Die Fragen des Königs Milinda
Teil 7
Kapitel 5
7.6.3. Der Nashornvogel
„Zwei Eigenschaften des Nashornvogels, sagst du, ehrwürdiger Nāgasena, habe man anzunehmen: welches sind diese?“
„Gleichwie, o König, das Weibchen des Nashornvogels aus Eifersucht auf ihr eigenes Männchen die Jungen nicht pflegt (und im Bewußtsein, daß wegen des Männchens diese Jungen zur Welt gekommen sind, sie in ihrem Schnabel fortschleppt und in eine Spalte desselben Baumes legt und ihnen, bis sie groß sind, das Futter aus dem Walde bringt): so auch soll der Yogi, der Yogabeflissene, auf die in seinem eignen Herzen geborenen Leidenschaften eifersüchtig sein, sie vermittelst der Stützen der Achtsamkeit in die Spalte rechter Zügelung bringen und an der Pforte des Herzens Wache halten über seinen Körper. Das, o König, ist die erste Eigenschaft des Nashornvogels, die er anzunehmen hat.
Wie ferner, o König, der Nashornvogel bei Tage im Walde auf Beute ausgeht und des Abends sich zum eignen Schutz zu dem Vogelschwarm hinbegibt: so auch soll der Yogi, der Yogabeflissene, einsam der Abgeschiedenheit pflegen, um von den Fesseln Befreiung zu finden. Erlangt er aber dort keine Zufriedenheit, so soll er, um der Gefahr des Tadels zu entgehen, sich zur Mönchsgemeinde begeben und unter ihrem Schutze weilen. Das, o König, ist die zweite Eigenschaft des Nashornvogels, die er anzunehmen hat. Auch der Brahmā Sahāmpati, o König, hat in Gegenwart des Erhabenen gesagt:
An abgeschied'nen Stätten soll man weilen
Und kämpfen um Befreiung von den Fesseln.
Doch wenn man dort den Frieden nicht erlanget,
Wohn' man im Kloster, achtsam, selbstbeherrscht.“