisen oder Arbeit erschöpft, oder durch die Gewalt des Alters niedergedrückt sterben—sie sterben alle doch zur rechten Zeit. Und selbst wenn einer schon im Mutterleib stirbt, so ist das für ihn eben die rechte Zeit, und eben zur rechten Zeit stirbt er. Und ob einer bereits in seiner Geburtskammer, oder einen Monat nach der Geburt, oder erst im Alter von hundert Jahren stirbt: es ist das eben für ihn die rechte Zeit, und eben zur rechten Zeit stirbt er. Somit also, ehrwürdiger Nāgasena, gibt es keinen unzeitigen Tod, und alle, die sterben, sterben eben zur rechten Zeit.„
„Sieben Menschen, o König, sterben, obwohl noch Lebensmöglichkeit in ihnen vorhanden ist, zur Unzeit. Welche sieben?
- Der Hungernde, der nichts zu essen bekommt und an innerer Schwäche stirbt.
- Der Dürstende, der nichts zu trinken bekommt und an innerer Trockenheit stirbt.
- Der von einer Schlange Gebissene, der keine ärztliche Behandlung erfährt und infolge des heftigen Giftes stirbt.
- Der Vergiftete, der keine Arznei bekommt und unter brennenden Qualen in allen Gliedern stirbt.
- Der ins Feuer Geratene, der, wenn niemand das Feuer löscht, in den Flammen umkommt.
- Der ins Wasser Gefallene, der keinen Grund mehr unter den Füßen hat.
- Der vom Pfeil Getroffene, der in seinem Leiden keinen Arzt findet.
Diese sieben Menschen, o König, sterben, selbst wenn noch Lebensmöglichkeit in ihnen vorhanden ist, zur Unzeit. Hierbei, o König, spreche ich mit Gewißheit.
Auch auf achtfache Weise mag der Tod der Wesen eintreten, und zwar: entweder durch Aufsteigen von Gasen oder von Galle oder Schleim, oder durch Zusammenwirken dieser drei, oder durch Temperaturwechsel, ungeregelte Lebensweise, Unfall, oder als Folge des (vorgeburtlichen) Wirkens. Und nur der Tod infolge des (vorgeburtlichen) Wirkens ist von diesen Todesarten ein rechtzeitiger Tod; jeder andere aber ein unzeitiger Tod.
Darum heißt es auch:
Gar mancher stirbt schon vor der Zeit
Durch Hunger oder auch durch Durst,
Durch Schlangenbisse oder Gift,
Durch Feuer, Wasser oder's Schwert.Durch Säftemischung, schlechtes Wetter,
Durch Gase, Galle und den Schleim,
Durch Unfall, regelloses Leben.
Es stirbt gar mancher vor der Zeit.
Einige Wesen aber, o König, sterben in Folge des in früheren Leben ausgeübten unheilsamen Wirkens.
Wer nämlich von diesen früher andere hat Hungers sterben lassen—ganz gleich ob er jung, in mittleren Jahren oder alt ist, ein solcher stirbt eben wieder durch Hunger, durch viele Hunderttausende von Jahren hindurch von Hunger gequält, hungrig, erschöpft, welken, siechen Herzens, ausgetrocknet, ausgedörrt, von Brand und innerlicher Glut verzehrt; und sein Tod ist ein rechtzeitiger Tod.
Wer früher andere durch Durst hat umkommen lassen,—ganz gleich ob jung, in mittleren Jahren oder alt—der stirbt eben wieder durch Durst, nachdem er viele Hunderttausende von Jahren hindurch ein Gespenst war, durstverzehrt, ausgedörrt, dürr, welken Herzens; und auch sein Tod ist ein rechtzeitiger Tod.
Wer früher andere durch Schlangenbiß hat umkommen lassen—ganz gleich ob jung, in mittleren Jahren oder alt—der stirbt eben wieder durch Schlangenbiß, nachdem er viele Hunderttausende von Jahren hindurch, von Riesenschlangenrachen zu Riesenschlangenrachen, vom Rachen der einen schwarzen Schlange zum Rachen einer anderen eilend, immer wieder gebissen wurde; und auch sein Tod ist ein rechtzeitiger Tod.
Wer früher andere durch Verabreichung von Gift umgebracht hat,—ganz gleich ob jung, in mittleren Jahren oder alt—der kommt eben wieder durch Gift um, nachdem er viele Hunderttausende von Jahren hindurch in allen Gliedern brennend, mit seinem verwesenden Körper Aasgeruch verbreitet hat; und auch sein Tod ist ein rechtzeitiger Tod.
Wer früher andere durch Feuer hat umkommen lassen—ganz gleich ob jung, in mittleren Jahren oder alt—der kommt eben wieder durch Feuer um, nachdem er viele Hunderttausende von Jahren hindurch von einem glühenden Kohlenberge zum anderen, von einem Todesreich Yamas zum anderen umhergeirrt ist, mit über und über verbrannten Gliedern.
Wer früher andere im Wasser hat umkommen lassen,—ganz gleich ob jung, in mittleren Jahren oder alt—der kommt eben wieder im Wasser um, nachdem er viele Hunderttausende von Jahren hindurch einen hinfälligen, gebrochenen, schwächlichen Körper gehabt hat und einen erregten Geist; und auch sein Tod ist ein rechtzeitiger Tod.
Wer früher andere mit dem Schwerte umgebracht hat—ganz gleich ob jung, in mittleren Jahren oder alt—der kommt eben wieder durch's Schwert um, nachdem er viele Hunderttausende von Jahren hindurch verstümmelt, verletzt, geschlagen, zerstochen und von der Schwerterschneide getroffen wurde; und auch sein Tod ist ein rechtzeitiger Tod.“
„Wenn du, ehrwürdiger Nāgasena, behaupten willst, daß es einen Tod zur Unzeit gebe, dann erkläre mir doch, bitte, den Grund hierfür!“
„Wenn da, o König, ein mächtig großes Feuermeer, nachdem es Gras, Holz, Zweige und Grünholz ergriffen und vollkommen aufgezehrt hat, schließlich durch Mangel an Brennstoff erlischt, so sagt man von jenem Feuer, daß es, ungestört und unbeeinträchtigt, zur rechten Zeit erloschen ist. Genau so sagt man von jemandem, daß er zur rechten Zeit den Tod gefunden habe, wenn er nach einem Leben von vielen Tausenden von Tagen, durch das Alter geschwächt, nach dem Schwinden seiner Lebenskraft, ungestört und unbeeinträchtigt das Ende erreicht hat. Sollte nun aber, o König, wenn das die Gräser, Holz, Zweige und Grünholz ergreifende gewaltige Feuer diese Dinge noch nicht völlig aufgezehrt hat, eine mächtige Wolke sich entladen und das Feuer zum Verlöschen bringen, würde dann wohl das Feuer zur rechten Zeit erlöschen?“
„Nein, o Ehrwürdiger.“
„Warum nun, o König, hat das letzte Feuer nicht genau den gleichen Verlauf wie das erste?“
„Durch den eingetretenen Regen unterdrückt, o Ehrwürdiger, ist dieses letzte Feuer vorzeitig erloschen.“
„Genau so, o König, tritt bei demjenigen, der außer der Zeit stirbt, deshalb der vorzeitige Tod ein, weil er durch eine ausgebrochene Krankheit gehemmt wird, durch Aufsteigen von Gasen, Galle oder Schleim, oder durch Zusammenwirken dieser drei; oder eine Störung eintritt durch Unfall oder Hunger, Durst, Schlangenbiß, Vergiftung, Feuer, Wasser oder Schwert. Das, o König, ist der Grund, daß es einen unzeitigen Tod gibt.
Wenn da am Himmel eine mächtige Wolke aufsteigt und mit ihren Regengüssen Täler und Ebenen füllt, so sagt man von jener Wolke, daß sie ungestört und unbeeinträchtigt geregnet hat. Genau so auch sagt man, wenn einer nach einem langen Leben infolge der Altersschwäche und der dahinschwindenden Lebenskraft ohne Störung und Beeinträchtigung das Ende erreicht hat, daß er zur rechten Zeit gestorben ist. Wenn nun aber die am Himmel sich erhebende mächtige Wolke in der Zwischenzeit von einem heftigen Wind verscheucht wird, sagt man da wohl von jener mächtigen Wolke, daß sie zur rechten Zeit verschwunden sei?“
„Nein, o Ehrwürdiger.“
„Warum nun, o König, trifft die letzte Wolke nicht genau das gleiche Los wie die erste?“
„Weil die letzte Wolke, o Ehrwürdiger, durch den eingetretenen Wind verscheucht wurde, deshalb ist sie vor der Zeit verschwunden.“
„Genau so, o König, gibt es einen unzeitigen Tod. Oder: wenn da eine starke Giftschlange in der Erregung irgend einen Mann beißt, und jenes Gift ungehemmt und ungehindert seinen Tod herbeiführt, so sagt man von jenem Gift, daß es, ungehemmt und ungehindert, seinen Zweck erreicht hat. Genau so auch sagt man, wenn einer ohne Hemmung und unbeeinträchtigt das Ende des Lebens erreicht hat, daß er zur rechten Zeit gestorben ist. Wenn nun aber dem von der Schlange Gebissenen mittlerweile der Schlangenbeschwörer eine Arznei verabreicht und so dem Gift die Wirkung nimmt, ist dann wohl jenes Gift zur rechten Zeit verschwunden?“
„Nein, o Ehrwürdiger.“
„Warum nun, o König, hat das letzte Gift nicht genau denselben Ausgang wie das erste?“
„Durch die hinzugetretene Arznei gehemmt, o Ehrwürdiger, hat das letzte Gift seinen Zweck erfüllt und ist verschwunden.“
„Genau so, o König, gibt es einen unzeitigen Tod. Oder: sagen wir, ein Bogenschütze schieße einen Pfeil ab. Wenn nun jener Pfeil genau bis zum Ende der Schußlinie fliegt, so sagt man, daß jener Pfeil ungehemmt und ungehindert das Ende der Schußlinie erreicht hat. Genau so auch sagt man, wenn einer ohne Hemmung und Zwischenfall das Ende erreicht hat, daß er zur rechten Zeit gestorben ist. Wenn nun aber, sobald der Bogenschütze den Pfeil abschießen will, ihm irgend jemand in demselben Augenblick den Pfeil festhält, erreicht dann wohl der Pfeil ungehemmt und ungehindert das Ende der Schußlinie?“
„Nein, o Ehrwürdiger.“
„Warum nun, o König, hat der letzte Pfeil nicht genau den gleichen Ausgang wie der erste?“
„Durch einen Eingriff, o Ehrwürdiger, wurde der Flug jenes Pfeiles gehemmt.“
„Genau so, o König, tritt durch Hemmung unzeitiger Tod ein. Oder: sagen wir, jemand schlage an einen eisernen Topf. Wenn nun der durch das Anschlagen entstandene Ton bis zur Grenze der Schallweite dringt, so sagt man, daß jener Ton ungehemmt und ungehindert die Grenze der Schallweite erreicht hat. Genau so auch sagt man, wenn einer ohne Hemmung und Zwischenfall das Ende erreicht hat, daß er zur rechten Zeit gestorben ist. Nimm nun aber an, jemand schlage an einen eisernen Topf und dadurch entstehe ein Ton, doch sobald der Ton entstanden und noch nicht weit gedrungen sei, fasse irgend jemand den Topf an, und im Augenblicke des Anfassens verschwinde der Ton. Wäre dann wohl jener Ton bis zur Grenze der Schallweite gedrungen?“
„Nein, o Ehrwürdiger.“
„Warum nun, o König, hat der letzte Ton nicht genau den gleichen Ausgang wie der erste?“
„Durch das hinzugekommene Anfassen, o Ehrwürdiger, wurde ja der Ton gehemmt.“
„Genau so, o König, tritt durch Hemmung vorzeitiger Tod ein. Oder: Wenn da im Felde die üppig gewachsene Kornsaat infolge des anhaltenden Regens, über und über mit Körnern reich bedeckt und beladen, den Beginn der Erntezeit erreicht, so sagt man, daß dieses Korn ungehemmt und ungehindert die rechte Zeit erreicht hat. Genau so auch spricht man von einem rechtzeitigen Tod. Wenn nun aber die Kornsaat durch Wassermangel abstirbt, hat dann wohl das Korn die rechte Zeit erreicht?“
„Nein, o Ehrwürdiger.“
„Warum nun, o König, hat das letzte Korn nicht denselben Ausgang wie das erste?“
„Von der eingetretenen Hitze gehemmt, o Ehrwürdiger, ist das Korn abgestorben.“
„Genau so, o König, tritt durch Hemmung unzeitiger Tod ein. Hast du wohl schon davon gehört, daß im gut geratenen jungen Korn bisweilen Würmer entstehen, die das Korn mit der Wurzel zerstören?“
„Davon habe ich schon gehört, o Ehrwürdiger, und auch selber habe ich schon solches gesehen.“
„Ist nun, o König, jenes Korn zur rechten Zeit zerstört worden oder zur Unzeit?“
„Zur Unzeit, o Ehrwürdiger. Denn hätten die Würmer jenes Korn nicht zerstört, so hätte es die Zeit der Ernte erreicht.“
„Geht also, o König, das Korn infolge eintretender Störung nicht wohl zugrunde und erreicht das ungestörte Korn nicht wohl die Zeit der Ernte?“
„Ja, o Ehrwürdiger.“
„Genau so, o König, tritt durch Hemmung unzeitiger Tod ein. Hast du wohl schon gehört, daß einmal auf das reife, sich unter der Last der Körner biegende, von ährentragenden Halmen strotzende Getreide ein Hagelregen niederging, das Getreide zerstörte und die Körner herunterschlug?“
„Davon habe ich schon gehört, o Ehrwürdiger, und auch selber habe ich schon solches gesehen.“
„Ist da wohl, o König, das Korn zur rechten Zeit zerstört worden oder zur Unzeit?“
„Zur Unzeit, o Ehrwürdiger. Denn wäre jener Hagel nicht gefallen, so hätte das Korn die Zeit der Reife erreicht.“
„Geht also, o König, das Korn durch die eingetretene Störung nicht wohl zugrunde, und erreicht das ungeschädigte Korn nicht wohl die Zeit der Ernte?“
„Ja, o Ehrwürdiger.“
„Genau so auch, o König, tritt bei demjenigen, der zur Unzeit stirbt, deshalb der unzeitige Tod ein, weil er durch eine ausgebrochene Krankheit gehemmt wird, oder weil eine Störung eintritt, sei es durch Unfall, Hunger oder Durst, durch Schlangenbiß, Vergiftung, Feuer, Wasser oder Schwert. Denn wenn er nicht durch diese Dinge gehemmt wäre, würde er den Tod zur rechten Zeit erreichen.“
„Wunderbar, ehrwürdiger Nāgasena! Außerordentlich, ehrwürdiger Nāgasena! Richtig erbracht hast du die Beweise und Beispiele zur Erklärung des unzeitigen Todes. Du hast klar dargelegt, bekannt und deutlich gemacht, daß es einen unzeitigen Tod gibt. Selbst ein geistloser, zerfahrener Mensch möchte durch das eine oder andere der Gleichnisse zur Überzeugung kommen, daß es einen unzeitigen Tod gibt, wie viel eher aber ein Mann, der Geist besitzt. Schon durch das erste Gleichnis wurde ich davon überzeugt, daß es einen unzeitigen Tod gibt. Da ich aber noch weitere Erklärungen zu hören wünschte, habe ich dir nicht gleich beigestimmt.“