Aṅguttara Nikāya

Das Fünfer-Buch

192. Fünf Arten von Brahmanen

Der Brahmane Dona sprach, zum Erhabenen:

„Gehört habe ich, Herr Gotama, dass der Asket Gotama alten, ergrauten, angesehenen, hochbejahrten, im Alter gereiften Brahmanen nicht seinen Gruß entbietet, noch sich vor ihnen erhebt, noch ihnen einen Sitz anbietet. Und dies, Herr Gotama, verhält sich tatsächlich so; denn nicht entbietet ja der Herr Gotama den alten, ergrauten, angesehenen, hochbejahrten, im Alter gereiften Brahmanen seinen Gruß, noch erhebt er sich vor ihnen, noch bietet er ihnen einen Sitz an. Das aber, Herr Gotama, ist nicht recht.“

„Bekennst du dich wohl, Dona, als einen Brahmanen?“

„Wenn man, Herr Gotama, von einem mit Recht behaupten kann, dass er beiderseits von reiner Abstammung ist, vom Vater wie von der Mutter her, rein empfangen bis zum siebenten Ahnengeschechte hinauf, einwandfrei und makellos nach dem Kastengesetze; wenn man von ihm sagen kann, dass er gelehrt ist, ein Kenner der Sprüche (manta Skr: mantra,die vedischen Hymnen), ein Meister der drei Veden samt Wortschatz und Metrik, Lautkunde und Wortzerlegung und der Vorzeit Geschichte als fünftem; ein Textkenner und Grammatiker, auch nicht unerfahren in der Naturkunde und den Merkmalen eines Großen Mannes—wenn man solches von einem behaupten kann, Herr Gotama, so kann man es von mir mit Recht behaupten.“

„Diejenigen, o Dona, die unter den ehemaligen Brahmanen als die Seher gelten, als die Urheber der (vedischen) Sprüche, die Künder der (vedischen) Sprüche; denen noch heutzutage die Brahmanen die alten Spruchtexte, die Hymnen, Überlieferungen und Textsammlungen nachsingen, nachreden, das Gesprochene nachsprechen, das Rezitierte nachrezitieren, das Gelernte weiterlehren, als da sind Atthaka, Vāmaka, Vāmadeva, Vessāmitta, Yamataggi, Angīrasa, Bhāradvāja, Vāsettha, Kassapa und Bhagu—diese eben künden fünf Arten von Brahmanen: den Brahmagleichen, den Göttergleichen, den Sittenfesten, den Sittenbrecher und als fünften den verächtlichen Brahmanen. Welcher von diesen fünf bist du wohl, Dona?“

„Nicht kennen wir, Herr Gotama, diese fünf Arten von Brahmanen. Wohl aber wissen wir, dass wir Brahmanen sind. Gut wäre es, wenn mir der Herr Gotama diese Sache darlegen möchte, damit ich die fünf Arten von Brahmanen kennen lerne.“

„So höre denn, Dona, und achte wohl auf meine Worte.“—„Gewiss, o Herr“, antwortete Dona, der Brahmane. Und der Erhabene sprach:

„Inwiefern nun, Dona, ist man ein brahmagleicher Brahmane? Da ist der Brahmane beiderseits von reiner Abstammung... Achtundvierzig Jahre lang führt er den jugendlich-keuschen Wandel und lernt die vedischen Sprüche. Darauf sammelt er für seinen Lehrer das Lehrgeld, und zwar auf vorschriftgetreue, nicht auf vorschriftswidrige Weise. Und was gilt da, Dona, als die Vorschrift? Dass er dies nicht etwa zu erreichen sucht durch Ackerbau, Handel oder Viehzucht oder als Bogenschütze, königlicher Beamter oder durch irgendein Handwerk, sondern lediglich durch den Almosengang, indem er dabei die Almosenschale nicht verachtet. Sobald er aber seinem Lehrer das Lehrgeld eingehändigt hat, schert er sich, Haar und Bart, legt die fahlen Gewänder an und zieht von Hause in die Hauslosigkeit. Nachdem er solcherart der Welt entsagt hat, durchstrahlt er mit einem von Güte—mitleid—mitfreude-Gleichmut erfüllten Geiste die eine Himmelsrichtung, ebenso die zweite, die dritte und vierte; ebenso nach, oben, unten, quer inmitten durchstrahlt er allerwärts, sich in allem wiedererkennend, die ganze Welt mit einem von Güte—mitleid—mitfreude-Gleichmut erfüllten Geiste, einem weiten, umfassenden, unermesslichen, von Hass und Übelwollen befreiten. Indem er aber diese vier brahmagleichen Zustände entfaltet, gelangt er beim Zerfall des Körpers nach dem Tode auf glückliche Fährte, zur Brahmawelt. Insofern, Dona, ist man ein brahmagleicher Brahmane.

Inwiefern nun, Dona, ist man ein göttergleicher Brahmane? Da ist der Brahmane beiderseits von reiner Abstammung... Achtundvierzig Jahre lang führt er den jugendlich-keuschen Wandel und lernt die vedischen Sprüche. Darauf sammelt er für seinen Lehrer das Lehrgeld, und zwar auf vorschriftgetreue, nicht auf vorschriftswidrige Weise... Sobald er aber seinem Lehrer das Lehrgeld eingehändigt hat, sucht er sich: ein Weib, und zwar auf vorschriftgetreue Weise, nicht auf vorschriftswidrige. Und was gilt da, Dona, als die Vorschrift? Dass es weder durch Kauf noch Verkauf geschieht und dass er nur eine solche Brahmanin nimmt, bei der der Akt der Wasserbesprengung vollzogen wurde. Und nur zu einer Brahmanin geht er, zu keiner Adligen, Bürgerin oder Dienerin, zu keiner aus der Candāla-, Jäger-, Korbmacher-, Wagner- oder Fegerkaste, zu keiner Schwangeren, keiner Säugenden, zu keiner, die nicht ihre Zeit hatte. Warum aber geht der Brahmane nicht zu einer Schwangeren? Weil dann der Knabe oder das Mädchen als eine Erzdreckgeburt bezeichnet werden muß. Und warum geht er nicht zu einer Säugenden? Weil dann der Knabe oder das Mädchen als Verschlinger von Unreinem bezeichnet werden muß. Nicht der Sinnenlust wegen hat er sein Weib, noch des Vergnügens oder des Geschlechtsgenusses wegen, sondern eben nur um der Fortpflanzung willen. Nachdem er aber den Zeugungsakt ausgeübt hat, schert er sich Haar und Bart, legt die fahlen Gewänder an und zieht von Hause in die Hauslosigkeit. Nachdem er aber solcherart der Welt entsagt hat, gewinnt er, abgeschieden von den Sinnendingen, abgeschieden von unheilsamen Geisteszuständen... die erste Vertiefung... die zweite Vertiefung... die dritte Vertiefung... die vierte Vertiefung. Hat er aber die vier Vertiefungen entfaltet, so gelangt er beim Zerfall des Körpers, nach dem Tode auf glückliche Fährte, in himmlische Welt. Insofern, Dona, ist man ein göttergleicher Brahmane.

Inwiefern nun, Dona, ist man ein sittenfester Brahmane? Da ist der Brahmane beiderseits von reiner Abstammung... Achtundvierzig Jahre lang führt er den jugendlich-keuschen Wandel und lernt die vedischen Sprüche. Darauf sammelt er für seinen Lehrer das Lehrgeld, und zwar auf vorschriftgetreue Weise, nicht auf vorschriftswidrige... Sobald er aber seinem Lehrer das Lehrgeld eingehändigt hat, sucht er sich ein Weib, und zwar auf vorschriftgetreue Weise, nicht auf vorschriftswidrige.... Nachdem er aber den Zeugungsakt ausgeübt hat, verlangt es ihn nach der Freude an seinen Kindern, und er bleibt in seinem Haushalte wohnen; nicht zieht er aus dem Hause in die Hauslosigkeit. An den alten Brahmanensitten (brāhmanānam mariyādā) aber hält er fest und überschreitet sie nicht. Da er aber an den alten Brahmanensitten festhält und sie nicht überschreitet, heißt man ihn einen sittenfesten Brahmanen. Insofern, Dona, ist man ein sittenfester Brahmane.

Inwiefern aber, Dona, ist man ein die Sitten brechender Brahmane? Da ist der Brahmane beiderseits von reiner Abstammung... Achtundvierzig Jahre lang führt er den jugendlich-keuschen Wandel und lernt die vedischen Sprüche. Darauf sammelt er für seinen Lehrer das Lehrgeld, und zwar auf vorschriftgetreue Weise, nicht auf vorschriftswidrige... Sobald er aber seinem Lehrer das Lehrgeld eingehändigt hat, sucht er sich ein Weib, sei es auf vorschriftgetreue, sei es auf vorschriftswidrige Weise, sei es durch Kauf oder Verkauf, oder sei es eine Brahmanin, bei der der Akt der Wasserbesprengung vollzogen wurde. Und er geht ebenso gut zu einer Brahmanin wie zu einer Adligen, Bürgerin oder Dienerin, oder auch zu einer aus der Candāla-, Jäger-, Korbmacher-, Wagner- oder Fegerkaste, geht zu einer Schwangeren oder Säugenden, zu einer, die ihre Zeit hat, oder zu einer außer ihrer Zeit. Auch hat er sein Weib teils der Sinnenlust wegen, teils des Vergnügens wegen, teils des Geschlechtsgenusses wegen, teils der Fortpflanzung wegen. An den alten Brahmanensitten hält er nicht fest, er überschreitet sie. Da er aber an den alten Brahmanensitten nicht festhält, sie überschreitet, deshalb heißt man ihn einen die Sitten brechenden Brahmanen. Insofern, Dona, ist man ein sittenbrechender Brahmane.

Inwiefern aber, Dona, ist man ein verächtlicher Brahmane? Da ist der Brahmane beiderseits von reiner Abstammung... Achtundvierzig Jahre lang führt er den jugendlich-keuschen Wandel und lernt die vedischen Sprüche. Darauf sammelt er für seinen Lehrer das Lehrgeld, und zwar auf vorschriftgetreue Weise, nicht auf vorschriftswidrige... Sobald er aber seinem Lehrer das Lehrgeld eingehändigt hat, sucht er sich ein Weib, sei es auf vorschriftgetreue, sei es auf vorschriftswidrige Weise, sei es durch Kauf oder Verkauf, oder sei es eine Brahmanin, bei der der Akt der Wasserbesprengung vollzogen wurde. Und er geht ebenso gut zu einer Brahmanin wie zu einer Adligen, Bürgerin oder Dienerin, oder auch zu einer aus der Candāla-, Jäger-, Korbmacher-, Wagner- oder Fegerkaste, geht zu einer Schwangeren oder Säugenden, zu einer, die ihre Zeit hat oder zu einer außer ihrer Zeit. Auch hat er sein Weib teils der Sinnenlust wegen, teils des Vergnügens wegen, teils des Geschlechtsgenusses wegen, teils der Fortpflanzung wegen. Durch irgendeine beliebige Arbeit verdient er sich seinen Lebensunterhalt. Zu einem solchen sprechen die Brahmanen: ‚Was gibst du dich denn für einen Brahmanen aus, wenn du dir doch durch irgendeine beliebige Arbeit deinen Lebensunterhalt verdienst?‘ Er aber entgegnet: ‚Wie da, Verehrte, das Feuer Reines und Unreines verbrennt, aber das Feuer nicht dadurch befleckt wird, ebenso auch, Verehrte, wird der Brahmane nicht dadurch befleckt, auch wenn er sich durch irgendeine beliebige Arbeit seinen Lebensunterhalt verdient.‘ Insofern nun aber ein Brahmane sich durch irgendeine beliebige Arbeit seinen Lebensunterhalt verdient, heißt man ihn einen verächtlichen Brahmanen. So, Dona, ist man ein verächtlicher Brahmane.

Diejenigen, o Dona, die unter den ehemaligen Brahmanen als die Seher gelten, als die Urheber der vedischen Sprüche, die Künder der vedischen Sprüche; denen noch heutzutage die Brahmanen die alten Spruchtexte, die Hymnen, Überlieferungen und Textsammlungen nachsingen, nachreden, das Gesprochene nachsprechen, das Rezitierte nachrezitieren, das Gelernte weiterlehren, als da sind Atthaka, Vāmaka, Vāmadeva, Vessāmitta, Yamataggi, Angīrasa, Bhāradvaja, Vāsettha, Kassapa und Bhagu—diese eben künden diese fünf Arten von Brahmanen den Brahmagleichen, den Göttergleichen, den Sittenfesten, den Sittenbrecher, und als den fünften den verächtlichen Brahmanen. Welcher von diesen fünf bist du wohl, Dona?“

„Wenn dem so ist, Herr Gotama, so entspreche ich noch nicht einmal dem verächtlichen Brahmanen! Vortrefflich, Herr Gotama! Vortrefflich, Herr Gotama! Gleichwie man, Herr Gotama, das Umgestürzte wieder aufrichtet oder das Verborgene enthüllt oder den Verirrten den Weg weist oder in die Finsternis ein Licht bringt, damit, wer Augen hat, die Gegenstände sehen kann, ebenso hat der Herr Gotama auf mancherlei Weise die Lehre aufgezeigt. So nehme ich denn meine Zuflucht zum Herrn Gotama, zur Lehre und zur Mönchsgemeinde. Als Anhänger möge mich der Herr Gotama betrachten, als einen, der von heute ab zeitlebens Zuflucht genommen hat.“