Aṅguttara Nikāya

Das Vierer-Buch

192. Menschenkenntnis II

Vier Eigenschaften eines Menschen, ihr Mönche, kann man bei vier Gelegenheiten erkennen. Welche vier?

Im Zusammenleben, ihr Mönche, kann man den Sittenwandel anderer erkennen, doch nur nach langer Zeit und nicht schon nach kurzer; nur durch Beobachtung, nicht ohne Beobachtung; und nur ein Verständiger, kein Unverständiger. Im Umgang kann man die Lauterkeit anderer erkennen—im Unglück kann man die Stärke anderer er kennen—in der Unterhaltung kann man die Weisheit anderer erkennen, doch nur nach langer Zeit und nicht schon nach kurzer; nur durch Beobachtung, nicht ohne Beobachtung; und nur ein Verständiger, kein Unverständiger.

Es wurde also gesagt: ‚Im Zusammenleben kann man den Sittenwandel anderer erkennen, doch nur nach langer Zeit und nicht schon nach kurzer; nur durch Beobachtung, nicht ohne Beobachtung; und nur ein Verständiger, kein Unverständiger. Mit Bezug worauf aber wurde dies gesagt?

Da merkt einer, ihr Mönche, wenn er mit einem Menschen zusammenlebt: ‚Lange Zeit hindurch zeigte dieser Verehrte Unvollkommenheiten im Sittenwandel, Lücken, Makel, Flecken; war unbeständig im Handel und Wandel. Sittenlos ist dieser Verehrte, und nicht ist dieser Verehrte sittenrein.‘

Da aber merkt einer, wenn er mit einem anderen Menschen zusammenlebt: ‚Lange Zeit hindurch zeigte dieser Verehrte einen vollkommenen Sittenwandel, ohne Lücken, ohne Makel, ohne Flecken; war beständig im Handel und Wandel. Sittenrein ist dieser Verehrte, und nicht ist dieser Verehrte sittenlos.‘

Wurde also gesagt: ‚Im Zusammenleben kann man den Sittenwandel anderer erkennen...‘, so wurde dies eben mit Bezug hierauf gesagt.

Es wurde gesagt: ‚Im Umgang kann man die Lauterkeit anderer erkennen, doch nur nach langer Zeit und nicht schon nach kurzer; nur durch Beobachtung, nicht ohne Beobachtung; und nur ein Verständiger, kein Unverständiger.‘ Mit Bezug worauf aber wurde dies gesagt?

Da merkt einer, ihr Mönche, wenn er mit einem anderen verkehrt: ‚Anders benimmt sich dieser Verehrte bei einem allein, anders bei zweien, anders bei dreien, anders bei vielen. Das frühere Benehmen dieses Verehrten weicht ab von seinem späteren Benehmen. Ein unlauteres Benehmen hat dieser Verehrte, nicht hat dieser Verehrte ein lauteres Benehmen.‘

Da aber merkt einer, wenn er mit einem anderen verkehrt: ‚Wie dieser Verehrte sich bei einem allein benimmt, so benimmt er sich bei zweien, so bei dreien, so bei vielen. Das frühere Benehmen dieses Verehrten weicht nicht ab von seinem späteren Benehmen. Ein lauteres Benehmen hat dieser Verehrte, nicht hat dieser Verehrte ein unlauteres Benehmen.‘

Wurde also gesagt: ‚Im Umgang kann man die Lauterkeit anderer erkennen...‘, so wurde dies eben mit Bezug hierauf gesagt.

Es wurde gesagt: ‚Im Unglück kann man die Stärke anderer erkennen, doch nur nach langer Zeit und nicht schon nach kurzer; nur durch Beobachtung, nicht ohne Beobachtung; und nur ein Verständiger, kein Unverständiger.‘ Mit Bezug worauf aber wurde dies gesagt?

Da trifft einen Menschen der Verlust von Verwandten oder von Besitz, oder er wird von einer Krankheit heimgesucht. Er aber bedenkt nicht: ‚So ist dieses Leben in der Welt beschaffen, so ist es, wenn man eine solche Daseinsform besitzt, daß da acht Weltgesetze dem Weltlauf folgen und der Weltlauf diesen acht Weltgesetzen folgt, nämlich Gewinn und Verlust, Ehre und Verachtung, Lob und Tadel, Freude und Leid (attha lokadhammā).‘ Und betroffen vom Verlust seiner Verwandten oder seines Besitzes oder von einer Krankheit heimgesucht, jammert, stöhnt und klagt er, schlägt sich weinend an die Brust, gerät in Verzweiflung.

Da trifft einen anderen Menschen der Verlust von Verwandten oder von Besitz, oder er wird von einer Krankheit heimgesucht. Doch er bedenkt: ‚So ist dieses Leben in der Welt beschaffen, so ist es, wenn man eine solche Daseinsform besitzt, daß da acht Weltgesetze dem Weltlauf folgen und der Weltlauf diesen acht Weltgesetzen folgt, nämlich Gewinn und Verlust, Ehre und Verachtung, Lob und Tadel, Freude und Leid.‘ Und betroffen vom Verlust seiner Verwandten oder seines Besitzes oder von einer Krankheit heimgesucht, jammert er weder, noch stöhnt und klagt er, noch schlägt er sich weinend an die Brust und gerät nicht in Verzweiflung.

Wurde also gesagt: ‚Im Unglück kann man die Stärke anderer erkennen...‘, so wurde das eben mit Bezug hierauf gesagt.

Es wurde gesagt: ‚In der Unterhaltung kann man die Weisheit anderer erkennen, doch nur nach langer Zeit und nicht schon nach kurzer; nur durch Beobachtung, nicht ohne Beobachtung; und nur ein Verständiger, kein Unverständiger.‘ Mit Bezug worauf aber wurde dies gesagt?

Da merkt einer, ihr Mönche, wenn er sich mit einem anderen Menschen unterhält: ‚Nach der Einstellung dieses Verehrten zu schließen, nach seinen Äußerungen, seiner Fragestellung, ist dieser Verehrte unverständig und nicht weise. Inwiefern aber? Dieser Verehrte äußert ja keine bedeutsamen Worte von tiefem Gehalt, Worte, die befriedigend sind, edel, der gewöhnlichen Vernunft unzugänglich, tiefsinnig und Verständigen verständlich. Den Sinn der Lehre, welche dieser Verehrte vorträgt, vermag er weder kurz noch ausführlich darzulegen, zu zeigen, kundzutun, aufzuweisen, zu enthüllen, zu verdeutlichen und zu eröffnen. Unverständig ist dieser Verehrte, nicht ist er weise.‘

Gleichwie, ihr Mönche, ein Mann mit guten Augen, der am Ufer eines Teiches steht, einen kleinen Fisch aus dem Wasser auftauchen (ummujjamānam) sieht und dabei weiß: ‚Nach dem Auftauchen (yathā... ummaggo) dieses Fisches zu schließen, nach seinem Wellenschlag, seiner Schnelligkeit, ist dies ein kleiner Fisch, kein großer Fisch‘—ebenso auch, ihr Mönche, merkt einer, wenn er sich mit einem Menschen unterhält: ‘... Unverständig ist dieser Verehrte, nicht ist er weise.‘

Da aber merkt einer, wenn er sich mit einem anderen Menschen unterhält: ‚Nach der Einstellung dieses Verehrten zu schließen, nach seinen Äußerungen, seiner Fragestellung, ist dieser Verehrte weise und nicht unverständig. Inwiefern aber? Dieser Verehrte äußert ja bedeutsame Worte von tiefem Gehalt, Worte, die befriedigend sind, edel, der gewöhnlichen Vernunft unzugänglich, tiefsinnig und Verständigen verständlich. Den Sinn der Lehre, die dieser Verehrte vorträgt, vermag er sowohl kurz, als auch ausführlich darzustellen, zu zeigen, kundzutun, aufzuweisen, zu enthüllen, zu verdeutlichen und zu eröffnen. Weise ist dieser Verehrte, nicht ist er unverständig.‘

Gleichwie, ihr Mönche, ein Mann mit guten Augen, der am Ufer eines Teiches steht, einen großen Fisch aus dem Wasser auftauchen sieht und dabei weiß: ‚Nach dem Auftauchen dieses Fisches zu schließen, nach seinem Wellenschlag, seiner Schnelligkeit, ist dies ein großer Fisch, kein kleiner Fisch‘—ebenso auch, ihr Mönche, merkt einer, wenn er sich mit einem Menschen unterhält: ‚Weise ist dieser Verehrte, nicht ist er unverständig.

Wurde also gesagt: ‚In der Unterhaltung kann man die Weisheit anderer erkennen...‘, so wurde das eben mit Bezug hierauf gesagt.

Diese vier Eigenschaften, ihr Mönche, kann man bei diesen vier Gelegenheiten erkennen.