Aṅguttara Nikāya
Das Zehner-Buch
75. Urteilt nicht die Menschen ab!
Einst weilte der Erhabene im Jetahaine bei Sāvatthī, im Kloster des Anāthapindika. Und der ehrwürdige Ānanda kleidete sich in der Frühe an, nahm Gewand und Schale und begab sich zur Wohnung der Laienjüngerin Migasālā. Dort angelangt, setzte er sich auf dem bereiteten Sitze nieder. Und die Laienjüngerin Migasālā ging auf den ehrwürdigen Ānanda zu, begrüßte ihn ehrfurchtsvoll und setzte sich zur Seite nieder. Seitwärts sitzend aber sprach sie zum ehrwürdigen Ānanda also:
„Wie denn, ehrwürdiger Ānanda, wie hat man wohl die vom Erhabenen gewiesene Lehre zu verstehen, wonach da ein keusch Lebender und ein nicht keusch Lebender nach dem Tode ein und denselben Ausgang haben sollen? Mein Vater, Pūrana, nämlich, o Herr, lebte keusch, enthaltsam, vom gemeinen Geschlechtsverkehr abgewandt. Nach dessen Tode hat der Erhabene von ihm erklärt, daß er die Einmalwiederkehr erlangt habe und im Himmel der Seligen Götter wiedererschienen sei. Meines Vaters Bruder, Isidatta, aber, o Herr, lebte nicht keusch, sondern in glücklicher Ehe. Nach dessen Tode aber hat der Erhabene auch von ihm erklärt, daß er die Einmalwiederkehr erlangt habe und im Himmel der Seligen Götter wiedererschienen sei. Wie nun, o Herr, hat man diese vom Erhabenen gewiesene Lehre zu verstehen, wonach da ein keusch Lebender und ein nicht keusch Lebender nach dem Tode beide ein und denselben Ausgang haben sollen?“
„So hat dies freilich der Erhabene erklärt, Schwester.“
Nachdem nun der ehrwürdige Ānanda im Hause der Laienjüngerin Migasālā seine Almosenspeise erhalten hatte, erhob er sich von seinem Sitze und entfernte sich. Am Nachmittage aber, nach Beendigung des Mahles, begab sich der ehrwürdige Ānanda zum Erhabenen, begrüßte ihn ehrfurchtsvoll und setzte sich zur Seite nieder. Seitwärts sitzend, berichtete nun der ehrwürdige Ānanda dem Erhabenen, (was sich zugetragen hatte).
(Darauf sprach der Erhabene:) „Wer ist denn, Ānanda, die Laienjüngerin Migasālā, diese törichte, unerfahrene, mit Weiberwitz behaftete Frau? Und was sind im Vergleich dazu solche, die der Wesen höhere oder niedrige Eigenschaften erkennen können?
Zehn Menschenarten, Ānanda, sind in der Welt anzutreffen. Welche zehn?
Da, Ānanda, ist ein Mensch sittenlos; und er kennt nicht der Wirklichkeit gemäß jene Gemütserlösung und Weisheitserlösung, wo ihm jene Sittenlosigkeit zur restlosen Aufhebung gelangt. Auch ist er ohne Erfahrung und ohne große Strebsamkeit ; er hat mit Erkenntnis nichts durchdrungen, auch wird ihm nicht dann und wann Loslösung zuteil. Ein solcher macht beim Zerfall des Körpers, nach dem Tode, einen Rückschritt, keinen Fortschritt, geht zurück und steigt nicht höher.
Da aber, Ānanda, ist ein Mensch sittenlos, doch er kennt der Wirklichkeit gemäß jene Gemütserlösung und Weisheitserlösung, wo ihm jene Sittenlosigkeit zur restlosen Aufhebung gelangt. Auch besitzt er Erfahrung und große Strebsamkeit, hat in Erkenntnis etwas erreicht; auch wird ihm dann und wann Loslösung zuteil. Ein solcher macht beim Zerfall des Körpers, nach dem Tode, einen Fortschritt, keinen Rückschritt, steigt höher und fällt nicht zurück.
Hier nun, Ānanda, urteilen die Kritiker folgendermaßen: ‚Der eine besitzt jene Eigenschaften, und auch der andere besitzt die gleichen Eigenschaften. Warum sollte da der eine niedriger und der andere höher stehen?‘ Solches (Aburteilen) aber, Ānanda, wird ihnen lange zum Unheil und Leiden gereichen. Da ist wohl jener Mensch sittenlos, doch er kennt der Wirklichkeit gemäß jene Gemütserlösung und Weisheitserlösung, wo ihm seine Sittenlosigkeit zur restlosen Aufhebung gelangt; auch besitzt er Erfahrung und große Strebsamkeit, hat in Erkenntnis etwas erreicht, und auch Loslösung wird ihm dann und wann zuteil. Dieser Mensch, Ānanda, ist höher und edler als jener andere. Und warum? Weil eben, Ānanda, der Strom der Lehre diesen Menschen mit sich fortreißt. Wer außer dem Vollendeten vermag wohl diesen Unterschied zu erkennen?
Darum, Ānanda, urteilt nicht die Menschen ab! Legt an die Menschen keinen Maßstab an! Man schadet sich, wenn man die Menschen aburteilt. Ich freilich, Ānanda, vermag die Menschen abzuschätzen, oder einer, der mir ähnlich ist.
Da ist ein Mensch sittenrein ; doch er kennt nicht der Wirklichkeit gemäß jene Gemütserlösung und Weisheitserlösung, wo ihm jene Sittlichkeit zur restlosen Aufhebung gelangt....
Da ist ein Mensch sittenrein, und er kennt der Wirklichkeit gemäß jene Gemütserlösung und Weisheitserlösung, wo ihm jene Sittlichkeit zur restlosen Aufhebung gelangt...
Da ist ein Mensch von starker Begierde erfüllt, und er kennt nicht der Wirklichkeit gemäß jene Gemütserlösung und Weisheitserlösung, wo ihm jene Begierde zur restlosen Aufhebung gelangt....
Da ist ein Mensch von starker Begierde erfüllt; doch er kennt der Wirklichkeit gemäß jene Gemütserlösung und Weisheitserlösung, wo ihm jene Begierde zur restlosen Aufhebung gelangt...
Da ist ein Mensch voller Haß, und er kennt nicht der Wirklichkeit gemäß jene Gemütserlösung und Weisheitserlösung, wo ihm jener Haß zur restlosen Aufhebung gelangt....
Da ist ein Mensch voller Haß; doch er kennt der Wirklichkeit gemäß jene Gemütserlösung und Weisheitserlösung, wo ihm jener Haß zur restlosen Aufhebung gelangt...
Da ist ein Mensch aufgeregt, und er kennt nicht der Wirklichkeit gemäß jene Gemütserlösung und Weisheitserlösung, wo ihm jene Aufgeregtheit zur restlosen Aufhebung gelangt. Auch ist er ohne Erfahrung und ohne große Strebsamkeit; er hat mit Erkenntnis nichts durchdrungen, auch wird ihm nicht dann und wann Loslösung zuteil. Ein solcher macht beim Zerfall des Körpers, nach dem Tode, einen Rückschritt, keinen Fortschritt, geht zurück und steigt nicht höher.
Da ist ein Mensch aufgeregt; doch er kennt der Wirklichkeit gemäß jene Gemütserlösung und Weisheitserlösung, wo ihm jene Aufgeregtheit zur restlosen Aufhebung gelangt. Auch besitzt er Erfahrung und große Strebsamkeit, hat in Erkenntnis etwas erreicht; auch wird ihm dann und wann Loslösung zuteil. Ein solcher macht beim Zerfall des Körpers, nach dem Tode, einen Fortschritt, keinen Rückschritt, steigt höher und fällt nicht zurück.
Hier nun, Ānanda, urteilen die Kritiker folgendermaßen: ‚Der eine besitzt jene Eigenschaften und auch der andere besitzt die gleichen Eigenschaften. Warum sollte da der eine niedriger und der andere höher stehen?‘ Solches (Aburteilen) aber, Ānanda, wird ihnen lange zum Unheil und Leiden gereichen. Da ist wohl jener Mensch aufgeregt, doch er kennt der Wirklichkeit gemäß jene Gemütserlösung und Weisheitserlösung, wo ihm jene Aufgeregtheit zur restlosen Aufhebung gelangt. Auch besitzt er Erfahrung und große Strebsamkeit, hat in Erkenntnis etwas erreicht; auch wird ihm dann und wann Loslösung zuteil. Dieser Mensch, Ānanda, ist höher und edler als jener andere. Und warum? Weil eben, Ānanda, der Strom der Lehre diesen Menschen mit sich fortreißt. Wer außer dem Vollendeten vermag wohl diesen Unterschied zu erkennen?
Darum, Ānanda, urteilt nicht die Menschen ab! Legt an die Menschen keinen Maßstab an! Man schadet sich, wenn man die Menschen aburteilt. Ich freilich, Ānanda, vermag die Menschen abzuschätzen, oder einer, der mir ähnlich ist.
Wer ist denn, Ānanda, die Laienjüngerin Migasālā, diese törichte, mit Weiberwitz behaftete Frau? Und was sind im Vergleich dazu solche, die der Wesen höhere oder niedrige Eigenschaften erkennen können? (Denn) jene zehn Menschenarten, Ānanda, sind in der Welt anzutreffen.
Hätte, Ānanda, Isidatta dieselbe Sittlichkeit besessen wie Pūrana, so hätte Purana Isidattas künftigen Zustand nicht erreicht; und hätte Pūrana dieselbe Weisheit besessen wie Isidatta, so hätte Isidatta Pūranas künftigen Zustand nicht erreicht. Somit, Ānanda, waren diese beiden Menschen in je einer Eigenschaft unvollkommen.“