Die Fragen des Königs Milinda

Teil 2: Fragen über charakteristische Merkmale

Kapitel 3

3.3.2. Uranfangslosigkeit des Daseins

Der König sprach: „Du sagtest da eben, ehrwürdiger Nāgasena, ein erster Anfang sei undenkbar. Erläutere mir dies!“

„Nimm an, o König, ein Mann pflanzte ein kleines Samenkorn in den Boden, und der Keim ginge auf, wüchse und würde nach und nach größer und entfaltete sich zu einem Baume, der Früchte brächte. Und gesetzt, der Mann nähme stets den Samen aus diesen Früchten heraus und pflanzte ihn wieder, sodaß sich immer und immer derselbe Vorgang wiederholte. Gäbe es da wohl ein Ende in dieser ganzen Entwicklungsreihe?“

„Gewiß nicht, o Herr.“

„Ebenso auch, o König, ist ein erster Anfang des Zeitlaufes undenkbar.“

„Gib mir ein weiteres Beispiel!“

„Aus der Henne, o König, kommt das Ei und aus dem Ei wieder eine Henne und aus dieser wieder ein Ei. Gibt es da wohl ein Ende in dieser ganzen Entwicklungsreihe?“

„Gewiß nicht, o Herr.“

„Ebenso nun aber auch, o König, ist ein erster Anfang des Zeitlaufes undenkbar.“

„Gib mir noch ein Beispiel!“

Und der Ordensältere zog auf dem Boden einen Kreis und sprach zum König Milinda: „Gibt es wohl, o König, ein Ende dieses Kreises?“

„Nein, o Herr.“

„Gerade so auch, o König, hat der Erhabene folgende Kreisläufe gelehrt: Durch Sehorgan und Formen bedingt entsteht das Sehbewußtsein. Die Vereinigung der drei ergibt den Sinneneindruck. Durch den Sinneneindruck bedingt ist das Gefühl, durch das Gefühl bedingt ist das Begehren, durch das Begehren bedingt ist das Anhaften, durch das Anhaften bedingt ist das Wirken (kamma), und aus dem Wirken entspringt künftighin wieder das Sehorgan. Und ebenso verhält es sich mit den übrigen Sinnen.

(Der als heilsames oder unheilsames Wirken (kamma) sich darstellende bejahende Wille (cetanā), im Paticca-samuppāda mitsankhāraoder Kammaformation bezeichnet, ist die Ursache der jedesmaligen Wiedergeburt als ihres Ergebnisses (vipāka), der Same, aus dem nach dem Tode jedesmal wieder neues Leben emporkeimt. Es ist also der Trieb zum Sehen, der das Sehen bejahende Wille, der sich nach dem Tode die zum Sehen nötigen Organe jedesmal wieder neu schafft, und dementsprechend verhält es sich mit der Entstehung der übrigen Sinnesorgane. Über die Erlösung vom leidvollen Kreislauf des Samsāra siehe Seite 95f: Erlöschung des Begehrens (tanhā) und Anhaftens (upādāna). Ausführliche Anweisung für die diesbezügliche geistige Übung gibt Nyanaponika: Die Wurzel von Gut und Böse, Verlag Christiani, Konstanz 1981.)

Gibt es da wohl ein Ende in dieser ganzen Entwicklungsreihe?“

„Nein, o Herr.“

„Ebenso aber auch, o König, ist ein erster Anfang des Zeitlaufes undenkbar.“

„Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!“