Saṃyutta Nikaya 12
Von den Ursachen
17. Der Nacktgänger
Also habe ich vernommen.
Einstmals weilte der Erhabene in Rājagaha im Bambushaine, im Kalandakanivāpa.
Da nun kleidete sich der Erhabene zur Vormittagszeit an, nahm Almosenschale und Mantel und begab sich, Almosen zu sammeln, nach Rājagaha.
Es sah aber der Nacktgänger Kassapa von ferne schon den Erhabenen herankommen. Wie er ihn sah, begab er sich dorthin, wo der Erhabene sich befand. Nachdem er sich dorthin begeben, begrüßte er sich mit dem Erhabenen, und nachdem er mit ihm die (üblichen) Begrüßungen und Höflichkeiten ausgetauscht, trat er zur Seite.
Zur Seite stehend sprach dann der Nacktgänger Kassapa zu dem Erhabenen also „Wir möchten den Herrn Gotama über einen Punkt befragen, falls der Herr Gotama uns die Gelegenheit gewährt, die Frage ihm vorzutragen.“
„Es ist jetzt, Kassapa, nicht die Zeit für eine Frage; wir befinden uns auf offener Straße.“
Und zum zweiten Mal sprach da der Nacktgänger Kassapa zum Erhabenen also: „Wir möchten den Herrn Gotama über einen Punkt befragen, falls der Herr Gotama uns die Gelegenheit gewährt, die Frage ihm vorzutragen.“
„Es ist jetzt, Kassapa, nicht die Zeit für eine Frage; wir befinden uns auf offener Straße.“
Und zum drittenmal sprach da der Nacktgänger Kassapa zum Erhabenen also: „Wir möchten den Herrn Gotama über einen Punkt befragen, falls der Herr Gotama uns die Gelegenheit gewährt, die Frage ihm vorzutragen.“
„Es ist jetzt, Kassapa, nicht die Zeit für eine Frage; wir befinden uns auf offener Straße.“
Auf dieses Wort hin sprach der Nacktgänger zum Erhabenen also: „Wir wünschen aber ja den Herrn Gotama nicht viel zu fragen.“
„Frage, Kassapa, was Du wünschest.“
„Ist etwa das Leiden, Herr Gotama, selbst verursacht?“—„Nicht so (sollst du sprechen), Kassapa,“ erwiderte der Erhabene.
„Oder aber ist das Leiden, Herr Gotama, von einem anderen verursacht?“—„Nicht so (sollst du sprechen), Kassapa,“ erwiderte der Erhabene.
„Ist etwa das Leiden, Herr Gotama, sowohl selbstverursacht also auch von einem anderen verursacht?“—„Nicht so (sollst du sprechen), Kassapa,“ erwiderte der Erhabene.
„Oder aber ist das Leiden, Herr Gotama, nicht selbstbewirkt, und auch nicht von einem anderen bewirkt, sondern durch Zufall entstanden?“—„Nicht so (sollst du sprechen), Kassapa,“ erwiderte der Erhabene.
„Gibt es also, Herr Gotama, überhaupt kein Leiden?“—„Es ist nicht so, Kassapa, daß es kein Leiden gibt; es gibt wohl ein Leiden, Kassapa.“
„Kennt also der Herr Gotama das Leiden nicht und sieht es nicht?“—„Es ist nicht so, Kassapa, daß ich das Leiden nicht kenne und nicht sehe; ich kenne das Leiden wohl, Kassapa, ich sehe das Leiden wohl, Kassapa.“
„Auf die Frage,ist etwa das Leiden, Herr Gotama selbst verursacht?‘ antwortest du:,nicht so (sollst du sprechen), Kassapa.‘—Auf die Frage,oder aber ist das Leiden, Herr Gotama, von einem andern verursacht?‘ antwortest du:,nicht so (sollts du sprechen), Kassapa.‘—Auf die Frage,ist etwa das Leiden, Herr Gotama, sowohl selbst verursacht als auch von einem anderen verursacht?‘ antwortest du:,nicht so (sollst du sprechen), Kassapa.‘—Auf die Frage,oder aber ist das Leiden, Herr Gotama, nicht selbstbewirkt und auch nicht von einem anderen bewirkt, sondern durch Zufall entstanden?‘ antwortest du:,nicht so (sollst du sprechen), Kassapa.‘—Auf die Frage,gibt es also, Herr Gotama, überhaupt kein Leiden?‘ antwortest du,es ist nicht so, Kassapa, daß es kein Leiden gibt; es gibt wohl ein Leiden, Kassapa.‘—Auf die Frage,kennt also der Herr Gotama das Leiden nicht und sieht es nicht?‘ antwortest du:,es ist nicht so, Kassapa, daß ich das Leiden nicht kenne und nicht sehe; ich kenne das Leiden wohl, Kassapa, ich sehe das Leiden wohl, Kassapa.‘
Es soll mir der erhabene Herr das Leiden darlegen, es soll mir der erhabene Herr das Leiden verkünden.“
„Behauptet man,der nämliche ist es, der die Handlung ausführt, und der die Folgen empfindet,‘ so gibt es einen, der von Anbeginn da ist; sagt man von dem aus:,das Leiden ist selbstverursacht, so kommt man damit auf ein ewig Dauerndes hinaus.—Behauptet man,ein anderer ist es, der die Handlung ausführt, und der die Folgen empfindet.‘ so gibt es einen, der von Empfindung betroffen ist. Sagt man von dem aus,,das Leiden ist von einem anderen verursacht.‘ so kommt man damit auf völlige Vernichtung hinaus.
Diese beiden Enden vermeidend, Kassapa, verkündet in der Mitte der Tathāgata die wahre Lehre: „Aus dem Nichtwissen als Ursache entstehen die Gestaltungen; aus den Gestaltungen als Ursache entsteht das Bewußtsein usw. usw. (= 1). Auf solche Art kommt der Ursprung der ganzen Masse des Leidens zustande. Aus dem restlosen Verschwinden aber und der Aufhebung des Nichtwissens folgt Aufhebung der Gestaltungen; aus der Aufhebung der Gestaltungen folgt Aufhebung des Bewußtseins usw. usw. (= 1). Auf solche Art kommt die Aufhebung der ganzen Masse des Leidens zustande.“
Auf diese Worte hin sprach der Nacktgänger Kassapa zu dem Erhabenen also: „Wundervoll, Herr! Wundervoll, Herr! Wie wenn man, Herr, etwas Umgestürztes aufrichtet oder etwas Verhülltes entschleiert oder einem Verirrten den rechten Weg zeigt oder in einen finsteren Raum eine Öllampe bringt in der Absicht: es sollen die, die Augen haben, die Gegenstände sehen—ganz ebenso ist von dem Erhabenen durch mancherlei Erörterung die Wahrheit aufgeklärt worden. Darum nehme ich, Herr, zu dem Erhabenen meine Zuflucht und zu der Lehre und zu der Gemeinde der Bhikkhus. Möge ich bei dem Erhabenen die Zeremonie der Weltabkehr und die der Aufnahme in die Gemeinschaft gewährt bekommen.“
„Wenn einer, der früher einer anderen Schule angehörte, Kassapa, in unserer Lehre und Regel die Zeremonie der Weltabkehr und die der Aufnahme in die Gemeinschaft begehrt, so hat er eine Probezeit von vier Monaten zu bestehen. Hat er nach Ablauf von vier Monaten die Probezeit bestanden, werden die zufrieden gestellten Bhikkhus gerne an ihm die Zeremonie der Weltabkehr und die der Aufnahme in die Gemeinschaft vollziehen, damit er ein Bhikkhu werde. Aber ich kenne auch recht wohl die Verschiedenheit der Persönlichkeiten.“
„Wenn einer, der früher einer anderen Schule angehörte,—(so sagt der) Herr,—in unserer Lehre und Regel die Zeremonie der Weltabkehr und die der Aufnahme in die Gemeinschaft begehrt, so hat er eine Probezeit von vier Monaten zu bestehen. Hat er nach Ablauf von vier Monaten die Probezeit bestanden, werden die zufriedengestellten Bhikkhus gerne an ihm die Zeremonie der Weltabkehr und die der Aufnahme in die Gemeinschaft vollziehen, damit er ein Bhikkhu werde-ich aber will eine Probezeit von vier Jahren bestehen, und habe ich nach Ablauf von vier Jahren die Probezeit bestanden, sollen die zufrieden gestellten Bhikkhus an mir die Zeremonie der Weltabkehr und die der Aufnahme in die Gemeinschaft vollziehen, damit ich ein Bhikkhu werde.“
Es bekam auch der Nackgänger Kassapa bei dem Erhabenen die Zeremonie der Weltabkehr und die der Aufnahme in die Gemeinschaft gewährt.
Nachdem aber der würdige Kassapa noch nicht lange in die Gemeinschaft aufgenommen war, da war er, der allein und einsam, unermüdlich, eifervoll, mit gesammelter Seele lebte, binnen kurzem schon an das höchste Ziel heiligen Wandels, um dessen willen Söhne aus gutem Hause völlig aus dem Heimleben übertreten in die Heimlosigkeit, durch eigenes Begreifen und Verwirklichen gelangt. Er wußte: Aufgehoben ist die Geburt; gelebt ist der heilige Wandel; vollbracht ist, was zu vollbringen war; nichts mehr habe ich fürderhin zu tun mit dem weltlichen Dasein.
Es war aber der würdige Kassapa einer von den Vollendeten geworden.