Aṅguttara Nikāya

Das Sechser-Buch

43. Der edle Ilph

Einst weilte der Erhabene im Jetahaine bei Sāvatthī, im Kloster des Anāthapindika. Und der Erhabene kleidete sich in der Frühe an, nahm Gewand und Schale und begab sich nach Sāvatthī um Almosenspeise. Nach dem Almosengang aber, nach Beendigung des Mahles, am Nachmittage, wandte sich der Erhabene an den ehrwürdigen Ānanda und sprach:

„Lasset uns, Ānanda, zum Ostkloster gehen, zum Terrassenbau der Mutter Migāras, um dort den Tag zu verbringen.“—„So sei es, o Herr“, erwiderte der ehrwürdige Ānanda dem Erhabenen. Und der Erhabene begab sich in Begleitung des ehrwürdigen Ānanda zum Ostkloster, zum Terrassenbau der Mutter Migāras. Gegen Abend aber, nachdem sich der Erhabene aus der Zurückgezogenheit erhoben hatte, sprach er zum ehrwürdigen Ānanda: „Komm, Ānanda, lasset uns zum östlichen Badeplatze gehen, um unsere Glieder zu spülen!“—„So sei es, o Herr!“ erwiderte der ehrwürdige Ānanda dem Erhabenen.

Und der Erhabene begab sich in Begleitung des ehrwürdigen Ānanda zum östlichen Badeplatze, um sich dort die Glieder zu spülen. Als er sich aber die Glieder gespült hatte und wieder heraufgestiegen war, stellte er sich, bloß mit einem einzigen Gewande bekleidet, hin, um die Glieder trocknen zu lassen.

Zu jener Zeit aber kam Seta, der weiße Elefant des Kosaler Königs Pasenadi, unter lauter Musik und Trommelklang vom östlichen Badeplatze herauf. Bei seinem Anblick aber sprachen die Leute: „Wahrlich, von herrlicher Gestalt ist des Königs Ilph ! Wahrlich, sehenswert, anmutig, von vollendetem Körperbau ist des Königs Ilph!“ Auf diese Worte sprach der ehrwürdige Udāyi also zum Erhabenen: „Bezeichnen wohl die Leute bloß einen großen, ausgewachsenen, wohlgestalteten Elefanten als etwas Edles, oder auch wenn sie etwas anderes sehen, das groß ist, ausgewachsen und wohlgestaltet?“

„Sei es, Udāyi, ein großer, ausgewachsener, wohlgestalteter Elefant, den sie erblicken, oder sei es ein solches Pferd, ein Rind, eine Schlange, ein Baum oder ein Mensch, so bezeichnen sie diese als edel. Wer aber, Udāyi, in der Welt mit ihren Göttern, ihren bösen und guten Geistern, mit ihrer Schar von Asketen und Priestern, Göttern und Menschen in Werken, Worten und Gedanken ‚nichts Unedles‘ (na āgu) begeht, den nenne ich einen Edlen (nāgo).“

„Wunderbar ist es, o Herr! Erstaunlich ist es, o Herr, wie da der Erhabene so treffend gesagt hat, daß er nur denjenigen einen Edlen nennt, der nichts Unedles begeht. Den vom Erhabenen aber so treffend gesprochenen Worten möchte ich in diesen Versen meinen Beifall spenden:

Der als ein Menschenwesen voll erwacht,
der selbstbezähmt ist, selbstvertieft,
auf heiliger Fährte schreitet hin
und sich am Herzensfrieden freut,

Ihm, dem die Menschen Ehre zollen
als einem Meisterkenner aller Dinge,
die Götter auch erweisen ihm Verehrung
so hat man mir‘s vom Heiligen erzählt.

Der aller Fesseln ledig ist,
vom Wahn zum Nirwahn hingelangt,
der froh der Sinnlichkeit entging,
wie reines Gold von Schlacken frei,

Der Edle überstrahlet alle Wesen,
wie der Himalaya die Berge überragt.
Von allen, die man ‚edel‘ nennt,
trägt er in Wahrheit diesen Namen.

Den edlen Ilphen will ich nun beschreiben,
der nicht mehr Unedles begeht:
die Milde und Barmherzigkeit
als seine Vorderfüße gelten;

Die Hinterfüße aber sind
der Heilige Wandel, die Askese.
Vertrauen bildet seinen Rüssel,
sein weiß‘ Gezähn der Gleichmut ist.

Der Hals ist seine Achtsamkeit,
worauf das Haupt, die Weisheit, ruht.
Sein Fühlorgan ist lehrgemäßes Denken,
die Leibeswärme ist die Lehre,
sein Schwanz: die Abgeschiedenheit.

Wie leichten Atems froh,
beglückt ihn die Vertiefung.
Sein Inneres ist gut gefaßt.
Auch wenn er geht und steht,
besonnen ist der Edle, Hehre.

Auch wenn er sitzt und liegt,
wahrt er Besonnenheit;
und allseits ist er stets beherrscht.
Dies, wahrlich, ist des Edlen Art.

Untadelig seine Nahrung ist,
Verwerfliches genießt er nicht.
Mit Nahrung und Gewand beschenkt,
aufspeichern wird er dieses nicht.

Ob stark die Fessel oder schwach,
jedwedes Band hat er zerstört.
Darum, wo immer er auch geht,
er wandelt stets von Sorgen frei.

Gleichwie im Teich die Lotusblume
entstanden, immer höher wächst,
vom Wasser gänzlich unbenetzt,
entzückend und von süßem Duft,

So trat der Buddha in die Welt,
und in der Welt verweilet er;
doch nicht beflecken kann sie ihn,
wie‘s Wasser nicht den Lotuskelch.

Gleichwie die helle Feuersglut,
sobald der Brennstoff fehlt, erlischt,
so gilt als restlos er erloschen,
sobald der Daseinswille stirbt.

Dies Gleichnis, das verständliche,
ward vom Verständigen gezeigt.
Die großen Ilphen (nāgā; hier: die Heiligen ) werden all
versteh‘n den Ilph, vom Ilph erklärt.

Der Ilph, in welchem Gier, Haß, Wahn
und alle Triebe sind versiegt,
läßt seinen letzten Leib zurück,
erlöst von jedem Trieb und Wahn.“