Aṅguttara Nikāya

Das Vierer-Buch

21. Vor Uruvelā

Einst weilte der Erhabene im Jeta-Haine bei Sāvatthī, im Kloster des Anāthapindika. Dort wandte sich der Erhabene an die Mönche: „Mönche!“ sprach er. „Herr!“ erwiderten jene Mönche dem Erhabenen. Und der Erhabene sprach:

„Einstmals, ihr Mönche, weilte ich bei Uruvelā, am Ufer des Flusses Nerañjarā, unter dem Feigenbaum der Ziegenhirten, als ich eben erst die volle Erleuchtung gewonnen hatte. Da stieg mir nun, während ich also einsam und selbstvertieft verweilte, im Geiste diese Erwägung auf: ‚Schwer, wahrlich, lebt es sich ohne einen, dem man Ehrerbietung und Ehrfurcht erweist (agāravo appatisso)! Sollte ich nicht lieber unter einem Asketen oder Priester leben und ihm Achtung und Ehrerbietung erweisen?‘ Und ich dachte: ‚Gern möchte ich wohl, um den unerfüllten Sittenwandel zu erfüllen, unter einem anderen Asketen oder Priester leben und ihm Achtung und Ehrerbietung erweisen. Nicht aber sehe ich in der Welt mit ihren guten und bösen Geistern, ihren Brahmagöttern und der Schar von Asketen und Priestern, Göttern und Menschen, einen anderen Asketen oder Priester, der im Sittenwandel vollkommener wäre als ich, unter dem ich leben und ihm Achtung und Ehrerbietung erweisen könnte. Gern möchte ich wohl, um die unerreichte Sammlung des Geistes—die unerreichte Weisheit—die unerreichte Befreiung zu gewinnen, unter einem anderen Asketen oder Priester leben und ihm Achtung und Ehrerbietung erweisen. Nicht aber sehe ich in der Welt mit ihren guten und bösen Geistern, ihren Brahmagöttern und der Schar von Asketen und Priestern, Göttern und Menschen, einen anderen Asketen oder Priester, der vollkommener wäre als ich in der Sammlung des Geistes, in Weisheit oder in Befreiung, unter dem ich leben und ihm Achtung und Ehrerbietung erweisen könnte.‘

Da kam mir dann, ihr Mönche, der Gedanke: ‚Wie, wenn ich nun eben unter der von mir selber erkannten Wahrheit (dhammo) lebte und ihr Achtung und Ehrerbietung erweise?‘ Und Brahma Sahampati, ihr Mönche, der meine Gedanken im Geiste erkannte, verschwand, so schnell wie ein kräftiger Mann den gebeugten Arm ausstreckt oder den ausgestreckten Arm beugt, aus der Brahmawelt und erschien vor mir. Und Brahma Sahampati schlug das Gewand über eine Schulter und, das rechte Knie auf den Boden stützend, die gefalteten Hände mir in ehrfurchtsvollem Gruß entgegenstreckend, sprach er: ‚Fürwahr, Erhabener! Fürwahr, Gesegneter! Auch jene, o Herr, die in den vergangenen Zeiten Heilige, vollkommen Erleuchtete waren, auch jene Erhabenen haben, unter der Wahrheit lebend, ihr Achtung und Ehrerbietung bezeigt. Und auch jene, o Herr, die in künftigen Zeiten Heilige, vollkommen Erleuchtete sein werden, auch jene Erhabenen werden, unter der Wahrheit lebend, ihr Achtung und Ehrerbietung bezeigen. So möge auch der Erhabene, o Herr, der gegenwärtige Heilige, vollkommen Erleuchtete, unter der Wahrheit lebend, ihr Achtung und Ehrerbietung bezeigen!‘

So sprach Brahma Sahampati. Und nach diesen Worten sprach er dann folgendes:

‚Die Buddhas der Vergangenheit,
die Buddhas einer künftigen Zeit,
der Buddha in der Gegenwart,
der viele hier vom Leid befreit

Der guten Lehre huldigen sie alle,
die früher waren, die jetzt leben
und die da später kommen werden;
denn dieses ist der Buddhas Brauch.

Darum, wer nach dem Heil begierig
und nach wahrer Größe trachtet,
huldigen möge er der Lehre,
eingedenk des Buddha Weisung.‘

Also sprach Brahma Sahampati. Nach diesen Worten entbot er mir ehrerbietigen Gruß, und, mir die Rechte zukehrend, verschwand er.

Nachdem ich nun das Anliegen Brahmas vernommen hatte und es mir selber recht dünkte, da lebte ich unter jener von mir erkannten Wahrheit, ihr Achtung und Ehrerbietung erweisend. Und als dann, ihr Mönche, auch die Jüngerschaft Größe erlangt hatte, da erwies ich auch meiner Jüngerschaft Ehrerbietung.“