Aṅguttara Nikāya
Das Sechser-Buch
17. Das lange Schlafen
Einst weilte der Erhabene im Jetahaine bei Savatthī, im Kloster des Anāthapindika. Und der Erhabene begab sich des Abends, nachdem er sich aus seiner Zurückgezogenheit erhoben hatte, zur Empfangshalle. Auch die ehrwürdigen Sāriputta, Mahā-Moggallāna, Mahā-Kassapa, Mahā-Kaccāyana, Mahā-Kotthita, Mahā-Cunda, Mahā-Kappina, Anuruddha, Revata und Ānanda begaben sich, nachdem sie sich am Abend aus der Zurückgezogenheit erhoben hatten, zur Empfangshalle. Dort angelangt, begrüßten sie ehrfurchtsvoll den Erhabenen und setzten sich zur Seite nieder. Nachdem nun der Erhabene einen großen Teil der Nacht in sitzender Stellung verbracht hatte, erhob er sich von seinem Sitze und begab sich in seine Zelle. Auch jene Ehrwürdigen erhoben sich, kurz nachdem der Erhabene gegangen war, von ihren Sitzen und begaben sich in ihre Zellen. Die neuen Mönche aber, die noch nicht lange aufgenommen und erst kürzlich zu dieser Lehre und Zucht gekommen waren, die schliefen unter Schnarchen bis Sonnenaufgang. Es erkannte jedoch der Erhabene mit dem Himmlischen Auge, dem geklärten, übermenschlichen, wie jene Mönche unter Schnarchen bis Sonnenaufgang schliefen, und dies erkennend, begab er sich zur Empfangshalle und setzte sich dort auf bereitetem Sitze nieder. Darauf sprach er zu jenen Mönchen:
„Wo befindet sich Sāriputta? Wo Mahā-Moggallāna? Wo Mahā-Kassapa? Wo Mahā-Kaccāyana? Wo Mahā-Kotthita? Wo Mahā-Cunda? Wo Mahā-Kappina? Wo Anuruddha? Wo Revata? Wo Ānanda? Wo sind jene älteren Mönche hingegangen?“
„Jene, o Herr, sind, kurz nachdem der Erhabene von seinem Sitze aufgestanden war, ebenfalls gegangen.“
„So habt ihr also, o Mönche, weil die älteren Mönche nicht wiedergekommen waren, unter Schnarchen bis Sonnenaufgang geschlafen. Was meint ihr, o Mönche, habt ihr es schon jemals erlebt oder davon gehöre, daß ein hauptgesalbter Adels-König, der gerne im Bette, auf weichem Lager liegend dem Genusse des Schlafens huldigt und dabei zeitlebens die Herrschaft innehat, von seinem Volke geliebt und geachtet wird?“
„Das wohl nicht, o Herr.“
„Nun gut, ihr Mönche. Auch ich habe das niemals erlebt oder davon gehört. Und habt ihr es wohl jemals erlebt oder davon gehört, daß ein Bürger—einer, der von seinem väterlichen Erbe lebt—ein Feldherr—ein Dorfschulze oder ein Gildenmeister, der gerne im Bette, auf weichem Lager liegend dem Genusse des Schlafens huldigt und zeitlebens sein Amt ausübt, von seiner Gilde geliebt und geachtet wird?“
„Das wohl nicht, o Herr.“
„Nun gut, ihr Mönche. Auch ich habe das niemals erlebt oder davon gehört. Was meint ihr nun, ihr Mönche: wenn da ein Asket oder Priester, der gerne im Bette, auf weichem Lager liegend, dem Genusse des Schlafens huldigt, seine Sinnentore nicht bewacht, nicht maßhält beim Mahle, nicht der Wachsamkeit ergeben ist, den heilsamen Dingen keine Beachtung schenkt und zu Beginn und Ende der Nacht sich nicht übt in der Entfaltung der zur Erleuchtung führenden Dinge—könnte wohl ein solcher durch Versiegung der Triebe noch bei Lebzeiten in den Besitz der triebfreien Gemütserlösung und Weisheitserlösung gelangen, sie selber erkennend und verwirklichend?“
„Das wohl nicht, o Herr.“
„Nun gut, ihr Mönche. Auch ich habe das niemals erlebt oder davon gehört. Darum, ihr Mönche, sei euer Streben: ‚Unsere Sinnentore lasset uns bewachen, maßhalten beim Mahle, der Wachsamkeit ergeben sein, den heilsamen Dingen Beachtung schenken und zu Beginn und am Ende der Nacht uns üben in der Entfaltung der zur Erleuchtung führenden Dinge!‘ Das, ihr Mönche, sei euer Streben!“