Aṅguttara Nikāya
Das Fünfer-Buch
166. Udāyi widerspricht Sāriputta
Der ehrwürdige Sāriputta sprach:
„Wohl ist es möglich, ihr Brüder, daß ein Mönch, der Sittlichkeit, Sammlung und Weisheit besitzt, die ‚Aufhebung von Wahrnehmung und Gefühl‘ erreicht und sich daraus wieder erhebt. Wenn nun dieser nicht schon bei Lebzeiten das Heiligkeitswissen erreicht, so mag er, jenseits der von grobstofflicher Nahrung lebenden Himmelswesen, in einer geistgezeugten Welt wiedererscheinend, auch dort in die ‚Aufhebung von Wahrnehmung und Gefühl‘ eintreten und sich wieder daraus erheben. Das ist wohl möglich.“
Auf diese Worte sprach der ehrwürdige Udāyi zum ehrwürdigen Sāriputta: „Unmöglich ist es, Bruder Sāriputta, es kann nicht sein, daß jener Mönch, der jenseits der von grobstofflicher Nahrung lebenden Himmelswesen in einer geistgezeugten Welt wiedererscheint, dort die ‚Aufhebung von Wahrnehmung und Gefühl‘ erreicht und sich daraus wieder erhebt.“
Und zum zweiten Male und dritten Male tat der ehrwürdige Sāriputta seinen Ausspruch. Und zum zweiten und dritten Male widersprach ihm der ehrwürdige Udāyi. Da dachte der ehrwürdige Sāriputta: „Wahrlich, gar dreimal widerspricht mir der ehrwürdige Udāyi, und keiner der Mönche stimmt mir zu. So will ich denn zum Erhabenen gehen.“ Und er begab sich zum Erhabenen, begrüßte ihn ehrerbietig und setzte sich zur Seite nieder. Und der ehrwürdige Sāriputta wandte sich sodann an die Mönche und tat den früheren Ausspruch. Und wiederum widersprach ihm dreimal der ehrwürdige Udāyi.
Da dachte der ehrwürdige Sāriputta: „Selbst im Beisein des Erhabenen widerspricht mir dreimal der ehrwürdige Udāyi, und keiner der Mönche stimmt mir zu. So will ich denn schweigen.“ Und der ehrwürdige Sāriputta schwieg.
Da aber wandte sich der Erhabene an den ehrwürdigen Udāyi und sprach:
„An welche geistgezeugte Welt denkst du da, Udāyi?“
„An die unkörperlichen, durch Wahrnehmung gezeugten Himmelswesen, o Herr.“
„Was willst du mit deinen Reden, du Tor, du unwissender Mensch! Du glaubst wohl, auch etwas sagen zu müssen!“
Und der Erhabene wandte sich an den ehrwürdigen Ānanda: „Wenn, Ānanda, ein älterer Mönch angegriffen wird, dürft ihr da wohl gleichgültig bleiben? Solltet ihr da nicht, Ānanda, mit ihm Mitgefühl haben?“
Und zu den Mönchen gewandt, sprach er: „Wohl ist es möglich, ihr Mönche, daß ein Mönch, der Sittlichkeit, Sammlung und Weisheit besitzt, die ‚Aufhebung von Wahrnehmung und Gefühl‘ erreicht und sich daraus wieder erhebt. Wenn nun dieser nicht schon bei Lebzeiten das Heiligkeitswissen erreicht, so mag er, jenseits der von grobstoffticher Nahrung lebenden Himmelswesen in einer geistgezeugten Welt wiedererscheinend, auch dort in die ‚Aufhebung von Wahrnehmung und Gefühl‘ eintreten und sich daraus wieder erheben. Das ist wohl möglich.“
Also sprach der Erhabene und nach diesen Worten erhob er sich und begab sich in seine Zelle.
Kurz nachdem aber der Erhabene gegangen war, trat der ehrwürdige Ānanda zum ehrwürdigen Upavāna und sprach:
„Es greifen da hier einige einen älteren Mönch an, Bruder Upavāna, und wir haben uns dazu nicht geäußert. Nicht zu verwundern wäre es, wenn der Erhabene, nachdem er sich abends aus seiner Abgeschiedenheit erhoben hat, die Sache vorbringen würde. Möchte dann dem ehrwürdigen Upavāna eine Erwiderung einfallen. Wir selber sind schon jetzt beunruhigt darüber.“
Nachdem nun der Erhabene sich abends aus seiner Abgeschiedenheit erhoben hatte, begab er sich zur Empfangshalle, setzte sich dort auf vorbereitetem Sitze nieder und sprach zum ehrwürdigen Upavāna also:
„Mit wievielen Eigenschaften ausgestattet, Upavāna, wird wohl der ältere Mönch von seinen Ordensbrüdern geliebt, geschätzt, geachtet und geehrt?“
„Mit fünf Eigenschaften, o Herr.
- Wenn er sittenrein ist,
- wissensreich,
- ein guter Redner;
- wenn er teilhaftig ist der vier Vertiefungen und
- wenn er durch Versiegung der Triebe noch bei Lebzeiten die triebfreie Gemütserlösung und Weisheitserlösung erreicht hat, sie selber erkennend und verwirklichend.
Mit diesen fünf Eigenschaften ausgestattet, o Herr, wird der ältere Mönch von seinen Ordensbrüdern geliebt, geschätzt, geachtet und geehrt.“
„Recht so, recht so, Upavāna! Mit diesen fünf Eigenschaften ausgestattet, Upavāna, wird der ältere Mönch von seinen Ordensbrüdern geliebt, geschätzt, geachtet und geehrt. Sind nämlich beim älteren Mönch diese fünf Eigenschaften nicht anzutreffen, aus welchem Grunde sollten ihn dann wohl seine Ordensbrüder lieben, schätzen, achten und ehren? Etwa weil er gebrechlich, ergraut und runzlig ist? Wahrlich, Upavāna, wenn bei einem älteren Mönche diese fünf Eigenschaften anzutreffen sind, dann lieben, schätzen, achten und ehren ihn seine Ordensbrüder.“